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Clerambault sah im Bett einen jungen Mann ausgestreckt, der ihn ansah. Das blonde Antlitz des Fünfundzwanzigjährigen, dem die Abendsonne einen rötlichen Schein gab, war von klugen Augen erhellt und schien so gesund und ruhevoll, daß man gar nicht auf den Gedanken einer Krankheit kam, wenn man ihn sah.
„Sie!...“ sagte er, „Sie hier!“
Eine freudige Überraschung verjüngte noch mehr seine knabenhaften Züge, aber weder sein Leib noch seine Arme machten eine Bewegung unter der Decke. Und Clerambault merkte, daß nur sein Kopf wirklich lebendig war.
„Mama hat mich verraten“, sagte Edme Froment.
„Sie wollten mich also nicht sehen?“ fragte Clerambault und neigte sich über sein Kissen. „Das will ich nicht sagen“, antwortete Edme, „ich möchte nur nicht gern gesehen werden.“
„Und warum denn?“ fragte Clerambault gutmütig, mit einer leichten Anstrengung, heiter zu scheinen.
„Weil man niemand einladet, wenn man nicht mehr zu Hause ist.“
„Wo sind Sie denn?“
„Mein Gott, ich möchte fast darauf schwören ... in einer ägyptischen Mumie....“
Und er deutete mit einem Blick auf das Bett, in dem sein Körper unbeweglich lag.
„Es ist kein Leben mehr darin“, sagte er.
„Du bist der Lebendigste von uns allen“, protestierte eine Stimme neben ihm.
Clerambault bemerkte auf der anderen Seite des Bettes einen jungen Mann etwa im Alter Edme Froments, der voll Gesundheit und Kraft schien. Edme Froment lächelte und sagte zu Clerambault:
„Mein Freund Chastenay hat so viel Leben in sich, daß er mir davon leiht.“
„Ach, wenn ich es dir geben könnte“, sagte der andere.
Die beiden Freunde wechselten einen zärtlichen Blick.
Chastenay fuhr fort:
„Ich würde dir dann doch nur einen Teil dessen geben, was ich dir verdanke ...“
Und indem er sich an Clerambault wandte:
„Er ist es, der uns alle aufrecht hält, nicht wahr, Frau Fanny?“
Die Mutter sagte zärtlich:
„Mein guter Sohn, das ist wohl wahr.“
„Ihr macht euch den Umstand zunutze“, sagte Edme, „daß ich mich nicht verteidigen kann....“ (Und zu Clerambault sprechend:) „Sie sehen, ich bin gefangen und kann mich nicht rühren.“
„Sie sind verwundet?“
„Gelähmt.“
Clerambault wagte nicht, nach Einzelheiten zu fragen.
„Sie haben aber keine Schmerzen?“
„Ach, ich wünschte es mir vielleicht, denn der Schmerz ist immerhin noch ein Band, das uns mit dieser Welt verknüpft. Aber ich gebe es zu, daß ich mich an das schwere Schweigen dieses Körpers, in den ich eingetan bin, langsam gewöhne ... übrigens, sprechen wir nicht mehr davon, jedenfalls der Geist ist frei. Wenn es auch nicht wahr ist, daß er „agitat molem“, so schlüpft er doch gern heraus.“
„Jüngst“, sagte Clerambault, „war er bei mir zu Gaste.“
„Das war nicht zum erstenmal, er ist oft zu Ihnen gekommen.“
„Und ich glaubte mich so allein....“
„Erinnern Sie sich“, sagte Edme, „an das Wort Randolphs zu Cecil: Die Stimme eines einzigen Menschen ist imstande, in einer Stunde mehr Leben in uns zu bringen, als der Lärm von 500 Trompeten, die unaufhörlich blasen.“
„Das gilt aber auch von dir“, sagte Chastenay.
Froment schien seine Worte nicht gehört zu haben und sagte wieder zu Clerambault:
„Sie haben uns erweckt!“
Clerambault betrachtete die schönen, tapferen und ruhigen Augen des vor ihm Liegenden und sagte:
„Diese Augen bedurften dessen nicht!“
„Jetzt bedürfen sie dessen nicht mehr“, antwortete Edme. „Man sieht besser aus der Entfernung, wenn man aus den Dingen heraus ist. Aber solange ich nahe, ganz nahe war, konnte ich nichts unterscheiden.“
„So sagen Sie mir, was Sie jetzt sehen?“
„Es ist spät“, antwortete Edme, „und ich bin ein wenig müde. Wollen Sie vielleicht ein andermal kommen?“
„Ich komme morgen wieder.“
Clerambault trat aus dem Zimmer, Chastenay ging ihm nach. Er fühlte das Bedürfnis, die Geschichte der Tragödie, deren Held und Opfer sein Freund geworden war, jemandem anzuvertrauen, der die Qual und die Größe eines solchen Aktes würdigen konnte.
Edme Froment, den ein Granatsplitter an der Wirbelsäule getroffen und in seiner Vollkraft gelähmt hatte, war einer der jungen geistigen Führer seiner Generation, schön, leidenschaftlich, beredt, übervoll von Leben und Träumen, liebend und geliebt, ehrgeizig im schönsten Sinne, und nun ein lebendig Toter. Seine Mutter, die ihren ganzen Stolz und ihre ganze Liebe in ihn gesetzt hatte, sah ihn auf Lebenszeit verurteilt, und ihre Qual mußte ungeheuer sein. Aber beide verbargen sie voreinander. Diese gegenseitige Spannung hielt sie aufrecht. Beide waren sie aufeinander stolz. Sie pflegte ihn, wusch ihn, reichte ihm das Essen wie einem kleinen Kinde, er wiederum zwang sich zur Ruhe, um sie zu beruhigen, und trug sie auf den Schwingen des Geistes empor.
„Ach“, sagte Chastenay, „man muß sich schämen, zu leben und gesund zu sein, noch Arme zu haben, um das Leben zu umfassen, und Gelenke, um zu gehen und zu springen, und mit vollem Bewußtsein die Frische der Luft zu trinken.“
Er breitete beim Sprechen die Arme aus, hob den Kopf, und atmete tief ein.
„Und das Traurigste“, fuhr er fort, indem er Kopf und Stimme beschämt senkte, „das Traurigste ist, daß ich diese Scham gar nicht wirklich fühle.“
Clerambault mußte unwillkürlich lächeln.
„Ja, es ist nicht sehr heroisch von mir“, fuhr Chastenay fort, „und doch liebe ich Froment wie niemand anderen auf der Welt. Sein Schicksal quält mich unablässig .... und doch, es ist stärker als ich. Wenn ich daran denke, daß ich unter so vielen Hingeschlachteten das Glück habe, jetzt hier zu sein, zu fühlen mit allen meinen lebendigen Sinnen, so ist es mir schwer, meine Freude zu verbergen.... Ach, es ist ja so schön, so ganz leben zu dürfen!... Der arme Froment ... Aber Sie werden mich furchtbar egoistisch finden?“
„Nein, durchaus nicht“, sagte Clerambault. „Sie sprechen, wie die gesunde Natur spricht. Wären alle so aufrichtig wie Sie, so wäre die Menschheit nicht eine Beute jener gefährlichen Lust der Vergötterung des Leidens; Sie haben übrigens alles Recht, das Leben zu genießen, nachdem sie seine härtesten Proben bestanden haben.“
(Und er deutete auf das Kriegskreuz des jungen Mannes.)
„Ich bin hingegangen und gehe wieder zurück“, sagte Chastenay, „aber glauben Sie mir, es ist meinerseits kein Verdienst dabei. Ich täte es ja nicht, wenn ich dem Zwang ausweichen könnte. Es hat keinen Sinn, sich Staub in die Augen zu streuen: wenn man in das dritte Jahr des Krieges kommt, so hat man nicht mehr jene Liebe zum Wagnis und jene Gleichgültigkeit wie im Anfang. Damals, das muß ich zugestehen, hatte ich sie noch, damals war ich eine reine Unschuld an Heldentum. Aber es ist schon lange her, daß ich diese Jungfernschaft verloren habe, die aus Unbildung und Schönrederei zusammengeflickt war. Ist die einmal weg, so wird der Irrsinn des Krieges, die Idiotie der Massaker, die Häßlichkeit und Schauerlichkeit dieser Opfer auch dem Beschränktesten klar. Wenn es auch gar zu unmännlich wäre, vor dem Unvermeidlichen die Flucht zu ergreifen, so drängt man sich wenigstens nicht dazu, irgend etwas Unnötiges zu tun. Der große Corneille war eben auch ein Held des Hinterlandes. Die an der Front, die ich gekannt habe, die waren fast alle Helden gegen ihren Willen.“
„Aber das ist ja der wahre Heroismus“, sagte Clerambault.
„Und das ist jener Froments“, antwortete Chastenay, „er ist Held, weil er nicht anders kann, weil er nicht mehr bloß ein Mensch sein kann. Aber was ihn uns so teuer macht, ist, daß er trotzdem ein Mensch geblieben ist.“