Den 24. Juni.

Mittsommertag, himmlisches Behagen! Ich möchte alle Ecken und Winkel meines Ichs von diesem Lichte durchströmen, von dieser Wärme erfüllen lassen. Es ist wundervoll! In meinem Leben habe ich solchen Sommer nicht kennen gelernt, bin ich so gründlich heiter und befriedigt gewesen, wie in diesem. Aber, meine Theuerste, Du hast auch keine Ahnung davon, von welcher Höhe herab ich auf die Auen und Wälder schaue, wie die Natur »zu meinen Füßen« daliegt. Es ist unbestrittene Wahrheit: je erhabener unser Standpunkt, desto schöner und harmonischer erscheinen uns die verschiedenen Einzelnheiten fernab. Steig auf den Kirchthurm, wenn Du's nicht glauben willst, wie bildhübsch und harmlos wird Dein altes Nest, Verzeihung! aussehen; die Kinder auf den Straßen spielen so nett und manierlich mit einander, das Geschrei und Gelärm, welches sie betreiben, dringt höchstens als sanftes Gemurmel in Deine Region, all die Häuserchen, die Hüttchen stehen so nett da, als wären sie aus einem Nürnberger Schächtelchen genommen, genug, es ist so, wie ich sagte. – Ich residire gegenwärtig auf Schloß Burgwall, vergiß es nicht, es auf Deinen Briefen gehörig zu bemerken. Meine Residenz ist sehr hoch, ja wirklich, denn die alten mächtigen Linden, die ihre Kronen bis zu den Fenstern der Gräfin emporstrecken, sind nur dann von meinem Reiche aus sichtbar, wenn ich mich aus dem Fenster zu ihnen hinabneige: ich wohne buchstäblich auf Schloß Burgwall, nämlich in zwei Dachstübchen, dicht neben dem Thurme.

Keinen Stein auf die Gräfin, ich bitte sehr! Die Zimmer sind ganz meine Wahl, eben der Aussicht wegen. Als mir die Erlaubniß wurde im Schlosse zu wohnen, habe ich mir gerade diese kleinen Zimmer gewählt, welche mir schon früher bei Besichtigung des Schlosses besonders gefielen. In jeder Stube ist ein großes, tiefes Fenster, ausgezeichnet für die Aufstellung einer Staffelei geeignet. Für nette Einrichtung wurde sogleich gesorgt, und so wohne ich hier so angenehm wie möglich.

Seit meinem Umzuge liegen schon zehn Tage dahinten, mir ist heut auf jeden Fall doch sehr anders zu Sinn, als da ich kam. Tags zuvor war ich dem Grafen erst vorgestellt. Er ist ein gewichtiger Mann, nicht mehr jung, gewiß, wenn nicht Funfzig, doch nahe daran; in seinem charakteristischen Gesichte nehmen die Züge des Wohlwollens und tiefen Ernstes sehr für ihn ein, und sein ganzes sicheres, bestimmtes und doch durchaus nicht anmaßendes Wesen beherrscht unwillkürlich seine Umgebung. Die Gräfin scheint ihn nahezu anzubeten, sie lebt in seinem Lichte. Wenn er spricht, so ist es gewiß, daß sie nichts anderes hört, tritt er in's Zimmer, so überfliegt ein Freudenschein ihre holden Züge. Nie habe ich solche Innigkeit, solch gegenseitiges Glück gesehn, als bei diesen beiden Menschen, und er ist wenigstens zwanzig Jahre älter als sie. So recht verständlich ist mir dies nicht; Ehrfurcht und töchterliche Gefühle könnte ich ihrerseits begreifen, aber sie liebt ihn anders und viel mehr, als ich überhaupt glaubte, daß man lieben könne.

Tags nach meinem ersten Besuche bei dem Grafen wurde ich zu Tisch geladen, und da wurde es gleich ausgemacht, daß ich, der Bequemlichkeit wegen, bei ihnen wohnen sollte. So bin ich denn täglich, außer den Sitzungen – der Graf hat den Anfang gemacht – in der Gesellschaft der liebenswürdigen Familie. Meine Unbehaglichkeit schwindet immer mehr, und ich weiß nicht, welcher der edlen Herrschaften ich den Preis höchster Liebenswürdigkeit zuerkennen soll, ihm oder ihr. Eigentlich sind sie gar nicht zu trennen, vereint sind sie das Ideal vollendeter Freundschaft und einer rührenden Liebe. Auch die kleine Johanne, des Paares einziges sechsjähriges Töchterchen, ist etwas Liebreizendes. Das Kind besucht mich zuweilen, und letzt brachte sie ein Tractätchen mit und wollte mir etwas vorlesen, fing auch richtig an und es ging über Erwartung gut, aber ich fand doch für besser das Thema der Unterhaltung zu wechseln, und erzählte ihr das Märchen von Schneewittchen. Dabei saß sie auf einem kleinen mitgebrachten Stuhle und sah mich mit den großen Augen ganz ernsthaft an, während ich unverdrossen ein in Berlin angefangenes Bild nachfeilte und mich bemühte, einem winterlichen Himmel mehr das Ansehn zufriedener Ergebung als das der trostlosen Gleichgültigkeit zu geben, die sich in Berlin über das kleine Gemälde gelagert hatte.

Als die Geschichte aus war, sagte sie: »Mama ist auch eine Stiefmutter, Max ist ihr Stiefsohn.«

»Wo ist er?« fragte ich.

»Weit weg,« erwiderte sie, »wo der König wohnt.«

»Was thut er da?«

»Das weiß ich nicht gewiß,« antwortete die Kleine höchst gewissenhaft, »aber ich glaube, der König gebraucht ihn; Mama sagt, er sei des Königs treuer Diener.« – Was für eine Art Diener, ob Page oder Adjutant, das konnte ich nicht herausbringen.

In der Stadt werde ich, will es mir scheinen, seit ich hier wohne, mit größerer Zuvorkommenheit behandelt. Ich meine im Allgemeinen, Bernwachts sind unverändert dieselben. Die Familie, obgleich ganz anders als die meiner erlauchten Beschützer, wird mir sehr lieb, und ich gehe fast täglich zu ihnen. Noch eine Bekanntschaft habe ich erneuert, Du könntest rathen, welche treue Seele ich meine. Julchen Hermann ist es. Sie wohnt im Hospitale, das heißt in einem neuerbauten Hause, neben der alten Behausung der Gebrechen und des Alters, für diejenigen Einsamen bestimmt, welche ein rundes Sümmchen für die Wohlthat sichern Daches und einiger Fuder Holz zahlen können. Früher wohnte sie in der Vorstadt, bei ihrer alten Mutter, Du mußt es noch wissen, wir besuchten sie zuweilen, und gingen nie unbeschenkt und ungeküßt von dannen.

Die alte Mutter kam mir stets mit ihren großen leuchtenden Augen, wie eine Seherin vor, ihre Worte klangen alle so weise, wie Orakelsprüche. Sie liegt nun auch auf dem Katharinenhofe, nicht hundert Schritt von dem Stübchen ihrer Tochter. Julchen zeigte mir das Grab durch das Fenster, und später habe ich es auch aufgesucht, es ist das wohlunterhaltenste auf dem ganzen Kirchhofe.

Von unserer Eltern Ruhestätte muß ich Dir etwas mittheilen, was mir hochpoetisch erscheint. Vater hat kein Monument, unser Vormund hatte es nicht für gut befunden, das Grab des Ehrenmannes zu bezeichnen, nur ein Baum, bald nach Vaters Tode von mir gepflanzt, wurzelt daran. An Mutters Grabe steht ein schönes, hohes Kreuz, Vater hat es setzen lassen. Auch dieses Grab hat ein Zeichen der Liebe von mir, einen Epheu, der die Jahre hindurch so mächtig gewachsen ist, daß nicht nur das Grab ganz, und das Kreuz größtentheils davon umschlungen wurde, sondern er hat auch die zu ihm niederhängenden Zweige der Traueresche umsponnen, sich an ihnen aufgerankt, und so stehen beide Gräber auch äußerlich, in der innigsten Verbindung. Das hat Natur gethan, und mir war es doch als hätten Mutters feine Finger, still und sinnig, die Zweige in einander geflochten. –