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Frau Clerambault hatte nichts von einer antiken Römerin oder von dem Geiste der stolzen Jüdin in der berühmten Affäre, die Frankreich vor ungefähr zwanzig Jahren in einem leidenschaftlichen Widerspruch zerriß — von jenen Frauen, die gerade durch die öffentliche Ungerechtigkeit gegen ihren Mann nur noch enger mit ihm verbunden werden. Ihr wohnte jener Instinkt ängstlichen Respekts der französischen Bourgeoisie vor der staatlichen Justiz inne, und obwohl sie guten Grund hatte zu wissen, daß die Beschuldigungen gegen Clerambault nicht stichhaltig waren, so schien ihr die Tatsache selbst, daß er überhaupt unter Anklage stand, schon eine Unehre, von der sie sich beschmutzt fühlte. Sie konnte nicht schweigend darüber hinwegkommen. Clerambault fand als Antwort auf ihre Vorwürfe, ohne es selbst zu wollen, gerade die Form, die sie am meisten außer sich brachte. Statt ihr zu entgegnen oder zum mindesten sich zu verteidigen, sagte er nur:

„Du Arme.... Ja, ja, ich verstehe dich ja.... Es ist ein Unglück für dich.... Ja, ja, du hast ja recht ...“

Und er wartete, bis das Unwetter vorüber war. Diese ruhige Hinnahme brachte Frau Clerambault, die wütend war, ihm nicht beikommen zu können, gänzlich aus der Fassung. Denn sie fühlte vollkommen, daß er nichts an seiner Handlungsweise ändern würde, obwohl er ihr recht gab. Aus Verzweiflung ließ sie ihm das letzte Wort und schüttete ihre ganze Erbitterung vor ihrem Bruder aus. Leo Camus war der Letzte, ihr zur Nachsicht zu raten, er schlug ihr vielmehr vor, sich scheiden zu lassen, ja, er stellte ihr dies sogar als ihre Pflicht hin. Aber das war zuviel verlangt. Der traditionelle Abscheu vor der Ehescheidung ließ in dieser braven Bürgerfrau erst so recht das Bewußtsein ihrer tiefen Treue erwachen. Das Heilmittel schien ihr schlimmer als das Übel. So blieben die beiden Eheleute beisammen, aber die Innigkeit ihrer Gemeinschaft war dahin.

Rosine war fast immer abwesend. Um ihre Qual zu vergessen, bereitete sie sich für eine Krankenpflegerinprüfung vor und verbrachte den größten Teil des Tages außerhalb des Hauses. Aber auch wenn sie daheim war, weilten ihre Gedanken anderwärts. Clerambault hatte die einstige Stellung im Herzen seiner Tochter verloren, ein anderer hatte sie inne: Daniel. Sie blieb kühl gegenüber den zärtlichen Annäherungen ihres Vaters: es war dies für sie eine Art, ihn dafür zu bestrafen, daß er absichtslos den Bruch mit dem Freunde verursacht hatte. Sie war sich vollkommen dieser Abwehr bewußt und zu gerecht, um sich daraus nicht einen Vorwurf zu machen. Aber das änderte nichts an ihrem Verhalten: ungerecht sein erleichtert das Herz.

Auch Daniel vergaß nicht, daß er unvergessen war. Er mochte seine Handlungsweise nicht sehr rühmenswert finden und schob, um allen Gewissensbissen auszuweichen, die Verantwortung dafür seiner Umgebung zu, deren tyrannischer Meinungszwang ihn gebunden hätte. Aber im Innersten war er nicht recht befriedigt.

Der Zufall kam den beiden schmollenden Verliebten zu Hilfe. Ernstlich, wenn auch nicht gefährlich verletzt, wurde Daniel nach Paris zurückgebracht. Während seiner Rekonvaleszenz begegnete er Rosine vor dem Bon Marché. Er zögerte einen Augenblick, doch sie tat nicht desgleichen, sondern kam auf ihn zu; sie gingen zusammen über den Platz und begannen eine lange Unterhaltung, die nach anfänglichem Zögern und einem Hin und Her von Vorwürfen und Geständnissen schließlich zu einer völligen Einigung führte. Und so sehr waren die beiden in ihre zärtliche Auseinandersetzung vertieft, daß sie Frau Clerambault nicht vorüberkommen sahen. Die gute Frau, wütend über diese für sie unerwartete Begegnung, lief schleunigst nach Hause, die Neuigkeit Clerambault zu übermitteln, denn trotz ihrer Unstimmigkeiten konnte sie vor ihm nicht schweigen. Auf ihre aufgeregte Erzählung — denn die Intimität ihrer Tochter mit einem Manne, dessen Familie sie beleidigt hatte, schien ihr unerhört unstatthaft — erwiderte Clerambault nach seiner neuen Gewohnheit zunächst nichts. Dann lächelte er, hob den Kopf und sagte schließlich:

„Das ist ja ausgezeichnet.“

Frau Clerambault unterbrach sich, zuckte mit den Achseln und machte Miene, aus dem Zimmer zu gehen. Bei der Tür aber wandte sie sich noch einmal um und sagte empört:

„Diese Leute haben dich und deine Tochter beleidigt, und ihr waret beide einer Meinung, man solle nicht mehr mit ihnen verkehren. Jetzt macht deine Tochter, die sich von ihnen hat zurückweisen lassen, ihnen wieder Avancen und du findest das ausgezeichnet! Das soll der Teufel verstehen.... Ihr seid ja Narren.“

Clerambault versuchte ihr zu erklären, daß das Glück seiner Tochter nicht darin bestünde, seiner Meinung zu sein, und daß Rosine nur recht hatte, für ihren Teil die Dummheiten ihres Vaters gutzumachen.

„Deine Dummheiten ... nun“, sagte Frau Clerambault, „das ist das erste vernünftige Wort, das du in deinem ganzen Leben ausgesprochen hast.“

„Siehst du“, antwortete Clerambault.

Er ließ sich von ihr versprechen, Rosine nichts zu sagen, damit sie ganz frei ihren kleinen Liebesroman durchführen könne.

Als Rosine heimkehrte, strahlte ihr Gesicht, aber sie erzählte nichts. Für Frau Clerambault war es eine große Anstrengung, zu schweigen, Clerambault dagegen beobachtete mit zärtlichem Behagen, wie das Glück wieder im Gesicht seiner Tochter strahlte. Er wußte nicht genau, was vorgefallen war, aber er konnte es sich wohl denken — nämlich, daß Rosine ihn ganz einfach über Bord geworfen hatte. Zweifellos hatten die beiden Verliebten sich auf Kosten ihrer Eltern geeinigt und mit wundervoller Gleichmütigkeit die gegenseitigen Übertreibungen ihrer alten Leute einander preisgegeben. Daniel war in den Leidensjahren des Schützengrabens, ohne in seinem Patriotismus erschüttert zu sein, doch vom engherzigen Fanatismus seiner Familie frei geworden, Rosine wiederum — sie handelten Zug um Zug — hatte sanft zugegeben, daß ihr Vater im Irrtum war. Ihr frommes und ein wenig gleichgültiges Herz fand sich leicht mit der stoischen Unterwerfung Daniels unter die herrschende Ordnung zusammen, und sie hatten beschlossen, gemeinsam ihren Weg zu gehen, ohne sich weiterhin zu kümmern um die Zänkereien der Alten, die vor ihnen waren, und die sie nun hinter sich zurückließen. Über die Zukunft machten sie sich weiter keine Sorgen. So wie all die Millionen Wesen verlangten sie von der großen Welt nichts als ihr Teil an augenblicklichem Glück und schlossen die Augen vor dem Rest.

Frau Clerambault war aus dem Zimmer gegangen, verärgert darüber, daß ihre Tochter nichts von der Begegnung erzählt hatte. Clerambault und Rosine träumten vor sich hin, er vor dem Fenster, seine Zigarre rauchend, Rosine eine Zeitung in der Hand, in der sie nicht las. Vor ihren inneren Augen versuchte sie, sich noch einmal die Einzelheiten ihrer eben erlebten Augenblicke wieder vorzumalen, da begegneten sie dem müden Gesicht ihres Vaters. Es war ein Ausdruck von Melancholie darin, der sie erschütterte. Sie stand auf, stellte sich hinter ihn, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit einem kleinen Seufzer von Mitleid, der aber doch ihre innere Zufriedenheit nicht ganz verbergen konnte:

„Armer Papa!“

Clerambault hob die Augen, sah Rosine an, deren Züge gegen ihren eigenen Willen noch ganz hell und strahlend waren.

„Das kleine Mädchen aber“, sagte er, „ist also nicht mehr arm?“

Rosine errötete.

„Warum sagst du das?“ fragte sie.

Clerambault drohte mit dem Finger. Rosine neigte sich von rückwärts über ihn, lehnte ihre Wange an die Wange ihres Vaters.

„Es ist also nicht mehr arm?“ wiederholte er.

„Nein“, sagte Rosine, „im Gegenteil, sie ist jetzt sehr reich.“

„So sag doch ein wenig, was hat sie alles?“

„Sie hat ... natürlich zunächst ihren lieben Papa ...“

„Oh, die kleine Lügnerin“, sagte Clerambault, während er versuchte, sich von ihr loszumachen und ihr in die Augen zu sehen.

Aber Rosine bedeckte ihm die Augen und den Mund mit der Hand.

„Nein, ich will nicht, daß du mich anschaust, ich will nicht, daß du noch weiterredest.“ Und sie umarmte ihn und sagte dann nochmals, während ihre Hand ihn umschmeichelte:

„Armer Papa!“