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Die ganze Richtigkeit dieser Worte wurde Clerambault in der langen Unterhaltung klar, die er am nächsten Nachmittag mit Froment hatte. Es war um so mehr Verdienst darin, wenn sich der Stolz Froments im Zusammenbruch seines Lebens nicht verleugnete, als er vordem niemals den Kult des Verzichts betrieben hatte. Im Gegenteil, er hatte immer große Hoffnungen und einen starken Ehrgeiz gehabt, den seine geistigen Gaben und seine glückliche Jugend durchaus rechtfertigten. Nicht einen einzigen Tag hatte er sich wie Chastenay einer Illusion über den Krieg hingegeben, sondern sofort seine gefährliche Torheit durchschaut. Diese Erkenntnis verdankte er nicht nur seinem starken Intellekt, sondern vor allem der geistigen Führerin, die von Kindheit an die Seele ihres Sohnes aus dem Reinsten ihres Wesens geformt hatte.
Frau Froment, die Clerambault fast täglich bei seinen Besuchen antraf, hielt sich abseits beim Fenster und warf von Zeit zu Zeit von ihrer Arbeit einen Blick voll Zärtlichkeit auf ihren Sohn. Sie war eine jener Frauen, die zwar nicht eine außerordentliche Intelligenz, aber doch ein Genie des Herzens besitzen. Als Witwe eines Arztes, der viel älter war als sie, und dessen weitreichender Geist den ihren befruchtet hatte, waren ihr in ihrem Leben nur zwei sehr tiefe, untereinander sehr verschiedene Neigungen bewußt geworden: die fast kindliche Neigung für ihren Gatten und die fast zärtliche für ihren Sohn.
Doktor Froment, ein Mann von großer Bildung und eigenartiger Denkweise, die er unter einer aufmerksamen Höflichkeit verbarg, um die anderen, von denen er sich unterschied, nicht zu verletzen, war lange Zeit seines Lebens auf Reisen gewesen. Er hatte fast ganz Europa, Ägypten, Persien und Indien bereist, und zwar nicht nur aus wissenschaftlichem, sondern auch aus religiösem Interesse; ihn beschäftigten ganz besonders die neue Glaubensbewegung in der Welt, der Babismus, die Christian Science und die theosophischen Lehren. In inniger Beziehung zu der pazifistischen Bewegung, ein Freund der Baronin Suttner, der er in Wien begegnet war, sah er seit langem die große Katastrophe voraus, der Europa und diejenigen, die er liebte, entgegengingen. Aber als Mann von Mut und innerlich längst gewohnt, dem ewig Ungerechten der Natur ins Auge zu schauen, versuchte er weder sich noch die Seinigen über das Drohende hinwegzutäuschen, sondern einzig ihre Seele gegen die kommenden Anstürme dieser Wogen zu stärken. Noch mehr aber als durch seine Worte war er für seine Frau — der Sohn war noch ein Kind zur Zeit seines Todes — durch sein Beispiel eine heilige Erinnerung geworden, denn im langsamen und grausamen Leiden, das ihn gefangen gehalten hatte — ein Darmkrebs — hatte er bis zum letzten Tage ruhig seine Aufgabe erfüllt und überdies noch die Nächsten seiner Umgebung durch seine Ruhe getröstet.
Frau Froment bewahrte in ihrem Herzen dieses edle Bild wie einen inneren Gott. Die ehrfürchtige Erinnerung für den toten Gefährten wurde in ihrem Leben das, was bei anderen der religiöse Glaube ist. Da sie an kein anderes Leben in der Zukunft glaubte, wandte sich ihr Gebet, insbesondere in den Stunden der Sorge, an ihn, wie an einen immer gegenwärtigen Freund, der bei einem wacht und einen berät. Durch das eigenartige Phänomen der Wiedererneuerung, das oft nach dem Tode eines geliebten Wesens eintritt, schien das Innerste der Seele ihres Mannes in sie übergegangen zu sein. So erwuchs ihr Sohn in einer von ruhigen Ausblicken umhüllten Gedankenatmosphäre, die ganz verschieden war von jener tropisch fieberigen Landschaft, in der die junge Generation vor 1914, unruhig, glühend, aggressiv und vom Warten ungeduldig gemacht, mannbar wurde.... Als dann der Krieg ausbrach, mußte Frau Froment weder sich noch ihren Sohn gegen die Verführung der nationalen Leidenschaft schützen: sie war beiden von vornherein fremd. Sie versuchten auch nicht, dem Unvermeidlichen zu widerstehen, wußten sie doch schon so lange, daß dieses Unglück unterwegs war. Für sie handelte es sich einzig darum, alles zu ertragen, ohne sich ihm zu beugen, um das zu retten, was gerettet sein mußte: die Treue der Seele zu ihrem Glauben. Frau Froment glaubte nicht, daß es nötig sei, „über dem Getümmel“ zu bleiben, um es zu beherrschen, und was zwei oder drei französische, englische, deutsche Schriftsteller durch ihre Artikel für die internationale Versöhnung versuchten, das erfüllte sie von sich aus in ihrem beschränkten Kreis viel einfacher und viel wirksamer.
Sie hatte ihre alten Beziehungen aufrechterhalten, und ohne sich in dem vom Kriegswahn verseuchten Milieu gehemmt zu fühlen, ohne jemals leere Demonstrationen gegen den Krieg zu versuchen, schuf sie durch ihre bloße Gegenwart, durch ihr ruhiges Wort, ihren klaren Blick, ihr beherrschtes Urteil, durch den Respekt, den ihre Güte einflößte, eine Art Hemmung gegen die sinnlosen Übertreibungen des Hasses. Sie war es auch, die in den Kreisen, die sie dafür empfänglich hielt, die Botschaft der freien Europäer und die Artikel Clerambaults verbreitete, der davon niemals erfuhr, und sie hatte die Genugtuung, daß sie in den Herzen Widerklang fanden. Aber ihre größte Freude war, daß ihr Sohn selbst daran geformt wurde.
Edme Froment hatte nichts von einem Tolstoianer in seinem Pazifismus. Zu Anfang betrachtete er den Krieg noch viel mehr als Dummheit wie als Verbrechen. Wäre ihm Freiheit gelassen worden, so hätte er sich, wie Perrotin, aus der Welt der Tat in den erhabenen Dilettantismus der Kunst und der Ideen zurückgezogen und niemals versucht, die öffentliche Meinung zu bekämpfen, weil er diesen Kampf für aussichtslos hielt. Ihm flößte damals die Narrheit der Welt eher Verachtung als Mitleid ein. Zur Teilnahme am Kriege gewaltsam gezwungen, sah er erst ein, daß diese Narrheit durch das Leiden längst überzahlt war, und es überflüssig sei, auf die Verurteilung des Krieges noch die Verachtung zu häufen. Der Mensch schuf sich selbst seine Hölle auf Erden, es war nicht notwendig, ihn noch einmal dafür zu richten. Zu gleicher Zeit hatten ihm die Worte Clerambaults, die er während seiner Urlaubszeit in Paris kennen lernte, gezeigt, daß er Besseres zu tun habe, als sich als Richter seiner gefesselten Kameraden aufzuspielen: nämlich zu versuchen, deren Last zu teilen und sie davon zu befreien.
Nur ging der junge Schüler darin weiter als sein Lehrer, dessen liebebedürftige, ein wenig schwächliche Natur glücklich war in einer Gemeinschaft mit den Menschen, der daran litt, sich von ihnen zu trennen, selbst wenn sie im Irrtum waren. Clerambault zweifelte stets an sich. Er sah nach rechts und links, suchte in den Augen der menschlichen Masse nach einer Zustimmung zu seinen Ideen und erschöpfte sich im unfruchtbaren Bemühen, sein inneres Gesetz mit den sozialen Bestrebungen und Kämpfen seiner Zeit in Einklang zu bringen. Für Froment, den Hingestreckten, der in seinem unterjochten Körper die Seele eines Führers hatte, bestand kein Zweifel an der absoluten Pflicht für jeden, dem die Flamme eines großen Ideals anvertraut ist, sie über die Häupter seiner Gefährten zu erheben. Warum versuchen, das Licht ängstlich zuzudecken oder es im Schein der andern Leuchten aufgehen zu lassen? Der Gemeinplatz der Demokratien: „Die ganze Welt ist klüger als der eine Voltaire“, war für ihn ein Irrtum ... Demokritos sagt: „Unus mihi pro populo est.“ „Ein einziger zählt für mich soviel wie tausend.“ Nach der Meinung unserer Zeit stellt die staatliche Gesellschaft den Gipfel der menschlichen Entwicklung dar. Wer kann die Wahrheit dieser Hypothese beweisen? „Für mich“, sagte Froment, „ist der höchste Gipfelpunkt einzig im überlegenen Individuum. Millionen Menschen haben gelebt und sind gestorben, um eine einzige höchste Gedankenblüte zu entfalten. In verschwenderischer Art geht die Natur zu diesem Ziele, sie opfert ganze Völker, um einen Jesus, einen Buddha, einen Äschylos, einen Leonardo, einen Newton, einen Beethoven zu schaffen. Was wären denn die Völker, was wäre die Menschheit ohne diese Menschen?.... Wir wollen damit nicht das egoistische Ideal des Übermenschen aufnehmen. Ein großer Mann ist groß für, ist groß statt aller anderen Menschen. Seine Persönlichkeit drückt Millionen Menschen aus und führt sie empor, denn sie ist die Verkörperlichung ihrer geheimsten Kräfte, ihrer höchsten Wünsche. Sie drängt sie alle in ihrem Wesen zusammen — und schon sind sie verwirklicht. Die einzige Tatsache, daß ein Mensch Christus gewesen ist, hat Jahrhunderte der Menschheit erhoben und über die Erde hinweggetragen und sie mit göttlichen Kräften erfüllt. Und obwohl neunzehn Jahrhunderte seitdem vergangen sind, haben doch die Millionen Menschen niemals die Höhe des Vorbildes erreicht und mühen sich noch immer, ihm nachzukommen. — Wird das individualistische Ideal in dieser Weise verstanden, so ist es fruchtbarer für die menschliche Gesellschaft als das kommunistische, das nur zu der mechanisch-technischen Vollendung eines Ameisenhaufens führt. Zum mindesten ist es aber unentbehrlich als Korrektiv und als Ergänzung des anderen.“
Dieser stolze Individualismus, den Froment in heißen Worten ausdrückte, richtete den immer ein wenig schwankenden Geist Clerambaults auf, der leicht unentschieden blieb, teils aus Güte, teils aus Zweifel an sich selbst, teils durch die Bemühung, immer auch die anderen zu verstehen.
Noch einen anderen Dienst erwies ihm Froment dadurch, daß er mehr als Clerambault über die internationalen Gedanken informiert war. Da er durch seine Familie unter den Intellektuellen aller Länder Beziehungen hatte und vier oder fünf fremde Sprachen beherrschte, konnte Froment dem älteren Freunde Kenntnis geben von den anderen großen Einsamen, die in jeder Nation für das Recht des freien Gewissens kämpften. Er zeigte ihm die ganze unterirdische Arbeit des niedergehaltenen Gedankens, der sich bemühte, die Wahrheit zu finden. Und es war dies ein tröstliches Schauspiel, daß selbst das Zeitalter der furchtbarsten moralischen Tyrannei, die seit der Inquisition auf der Seele der Menschheit lastete, es doch nicht zuwege brachte, in der Elite jedes Volkes den unbändigen Lebenswillen nach Freiheit und Wahrheit zu ersticken.
Freilich, diese unabhängigen Persönlichkeiten waren selten, aber darum war ihre moralische Macht eine um so größere. Ergreifend zeichnete sich ihre Silhouette gegen den leeren Horizont ab, und im Sturz der Völker in die Tiefe des Abgrundes, wo Millionen Seelen zu einem formlosen Brei sich vermengten, erklang ihre Stimme als das einzige menschliche Wort. Daß sie tätig waren, wurde vor allem sichtbar durch die Wut derjenigen, die ihr Tun zu leugnen suchten. Schon vor einem Jahrhundert schrieb Chateaubriand:
„Kämpfe haben keinen Sinn mehr. Man muß sein, das ist die einzige Sache, die notwendig ist.“
Doch er sah nicht voraus, daß in unserer Zeit „sein“, das heißt „man selbst sein“, „frei sein“, gerade den allergrößten Kampf erforderte. Aber die Menschen, die ganz ihr wahres Ich sind, dominieren schon durch diese einzige Tatsache der Gleichförmigkeit der anderen.