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Obwohl die Vorladung auf ein Uhr lautete und es kaum Mittag war, hatte es Clerambault doch eilig, fortzugehen. Er fürchtete, zu spät zu kommen.

Er hatte nicht weit zu gehen. Seine Freunde hätten ihn nicht gegen die übrigens sehr spärliche Rotte zu verteidigen brauchen, die ihn beim Eingang des Justizpalastes erwartete, denn die Nachrichten des heutigen Tages lenkten von den gestrigen ab. Höchstens hätten einige feige Köter, die sich mehr lärmend als beunruhigend gebärdeten, versucht, ihm von rückwärts die Zähne zu zeigen.

Sie waren an die Ecke der Rue Vaugirard und Rue d’Assas gekommen, als Clerambault bemerkte, daß er etwas vergessen hatte, und seine Freunde für einen Augenblick stehen ließ, um noch einmal hinaufzugehen und einige Papiere aus seiner Wohnung zu holen. Sie blieben unten, um auf ihn zu warten, und sahen, wie er den Fahrweg überquerte. Auf dem Trottoir gegenüber, bei einem Wagenplatz, trat ihn ein Mann seines Alters an, ein nicht sehr großer und ein wenig schwerfälliger Mann aus dem Bürgerstand. Alles geschah so schnell, daß sie nicht einmal Zeit hatten, einen Schrei auszustoßen: ein Wortwechsel, ein ausgestreckter Arm, ein Knall. Sie sahen Clerambault wanken und liefen hin. Aber es war schon zu spät.

Sie streckten ihn auf eine Bank hin, die Menge — mehr neugierig als erregt — (ach, man hatte so viel solcher Dinge gesehen und gelesen) drängte sich herzu und gaffte.

„Was ist denn?“

„Ein Flaumacher.“

„So, dann ist es schon gut! Die Schurken haben uns genug geschadet.“

„Nun, es gibt schon ein größeres Verbrechen, als zu wünschen, daß dieser Krieg einmal zu Ende ist.“

„Es gibt nur eine Möglichkeit, daß er zu einem Ende kommt, und die ist, ihn bis an das Ende zu führen. Nur die Pazifisten verlängern den Krieg.“

„Sie sind sogar schuld daran! Ohne sie wäre nie einer gekommen, der Boche hat mit ihnen gerechnet.“

Und Clerambault dachte im Halbbewußtsein an die alte Frau, die ihr Stück Holz zum Scheiterhaufen des Johann Huß hinschleppte .... Sancta Simplicitas!

Vaucoux hatte nicht die Flucht ergriffen und sich widerstandslos den Revolver aus der Hand nehmen lassen. Man hielt ihn fest bei den Armen. Er blieb unbeweglich und sah nur sein Opfer an, das wiederum ihn betrachtete. Beide dachten an ihre Söhne.

Moreau bedrohte Vaucoux. Aber unerschütterlich und starr in seinem Haßglauben sagte Vaucoux:

„Ich habe den Feind getötet!“

Gillot, der sich über Clerambault neigte, sah, wie er schwach lächelnd Vaucoux betrachtete.

„Mein armer Freund“, dachte er, „in dir selbst ist der Feind.“

Er schloß wieder die Augen .... Jahrhunderte gingen vorbei....

„Es gibt keine Feinde mehr!“

Und Clerambault empfand selig den Frieden kommender Welten.