Am 11. Juni.

Pauline, ich habe mich wie ein Dummkopf benommen, wie ein vollendeter Dummkopf! Auf alles Mögliche war ich gefaßt, nur nicht auf eine liebenswürdige, einfache Frau, die dennoch, eben in ihrer schlichten Würde, mir gewaltig imponirte.

Es ist sehr gut, daß wir diesen Briefwechsel verabredet haben, Kameraden sind nicht habhaft, die Burgwaller ersterben in Ehrfurcht vor der »Herrschaft,« und man kann mit ihnen kein freies, vernünftiges Wort über diese Halbgötter reden, und ich liebe den Austausch. Aber halt, was werde ich für meine famosen Berichte bekommen? Wenn nichts weiter, so bedinge ich Recension, eine detaillirte; ganz entschieden, Pauline, Du mußt mir gehörig antworten.

Jetzt von der Gräfin.

Es war gegen Mittag, als ich den Schloßberg, versteht sich in Galla, hinanstieg. Das Wetter war gut und die Gegend ist wirklich schön, der Spaziergang war ein Genuß; der Weg ist auch besser geworden, überhaupt ist für Verschönerung der Schloßumgebungen besonders, aber auch für die der Stadt, viel gethan. – Eine Wallthür stand offen, und ich ging hinein. Gleich in der ersten Laube bot sich mir ein hübsches lebendes Bild dar. Eine junge Dame saß mitten unter einer Fülle herrlicher Blumen und ordnete sie zu Sträußen. Für einen Maler hat so etwas doppeltes Interesse, und weil mich die Schöne nicht sehen konnte – sie hatte mir den Rücken halb zugedreht und war äußerst eifrig bei ihrer Arbeit – blieb ich einen Augenblick stehen und sah ihr zu.

»Schnell den Bast, Johanne!« rief sie. Es erschien keine Johanne. Sie wartete einen Augenblick, sah auf, horchte, und vermuthlich überzeugt, daß keine Johanne sie gehört habe, gab sie die Hoffnung auf, gleich Bast zu bekommen, und legte den schön arrangirten Strauß behutsam auf den Tisch, um zum Ordnen des zweiten zu schreiten. Sie nahm eine Lilie, fügte Rosen hinzu, zettelte eine Epheuranke unter den Blumen hervor und – um das erste Bouquet war's geschehn, es war aus der Fassung gekommen, fiel aus einander und theilweis zu Boden. Eiligst trete ich vor, ich Narr! und raffe die Blumen auf, sie der Dame wieder zuzureichen. Sie nahm sie etwas erstaunt, erwiederte meinen Gruß freundlich, und sah dann zur Laube hinaus, »wo ihre kleine Johanne wohl geblieben sein möchte.«

»Vielleicht sehe ich sie unterwegs, mein Fräulein,« verhieß ich Kurzsichtiger, »und werde sie schicken.«

»Wollen Sie in's Schloß?« fragte die Dame. – Das war ja ganz vertraulich, ich entgegnete also ganz guter Dinge: »Ja wohl, zur Gräfin, wenn sie zu Hause ist.«

»Dann nehmen Sie nur den Wallschlüssel mit, Johanne hat ihn ausgezogen, – Kinder machen sich so gerne mit Thüren zu schaffen – und Sie haben wohl keinen Schlüssel, nicht wahr, die untere Thüre stand offen?«

Ich bejahte, dankte, und weil nicht recht mehr was zu sprechen war, empfahl ich mich und ging meiner Wege, bereute aber bald nicht länger geblieben zu sein, es fielen mir, als ich im Vorzimmer wohl eine Viertelstunde warten mußte, der Fragen noch mancherlei ein. Endlich erschien die Gräfin, und wer war es? – mein Fräulein vom Walle! O, ich Blinder! Hätte ich es der holden Frau nicht gleich ansehen können, daß sie kein gewöhnliches Menschenkind ist; würde ein Stadt- oder Hoffräulein mir ihren Wallschlüssel gegeben haben, wäre sie so unbefangen freundlich gewesen?!

Während sie nun um Entschuldigung bat, mich warten gelassen zu haben, stand ich kümmerlicher Mensch, und konnte mich nicht in die rechte Form finden, wollte selbst entschuldigen und wußte nicht wie, und fühlte mich erröthen, wie ein Schüler. Natürlich schien sie nichts davon zu merken, sie war ganz gesprächig, redete zum Glück bald von Malerei und plauderte so nett darüber, daß ich meinen stichelnden Gedanken allmählig entrissen wurde. Die Gräfin scheint von der Sache just nicht viel zu verstehn, aber sie zu lieben und das ist auch gerade recht. – Sie wird mir in nächster Woche sitzen, bis dahin wird sie »das Vergnügen gehabt haben, mich ihrem Gemahl vorgestellt zu haben.«

Da hast Du die Geschichte; ich werde noch heute diesen Brief absenden, und grüße Dich herzlich als Dein Bruder

Justus.