§
Und es kam. Das klare Licht des Tages war so jung und hell wie nur je. Der Schmutz der Menschen kann es nicht beflecken, die Sonne trinkt ihn auf wie einen Nebel.
Frau Clerambault erwachte und sah ihren Mann mit offenen Augen. Sie meinte, auch er sei eben erwacht, und sagte:
„Du hast gut geschlafen. Du hast dich nicht ein einzigesmal in der Nacht gerührt.“
Er widersprach nicht, lächelte aber bei dem Gedanken an die lange Fahrt, die er gemacht hatte. Der Geist, der unruhige Vogel, der durch die Nacht hinstreift, nun faßte er wieder Fuß. Clerambault stand vom Bette auf.
Zur gleichen Stunde stand ein anderer auf, der ebensowenig wie er in dieser Nacht geschlafen hatte, und der ebenso das Bildnis seines toten Sohnes sich vor den Blick gerufen und der an ihn — an ihn, Clerambault, den er nicht kannte — mit der ganzen Starrheit des Hasses dachte.
Die erste Post brachte einen Brief von Rosine. Sie vertraute ihrem Vater das Geheimnis an, das er seit langem ahnte. Daniel hatte ihr einen Heiratsantrag gemacht, und sie würden sich bei seiner nächsten Heimkehr von der Front vermählen. Der Form halber erbat sie sich die Zustimmung der Eltern, sie wußte wohl, daß ihr Wille auch der ihrige war. Der Brief strahlte von einem Glück, das sich seine jubelnde Gewißheit durch nichts zerstören ließ. Das traurige Rätsel der zerrissenen Welt hatte nun plötzlich einen Sinn bekommen, ihre junge, alles auftrinkende Seele empfand das Leiden einer Welt als nicht zu hohen Preis für die Blüte, die sie von diesem blutigen Rosenstrauch pflücken durfte.... Immerhin verriet sich auch ihr mitfühlendes Herz. Sie vergaß nicht die anderen und ihre Qual, den Vater und seine Sorgen. Aber sie rührte sie mit seligen Armen an, und es war, als wollte sie mit einer naiven und zärtlichen Übermütigkeit sagen:
„Ihr guten Freunde, quält euch doch nicht immer mit euren Gedanken. Ihr seid wirklich unklug, man soll nicht traurig sein. Ihr seht, das Glück kommt schließlich doch.“
Clerambault lächelte gerührt, während er den Brief las.
„Ja, ja, ganz gewiß, das Glück kommt, nur hat nicht die ganze Welt Zeit, darauf zu warten.... Grüße es von mir, kleine Rosine, und lasse es nicht mehr von dir.“