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Ist der beste Weg zur Einigung der, daß keiner den andern beherrschen will, so muß auch das Gegenteil gültig sein, nämlich, daß keiner sich vom andern unterdrücken lassen darf. Gerade dazu aber trieb diese jungen Intellektuellen dieser revolutionären Gruppen eine seltsame Eigenliebe. Sie schulmeisterten verächtlich Clerambault im Namen des neuen Prinzips, das die Intellektuellen in den Dienst des Proletariats stellen wollte ... „Dienen, dienen!“ Das war das Schlußwort des einst so stolzen Richard Wagner, aber auch das Wort manch eines enttäuschten Stolzes. Manche wollen, sobald sie sehen, daß sie nicht Herr sein können, sofort Sklaven sein.

„Am schwersten ist es in dieser Welt“, dachte Clerambault, „anständige Menschen zu finden, die einfach meinesgleichen sein wollen. Sind diese aber unauffindbar und bedarf es unbedingt einer Tyrannei, so ziehe ich noch diejenige, die einen Aesop und Epiktet körperlich zu Sklaven machte, aber ihren Geist vollkommen frei gab, jener vor, die äußere Freiheit mit Seelenknechtschaft verbindet.“

Durch diese Unduldsamkeit wurde er sich erst so recht seiner Unfähigkeit bewußt, sich irgendeiner Partei anzuschließen. Zwischen den beiden Möglichkeiten, der der Revolution und der des Krieges, konnte er (und er tat es auch offen) seine Vorliebe für die Revolution bekunden, denn sie allein bot ihm eine Hoffnung auf Erneuerung, indes die andere jede Zukunft tötete. Aber eine Partei vorziehen, bedeutet noch lange nicht, damit schon seine geistige Unabhängigkeit aufzugeben. In den Demokratien ist gerade die Auffassung so irrig und so widersinnig, daß alle die gleichen Pflichten hätten und dieselben Aufgaben. In einer kämpfenden Gemeinschaft sind die Aufgaben sehr verschieden. Während der Hauptteil der Armee dafür ficht, einen sofortigen Erfolg zu erzielen, müssen andere die ewigen Werte gegen den Sieger von morgen, wie gegen den von gestern behaupten, denn sie schreiten ihnen voraus und erleuchten sie alle: ihr Licht glänzt fernhin auf den Weg, weit hinaus über den Qualm des Kampfes. Clerambault hatte sich zu lange von diesem Qualm den Blick trüben lassen, als daß er sich neuerdings in ein solches Getümmel stürzen wollte. Aber in dieser Welt der Blinden ist schon die Bemühung, sehen zu wollen, ein Ungehöriges und vielleicht sogar ein Verbrechen.

Diese ironische Wahrheit wurde ihm während einer Unterhaltung so recht bewußt, in der einer dieser kleinen Saint-Justs ihm gerade den Text gelesen und ihn recht frech mit dem „Astrologen, der sich in die Tiefe des Brunnens fallen ließ“, verglichen hatte.

... On lui dit: Pauvre bête,

Tandis qu’à peine à tes pieds tu peux voir,

Penses-tu lire au-dessus de ta tête?

Und da er nicht humorlos war, fand er den Vergleich nicht ganz unberechtigt. Gewiß, er gehörte ein wenig der Gemeinschaft jener an....

... De ceux qui bayent aux chimères,

Cependant qu’ils sont en danger,

Soit pour eux soit pour leurs affaires....

Aber wollte denn diese Republik auf die Astrologen verzichten, wie die erste Republik noch auf die Chemiker? Oder meint ihr sie in Reih und Glied disziplinieren zu können? Dann ist zu erwarten, daß wir alle zusammen in den Grund des Brunnens hineinfallen. Wollt ihr das wirklich? Ich würde nicht Nein sagen, handelte es sich nur darum, euer Schicksal zu teilen. Aber euern Haß will ich nicht teilen!

„Auch Sie haben Ihren Haß“, antwortete ihm einer der jungen Leute.

Gerade in diesem Augenblick trat ein anderer mit einer Zeitung in der Hand herein und rief Clerambault zu: „Meinen Glückwunsch, Ihr Feind Bertin ist tot....“

Der reizbare Journalist war innerhalb weniger Stunden von einer ansteckenden Lungenentzündung dahingerafft worden. Seit sechs Monaten hatte er wütend alle jene verfolgt, die er im Verdacht hatte, den Frieden zu suchen oder auch nur zu wünschen. Denn allmählich war er dazu gekommen, nicht nur im Vaterlande, sondern auch im Kriege selbst eine heilige Sache zu sehen. Unter den Opfern seiner Böswilligkeit war Clerambault sein beliebtestes. Bertin konnte nicht verzeihen, daß er gewagt hatte, seinen Angriffen standzuhalten. Die Erwiderung Clerambaults hatte ihn anfangs wütend gemacht. Als Clerambault aber dann verächtlich auf seine Anschuldigungen und Beschimpfungen kein Wort mehr erwiderte, verlor er jedes Maß. Seine gewaltsam aufgeblähte übermütige Eitelkeit war davon so verletzt, daß einzig die vollständige, restlose Vernichtung des Gegners ihn noch befriedigen konnte. Clerambault erschien ihm nicht mehr bloß als persönlicher Feind, sondern als Feind des Staates, als Hochverräter, und er setzte alle Mühe daran, dafür Beweise zu erbringen, stempelte ihn zum Zentrum eines großen pazifistischen Komplotts, dessen Lächerlichkeit zu jeder anderen Zeit jedem in die Augen gesprungen wäre. Aber damals hatte man keine Augen mehr. Gerade in den letzten Wochen überstieg die Polemik Bertins in Ansprung und Heftigkeit alles, was er bisher geschrieben hatte. Sie bedeutete eine wirkliche Drohung für all jene, die der Ketzerei des Friedenswillens schuldig oder verdächtig waren.

Mit lärmender Befriedigung wurde daher die Nachricht von seinem Tode in der kleinen Versammlung aufgenommen, und man hielt ihm seine Grabrede in einer Tonart, die an Energie nichts den Meistern dieser Gattung nachgab. Clerambault, in die Zeitung vertieft, hörte kaum zu, als einer, der an seiner Seite saß, ihm auf die Schulter klopfte und sagte:

„Nicht wahr, das macht Ihnen Vergnügen?“

Clerambault fuhr auf.

„Vergnügen!“ sagte er. „Vergnügen!“ wiederholte er.

Er nahm seinen Hut und ging weg.

Er trat auf die dunkle Straße, deren Lichter wegen eines Luftangriffalarms abgelöscht waren.

In seinen Gedanken sah er ein feines Knabengesicht voll warmer Blässe, mit schönen, zärtlichen, braunen Augen, gelocktem Haar, belebtem und lachendem Munde, mit klingendem Stimmfall.... Bertin zur Zeit ihrer ersten Begegnung, als sie beide noch siebzehn Jahre alt waren. Und er gedachte ihrer langen, einsamen Nachtwachen, ihrer teuren Vertrautheit, ihrer Gespräche und Träume — denn auch Bertin träumte damals. Trotz all seines praktischen Sinnes, seiner frühreifen Ironie konnte er sich nicht unerfüllbarer Hoffnungen erwehren, nicht der edlen Projekte für eine neue Menschheit. Ach, wie die Zukunft doch ihren Kinderblicken schön erschienen war, und wie bei solchen Visionen in verzückten Augenblicken ihre beiden Herzen sich leidenschaftlich in liebender Freundschaft hingaben!

Und was hatte nun das Leben aus ihnen beiden gemacht! Was für eine hartnäckige Erbitterung, was für ein haßvolles Bestreben Bertins, seine eigenen Träume von einst und den Freund, der ihnen treu geblieben, zu Boden zu stampfen! Und er selbst, Clerambault, der sich vom gleichen mörderischen Sturm hinreißen ließ, und versuchte, Schlag auf Schlag den Gegner blutig zu treffen... der — voll Entsetzen gestand er sich’s ein — im ersten Augenblick, als er vom Tode des einstigen Freundes hörte, eine Art Erleichterung empfunden hatte.... Was für ein Dämon wirkt doch in uns, was für schlechte Instinkte steigen in uns auf?

In diesen Gedanken verloren, hatte er seinen Weg verfehlt. Er bemerkte, daß er in die entgegengesetzte Richtung ging, statt nach Hause. Vom Himmel her, der vom Lichtkeil der Scheinwerfer durchschnitten war, hörte man furchtbare Explosionen. Zeppeline waren über der Stadt. Von den Festungswerken donnerten die Kanonen, Luftkämpfe spielten sich ab. Wofür zerrissen sich denn diese rasenden Völker? Um alle dorthin zu gelangen, wo jetzt Bertin war, in jenes Nichts, das gleichermaßen alle Menschen und alle Vaterländer erwartet, sie und alle anderen, die Revolutionäre, die andere Gewalttätigkeiten vorbereiten, andere mörderische Ideale den bisherigen entgegenstellen, neue Götzen der Schlächterei, die der Mensch sich selbst unablässig erschafft, um seine bösen Instinkte zu adeln.

Mein Gott, fühlen sie denn nicht die Dummheit ihres rasenden Tuns, im Angesicht der Sterbenden, mit deren jedem die ganze Menschheit in den Abgrund stürzt? Wie können Millionen Wesen, die doch nur einen Augenblick zu leben haben, sich so abmühen, diesen Augenblick durch ihren erbitterten und lächerlichen Ideenkampf sich so zur Hölle zu machen? Bettler sind sie alle, die einander für eine Handvoll Kupfermünzen, die man ihnen hinwirft und die überdies falsch sind, gegenseitig erschlagen! Alle sind sie gleicher Weise verurteilte Opfer, und statt sich zusammenzuschließen, kämpfen sie wider einander.... Ach, ihr Unglücklichen, geben wir einander doch den Friedenskuß! Auf jeder Stirn, die an mir vorübergleitet, sehe ich den Schweiß des Todeskampfes....

Aber ein Menschenhaufen, Männer und Weiber, an denen er vorüberkam, brüllte und heulte vor Freude.

„Er fällt! Einer fällt! Die Schweinehunde verbrennen!...“

Und die beutegierigen Vögel wiederum, die da oben schwebten, jauchzten in ihrem Herzen bei jedem Todeswurf, den sie über die Stadt säten. Waren sie nicht wie Gladiatoren, die sich gegenseitig in der Arena die Brust durchstoßen, nur damit ein unsichtbarer Nero zufrieden sei?

Oh, meine armen Brüder in Ketten!