„Die Kosaken”

Über all diese Werke erhebt sich als höchster Gipfel dieser ersten Gebirgskette einer der schönsten lyrischen Romane, die Tolstoi geschrieben hat, der Sang seiner Jugend, das Gedicht vom Kaukasus: „Die Kosaken”[45]. Die Pracht der schneebedeckten Berge, deren edle Linien sich von dem strahlenden Himmel abheben, erfüllt das ganze Buch mit ihrer Musik. Und das Werk ist einzigartig durch das höchste, was dem Genie gegeben ist, „den allmächtigen Gott der Jugend”, wie Tolstoi sagt, „jenen Schwung, der nie wiederkehrt”. Ein Bergstrom im Frühling! Eine Fülle von Liebe!

„‚Ich liebe, ich liebe so innig!... Ihr Tapfern! Ihr Guten!...’ wiederholte er und wollte weinen. Warum? Wer war tapfer? Wen liebte er? Er wußte es nicht recht.”[46]

Dieser Rausch des Herzens hält unvermindert an. Der Held, Olenin, ist wie Tolstoi in den Kaukasus gekommen, um dort aus dem Abenteurerleben frische Kräfte zu schöpfen; er verliebt sich in eine junge Kosakin und verliert sich in dem Chaos seiner widerspruchsvollen Hoffnungen. Bald glaubt er, daß „für andere leben, sich aufopfern, Glück bedeutet”, bald, daß „sich opfern nur Dummheit ist”; dann möchte er fast mit dem alten Kosaken Eroschka glauben: „Alles hat seine Berechtigung. Gott hat alles zur Freude des Menschen erschaffen. Nichts ist Sünde. Sich mit einem hübschen Mädel belustigen, ist keine Sünde, ist ewige Seligkeit.” Aber was braucht er denn nachzudenken? Es genügt zu leben. Das Leben ist höchster Besitz, höchstes Glück, das allmächtige Leben, das allumfassende Leben: das Leben ist Gott. Ein glühendes Naturgefühl stellt sich ein und erfüllt ihm das Herz. Allein im Wald, „von wildwachsenden Pflanzen, einer Menge von Wild, Vögeln und Mückenschwärmen umgeben, in dem schattigen Grün, der duftgeschwängerten, heißen Luft, zwischen kleinen, trüben Rinnsalen, die allenthalben unter dem Laub dahinplätschern,” wenige Schritte von den Fallstricken des Feindes entfernt „wird Olenin plötzlich von einem solchen grundlosen Glücksgefühl erfaßt, daß er, wie er es als Kind gewöhnt war, das Kreuz schlägt und irgend jemand danken möchte.” Wie ein indischer Fakir findet er Genuß darin, sich zu sagen, daß er allein und verlassen in diesem Strudel des Lebens ist, das ihn aufsaugt, daß Myriaden unsichtbarer Wesen, die überall versteckt sind, in diesem Augenblick seinen Tod belauern, daß jene Tausende von ihn umschwirrenden Insekten einander zurufen:

„‚Hierher, hierher, Kameraden! Hier gilt es einen zu stechen!’

Und es war ihm klar, daß er hier kein russischer Herr aus der Moskauer Gesellschaft, der Freund und Verwandte von dem und jenem war, sondern einfach ein Wesen wie die Mücke, der Fasan, der Hirsch, wie alle Lebewesen, die ihn jetzt umschlichen.

‚Wie sie werde ich leben und sterben. Und Gras wird darüber wachsen...’”

Und sein Herz ist voll Freude.

Tolstoi lebt zu jener Zeit in einem Rausch von Kraft und Liebe zum Leben. Er umfaßt die Natur und geht in ihr auf. Ihr vertraut er seine Schmerzen, seine Freuden und seine Liebesgefühle[47] an. Aber dieser romantische Rausch mindert niemals die Klarheit seines Blickes. Nirgends mehr sind die Landschaften mit einem solchen Können und die Gestalten wahrheitsgetreuer gezeichnet als in dieser glühenden Dichtung. Der Widerspruch zwischen Natur und Gesellschaft, der den Kern des Buches ausmacht und der während Tolstois ganzen Lebens einer seiner Lieblingsgedanken sein sollte, ein Artikel seines Glaubensbekenntnisses, läßt ihn schon hier, um das Komödienhafte der Welt zu geißeln, einige der herben Töne der „Kreuzersonate” anschlagen[48]. Aber er ist nicht weniger schonungslos gegen die, die er liebt; und die Naturwesen, die schöne Kosakin und ihre Freunde, sind mit ihrer Selbstsucht, ihrer Habgier, ihrer Schurkerei und allen ihren Lastern in grellstem Licht gesehen.

Eine außergewöhnliche Gelegenheit sollte sich ihm bieten, diese heldenhafte Wahrheitsliebe auf die Probe zu stellen.


Im November 1853 war der Türkei der Krieg erklärt worden. Tolstoi ließ sich der rumänischen Armee zuteilen, ging dann zur Krimarmee über und traf am 7. November 1854 in Sewastopol ein. Er glühte vor Begeisterung und Vaterlandsliebe. Er tat wacker seine Pflicht und war oft in Gefahr, besonders von April bis Mai 1855, wo er einen über den andern Tag Dienst bei der Batterie der 4. Bastei hatte.

Da er monatelang ein Leben in beständiger Aufregung und Angst Aug in Aug mit dem Tode führte, belebte sich sein religiöser Mystizismus wieder von neuem. Er führt Gespräche mit Gott. Im April 1855 verzeichnet er in seinem Tagebuch ein Gebet zu Gott, in dem er ihm für seinen Schutz in der Gefahr dankt und ihn anfleht, ihn weiter zu beschützen, „um das ewige glorreiche Ziel des Seins, das ich noch nicht kenne, aber schon ahne, zu erreichen”. Dieses Ziel seines Lebens war keineswegs die Kunst, es war schon jetzt die Religion. Am 5. März 1855 schrieb er:

„Ich bin einer großen Idee nähergekommen, deren Verwirklichung ich mein ganzes Leben opfern könnte. Diese Idee ist die Gründung einer neuen Religion, der Religion Christi, aber von Glaubenssätzen und Wundern befreit... In klarem Bewußtsein handeln, um die Menschen durch die Religion zu einen.”[49]

Das sollte das Programm seines Alters sein.

Tolstoi vor der Abreise nach dem Kaukasus 1851

Um sich indessen von den ihn umgebenden Eindrücken abzulenken, machte er sich wieder ans Schreiben. Aber wie hätte er die nötige geistige Freiheit finden sollen, um im Schrapnellhagel den dritten Teil seiner Erinnerungen aus der Jugend zu verfassen? Das Buch ist verworren. Man kann sein Durcheinander — und an manchen Stellen eine gewisse abstrakte analysierende Trockenheit mit Abteilungen und Unterabteilungen in der Manier Stendhals[50] — den Bedingungen, unter denen es entstand, zuschreiben. Aber man muß die ruhige Durchdringung der zahllosen wirren Gedanken und Träume bewundern, die sich in dem jungen Hirn zusammendrängen. Tolstoi ist in diesem Werk von seltener Aufrichtigkeit gegen sich selbst. Und von welcher poetischen Frische ist er zuweilen, z. B. in dem reizenden Bild vom Frühling in der Stadt, in der Erzählung von der Beichte und dem eiligen Gang ins Kloster wegen der vergessenen Sünde.

Ein leidenschaftlicher Pantheismus gibt gewissen Seiten des Buches eine lyrische Schönheit, deren Ton an die „Erzählungen aus dem Kaukasus” erinnert. So die Beschreibung jener Sommernacht:

„Der ruhige Glanz des leuchtenden Halbmonds. Der schillernde Teich. Die alten Birken, deren langsträhnige Zweige auf der einen Seite im Mondlicht silbern schimmerten und auf der andern Seite Busch und Weg mit schwarzen Schatten zudeckten. Hinter dem Teich der Ruf der Wachtel. Das kaum hörbare Geräusch zweier alter Bäume, die sich aneinander scheuern. Das Summen der Mücken und das Herabfallen eines Apfels auf trockene Blätter, Frösche, die bis an die Stufen der Terrasse hüpfen und deren grünliche Rücken im Mondstrahl schillern... Der Mond steigt höher, schwebt am klaren Himmel und erfüllt den Raum; der wunderbare Glanz des Teiches wird noch strahlender, die Schatten noch schwärzer, das Licht noch heller... Doch ich armseliger Erdenwurm, der ich schon von allen menschlichen Leidenschaften beschmutzt, aber erfüllt von der ganzen unendlichen Macht der Liebe war, ich hatte in diesem Augenblick das Gefühl, als ob die Natur, der Mond und ich eins seien.”[51]