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Clerambault legte sich zu Bett. Seine Frau war schon eingeschlafen. Keine Sorge ließ sie jemals den Frieden jenes tiefen Schlummers verlieren, in den manche Seelen wie in ein Grab hinabstürzen. Die Seele Clerambaults hatte weniger Ungeduld, sich zu versenken. Auf dem Rücken ausgestreckt, blieb er die ganze Nacht unbeweglich mit offenen Augen liegen.

Blasses Licht erhellte die Straße, zarte Halbdämmerung. Stille Sterne standen am dunklen Himmel. Einer von ihnen glitt nieder und beschrieb einen Kreis: es war ein Flugzeug, das über der schlafenden Stadt wachte. Die Augen Clerambaults folgten seinem Flug und schwebten mit. Sein waches Ohr hörte nun auch das ferne Sausen des menschlichen Planeten, diese Sphärenmusik, die die Weisen Ioniens noch nicht geahnt hatten.

Er war glücklich. Sein Körper und sein Geist schienen ihm gleichsam beschwingt, seine Glieder ebenso wie seine Gedanken entspannt, und so ließ er sich hinwegtragen und schwebte.... Die Bilder des fiebrigen und ermattenden Tages zogen noch einmal im Fluge vorbei, doch sie hielten ihn nicht mehr fest.... Ein alter Mann, von einer Bande junger Bürger gestoßen ... zuviel Lärm, zuviel Bewegung!... Aber schon sind sie wieder weit, so wie Gesichter, die man einen Augenblick an den Fenstern eines vorüberfliegenden Zuges grinsen sieht. Aber der Zug ist vorüber, das Bild stürzt in das Dunkel des donnernden Tunnels.... Aber auf dem nächtlichen Himmel gleiten noch immer geheimnisvolle Sterne, und rings um ihn sind die schweigenden Räume, die dunkle Durchsichtigkeit und eisige Frische der Luft über der nackten Seele. Oh, Unendlichkeit in einem Tropfen des Lebens, im Funken eines Herzens, das erlöschen will, das sich aber freigemacht hat und weiß, wie bald es in seine große Heimat wiederkehrt!

Und wie der treue Verwalter eines ihm vertrauten Gutes machte Clerambault noch einmal die Bilanz seines Tages. Er überflog alle seine Versuche, seine Anstrengungen, seine Anläufe, seine Irrtümer. Wie wenig blieb übrig von seinem Leben? Fast alles, was er aufgebaut, hatte er nachher mit seinen eigenen Händen zerstört. Er hatte im gleichen Herzen verneint, was er vordem bejaht hatte, und nie aufgehört, im Walde der Zweifel und Widersprüche herumzuirren, müde, blutend, erschöpft und als einzige Wegzeiger die Sterne, die manchmal zwischen dem Gezweige auftauchten und wieder verschwanden. Was für ein Sinn war in diesem langen, stürmischen Lauf, der in Nacht mündete? Ein einziger! Er war frei gewesen.

Frei ...! Was war denn dies, diese Freiheit, die ihn mit ihrer herrischen Trunkenheit übermannte, die Freiheit, deren Herrn und Beute er sich zugleich fühlte, dieser Zwang, frei zu sein? Er gab sich keiner Täuschung hin, er wußte wohl, daß er ebenso wie die anderen der ewigen Gebundenheit nicht entfliehen konnte, aber seine Fron war eine andere (es ist nicht jedem die gleiche bestimmt). Das Wort Freiheit drückt nur eines der hohen und klaren Gesetze der unsichtbaren Herrin der Welt aus — der Notwendigkeit. Sie ist es, die den Aufruhr der Vorkämpfer erweckt und sie in Feindschaft stellt zur ewigen Vergangenheit, die die dunklen Massen mit sich hinschleppt. Sie ist das Schlachtfeld der ewigen Gegenwart, wo ewig die Vergangenheit mit der Zukunft kämpft, und in diesem Kampfe zerbrechen unausgesetzt die alten Gesetze, um neuen Gesetzen Raum zu geben, die dann ihrerseits vernichtet werden.

O Freiheit! Immer trägst du Ketten, aber es sind nicht mehr die zu engen der Vergangenheit. Jede deiner Bewegungen macht dein Gefängnis weiter. Wer weiß? Wer weiß?... Vielleicht später einmal ... wenn man die Mauern deines Gefängnisses zertrümmert....

Inzwischen aber bemühen sich alle, die du retten willst, leidenschaftlich, dich zu verlieren. Du bist der Staatsfeind, „L’Un contre tous“, „der Eine gegen Alle“. (So hatten sie den schwachen, den unsicheren, den mittelmäßigen Clerambault genannt; aber nicht an sich selbst denkt er jetzt, sondern an den, der immer war, seit Menschen sind, an den, der nicht aufhört, ihre Torheit zu bekämpfen, um sie zu befreien, der Eine, gegen den sie alle sind.) Wie oft haben sie ihn im Laufe der Jahrhunderte zur Seite gestoßen und niedergeschmettert! Aber im Schoße der Angst überkommt ihn eine übernatürliche Freude und erfüllt ihn rauschend, denn er ist das heilige Korn, das Goldkorn der Freiheit. Im dunkeln Schicksal der Welt rollt seit dem Chaos — aus welcher Ähre mag es gefallen sein? — das Samenkorn des Lichtes. Schutzlos, hat es sich im Grunde des wilden Menschenherzens eingekapselt. Im Lauf der Jahrhunderte hat es dem Ansturm der Urgesetze widerstanden, die das Leben zerknicken und zerbrechen. Und das goldene Samenkorn wird größer und größer, unaufhaltsam.

Der Mensch, das waffenloseste Tier, hat sich gegen die Natur erhoben und sie bekämpft. Jeder seiner Schritte war mit seinem Blut genetzt, und nicht nur außerhalb seiner selbst, sondern in sich selbst, mußte er die Natur verfolgen, da er ja selber ihr Teil ist. Und dies ist die schwerste Schlacht, die der zerteilte Mensch gegen sich selbst führt. Wer wird siegen? Einerseits die Natur auf ihren erzenen Wegen, die die Völker und die Welt in den Abgrund reißt, auf der anderen Seite das freie Wort. Verlacht es nur, ihr Sklaven!... „Lächerlich!“ sagen sie, diese Anbeter der Gewalt: „Ein armseliger Köter, der hinter den Rädern eines Schnellzuges herkläfft.“ Ja, so stünde es, wäre der Mensch nur ein Stück Materie unter dem Prägehammer des Schicksals, das blutet und vergeblich stöhnt. Aber jener Geist ist in ihm, der Achilles an der Ferse und Goliath an seiner Stirn zu treffen weiß. Er braucht nur eine Schraube auszureißen, und der reißende Zug entgleist und sein Lauf ist zerbrochen.... Rollt hin durch die Jahrhunderte, ihr Planetenkreise, ihr dunklen Menschenmassen, erhellt von den Blitzen des befreienden Geistes, von Buddha, Jesus, den Weisen, den Zerbrechern der Ketten.... Der Blitz naht, ich fühle ihn in meinem Gebein knistern, wie unter dem Hufschlag des Pferdes der Funken im Stein; die Luft bebt, die große Windwelle erhebt sich.... Der Schauer, der dem Geschehnis voranläuft.... Die dicke Wolke des Hasses preßt sich zusammen, häuft und stößt sich.... O Feuer, bald bist du aufgesprungen!... Ihr, die ihr allein gegen alle seid, worüber klagt ihr? Ihr seid dem Joch, das euch niederdrückt, entronnen, und so wie man im Alpdruck sich dem schwarzen Wasser eines Traumes entringt, wieder kämpfend an die Oberfläche kommt, wieder hinabstürzt und fast schon erstickt, um dann plötzlich in einem verzweifelten Ruck aller Glieder sich aus dem Wasser zu reißen und — gerettet! — auf das harte Gestein des Ufers hinstürzt.... Möge es mein Fleisch schmerzend zerfetzen! Um so besser, ich erwache doch wieder in freier Luft.

Nun bin ich, du drohende Welt, deiner Fesseln los, du kannst mich nicht mehr anschmieden. Und ihr, die ihr mich und meinen verabscheuten Willen bekämpft, wißt, daß dieser mein Wille in euch ist! Ihr wollt, wie ich, frei sein, und ihr leidet daran, es nicht zu sein. Dies euer Leiden macht euch zu meinen Feinden. Aber selbst wenn ihr mich tötet, dann ist es nicht mehr an euch, zu sagen, ihr hättet das Licht, das in mir war, nicht gesehen, oder, falls ihr es gesehen habt, es zurückzuweisen! Schlagt also zu! Indem ihr mich bekämpft, bekämpft ihr euch selbst. Von vornherein seid ihr die Besiegten. Und ich, indem ich mich verteidige, verteidige euch alle. Der „Eine gegen Alle“ ist der „Eine für Alle“, und er wird bald der „Eine mit Allen“ sein.

Nein, ich werde nicht allein bleiben, ich bin es nie gewesen. Gruß euch, ihr Weltbrüder! So weit ihr auch sein möget, über die Welt hingestreut wie der Samen aus einer Hand, so seid ihr doch alle hier an meiner Seite: ich weiß es. Denn niemals ist der Gedanke eines einsamen Menschen so wie er selbst allein. Jede Idee, die in einem Menschen ersteht, keimt schon in anderen Menschen, und immer, wenn irgendein Unglücklicher, verkannt, geschmäht, sie in seinem Herzen erwachen fühlt, möge er freudig sein. Denn es ist die ganze Erde, die erwacht.... Der erste Funke, der in einer einsamen Seele erglänzt, ist schon die Spitze jenes Strahls, der die Nacht durchleuchten wird. So komme, Licht, verbrenne die Nacht, die mich umgibt und die mich erfüllt....!