§

Da ihn das Bewußtsein schon verlassen hatte, trugen ihn die Freunde in das nahe gelegene Haus Froments. Aber ehe sie es betreten hatten, war er verschieden.

Sie legten ihn auf ein Bett in einem Zimmer neben jenem, in dem der junge Gelähmte, umgeben von seinen Freunden, ruhte. Die Tür stand offen und der Schatten des toten Freundes schien bei ihnen zu weilen.

Moreau ereiferte sich bitter über den Widersinn dieses Mordes, der, statt einen der großen Verbrecher der triumphierenden Reaktion oder einen der bekannten Anführer der revolutionären Minderheiten zu treffen, sich gerade gegen einen ungefährlichen, unabhängigen, allen brüderlich gesinnten und fast zu nachsichtigen Menschen gewendet hatte.

Aber Edme Froment sagte:

„Der Haß täuscht sich nicht. Ihn leitet ein sicherer Instinkt... Nein, er hat sich sein Ziel gut gesucht. Oft sieht der Feind viel klarer als der Freund. Versuchen wir nicht, uns einer Illusion hinzugeben: der gefährlichste Feind der Gesellschaft und der bestehenden Ordnung ist und war in dieser Welt der Gewalttätigkeit, der Lüge und der anderen Kompromisse von je und immer her der Mann des vollkommenen Friedens und des freien Gewissens. Nicht durch Zufall ist Jesus gekreuzigt worden, es mußte so sein, und er wäre später auch immer wieder zum Schafott geschleppt worden. Der Mann des Evangeliums ist der radikalste Revolutionär von allen, denn er ist die unerreichbare Quelle, aus der durch den Spalt der harten Erde die Revolutionen aufspringen. Er ist das ewige Prinzip der Nichtunterwerfung des Geistes unter den Cäsar, wer immer es auch sei, der ewige Auflehner gegen die ungerechte Gewalt. So erklärt sich der Haß der Staatsknechte und der hörig gemachten Völker gegen den gemarterten Christ, der auf sie niederschaut und schweigt, und gegen seine Schüler, gegen uns, die ewigen Dienstverweigerer, die „conscientious objectors“ wider alle Tyranneien, mögen sie nun von oben kommen oder von unten, mögen sie jene von morgen oder jene von heute sein — gegen uns, die Verkünder dessen, der größer ist als wir, der der Welt das Wort des Heiles bringt, dessen, den sie ins Grab gelegt, des Meisters, den sie zu Tode martern werden bis ans Ende der Welt, und der doch immer wieder auferstehen wird — der freie Geist, unser Herr und Gott!“

Sierre 1916 — Paris 1920


Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druck- und Rechtschreibfehler wurden korrigiert. Bei Varianten der Schreibweise wurde die häufigste verwendet.

Die Zeichensetzung wurde nur bei eindeutigen Druckfehlern geändert. Für dieses eBook wurde ein Cover erstellt, das nun gemeinfrei ist.

[Das Ende von Clerambault, von Romain Rolland.]