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Den Sorgen des Hauses war sie nun glücklich entkommen, und bald flog sie ganz aus dem Nest. Nach erfolgreicher Absolvierung ihrer Pflegerinprüfung wurde sie in ein Provinzspital gesandt: nun fühlten die Clerambaults noch schmerzlicher die Leere ihres Heims.

Der Einsamere von ihnen war aber nicht Clerambault. Er wußte es und beklagte aufrichtig seine Frau, die weder stark genug war, ihm zu folgen, noch sich von ihm loszulösen. Er für seinen Teil konnte, was immer auch geschah, auf gewisse Sympathien zählen, ja, es war sogar gewiß, daß gerade eine Verfolgung neue erwecken und die bisher zurückgehaltenen ans Tageslicht bringen würde. Und eben in diesem Augenblick war eine sehr teure Zuneigung zu ihm gekommen.

Eines Tages, als er allein in seinem Zimmer saß, läutete es, er ging hinaus und öffnete die Tür. Eine Dame, die er nicht kannte, überreichte ihm einen Brief und sagte, er sei für ihn bestimmt. Im Dunkel des Vorraumes glaubte sie anfangs, es mit einem Diener zu tun zu haben, und merkte erst später ihren Irrtum. Er wollte sie bitten, einzutreten, aber sie sagte:

„Nein, ich bin nur die Überbringerin.“

Sie ging wieder fort, aber kaum daß sie gegangen war, bemerkte er ein kleines Veilchensträußchen, das sie auf den Schrank bei der Tür hingelegt hatte.

Im Briefe aber stand:

„Tu ne cede malis, sed contra audentior ito.“

„Sie kämpfen für uns, und Ihr Herz ist in uns. Geben Sie uns Ihre Leiden, ich gebe Ihnen meine Hoffnung, meine Kraft, meine Liebe — ich, der ich nicht mehr tätig sein kann, der nur durch Sie tätig zu sein vermag.“

Die jugendliche Inbrunst und die letzten, ein wenig mysteriösen Worte bewegten und erregten Clerambault. Er versuchte, sich das Bildnis seiner Besucherin zu erwecken. Sie war nicht mehr ganz jung gewesen: ziemlich scharfe Züge, dunkle und ernste Augen, die leise aus dem matten Antlitz lächelten. Wo hatte er sie nur schon gesehen? Aber trotz aller inneren Mühe verschwand das Bild immer mehr.

Schon einige Tage später fand er die Fremde in einer Allee des Luxembourggartens einige Schritte vor sich wieder. Sie ging an ihm vorbei, aber er überquerte die Allee, um ihr zu begegnen. Sie blieb stehen, als sie ihn kommen sah. Er dankte ihr und fragte sie, warum sie so rasch fortgegangen sei, ohne sich ihm bekanntzumachen? In diesem Augenblick bemerkte er, daß er sie seit langem kannte. Schon oft war er ihr früher im Luxembourggarten oder den umliegenden Straßen mit einem großen Jungen, offenbar ihrem Sohne, begegnet, und immer, wenn er an ihnen vorbei kam, hatten ihn ihre Blicke mit einem leisen Lächeln vertrauter Ehrfurcht begrüßt und, ohne daß er ihren Namen wußte, ohne daß er jemals mit ihnen ein Wort gewechselt hatte, gehörten sie für ihn zu jenen lieben und vertrauten Schatten, die unser tägliches Leben begleiten, und die wir nicht immer bemerken, solange sie neben uns sind, die uns aber sofort eine Leere fühlen lassen, sobald sie verschwinden. Deshalb übertrug sich unbewußt auch sein Gedanke von der Frau vor ihm auf den jungen Begleiter, der ihm an ihrer Seite fehlte, und er sagte mit einer plötzlichen unvorsichtigen Eingebung (unvorsichtig, denn wer weiß in diesen Zeiten der Trauer jene, die noch in der Welt der Lebendigen sind?):

„War es Ihr Sohn, der an mich geschrieben hat?“ „Ja“, sagte sie, „er liebt Sie sehr. Wir lieben Sie seit langem.“

„Er soll doch zu mir kommen!“

Ein Schatten von Traurigkeit verhüllte das Antlitz der Mutter.

„Er kann ja nicht.“

„Wo ist er denn? An der Front?“

„Nein, hier.“

Nach einem Augenblick des Schweigens fragte Clerambault:

„Ist er verwundet?“

„Wollen Sie ihn sehen?“ antwortete die Mutter.

Clerambault begleitete sie. Sie schwieg, und er wagte nicht, zu fragen. Er sagte nur:

„Zum mindesten haben Sie ihn um sich.“

Sie verstand und reichte ihm die Hand.

„Wir stehen einander sehr nahe.“

Er wiederholte:

„Aber Sie haben ihn wenigstens noch.“

„Ich habe seine Seele“, sagte sie.

Sie waren zu dem Haus gelangt, einem jener alten Gebäude aus dem siebzehnten Jahrhundert, in einer der engen und noch historisch erhaltenen Straßen zwischen dem Luxembourg und Saint-Sulpice, in denen noch die zusammengehaltene Schönheit des alten Paris sichtbar geblieben ist. Die große Tür selbst war tagsüber geschlossen, Frau Froment ging Clerambault voraus, stieg am Ende des steingepflasterten Hofes ein paar Schwellen empor und schloß die Tür der ebenerdig gelegenen Wohnung auf.

„Mein kleiner Edme“, sagte sie, während sie die Zimmertür auftat, „eine Überraschung für dich!... Rate einmal ...“