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Von nun ab begann Clerambault die Menschen nicht mehr mit seinen Augen zu sehen, mit den Augen unter seiner Stirn, sondern mit seinem Herzen. Er sah sie nicht mehr mit seiner Idee als Pazifist, als Tolstoianer (was ja nur wiederum ein anderer Wahn ist), sondern aus dem Denken jedes einzelnen heraus, indem er sich in ihn verwandelte. Und er entdeckte, er durchschaute die Menschen seiner Umgebung, gerade diejenigen, die ihm die feindlichsten waren, die Intellektuellen und die Politiker, er sah ihre Falten, ihre weiß gewordenen Haare, den bitteren Zug um den Mund, ihren gekrümmten Rücken und ihre gebrechlichen Beine, sah, wie sie angespannt, angekrampft waren und jeden Augenblick in Gefahr, zusammenzubrechen.... Wie waren sie doch gealtert in den letzten sechs Monaten! Im Anfang hatte die Kampfbegeisterung sie noch aufgestrafft, aber je länger der Krieg fortdauerte, je mehr (was immer auch für einen Ausgang er nehmen würde) seine ungeheuren Verheerungen zur Gewißheit wurden, desto mehr lastete auf jedem die Trauer um Gefallene und die Furcht, das Wenige, was ihm geblieben war und das für ihn ein Unendliches bedeutete, zu verlieren. Sie taten alles, um ihre Angst nicht zu verraten, mit der äußersten Qual preßten sie die Zähne zusammen, aber selbst bei den Gläubigsten unter ihnen war die Wunde des Zweifels offen.... Freilich, man mußte schweigen! Darüber durfte man nicht sprechen; es aussprechen, hieß sich selbst vernichten.... Clerambault, der sich an Madame Mairet erinnerte, gelobte sich, von Mitleid durchdrungen, zu schweigen. Aber es war schon zu spät, man kannte seine Anschauungen, er war gewissermaßen die lebendige Verneinung, das wandelnde Gewissen. Man haßte ihn, aber Clerambault war ihnen darum nicht mehr böse. Am liebsten hätte er ihnen geholfen, ihre Illusionen wieder neu aufzubauen.
Von welch tragischer Größe, wie bemitleidenswert wird doch diese Leidenschaft einer Überzeugung im Innern einer Seele gerade dann, wenn sie sich selbst ihrer nicht mehr sicher fühlt. Bei den Politikern bedient sich diese Leidenschaft des lächerlichen Apparats der scharlatanhaften Deklamation, bei den Intellektuellen des tollen Trotzes krankhaft überreizter Gehirne. Aber des ungeachtet sah man überall die unheilbare Wunde, hörte den Angstschrei nach Gläubigkeit, den Schrei nach dem heroischen Wahn. Bei den jungen und schlichteren Menschen nahm diese Gläubigkeit einen rührenden Charakter an, bei ihnen gab es nicht dieses Pathos, dieses vorgetäuschte Allwissen. Nur den Schwur ekstatischer Liebe kannte sie, die alles hingegeben hat und dafür nur ein Wort erwartet, die Antwort: „Ja, es ist wahr, du lebst, meine Geliebte, mein Vaterland, du göttliche Macht, die mir das Leben und alles, was ich liebte, genommen hat....“ Und man fühlte ein Verlangen, sich hinzuknien vor diesen armen, kleinen Trauerkleidern, diesen Müttern, Bräuten und Schwestern, ihre abgemagerten Hände zu küssen, die vor Hoffnung und Furcht eines Jenseits zitterten, und zu sagen: „Weint nicht! Ihr werdet getröstet sein!“
Aber wie sie trösten, wenn man nicht an jenes Ideal glaubt, das sie leben läßt und das sie tötet? Ohne daß er sie kommen gefühlt, war die lange gesuchte Antwort endlich ihm nahe geworden, die Antwort: „Man muß die Menschen mehr als den Wahn und mehr als die Wahrheit lieben.“