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Es war am Karfreitag. Die große Sturzflut der Offensive warf sich gegen das Herz Frankreichs. Auch der Tag der heiligen Trauer unterbrach das Massaker nicht, denn der bürgerliche Krieg kennt keinen Gottesfrieden mehr. Christus war in einer seiner Kirchen bombardiert worden, und die Nachricht von der mörderischen Explosion in der Kirche Saint-Gervais gerade um die Vesperstunde verbreitete sich nachts im lichtlosen Paris, das von Trauer, Zorn und Furcht erfüllt war.
Die Freunde hatten sich in ihrer Betrübnis bei Froment versammelt. Ohne Verabredung waren sie hingekommen, weil sie sicher waren, einander dort zu finden. Überall sahen sie Gewalt: in der Vergangenheit, in der Zukunft, bei dem Feinde, bei den Ihren, im Lager der Reaktion ebenso wie in dem der Revolution. Ihre Angst und ihre Zweifel vereinigten sich in einem einzigen Gedanken, und der Bildhauer sagte:
„Vergeblich beruhen unsere heiligsten Überzeugungen, unser Glaube an den Frieden und die menschliche Brüderlichkeit auf der Vernunft und der Liebe. Gibt es denn wirklich gar keine Hoffnung, daß sie jemals Macht gewinnen über die Menschen? Wir sind zu schwach!“
Und Clerambault rezitierte, ganz ohne es zu wollen, die Worte des Jesaias, die ihm plötzlich in Erinnerung kamen:
„Dunkel bedecken die Erde, und der Schatten umhüllt die Völker....“
Er hielt inne. Aber von seinem kaum erhellten Bett fuhr Froment unsichtbar fort:
„Stehet auf, denn von den Gipfeln der Berge erscheinet das Licht....“
„Ja, es erscheint“, wiederholte aus dem Dämmer die Stimme der Frau Froment, die zu Füßen des Bettes an der Seite Clerambaults saß. Clerambault faßte ihre Hand. Es war wie ein kühler Schauer, der durch das Zimmer lief.
„Warum sagen Sie das?“ fragte der Graf Coulanges.
„Weil ich Ihn sehe!“
„Ich sehe Ihn auch“, sagte Clerambault.
Der Doktor Verrier fragte:
„Wen?“
Aber ehe die Antwort noch ausgesprochen war, wußten schon alle das Wort im voraus.
„Der das Licht bringt ..., den Gott, der sie besiegt....“
„Ihr wartet auf einen Gott!“ sagte der alte Hellenist, „Ihr glaubt also an das Wunder?“
„Das Wunder sind wir. Ist es denn nicht ein Wunder, daß in dieser Welt unaufhörlicher Gewalttätigkeit wir den Glauben an die Liebe und die Gemeinschaft der Menschen bewahrt haben?“
Coulanges sagte bitter:
„Seit Jahrhunderten erwartet man den Christus, und immer, wenn er kommt, erkennt man ihn nicht und kreuzigt ihn. Und alle vergessen ihn dann mit Ausnahme einer Handvoll Bettler, die gut und beschränkt sind. Diese Handvoll vermehrt sich, und während eines Menschenalters blüht der Glaube. Dann aber wird er verfälscht, wird durch seinen Erfolg verraten, durch seine ehrgeizigen Diener, die Kirche. Und das geht dann durch Jahrhunderte so dahin.... Adveniat regnum tuum ... Aber wo, wo ist denn das Gottesreich?“
„In uns“, antwortete Clerambault. „Die Kette unserer Prüfungen und Hoffnungen formt den ewigen Christus. Wir sollten glücklich sein, wenn wir daran denken, daß uns das Vorrecht zuteil ward, den neuen Gott in unserem Herzen beherbergen zu dürfen wie das Kind in der Krippe.“
„Aber was gibt uns das Zeichen, daß er gekommen ist?“ fragte der Arzt.
„Unser Sein“, antwortete Clerambault.
„Unsere Leiden“, antwortete Froment.
„Unser verkannter Glaube“, antwortete der Bildhauer.
„Die einzige Tatsache schon, daß wir sind“, setzte Clerambault hinzu, „dieser Widersinn, den wir der Natur ins Antlitz schleudern, den diese aber bestreitet. Hundertmal entflammt sich die Flamme und verlöscht wieder, ehe sie leuchten bleibt. Jeder Christus, jeder Gott hat sich vorher zu gestalten versucht in einer ganzen Reihe von Vorläufern. Überall sind sie, verloren und vereinsamt im Raume und vereinsamt in den Jahrhunderten. Aber diese Einsamen, die einander nicht kennen, sehen alle am Horizont den gleichen leuchtenden Punkt, den Blick des Erlösers. Und er kommt!“
Froment sagte:
„Er ist gekommen!“
Als sie voneinander in einem Gefühl gegenseitiger Liebe und fast wortlos geschieden waren, um nicht den gläubigen Zauber, der sie umfaßte, zu zerstören, und jeder sich allein in der Nacht der Straße fand, da bewahrten sie alle die Erinnerung eines Schauers der Erleuchtung, den sie nicht verstehen konnten. Der Vorhang war wieder vor ihnen niedergesunken. Aber sie konnten nicht vergessen, daß er sich für eine Sekunde ihnen aufgetan hatte.