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Einige Tage später kam Clerambault, der einer Vorladung des Untersuchungsrichters Folge geleistet hatte, über und über mit Kot bedeckt nach Hause. Sein Hut, den er in der Hand hielt, war ganz zerfetzt und seine Haare naß vom Regen. Das Dienstmädchen stieß bei seinem Anblick einen Schrei aus, er bedeutete ihr zu schweigen und ging in sein Zimmer. Rosine war nicht zu Hause. Sonst sahen sich die beiden Eheleute, die allein in der leeren Wohnung geblieben waren, nur mehr bei den Mahlzeiten und sprachen sich auch dann so selten als möglich. Aber der Schrei des Dienstmädchens ließ Frau Clerambault ein neues Unglück vorausfühlen, und die Erklärungen des Mädchens bestätigten nur ihren Verdacht. Sie trat in das Zimmer Clerambaults und rief nun ihrerseits aus:

„Mein Gott, was hast du denn schon wieder gemacht?“

Clerambault in seiner Beschämung lächelte schüchtern und entschuldigte sich.

„Ich bin ausgerutscht ...“

Er versuchte die Spuren des Überfalls wegzusäubern.

„Du bist ausgerutscht?... Drehe dich doch um ... Wie du dich zugerichtet hast.... Mein Gott, man hat doch mit dir keinen ruhigen Augenblick.... Du gibst wirklich gar nicht acht.... Bis zu den Augen hinauf hast du Kotspritzer ... und da auf der Wange....“

„Ja, ich glaube, ich habe mich angeschlagen.“

„Ach, was man für ein Unglück mit dir hat.... ‚du glaubst‘ ... daß du dich angestoßen hast?... Bist du ausgerutscht?... Bist du gefallen ...?“

Sie sah ihm ins Gesicht. „Es ist nicht wahr!“

„Aber ich sage dir doch ...“

„Es ist nicht wahr ... sage mir doch die Wahrheit ... Man hat dich geschlagen ...?“

Er antwortete nicht.

„Sie haben dich geschlagen!... Ah, diese wilden Tiere.... Du armer Mann! Sie haben dich geschlagen! Dich, der du so gut bist, dich, der in seinem ganzen Leben niemandem Böses getan hat.... Ah, das ist doch zu viel Gemeinheit....“

Sie umarmte ihn schluchzend.

„Du gute Frau“, sagte er sehr gerührt, „das ist doch nicht so wichtig. Und dann, ich mache dich ja schmutzig, du darfst mich jetzt nicht anrühren.“

„Das macht nichts“, sagte sie, „ich habe zu viel auf dem Herzen! Verzeihe mir!“

„Was soll ich dir denn verzeihen, ... was redest du denn da?“

„Auch ich bin schlecht gegen dich gewesen. Ich habe dich nicht verstanden ... (ich werde dich ja nie verstehen), aber ich weiß doch gut, daß, was immer du tust, du nichts als das Rechte willst. Ich hätte dich verteidigen sollen und habe es nicht getan, ich war dir böse über deine Dummheit (und bin doch selbst die Dumme), ich war dir böse, daß du uns mit allen andern auseinandergebracht hast.... Aber jetzt ... nein, das ist wirklich zu gemein.... Menschen, die nicht würdig sind, deine Schuhriemen zu lösen, ... und sie haben dich geschlagen! Laß mich doch dein armes beschmutztes Gesicht küssen!“

Es war so gut, sich wiederzufinden, nachdem man sich so lange verloren hatte. Sie weinte lange am Halse Clerambaults. Dann half sie ihm sich umkleiden, wusch ihm die Wange mit Arnika und trug seine Kleider fort, um sie ausbürsten zu lassen. Bei Tisch behütete sie ihn mit treuen, unruhigen Augen und versuchte, ihn von seinen Sorgen abzulenken, indem sie von altvertrauten Dingen sprach. Und wie sie so beide an diesem Abend allein und ohne Kinder im Hause waren, kam die Erinnerung an lang vergangene Jahre, an die erste Zeit ihrer Ehe zurück. Und dieses geheime Wiedererinnern hatte eine melancholische und verklärte Milde, wie das Vesperläuten über das Dunkel noch ein letztes warmes Leuchten des verlorenen Mittagläutens hinklingen läßt.

Gegen zehn Uhr abends ging noch einmal die Glocke. Es war Julian Moreau mit seinem Freunde Gillot. Sie hatten die Abendblätter gelesen, die auf ihre Art über den Vorfall berichteten. Die einen sprachen von einer exemplarischen Züchtigung durch die öffentliche Verachtung und rühmten die „spontane“ Entrüstung der Menge. Die anderen, die ernsten Blätter, taten so, als ob sie prinzipiell eine Volksjustiz, die sich auf der Straße Luft machte, für ungehörig erklärten, aber sie schoben die Verantwortung dafür auf die Schwäche der Regierung, die solange zögerte, Licht in die Affäre zu bringen. Es war gar nicht unwahrscheinlich, daß dieser Tadel der Regierung von der Regierung selbst inspiriert war, denn die geschickten Politiker lassen sich bei manchen Gelegenheiten zu gewissen Dingen zwingen, die sie gern selbst tun möchten, aber auf die sie nicht sehr stolz sind. Die Arretierung Clerambaults schien also unmittelbar bevorzustehen. Moreau und sein Freund waren darüber beunruhigt, aber Clerambault machte ihnen ein Zeichen, sie sollten in Gegenwart seiner Frau schweigen und führte sie, nachdem er einige Zeit über den Vorfall in heiterer Weise gescherzt hatte, in sein Zimmer. Dort fragte er sie, was sie beunruhigte. Sie zeigten ihm einen haßerfüllten Artikel jenes nationalen Blattes, das seit Wochen die Hetze gegen Clerambault aufführte. Die Manifestation von heute hatte jene auf den Geschmack gebracht, und sie forderten ihre Freunde auf, sie morgen zu wiederholen. Moreau und Gillot befürchteten Gewalttätigkeiten, wenn sich Clerambault in den Justizpalast begeben würde, und sie waren gekommen, um ihn zu überreden, nicht auszugehen. Sie kannten seinen ein wenig furchtsamen Charakter und glaubten, ihm nicht besonders zusprechen zu müssen. Aber ebensowenig wie damals, als Moreau ihn mitten in einer Ansammlung diskutierend getroffen hatte, schien Clerambault sie zu verstehen.

„Ich soll nicht ausgehen? Warum denn nicht, mir fehlt doch nichts?“

„Aber es wäre klüger!“

„Im Gegenteil, es wird mir gut tun.“

„Aber man weiß nicht, was Ihnen zustoßen kann.“

„Das weiß man niemals, dazu hat man noch Zeit, sobald es einmal geschehen ist.“

„Also, um aufrichtig zu sprechen: es ist gefährlich. Man reizt schon seit langem die Leute auf. Sie sind heute verhaßt und Ihr Name genügt, ein paar von den Dummköpfen, die Sie nur durch ihre Zeitungen kennen, bis zum Platzen zu ärgern. Und diese Antreiber suchen ja nur einen Eklat. Gerade durch die Ungeschicklichkeit Ihrer Gegner haben Ihre Worte mehr Echo gefunden, als Sie dachten. Nun fürchten sie, daß diese Ideen sich Bahn brechen und wollen ein Exempel statuieren, um alle abzuschrecken, die Ihrer Meinung sind.“

„Ja, aber“, sagte Clerambault, „wenn es wirklich solche gibt, die meiner Meinung sind — ich war dessen bisher noch nicht gewiß — so darf ich mich in einem solchen Augenblick doch nicht zurückziehen. Will man an mir ein Exempel statuieren, so muß ich es über mich ergehen lassen.“

Er schien so guten Mutes, daß die beiden sich fragten, ob er sie wirklich verstanden habe. „Ich wiederhole Ihnen“, sagte Gillot nochmals, „daß Sie viel riskieren.“

„Mein Freund“, sagte Clerambault, „heute riskiert die ganze Welt sehr viel.“

„Aber es muß doch wenigstens ein Nutzen bei so etwas sein; warum wollen Sie ihnen eine Gefälligkeit erweisen und sich in den Rachen des Löwen wagen?“

„Nun, ich glaube wiederum, daß das uns im Gegenteil sehr nützlich sein kann“, sagte Clerambault, „und daß, was immer auch geschieht, der Löwe das Nachsehen haben wird. Ich möchte auch das auseinandersetzen.... Sie verbreiten ja nur unsere Ideen, denn die Gewalttätigkeit heiligt immer die Sache, die sie verfolgt. Sie wollen Schrecken verbreiten, und sie werden auch Schrecken verbreiten ... aber bei den Ihren ..., bei denen, die noch zögern und verängstigt sind. Lassen wir sie nur ungerecht sein, es geht auf ihre Kosten ...“

Er schien zu vergessen, daß es auch auf die Kosten der Seinen ging.

Als sie aber sahen, daß er entschlossen war, wuchs mit ihrer Unruhe auch ihr Respekt und sie erklärten:

„In diesem Falle aber kommen wir mit unseren Freunden, um Sie zu begleiten.“

„Nein, nein, was ist das für ein törichter Einfall! Ihr wollt mich doch nicht lächerlich machen ... und schließlich, ich bin ja doch sicher, daß nichts geschehen wird!“

Ihr Drängen blieb ohne jeden Erfolg.

„Mich werden Sie jedenfalls nicht verhindern können, zu kommen“, sagte Moreau, „ich habe einen ebenso harten Kopf wie Sie. Lieber will ich die ganze Nacht auf der Bank gegenüber der Tür verbringen, als Sie zu verfehlen und allein zu lassen.“

„Gehen Sie nur heim in Ihr Bett“, sagte Clerambault, „und schlafen Sie ruhig. Wenn Sie unbedingt wollen, so kommen Sie eben morgen früh, aber Sie werden Ihre Zeit verlieren. Es wird nichts geschehen. Auf jeden Fall: umarmen wir uns.“

Sie umarmten ihn zärtlich.

„Sehen Sie“, sagte Gillot schon an der Türschwelle, „man hat irgendwie die Pflicht, Sie zu behüten, wir sind ein wenig Ihre Kinder.“

„Ja, das ist wahr“, sagte Clerambault mit einem guten Lächeln.

Er dachte an seinen Sohn. Als er die Tür schloß, vergingen einige Minuten, bis er bemerkte, daß er aufrechtstehend träumte, mit der Lampe in der Hand unbeweglich im Vorzimmer stehend, in dem er sich eben von seinen Freunden verabschiedet hatte. Es war fast Mitternacht, und Clerambault war müde. Dennoch trat er, statt in das gemeinsame Schlafgemach zu gehen, ganz unbewußt noch einmal in sein Zimmer zurück. Das Zimmer, das Haus, die Straße waren eingeschlafen; er setzte sich hin und fiel wieder in seine Starre zurück. Undeutlich, ohne es eigentlich zu sehen, betrachtete er den Lichtreflex vor sich auf der Glasscheibe einer Rembrandt-Radierung, der „Auferstehung des Lazarus“, die an einer Seitenwand seiner Bibliothek aufgehangen war.... Er lächelte einem teuren Antlitz zu, das lautlos eingetreten und nun bei ihm war.

„Bist du nun zufrieden?“ dachte er, „das wolltest du doch?...“

Und Maxime sagte: „Ja.“

Und er fügte mit leisem Spott bei:

„Es war nicht ganz ohne Mühe, bis ich dich so weit gebracht habe, Papa.“

„Ja“, sagte Clerambault, „wir haben viel von unseren Kindern zu lernen.“