Später.

Endlich habe ich einen Brief von Dir. Meinst Du wirklich: ich sähe die Bibel mit den Augen der Weltkinder an, anders als ich sollte? die innere Bewegung damals, sei eine Warnung meines Engels gewesen?

Liebes Kind, Kind des Lebens und nicht der Welt, Du scheinst wirklich auf einem andern Wege zu sein, als ich, aber wie natürlich! – Vergegenwärtige Dir eine Pilgerfahrt, nach irgend einem Heiligthume, meinetwegen nach dem heiligen Grabe. Es ist kein Kreuzzug, sondern eine Wallfahrt, Männer, Frauen, Jungfrauen, Greise, begeisterte Kinder – Alles vereint sich, zu demselben Ziele zu gelangen. Wird Jeder die Reise in derselben Weise machen, trägt die Mutter nicht das Kind, stützt der Mann nicht sein Weib, bedarf der Alte nicht des Stabes? Meinst Du nicht, daß die Kinder, im Gefühl ihrer Schwäche oft auf die Knie sinken, Gott um neue Kraft anflehend, daß vielleicht ein Stärkerer sich dann über sie erbarme?

Siehst Du: Ein Ziel; der Eine erreicht es gehobenen, der Andere gebeugten Hauptes, Dieser stützend, Jener getragen, Einer schaut mit vollem Blick in das Morgenroth Canaans, während Viele auf ihre wunden Füße niederblicken, und auf den Weg, den sie wandeln müssen, damit sie die Steine des Anstoßes darauf vermeiden. – Wir haben Alle Ein Ziel: Befriedigung. Du findest es, ich ahnte es, im Glauben, ich suche es im Leben, in der Kunst, überall. Jetzt bin ich hier, und ich weiß was hier meine Seele ganz erfüllen könnte – kommt die Zukunft, die weite, unbestimmte, Du wirst wohl Ewigkeit sagen, etwas, was über das Grab hinaus währt, nun, so ist es immer Zeit auch dafür Entschlüsse zu fassen und zu handeln. Wer kann das früher, ehe er bestimmt weiß, wofür und wie? – Aber ich habe hier einsehen gelernt, daß bei der Heiligkeit nicht absolut Gefahr für das Lebensglück ist; kannst Du in dieser Façon Befriedigung erlangen, nun wohlan, Du hast meine brüderlichen Glückwünsche dazu. –

Laß uns diese Sache nicht als abgemacht betrachten, ich versichere Dich, daß Dein Widerspruch mich wohl reizt, zum Nachdenken, wiederum zum Widerspruch, aber keineswegs zum Zorne. Hier meine Hand, liebe Schwester! Dein Brief hat Dich in meinen Augen um mindestens zehn Jahre erfahrener gemacht, um nicht älter zu sagen. Wie alt bist Du eigentlich? Achtzehn rechne ich eben. Wo lerntest Du so ernst sein? – Grüße Deine alten, ehrbaren Damen von mir.

Dein Bruder Justus.