Am 27. Juli.

Gestern erhielt ich Deinen Brief. Warum ich nicht schon wieder geschrieben? Es beschäftigte mich Vieles, allerlei Begebenheiten kreuzten sich bunt durcheinander, ich war mitten darin, und doch waren sie kaum der Art, daß Dir meine Notizen darüber irgend wie wichtig erschienen wären. – Mit großer Liebe habe ich des Grafen Bild vollendet, es ist gelungen und die Herrschaften finden es auch. Die Gräfin werde ich noch nicht malen, es sind Gäste hier, aus Schlesien, welche mich mit ihren Aufträgen beehrt haben, und ich bin jetzt dabei ein Kind zu malen, ein unbeschreiblich reizendes kleines Gesicht, mit großen, fragenden Augen, die mich unaufhörlich an Cäcilie Bernwacht, des Bürgermeisters dritte Tochter erinnern. Nicht, daß das junge Mädchen so schön, wie die kleine Felicitas, oder überhaupt sehr nach meinem Geschmacke wäre, aber es liegt etwas Verwandtes in den Augen beider Mädchen, so recht echter Kindersinn, Seele, viel Seele.

Wenn ich so schöne Augen male, ist es mir oft, als sei in ihnen das Geschick der Besitzerinnen ausgesprochen. Bei denen der Felicitas denke ich zum Beispiel: was das Kind nicht Alles glaubt! Es glaubt an einen Himmel auf der Erde und an einen ewigen Himmel; es wird wahrscheinlich ewig ein Kind bleiben, und sehr viel vertrauen, und immer das Beste von allen Menschen denken, es wird auch sehr lieb haben, die ihm Liebes erweisen, und andere Menschen auch noch, und wird für alle seine Liebe nur etwas Treue erwarten und sie selten finden, vielleicht gerade dort nicht, wo es am sichersten darauf gerechnet hatte. Dann werden diese frommen Augen viel weinen, sehr viel, bis allmählig ihr milder Glanz erlischt, und sie sich schließen.

»Mache einmal deine Augen zu, Felicitas,« sagte ich letzt zu ihr. Sie that es; ich sah sie lange an und vergaß in meinen Träumereien ihr zu sagen, sie könne sie wieder öffnen, bis sie endlich ganz geduldig fragte: »darf ich dich nun wieder ansehen?« –

Es giebt große Geheimnisse. Pauline, wir begegnen ihnen täglich, die größten liegen in den Worten Herz und Schicksal. –

Cäcilie Bernwacht ist gerade unter ihren Schwestern die mir fremdeste. Ich will Dir die kleine Gesellschaft skizziren. Therese, die Aelteste, ist ein hübsches, besonders verständiges Mädchen; sie ist Braut, und näht den ganzen Tag an ihrer Aussteuer, was sie indeß nicht verhindert, theilnehmend zu sein, ich mag sie sehr gern und unterhalte mich am anhaltendsten mit ihr. – Ihre zweite Schwester, Ida, ist eine Schönheit, ja, sie ist wirklich schön und ich muß sie malen, es ist ein Genuß diese Formen, diese Frische, diese Grazie studiren und copiren zu dürfen. Das Mädchen ist auch nicht ohne Geist und wird auch wohl ein Herz haben, aber sie gefällt mir von ihren Schwestern am wenigsten, ihr Witz ist scharf, sie kann beißend sein, ich mag das nicht an Damen.

Nun kommt Cäcilie, offenbar der Mutter Liebling, ein Mädchen von siebzehn Jahren, sehr zarter Gestalt, etwas blaß, mit herrlichem Haar und wundervollen Augen. Cäcilie ist vielleicht, um schön zu sein, etwas zu klein, und um im Allgemeinen so recht gefallen zu können, zu still, man kann sie kaum kennen lernen. – Nun kommen ein Paar prächtige Wildfänge von dreizehn und elf Jahren, Burga und Berga genannt, Wallburga nämlich und Luitberga, komische Namen! Wo Burga ist, ist Berga, sie sitzen in einer Klasse, binden einen Kranz, spielen zusammen Klavier und Versteck, und umarmen gleichzeitig ihre Mutter, die sich auf ihre stürmischen Ueberfälle gewöhnlich schon durch Bergung ihrer Mützenbänder mit Resignation vorbereitet. Kürzlich hörte Berga, daß ihr Vater mein Pathe ist, und augenblicklich trug sie hocherfreut darauf an, mich Pathe nennen zu dürfen, Herr Brand gefalle ihr nicht, Herr Justus wäre freilich recht hübsch, aber ungewöhnlich, Justus schlicht weg, passe sich nicht, Pathing sei das Beste. Die Mutter schüttelte gewaltig mißbilligend den Kopf und entschuldigte, ich erlaubte natürlich dagegen der elfjährigen Berga mich Pathe nennen zu dürfen. »Burga muß aber auch so sagen, sonst kann ichs doch nicht,« behauptete sie und Burga bequemte sich. Es wurde gelacht, der Alte zog die Mädchen etwas auf und damit war es abgemacht.