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Die Liebe Clerambaults fand keine Gegenliebe. Niemals war er mehr attackiert worden, obwohl er schon seit Monaten keine Zeile mehr veröffentlicht hatte, und im Herbst 1917 erreichten die Angriffe gegen ihn ein ganz unerhörtes Maß von Gewalttätigkeit. Lächerlich war dieses Mißverhältnis zwischen der schwachen Stimme dieses einzelnen Mannes und jenen Wutausbrüchen, doch dieses Mißverhältnis ergab sich gleicherweise in allen Ländern der Welt. Ein Dutzend armseliger, isolierter, engumschlossener Pazifisten, die keine Möglichkeit besaßen, in irgendeiner großen Zeitung zu Worte zu kommen, und die ihre gewiß rechtliche, aber doch nicht weitklingende Stimme kaum erheben konnten, entfesselte eine wahre Frenesie von Beschimpfungen und Drohungen gegen sich. Beim kleinsten Widerspruch verfiel das vielköpfige Ungeheuer, die öffentliche Meinung, sofort in Epilepsie. — Der weise Perrotin, der sich sonst über nichts wunderte, der klug abseits geblieben war und Clerambault in sein Verderben rennen ließ (da sein Herz es so wollte), erschrak im stillen vor diesem aufschäumenden Übermaß tyrannischer Dummheit. Ist man einmal in der Geschichte um Jahre über solche Zeiten hinaus, so wird man darüber lächeln, aber von nahe gesehen, merkte man, daß die menschliche Vernunft damals dicht vor dem Zusammenbruche stand. Man mußte sich fragen, warum gerade in diesem Kriege die Menschen viel allgemeiner ihre Ruhe verloren hatten als in jedem anderen der Vergangenheit. Ist er denn wirklich gewalttätiger gewesen? Kinderei! Und bewußtes Vergessen alles dessen, was zu unserer Zeit vor unseren Augen geschehen ist in Armenien, auf dem Balkan, bei der Niederdrückung der Kommune, in Kolonialkriegen und bei den neuen Konquistadoren Chinas und des Kongos.... Von allen Wesen der Erde ist, wir wissen es ja, der Mensch das grausamste Tier. — Oder kam es davon, daß sich die Menschen besonders auf diesen Krieg vorbereitet hatten? Im Gegenteil! Die Völker des Abendlandes waren an einem Punkt der Entwicklung angelangt, wo der Krieg dermaßen absurd wird, daß es unmöglich ist, ihn bei voller, bewußt bewahrter Vernunft durchzuführen. Deshalb war es nötig, die Vernunft zu betäuben, zu delirieren, wollte man nicht den Tod erleiden, den Tod durch Verzweiflung oder durch den schwärzesten Pessimismus. Deshalb regte auch die Stimme eines einzelnen, der seine Vernunft behalten hatte, die anderen, die alle gewaltsam vergessen wollten, so zum Zorn auf, denn sie hatten Angst, diese Stimme könne sie selbst erwecken und sie würden ernüchtert, nackt sich selbst und ihrer ganzen Schmach ins Auge sehen müssen.
Überdies war damals die Situation für den Krieg ungünstig. Die große neuangefachte Hoffnung auf den Sieg und den Ruhm verflüchtigte sich, denn immer klarer wurde es, von welcher Seite man auch das Problem betrachtete, daß der Krieg für alle Beteiligten ein sehr schlechtes Geschäft sein würde. Weder die materiellen Interessen, noch der Ehrgeiz, noch der Idealismus schienen auf ihre Rechnung zu kommen, und diese bittere bald bevorstehende Enttäuschung, daß Millionen Menschen ohne Resultat aufgeopfert sein sollten, ließ die Menschen, die sich moralisch verantwortlich fühlten, vor Wut schäumen. Sie hatten nur zwei Möglichkeiten, entweder sich selbst anzuklagen oder sich an anderen zu rächen. Und da fiel ihnen die Wahl natürlich nicht schwer. Wer diesen Mißerfolg vorausgesehen und alles daran gesetzt hatte, ihn zu verhindern, den machten sie nun verantwortlich für das Mißlingen. Jeder Rückzug in der Armee, jede Dummheit der Diplomaten suchte sich sofort mit einer pazifistischen Machination zu entschuldigen. Diesen Menschen, die niemand kannte, die bei niemand beliebt waren und auf die niemand hörte, schrieben ihre Gegner eine ungeheure Macht zu, eine ganze Organisation der Niederlage. Und damit niemand sich darüber täusche, daß sie nicht den starken Sieg wollten, hing man ihnen das Wort „Flaumacher“ um den Hals. Es fehlte nur noch, daß man, so wie einst in der guten alten Zeit die Ketzer, sie auch verbrannte. Der Henker war noch nicht zur Stelle, wohl aber die Henkersknechte.
Um in Schwung zu kommen, hielt man sich zunächst an ungefährliche Leute, an Frauen, Lehrer, die niemand kannte, und die sich schlecht zu verteidigen wußten. Dann erst suchte man sich die saftigeren Bissen aus. Für gerissene Politiker war das eine ausgezeichnete Gelegenheit, sich gefährlicher Rivalen zu entledigen, die einige unangenehme Geheimnisse ihrer Herren von gestern wußten. Und nach dem alten Rezept vermischte man dann in geschickter Weise die Anklagen, nähte gemeine Schwindler und jene Menschen, deren Charakter oder Geist beunruhigte, in denselben Sack, damit bei diesem Mischmasch das verdutzte Publikum nicht einmal mehr versuchen konnte, einen anständigen Menschen von einem Lumpen zu unterscheiden. Wer noch nicht genügend durch seine Tätigkeit kompromittiert war, galt dann als kompromittiert durch seine Bekanntschaften und seine Beziehungen. Und fehlten auch diese, so konnte man sie ja herbeischaffen, sie wurden ganz nach Maß des Anklageaktes jederzeit rasch zurechtgeschnitten.
War es festzustellen, ob Xavier Thouron im bestellten Auftrage Clerambault aufsuchte? Es wäre wohl möglich gewesen, daß er aus eigenem Antrieb kam, freilich, wer konnte sagen, zu welchem Zweck. Wußte er es selbst? Im Sumpf der Großstadt gibt es immer skrupellose, fieberhaft tätige arbeitsscheue Abenteurer, die überall wie die Wölfe herumschnüffeln und suchen, „quem devorent“. Ihr Hunger und ihre Neugier sind ungeheuer und alles dient ihnen dazu, dieses bodenlose Faß zu füllen. Schwarz oder Weiß, sie tun alles ohne Gewissensbedenken, sie sind ebenso bereit, einen ins Wasser zu werfen, wie hineinzuspringen, um ihn herauszuziehen. Um ihr Leben haben sie keine Angst, sie wollen nur das Tier in sich füttern und amüsieren. Wenn solche Menschen nur für einen Augenblick aufhörten, ihre Grimassen zu schneiden und zu schlingen, würden sie an Langeweile und Selbstabscheu zugrunde gehen. Aber damit hat es keine Not, dazu sind sie zu klug; sie verlieren keine Zeit damit, darüber nachzudenken, wie sie „in Schönheit sterben“ könnten.
Niemand hätte recht sagen können, was Thouron eigentlich wollte, als er Clerambault aufsuchte. Wie immer war er ausgehungert, herumgehetzt, ziellos und nach einem Braten schnuppernd. Er gehörte zu den Seltenen seiner Klasse (und damit zum Typ der großen Journalisten), die, ohne sich die Mühe zu nehmen, das, worüber sie sprechen, zuvor zu lesen, sich doch rasch eine lebendige, blendende und oft wie durch ein Wunder sogar ziemlich richtige Vorstellung machen können. Ohne zuviel Irrtümer entwickelte er Clerambaults „Evangelium“ und tat so, als ob er daran glaube. Vielleicht glaubte er wirklich daran, solange er sprach. Warum auch nicht? Er war ja auch zu gewissen Stunden Pazifist. Das hing vom Wind ab, der gerade wehte, von der Haltung gewisser Kollegen, denen er gerade nachbetete oder denen er widersprach. Clerambault war von seinen Worten berührt. Nie hatte er sich ganz das kindliche Vertrauen in den ersten Besten, der ihn um Hilfe bat, abgewöhnen können, und dann war er von den gegnerischen Zeitungen nicht allzu verwöhnt. In der Überfülle des Herzens ließ er sich also seine geheimsten Gedanken entlocken. Der andere nahm sie in scheinbarer Ergebenheit auf.
Eine so eng eingegangene Bekanntschaft konnte nicht auf diesem Punkt stehen bleiben. Ein Briefwechsel begann zwischen den beiden, in dem der eine sprach und der andere ihn zum Sprechen verlockte. Thouron wollte durchaus Clerambault bereden, seine Gedanken in kleinen populären Traktaten auszusprechen, und bot sich an, sie in den Arbeiterkreisen zu verbreiten. Clerambault zögerte und sagte schließlich nein, und zwar nicht deshalb, weil er aus Prinzip (wie es heuchlerisch die Anhänger der bestehenden Ordnung und Ungerechtigkeit tun) die geheime Propaganda einer neuen Wahrheit mißbilligte, wenn keine öffentliche möglich war — jede unterdrückte Wahrheit flüchtet sich ins Unterirdische, in die Katakomben —, sondern er sagte nein, weil er sich seinerseits für eine solche Form der Wirksamkeit nicht bestimmt fühlte. Seine Aufgabe war, ganz offen zu sagen, was er dachte, und die Folgen seiner Worte auf sich zu nehmen. Das Wort mußte sich dann durch sich selbst verbreiten — seine Aufgabe konnte nicht sein, es den Menschen ins Haus zu tragen. Überdies warnte ihn ein geheimer Instinkt — er wäre errötet, hätte er sich erlaubt, ihn wach werden zu lassen —, eine Art von Mißtrauen gegen die dienstfertig angebotene Hilfe seines neuen Commis voyageur. Freilich konnte er dessen Eifer nicht immer im Zaume halten. Thouron veröffentlichte in seiner Zeitung eine Verteidigung Clerambaults, erzählte darin über seine Gespräche und Besuche, entwickelte die Gedanken seines Meisters und kommentierte sie. Clerambault war sehr erstaunt, als er seine eigenen Gedanken dort las, denn er kannte sie in dieser Form nicht wieder. Dennoch konnte er aber seine Vaterschaft nicht verleugnen, denn in die Kommentare Thourons waren Zitate aus seinen Briefen eingefügt, deren Text vollkommen korrekt war. Freilich erkannte er sich in diesen noch weniger, denn die selben Sätze nahmen in den Zusätzen, in die sie eingepfropft waren, einen Akzent und eine Farbe an, die er ihnen nie gegeben hatte. Dazu kam, daß die Zensur, besorgt um das Heil des Staates, hie und da aus den Zitaten eine halbe Zeile oder ganze Zeilen und ganz unschuldige Absätze herausgeschnitten hatte, deren Unterdrückung natürlich dem überreizten Gefühl des Lesers die ungeheuerlichsten Dinge suggerierte. Die Wirkung dieser Veröffentlichung ließ selbstverständlich nicht auf sich warten; es war Öl ins Feuer, und Clerambault wußte nicht, welche Heiligen er anrufen sollte, um seinen Verteidiger zum Schweigen zu bringen. Böse konnte er ihm freilich nicht sein, denn Thouron bekam auch sein gutes Teil an Drohungen und Beschimpfungen ab, nahm sie aber entgegen, ohne mit der Wimper zu zucken. Sein Fell war schon von früher reichlich gegerbt.
Daß sie beide gemeinsam beschimpft worden waren, schien Thouron ein Verfügungsrecht über Clerambault zu geben. Zuerst versuchte er, ihm Aktien seiner Zeitung anzuhängen, und nahm ihn dann, ohne ihn vorher zu verständigen, öffentlich in das Ehrenkomitee seines Blattes auf. Er war sehr ungehalten darüber, daß Clerambault, der erst einige Wochen später davon erfuhr, damit nicht zufrieden war, und von nun ab erkalteten ihre Beziehungen, obwohl Thouron nicht aufhörte, deshalb doch von Zeit zu Zeit in seinen Artikeln den Namen seines „berühmten Freundes“ wie eine Fahne zu hissen.... Clerambault ließ es ruhig geschehen, überglücklich, ihn um diesen Preis los zu sein. Und er hatte ihn schon ganz aus den Augen verloren, als er eines Tages hörte, Thouron sei verhaftet. Man beschuldigte ihn irgendeiner schmutzigen Geldangelegenheit, in der die öffentliche Erregtheit natürlich die Hand des Feindes sehen wollte. Die dem von höherer Stelle gegebenen Wink immer gehorsame Justiz fand natürlich zwischen diesen Mogeleien und der sozusagen pazifistischen Tätigkeit, die Thouron in seinem Blatte abwechselnd mit plötzlichen Anfällen von Kriegswut ab und zu, aber nie regelmäßig und bewußt, entwickelt hatte, Zusammenhänge. Selbstverständlich machte man ihn zum Teilhaber an dem Defaitistenkomplott. Und die Beschlagnahme seiner Korrespondenz gab nun gute Gelegenheit, alle diejenigen zu kompromittieren, die man gerade kompromittieren wollte. Thouron hatte sich sorgfältig alle an ihn gerichteten Briefe aufbewahrt, es waren darunter solche von allen Parteien, und nun konnte man nach Belieben auswählen. Und man wählte.
Clerambault erfuhr durch die Zeitungen, daß auch er zu den Erwählten zählte. Nun jubelten sie! Endlich hatte man ihn erwischt! Jetzt erklärte sich ja alles. Denn nicht wahr, dafür, daß irgendein Mensch anders denkt, als die ganze Welt, dafür muß doch irgendein unterirdischer niedriger Beweggrund vorhanden sein! Man muß ihn nur suchen, dann wird man ihn schon finden.... Nun hatte man ihn gefunden. Ohne weiteres abzuwarten, kündigte ein Pariser Blatt öffentlich den „Verrat“ Clerambaults an. In den Akten der Justiz war dafür natürlich kein Beleg, aber die Justiz ließ es ruhig sagen und berichtigte nicht, es ging sie ja nichts an. Vergebens bat Clerambault den Untersuchungsrichter, zu dem er berufen ward, man möchte ihm doch sagen, was für ein Delikt er begangen habe. Der Richter war höflich, zeigte alles Entgegenkommen, das einem Mann seines Namens gebührte, schien aber keine Eile zu haben, zu einem Ende zu kommen. Es war, als ob er noch auf irgendetwas wartete ... Worauf?... Auf das Delikt.