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Hatte Clerambault also selbst noch nicht volle Klarheit in sein Denken gebracht, so war es für seine Freunde noch schwieriger, sich in seiner Weltauffassung auszukennen. Und wäre ihnen selbst Gelegenheit dazu geboten gewesen, sie übersichtlich zu erfassen, so hätten sie sie doch nie verstanden. Sie konnten es nicht ertragen, daß ein Mann, der so energisch den momentanen Zustand der Dinge als schlecht und mörderisch verurteilte, trotzdem nicht ihre radikalsten Maßnahmen billigte, um diesen Zustand aus der Welt zu schaffen. Von ihrem Gesichtspunkt, demjenigen der sofortigen Aktion, hatten sie nicht unrecht. Aber das Feld des Geistigen ist viel weiter; seine Kämpfe spielen sich in größeren Räumen ab und verzetteln sich nicht in blutigen Plänkeleien. Clerambault erkannte das ewige Axiom der Tat „Der Zweck heiligt die Mittel“ nicht an, selbst nicht unter der Voraussetzung, daß diese von seinen Freunden gepriesene Kampfmethode die erfolgreichste sei. Er war im Gegenteil der Meinung, daß die Mittel für den wirklichen Fortschritt von höherer Wichtigkeit seien als die Ziele. Denn Ziele ... gibt es denn wirklich ein endgültiges Ziel?
Diese allzu umfassende und verschwommene Art des Denkens erbitterte aber die jungen Menschen und bestärkte sie in jener gefährlichen Abneigung gegen die Intellektuellen, die sich seit fünf Jahren bei der arbeitenden Bevölkerung herausgebildet hatte. Sicherlich hatten die Intellektuellen nichts Besseres verdient, denn wie weit waren die Zeiten, wo die Geistigen an der Spitze der Revolutionen standen! Jetzt schlossen sie sich mit allen reaktionären Kräften zusammen, und selbst die verschwindend kleine Zahl derer, die sich außerhalb des Clans gehalten hatten und seine Irrtümer tadelten, zeigte sich, wie Clerambault, unfähig, auf ihren Individualismus zu verzichten, der sie einmal gerettet und nun zu Gefangenen gemacht hatte. Kaum hatten nun die Revolutionäre die Unfähigkeit selbst der Besten erkannt, sich den neuen Massenbewegungen einzuordnen, so gingen sie einen Schritt weiter und proklamierten den Niedergang der Intellektuellen. Der Stolz der Arbeiterklasse, der sich schon in Artikeln und Reden äußerte, ungeduldig, sich wie in Rußland bald in Taten manifestieren zu können, dieser Stolz verlangte, daß die Intellektuellen sklavisch ihren proletarischen Herren gehorchten. Das Seltsamste dabei war, daß einige unter den Intellektuellen selbst am leidenschaftlichsten diese Erniedrigung ihres Standes verlangten — sie hätten gern damit glauben gemacht, daß sie nicht mehr dazu gehörten und vergaßen es sogar selbst.... Moreau freilich vergaß es nicht. Aber nur mit noch größerer Bitterkeit verabscheute er die Klasse, deren Nessushemd ihm auf der Haut brannte. Seine Erbitterung war ohne Maß.
Er trug jetzt gegen Clerambault seltsam aggressive Gefühle zur Schau. Er unterbrach ihn in der Diskussion ohne jede Höflichkeit, mit einer gewissen Art ironischer und gereizter Schärfe, daß man oft das Gefühl hatte, er wolle ihn bewußt verletzen.
Clerambault nahm es ihm nicht übel. Er war voll Mitleid mit ihm, denn er wußte, daß Moreau litt, und konnte sich die Bitterkeit eines hingeopferten jungen Lebens gut vorstellen, dem die sittliche Nahrung, die für einen fünfzigjährigen Magen gehört — Geduld und Resignation — nicht recht munden wollte.
Eines Abends, als sich Moreau gegen Clerambault besonders unangenehm gezeigt hatte und doch ihn durchaus nach Hause begleiten wollte, gleichsam als könnte er sich nicht entschließen, ihn zu verlassen, und als er da vor sich hinschweigend und verschlossen an seiner Seite schritt, blieb Clerambault einen Augenblick stehen und sagte, indem er freundschaftlich seinen Arm nahm, lächelnd:
„Mein armer Junge, dir geht es wohl nicht gut?“
Moreau war verdutzt, raffte sich zusammen und fragte trockenen Tones, woran man denn merken könnte, daß „es nicht gut ginge“.
„Nun daran, daß Sie so bösartig waren heute abend“, antwortete Clerambault gutmütig.
Moreau protestierte.
„O doch! Was für Mühe haben Sie sich gegeben, um mir weh zu tun: Ja, doch, ein wenig, nur ein ganz klein wenig.... Ich weiß es sehr gut, daß Sie es nicht ganz ernstlich wollen, aber wenn ein Mensch wie Sie einen andern leiden machen will, so ist das ein Zeichen, daß er selber leidet.... Habe ich nicht recht?“
„Verzeihen Sie mir“, sagte Moreau, „es ist wahr. Mir tat es weh, zu sehen, daß Sie nicht an unsere Aktion glauben.“
„Und Sie selbst?“ fragte Clerambault.
Moreau verstand nicht.
„Und Sie selbst“, wiederholte Clerambault, „glauben Sie denn daran?“
„Und ob ich daran glaube“, rief Moreau entrüstet.
„Aber nein“, sagte Clerambault ganz sanft.
Moreau war nahe daran, zornig auszubrechen. Dann sagte er nachgiebiger: „Doch, durchaus!“
Clerambault war weitergegangen.
„Nun gut“, sagte er, „das ist ja Ihre Sache, Sie müssen ja besser wissen als ich, was Sie eigentlich glauben.“
Sie gingen nebeneinander her, ohne zu sprechen. Nach einigen Minuten faßte Moreau Clerambault am Arm und sagte:
„Wieso konnten Sie das wissen?“
Sein Widerstand war gebrochen. Er enthüllte die Verzweiflung, die sich unter seinem aggressiven Willen zur Gläubigkeit und zur Tat verbarg. Innerlich war er von Pessimismus zerfressen, der ja immer eine natürliche Folge jedes in seinen Illusionen schmerzhaft enttäuschten, übermäßigen Idealismus ist. Die religiöse Seele von einst war ganz ruhevoll: sie stellte das Gottesreich hinüber in ein Jenseits, das kein irdisches Geschehnis erreichen oder zerstören konnte. Aber die religiöse Seele von heute, die das Gottesreich mitten in unsere Welt stellen will und es auf dem Grunde der menschlichen Vernunft und der Liebe aufbaut, die wird lebensüberdrüssig, sobald das Leben ihren Traum einstürzen läßt. Es gab Tage, wo Moreau sich am liebsten die Adern aufgeschnitten hätte! Die Menschheit schien ihm wie eine faulende Frucht, voll Verzweiflung sah er den Zusammenbruch, den Untergang, die Niederlage, die von allem Anfang im Schicksal der menschlichen Rasse wie ein Wurm in der Frucht eingesponnen sitzt, und er konnte die Idee dieses unsinnigen und tragischen Schicksals, dem die Menschen nie entrinnen werden, nicht ertragen. Wie Clerambault fühlte er in seinen Adern das Gift des Wissens und der Vernunft; aber indes Clerambault die Krise überstanden hatte und die Gefahr nur in der Zügellosigkeit des Geistes sah und nicht schon in seinem Wesen, war Moreau von der Vorstellung besessen, die Vernunft sei selbst schon von Gift durchtränkt. Seine krankhaft erregte Phantasie erschöpfte sich selbstquälerisch in immer neuen Vorstellungen, sie zeigte ihm die Menschheit mit dem unauslöschlichen Brandmal der Krankheit ihrer Geistigkeit behaftet. Im vorhinein sah er alle Möglichkeiten von Katastrophen, denen sie zudrängte. Sah man denn nicht schon das tragische Schauspiel, wie die Vernunft vor Hochmut taumelte angesichts der ihr von der Wissenschaft ausgelieferten Gewalten, angesichts jener Dämonen der Natur, die ihr durch die magische Formel der Chemie untertan waren, und wie sie in Verwirrung über die zu rasch überhandnehmende Macht diese zu ihrem eigenen Selbstmord mißbrauchte?
Aber Moreau war zu jung, um unter dem Druck solcher Wahnvorstellung zu verbleiben. Man mußte etwas tun, etwas tun um jeden Preis, um nicht allein mit dieser Vision zu bleiben.
„Nein, hindern Sie uns nicht an der Tat! Im Gegenteil, feuern Sie uns dazu an!“
„Mein Freund“, sagte Clerambault, „man darf die anderen nur dann zu einer gefährlichen Tat ermutigen, wenn man selber mittut. Mir sind die Aufhetzer, selbst wenn sie aufrichtig sind, unerträglich, all jene, die andere treiben, Märtyrer zu werden, ohne selbst das Beispiel zu geben. Es gibt nur einen Typus des wahrhaft heiligen Revolutionärs: das ist der Gekreuzigte. Aber nur sehr wenige Menschen sind für die Aureole des Kreuzes geboren. Der Hauptfehler besteht darin, sich selbst übermenschliche und unmenschliche Pflichten zu setzen. Es ist ungesund für die Mehrheit der Menschen, sich zum Übermenschen erheben zu wollen, und vielleicht für sie selbst nur eine Quelle unnützer Qualen. Aber jeder Mensch kann trachten, in seinem kleinen Kreise das innere Licht auszustrahlen, Ordnung, Frieden und Güte. Und das ist das wahre Glück.“
„Aber das genügt mir nicht“, sagte Moreau. „Das läßt zuviel Raum für den Zweifel. Alles oder nichts.“
„Ja, eure Revolution hat keinen Raum für den Zweifel. Für euch heiße und harte Herzen, für euch geometrische Gehirne heißt es: alles oder nichts. Nur keinen Übergang! Aber, was wäre das Leben ohne Übergänge? Sind sie denn nicht seine Schönheit und seine Güte? Eine zerbrechliche Schönheit freilich, eine kraftlose Güte, überall Schwäche und Hunger nach Liebe. Man muß lieben, man muß helfen, Tag für Tag und Schritt für Schritt. Die Welt verwandelt sich nicht mit einem Schlag und niemals ganz, weder durch Gewaltstreiche, noch durch Gnadenstöße. Aber Sekunde für Sekunde geht sie ins Unendliche hinüber, und der schlichteste Mann, der das fühlt, hat Teil an der Unendlichkeit. Nur Geduld! Eine einzige Ungerechtigkeit, die man beseitigt, erlöst noch nicht die Menschheit, aber sie verklärt einen Tag. Und es werden andere kommen und andere Verklärungen, und jeder Tag bringt seine Sonne. Möchten Sie das verhindern?“
„Wir können nicht warten“, sagte Moreau. „Wir haben keine Zeit. Jeder Tag, den wir leben, stellt uns Probleme, die uns ganz aufzehren und die wir sofort lösen müssen. Wenn wir sie nicht beherrschen, werden wir ihnen untertan. Wir, damit meine ich nicht so sehr unsere Personen, wir sind ja schon Hingeopferte. Aber alles, was wir lieben, was uns noch dem Leben verbindet: die Hoffnung auf die Zukunft, das Heil der Menschheit.... Fühlen Sie doch, wie diese quälenden Fragen um aller Zukünftigen willen uns bedrücken, um aller, die Kinder haben. Dieser Krieg ist ja noch nicht zu Ende, und es ist nur allzu klar, daß er durch seine Verbrechen und seine Lügen neue, nahe Kriege heraufbeschwört. Wofür zieht man Kinder auf? Wofür wachsen sie heran? Vielleicht für ähnliche Schlächtereien? Welcher Ausweg ist da möglich? Man hat rasch ihre ganze Reihe erschöpft.... Man könnte diese toll gewordenen Nationen, diese närrischen alten Kontinente verlassen und auswandern, aber wohin? Gibt es denn irgendwo auf dem Erdball noch fünfzig Joch Erde, die den freien anständigen Menschen Unterschlupf gewähren? Oder eine Wahl treffen? Sie sehen wohl, man muß sich entscheiden. Entweder für die Nation oder für die Revolution. Was bleibt denn sonst noch? Das Nichtwiderstreben gegen das Übel? Scheint Ihnen das wünschenswert? Das hat doch nur einen Sinn, wenn man gläubig ist, religiös gläubig, sonst wäre es nur die Resignation von Schafen, die sich hinschlachten lassen. Aber die meisten, leider Gottes, entscheiden sich für nichts und ziehen es vor, gar nicht zu denken, schauen krampfhaft von der Zukunft weg und lügen sich vor, daß das, was sie gesehen und gelitten haben, nun für ewige Zeiten vorüber sei ... Darum müssen wir für jene eine Entscheidung fällen, ob sie wollen oder nicht, sie nach vorwärts treiben, sie retten gegen ihren eigenen Willen. Die Revolution, das sind immer nur einzelne Menschen, die für die ganze Menschheit etwas wollen.“
„Mir paßte es nicht sehr“, antwortete Clerambault, „wenn jemand anderer für mich wollte, und ebensowenig, für einen anderen zu wollen. Ich möchte lieber jedem helfen, frei zu sein, und selbst der Freiheit keines anderen Menschen im Wege stehen. Aber ich weiß, ich verlange zuviel.“
„Sie verlangen das Unmögliche“, sagte Moreau. „Wenn man einmal beginnt, zu wollen, darf man nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Es gibt nur zwei Arten Menschen: diejenigen, welche zuviel wollen — Lenin und alle Großen (es gibt ihrer wohl kaum mehr als zwei Dutzend in der ganzen Weltgeschichte) und dann die anderen, die zu wenig wollen, die das Wollen nicht verstehen. Das ist der große Rest, das sind wir, das bin ich selbst.... Sie haben es nur zu gut erkannt.... Mein ganzer Wille kommt nur aus Verzweiflung.“
„Warum denn verzweifeln?“ sagte Clerambault. „Das Schicksal des Menschen formt sich jeden Tag und keiner kennt es. Unser Schicksal ist das, was wir sind. Sind wir mutlos, so entmutigen wir es.“
Aber Moreau sagte niedergeschlagen:
„Nein, wir werden nicht stark genug sein, wir werden nicht stark genug sein.... Glauben Sie, ich wüßte nicht, was für lächerlich geringe Erfolgsaussichten bei uns jetzt die Revolution hat? Jetzt, in der gegenwärtigen Zeit, nach den Verwüstungen, der ökonomischen Vernichtung, der Demoralisation, der tödlichen Müdigkeit, nach all diesen Dingen, die von den vier Kriegsjahren verschuldet sind?“
Und er fügte das Geständnis bei:
„Ich habe schon das erstemal gelogen, als ich Sie sah, als ich behauptete, alle meine Kameraden fühlten so stark wie wir das Leiden und die Erbitterung darüber. Gillot hat Sie richtig belehrt: wir sind nur ganz wenige. Die anderen sind meistens gute Kerle, aber schwache, schwache Naturen ... Sie beurteilen die Dinge ziemlich richtig, aber statt mit dem Kopf gegen die Mauer zu rennen, ziehen sie vor, lieber gar nicht daran zu denken und sich mit Ironie schadlos zu halten. Ach, dieses französische Lachen, das ist unser Reichtum und auch unser Untergang! Es ist ja so schön, aber eine wie gute Handhabe für alle Unterdrücker. „Mögen sie Spottlieder singen, wenn sie nur ihre Steuern zahlen“, sagte jener Italiener, und bei uns heißt es: „Mögen sie lachen, wenn sie nur sterben.“ Dazu kommt noch diese furchtbare Anpassungsfähigkeit, von der Gillot zu Ihnen sprach. Man kann den Menschen zu den tollsten und qualvollsten Lebensbedingungen treiben — wenn sie nur lange genug dauern und er sie innerhalb der Herde mitmacht, so gewöhnt er sich an alles, an das Warme und an das Kalte, an den Tod und das Verbrechen. Die ganze Kraft, die für den Widerstand nötig wäre, verbraucht man auf die Gewöhnung, und dann rollt man sich in irgendeine Ecke, ohne sich zu rühren, aus Angst, man könne mit irgendeiner Veränderung die eingeschläferte Qual wieder aufwecken. Ach, es lastet eine solche Müdigkeit auf uns allen! Wenn die Soldaten zurückkommen werden, dann werden sie nur einen Wunsch haben: zu vergessen und zu schlafen.“
„Und Lagneau, der Hitzkopf, der Tollkopf, der davon redet, alles krumm und klein zu schlagen?“
„Lagneau? Den kenne ich seit Kriegsausbruch. Ich habe gesehen, wie er eins nach dem andern war, Kriegsbegeisterter, Revanchetrompeter, Annexionist, Internationaler, Sozialist, Anarchist, Bolschewist und „Je-m’en-fichiste“. Er wird schließlich als Reaktionär enden und sich wieder hinausschicken lassen, um sich mit Hurra und Heil auf jeden Feind, den sich die Regierung unter unseren heutigen Feinden oder Freunden aussuchen wird, zu werfen. Und das Volk? Es ist unserer Ansicht, aber gleichzeitig auch der Ansicht der Gegner. Das Volk hat immer hintereinander alle Ansichten.“
„Sie sind also Revolutionär aus Verzweiflung?“ sagte lachend Clerambault.
„Es gibt viele dieser Art unter uns.“
„Aber Gillot ist doch aus dem Krieg optimistischer zurückgekommen, als er jemals war?“
„Gillot kann vergessen“, sagte bitter Moreau. „Ich neide ihm dieses Glück nicht.“
„Aber wir dürfen es ihm nicht zerstören“, sagte Clerambault. „Helfen Sie Gillot. Er hat Sie nötig.“
„Mich?“ staunte Moreau ungläubig.
„Er hat zu seiner Stärke notwendig, daß man an seine Kraft glaubt. So glauben Sie daran.“
„Kann man denn glauben wollen?“
„Sie wissen ja etwas davon.... Nicht wahr, nein, man kann es nicht ... Aber man kann glauben aus Liebe“.
„Aus Liebe zu jenen, die gläubig sind?“
„Glaubt man denn nicht immer nur aus Liebe, kann man denn anders gläubig sein als aus Liebe?“
Moreau war gerührt. Seine intellektuelle, von Wissensdurst brennende und verzehrte Jugend hatte, wie die der besten in der bürgerlichen Klasse, am Mangel brüderlicher Zuneigung gelitten. Menschliche Verbrüderung und Seelengemeinschaft ist ja aus der modernen Erziehung verbannt. Erst allmählich und mißtrauisch war dieses konstant unterdrückte Urgefühl in den Schützengräben, in diesen Gräbern der lebendig zusammengedrängten leidenden Leiber, wieder erwacht. Aber man hatte Scham, sich ihm hinzugeben. Die gemeinsame Verhärtung, die Furcht vor Sentimentalität, die Ironie umkrusteten das Herz. Erst seit der Krankheit Moreaus war die Umschalung von Stolz nachgiebiger geworden, und es kostete Clerambault keine Mühe, sie gänzlich zu zerbrechen. Die Wohltat, die von diesem Manne ausging, war, daß bei der Berührung mit ihm die Eigensucht in den Menschen hinschwand, denn er besaß selbst keine. Man zeigte sich ihm, wie er sich selbst allen zeigte, mit seiner wahren Natur, seinen Schwächen und all den Aufschreien, die sonst ein falscher Stolz zu ersticken sucht. Moreau, der an der Front, ohne es sich offen einzugestehen, die Überlegenheit seiner Kameraden oder der Unteroffiziere, also von Menschen aus einer niedrigeren Schicht, erkannt hatte, fühlte für Gillot Sympathie und war glücklich, daß Clerambault an sie appellierte. Clerambault hatte seinen geheimsten Wunsch erweckt, einem andern eine Notwendigkeit zu sein.
Und ebenso flüsterte Clerambault Gillot die Anregung ein, Optimist für zwei zu sein und Moreau zu helfen. So fanden beide, in ihrem Bedürfnis, dem andern zu helfen, selbst eine Hilfe nach dem Gesetz des Lebens: „Wer gibt, der hat.“
In welcher Zeit immer man lebt, und sei es auch eine der Zertrümmerung, so ist doch nichts verloren, solange noch in der Seele einer Rasse ein Funke der männlichen Freundschaft lebendig bleibt. Man muß ihn erwecken, muß die frierenden einsamen Herzen einander annähern, damit wenigstens eine der Früchte dieses Völkerkrieges die Vereinigung der Elite der Klassen, die Verbrüderung der beiden Jugenden sei — jener aus der Welt der Arbeit und jener aus der des Gedankens —, die, indem sie sich ergänzen, die Zukunft erneuern sollen.