Am 16. October.

Was steckt doch alles in einem und demselben Menschen; ich z. B. bin überraschend vielseitig, es kommt nur darauf an, mich dahin zu stellen, wo etwas fehlt, und man erlebt Staunenswerthes! – Die Tage waren köstlich und ich werde Dir alles getreulich berichten, es ist ein Vergnügen noch einmal Alles durchzunehmen.

Die Transparente waren also zur rechten Zeit fertig und ich glaubte bei den übrigen Vorbereitungen den Zuschauer abgeben zu können, aber weit gefehlt!

Schon am frühen Morgen des 14. begann ein allseitiges Rumoren, die ganze Dienerschaft lief durcheinander, schleppte hierhin und dorthin, schrie und frohlockte, als sei es heute Pflicht und Schuldigkeit Menschen, welche von der Natur mit zarten Gehörnerven versehen sind, zur Verzweiflung zu bringen. Wie die Gräfin dies aushält, dachte ich, wo sie wohl steckt, während dieses Lärmens. – Der Tag war einzig schön, ich öffnete das Fenster, setzte mich daran und begann zu malen. Es ging aber nicht, trotz des besten Willens, so beschloß ich Toilette zu machen und mir den Wirwarr draußen in der Nähe zu besehn, vielleicht daß ich ihm dann mehr Geschmack abgewönne. Aber zum ersten Male sah ich mich hier vernachlässigt, der Toilettentisch entbehrte des Nothwendigsten, wer denkt an den Maler im Dachstübchen, wenn Königs Geburtstag ist! Ich machte mich jedoch bemerklich und klingelte, einmal, und noch einmal, und als das nicht half, lief ich an die Wendeltreppe, und schrie um durchzudringen mit einigem Kraftaufwande erst nach dem Bedienten und dann ganz energisch »Waschwasser!« Leichte Schritte wurden in einem benachbarten Zimmer hörbar, sie entfernten sich, und nichts erfolgte. Nun galt es Geduld zu üben und mit Ergebung abzuwarten, was geschehen würde.

Es dauerte nicht lange und das Zöfchen erschien, nach meinen Befehlen fragend, Frau Gräfin schicke sie. »Frisches Wasser, liebes Kind,« gab ich ganz bescheiden zur Antwort. Also ihre Erlaucht hatte ich vorhin mit meinem Befehle beehrt!

Nach einer Viertelstunde stand ich im Eßsaale, wo aber ein großes Malheur passirt war. Ein ungeschickter Bedienter hatte einen Wandleuchter an Ort und Stelle bringen wollen, sich statt einer Treppe einer Leiter bedient, war damit auf dem geglätteten Fußboden ausgeglitten, niedergefallen, und dabei, um die Sache nicht allein abzumachen, hatte er einen in der Nähe stehenden großen Gypsengel bei einem Flügel ergriffen und ihn glücklich mit zu Falle gebracht. Mit Mienen stummer Verzweiflung umgab das fast vollständig gegenwärtige Dienstpersonal die jämmerliche Gestalt des schwerverletzten Schutzengels, der Sünder selbst stand da, mit leichenblassem Gesichte. Auch die Gräfin besichtigte den Schaden und befahl dann die Figur aus dem Saale zu schaffen, als ich bat die Sache etwas genauer untersuchen zu dürfen. Nun stellte es sich heraus, daß die Zierde des Saales noch zu retten war, zwar mußte der rechte Flügel dreimal gekittet und eine starke Schramme auf der Stirn ausgefüllt werden, aber das war auch das Schwierigste, die andern Defecte waren höchst unbedeutend. Die Gräfin schüttelte anfangs den Kopf zu meinem Entschlusse die Operation zu übernehmen, und meinte ein geflicktes Kunstwerk sei keine Zierde mehr, als ich jedoch erklärte es nicht übel nehmen zu wollen, wenn man den Geheilten verwerfen würde, und betheuerte ich würde nur sehr ungern von der Arbeit abstehen, gab sie lächelnd ihre Einwilligung. – Der Engel genaß vollkommen, jede Narbe verschwand unter einer angemessenen Dosis Marmormehl und am 15. Morgens war ihm von seinem salto mortale nichts mehr anzusehen. Ob nun zum Lohn für diese Kur oder nicht, das kann ich nicht entscheiden, genug, ich wurde eingeladen mit der Herrschaft gegen Abend durch den Park zu fahren, es war ein Genuß, in dieser Gesellschaft und unter den alten prächtigen Bäumen hin, die indessen schon bedeutend gelichtet sind und die reichste Schattirung zwischen Grün, Gold und Purpur bilden. Mehrere dieser Alleen sollten auch illuminirt werden, nur bedauerte die Gräfin, daß man nicht bei Zeiten daran gedacht habe, die Wege vom hochdaraufliegenden Laube säubern zu lassen, es sähe schlecht aus, und lasse sich auch nicht schön darin gehen und sie spaziere doch so gerne bei solchen Gelegenheiten in diesen Gängen, wo sie so viele freundliche Gesichter zu sehen bekomme. Der Graf bedauerte es ebenfalls, konnte aber nur versprechen die dem Schlosse zunächst liegenden Wege sauber herstellen zu lassen, seine Leute hätten schon reichliche Beschäftigung.

Ganz bescheiden wagte ich es mich ein wenig in die Sache zu mischen und fragte, ob die armen Leute in der Stadt wohl nicht gern das Laub wegholen würden, wenn sie nur die Erlaubniß dazu bekämen. »Gern,« erwiederte der Graf, »aber bei solchen Gelegenheiten kennen die Leute nicht Maß noch Ziel. Würde ich die Erlaubniß zu morgen früh ertheilen, so könnte man sicher darauf rechnen, daß noch Mittags, wenn die Gäste kommen, der Schloßberg mit den Laubharkern besetzt ist, und da weiß ich doch nicht was vorzuziehen ist, besonders wenn ich bedenke, daß das Wild durch die Kinder auf mehrere Tage in den Hintergrund des Parkes gescheucht werden wird, wer kann solche verschiedenartigen, zahlreichen Arbeiten hüten?«

Mir fuhr ein komischer Gedanke durch den Kopf. »Ich will's thun, Erlaucht,« sagte ich, »es wird mir ein Vergnügen sein.«

»Ebenso wie mit der Natur?« fragte die Gräfin.

»Ja,« antwortete ich, »gestatten Sie nur daß mir ein bespannter Wagen und eine Menge Säcke zur Verfügung gestellt werden, das Andere werde ich mit Vergnügen besorgen.« – Der Graf fand das zwar unmöglich anzunehmen, aber seine liebe Frau bewies ihm die Möglichkeit ganz einfach.

»Laß dem Herrn nur den Willen,« sagte sie schließlich, »Du hörst wohl, er thut so etwas gern, es ist gewiß wahr, da er es zweimal betheuert, und warum auch nicht? ich kann mir das Geschäft auch ganz nett denken.« – Erlaucht war überwunden.

Gleich nach der Abendtafel eilte ich in die Stadt, mein Plan war schon fix und fertig. Der Bürgermeister sollte eine Anzahl Personen nennen, mit denen etwas aufzustellen war, diese sollten für die Frühstunden des nächsten Tages zum Laubharken geworben werden, und für die Arbeit bekamen sie das Laub bis vor die Thüre gefahren. Bernwacht war im Familienzimmer, dort wurde die Geschichte also verhandelt. »Giebts denn schon was?« fragte Frau Bernwacht ganz erstaunt, wir haben ja noch gar keinen Frost gehabt.

»Aber Kastanien Mama, bedenke Kastanien, die schon ganz kahl sind,« belehrte Berga, »und wie viel ist noch vom vorigen Jahre! Burga und ich wir gehen in der langen Allee manchmal zum Spaß durch das allertiefste Laub, und dann raschelt es sehr, Du solltest mal hören.« Für ihre Vertheidigung der Wichtigkeit meiner Angelegenheit beanspruchte sie für sich und Burga die Erlaubniß mit zu harken, sie könnten das Laub herrlich für ihre Kaninchen zum Einstreuen gebrauchen. Ida meinte: so eine Gräfin ist doch allmächtig, sie darf nur einen Wunsch äußern und man eilt ihn auszuführen und sollte man auch die merkwürdigsten Metamorphosen durchmachen.

»Sanfte, liebenswürdige Damen,« entgegnete ich, »haben über jedes Männerherz zu gebieten.«

»Das ist ja schrecklich,« spottete sie, »da hat ja keine Braut und Frau das Herz ihres Mannes für sich allein; fürchtest Du Dich nicht, Therese?«

»Nicht im Geringsten,« erwiederte diese lachend, »ich werde mich bemühen Theodor als die sanfteste und liebenswürdigste Frau zu erscheinen, dann bin ich, nach eines Kenners Aussage, seiner größten Liebe gewiß.«

»Sehr edel von Dir, dennoch theilen zu wollen,« sagte Ida pathetisch und hob den Kopf gewaltig, »ich meinerseits verlange entweder Alles oder Nichts.«

An solchen Scherzen betheiligt sich Cäcilie nie. Sie sitzt dann ganz ruhig und strickt oder näht, oder zeichnet Muster, aber sie sieht oft aus, als verstände sie von dem, was um sie her vorgeht, nichts, als seien ihre Gedanken weit, weit weg. Ich möchte wohl wissen, wie es in einem Kopfe und Herzen wie dem dieses kleinen Mädchens aussieht.

Am andern Morgen ertheilte ich meine Befehle als Laubkommissarius, wie Burga mich betitelte, und gegen zehn Uhr waren die Wege in schönster Ordnung, geharkt und gefegt, und als die Gäste durch den Thiergarten fuhren, war kein einziger Barfüßer mehr zu sehn. – Um drei Uhr war großes Diner, es dauerte mehrere Stunden, und ich habe mich unter dem fremden hohen Adel weder gelangweilt noch gekränkt gefühlt, freilich war das auch nicht zu befürchten, da die Gäste, außer einigen Herren aus der Stadt, aus Freunden unserer gräflichen Familie bestanden, die ihnen natürlich geistesverwandt sein müssen. Einige Unruhe fühlte ich gegen Ende der langen Sitzung dennoch, ich dachte an das, was noch kommen sollte, besonders an den Ball auf dem Rathhause; endlich erhob man sich, ich war frei, und wollte eben aus der Thür schlüpfen, als ich den Blicken der Gräfin begegnete. Sie winkte. »Sie gehen zu Ball,« sprach sie huldreich, »und sprechen vorher bei Bernwachts ein, wollen Sie den Kindern nicht etwas Confect mitnehmen? Sie werden sich sehr dadurch insinuiren.« – Ich ließ mir das nicht zweimal sagen, füllte einen Teller mit feinen Süßigkeiten an, nahm ihn ungenirt nach außen, schlug dort die ganze Bescherung in einen Bogen weißen Papiers und steckte das ansehnliche Paquet in die Rocktasche. Nun gings in Sätzen den Schloßberg hinunter – an der Toilette war nichts mehr zu ändern – dem bürgermeisterlichen Hause zu. Man war natürlich noch nicht fort, denn der Papa mußte erst kommen, und der war bei meinem Abgange noch in ein Gespräch mit dem Landrathe vertieft, auch wollte man erst die Illumination sehen, denn bei dem schönen Wetter drohte dem Putze keine Gefahr, man hatte es früher auch schon gethan, und war ganz entschlossen. Ida in rosa Flor sah entzückend aus, sie hatte weiße Rosen im Haar und Perlen um Hals und Arme geschlungen. Als sie mir entgegen kam, blieb ich wie geblendet stehen, und hielt die Hand über die Augen. Sie lachte anmuthig und sagte: »Nicht wahr, ich bin wundervoll?« – »Wundervoll!« echote ich. »Süperb?« – »Süperb!« Lachend gab sie Theresen die Hand und länderte durch das Zimmer. Sie kam mir reizender vor als je. Therese war weiß gekleidet; sie wäre vielleicht ebenso gern zu Hause geblieben, ihr Bräutigam war nicht da. – Cäcilie kam mit einem Schlüsselbunde zum Vorschein und trug mächtige Körbe mit Aepfeln und Wallnüssen, das erinnerte mich an meine gespickte Tasche, und Burga und Berga empfingen überglücklich die Sendung der Gräfin. Darauf kam die Nachricht: die Erleuchtung sei im Gange, der Papa brachte sie selber, ich half den Damen sich einzuhüllen und nun gingen wir Alle dem Thiergarten zu.

»Papa und Mama müssen unsere Lootsen sein,« meinte Berga.

»Ja,« wiederholte die Andere, »es ist gewiß« – »Schweig!« gebot Ida, »wir wissen allemal im Voraus, was die Zweite von Euch zu sagen hat, macht nicht so viel unnütze Worte.« –

Die Kleinen hüpften zu Cäcilien, hakten unter und somit war ich auf die beiden Balldamen angewiesen, die denn auch geruhten mich zum Führer anzunehmen. –

Oft habe ich Illuminationen gesehn, die diese einfache bei weitem überstrahlten, aber keine erschien mir so lieblich, kindlich möchte ich sagen, wie diese, und keine habe ich in so angenehmer Gesellschaft betrachtet. In den schönen Alleen wogte es nur so von Menschen, und alle waren mehr oder weniger von dem schönen Schauspiele entzückt. So schön war es noch nie gewesen, das hörten wir wenigstens zehnmal.

»Das sagen sie alle Jahre,« bemerkte Ida.

»Nein,« widersprach eine der naseweisen Kleinen; »Cäcilie sagt es selbst, so lieb ist es nie gewesen.« – Ich sah mich nach dem Dreiblatt um. »Es ist heut Abend wunderschön,« lächelte das kleine blasse, süße Gesicht. – »Ich denke lieb?« fragte ich. – »Ja, recht lieb.« –

Nun wurden die Transparente sichtbar, und ich erntete indirect überreichlichen Lohn für meine kleine, gern übernommene Mühe. Es war an der Stelle, von welcher man sie am besten sehen konnte, ein förmliches Gedränge. Ida wurde sehr unwillig, ihr Anzug verdürbe auf diese Weise ganz, sie müsse nur allein gehen und auszuweichen suchen; ich verbeugte mich und ließ sie gehen. Bald darauf sah sich auch Cäcilie treulos verlassen, die kleinen Schwestern waren zur Mutter gestürmt, um ihr etwas Nothwendiges über die Eindrücke zu sagen, welche dies Alles auf sie hervorgebracht hatte, sie stand ganz allein da und vertiefte ihre Augen in die Tausende von Sternen, die sich mit einem Male auf den schönen Wald niedergelassen hatten. »Wir müssen die junge Dame nur unter unsern Schutz nehmen,« flüsterte ich Theresen zu, und bot Cäcilien meinen Arm an, aber – sie dankte! Sie dankte recht sehr, ich möchte es aber – aber nicht übel nehmen. –

Ich nahm's ihr dennoch übel. –

Nach einer guten halben Stunde eröffnete Ida an der Seite eines jungen Militairs den Ball, und man tanzte, tanzte und tanzte, das ist die Geschichte des Balles. Aber außerhalb des Balles trug sich an diesem Abende noch Etwas zu. Von Bedeutung? magst du fragen – je nun, ich meine fast. Sieh, als ich die beiden Schwestern durch den Saal schweben sah, – sie sind Beide sehr graciös – fiel mir plötzlich Cäcilie, die kleine Unergründliche, ein. Ich dachte: wie sie wohl tanzen würde, gewiß hinreißender wie die Salome vor Zeiten, denn sie hat eine feenhafte kleine Gestalt, und schwebt überhaupt mehr als sie geht. Und, dachte ich weiter, was sie nun wohl treibt, und ob ihr Zuhausebleiben vom Ball wohl wirklich Geschmackssache war oder ein pietistisches Opfer, ob sie zu Hause wohl den Kopf ein wenig hängen läßt, und dachte so lange an dergleichen, bis ich mit einer Art Freude, die mir ganz neu war, mich daran erinnerte, daß mich ja nichts verhindere sie aufzusuchen, daß ich ja überhaupt so frei sei wie der Vogel in der Luft. Der Mantel wurde umgeworfen und bald war ich da. Am Fenster blieb ich lauschend stehn, lauter Gesang hoher Diskantstimmen schallte mir entgegen: »Heil Dir im Siegeskranz, Herrscher des Vaterlands!« – eine schöne sanfte, aber sichere Altstimme führte das Steuer. Die zusammengezogenen Gardinen waren nicht allzu dicht, ich konnte vortrefflich hindurchschauen, da saß sie am Claviere und dirigirte; Burga und Berga mit wenigstens einem Dutzend künftiger Schönheiten standen ringsum und sangen nach Möglichkeit, Julchen Hermann, mit dem Ausdrucke innigster Freude, daneben.

»Fühl in des Thrones Glanz,« sie sangen mit ganzer Seele, die Mädchen, ich mußte einstimmen, was gings mich an, wenn die Nachbarn etwa ihre Bemerkungen darüber machten, es war ja Patriotismus – »Die hohe Wonne ganz, Liebling des Volks zu sein, Heil Liebling Dir!«

Meine Einmischung hatte all die Oehrchen da drinnen gespitzt, Berga errieth, und sang sich gerade bei der letzten Zeile aus der Hausthür heraus.

»König heißt es!« rief sie corrigirend, und sang, an meinem Arme hängend, und meine Variationen noch einmal berichtigend: »Heil König Dir!« als ich eben mit höflichem Gruße in der Versammlung der Sängerinnen erschien. Cäcilie nickte mir freundlich zu, ließ sich aber nicht stören, der Gesang nahm ununterbrochen seinen Fortgang.

»Was wollen Sie denn eigentlich?« fragte mich Julchen, als wir Beide auf dem Sopha saßen. »Mich ruhen, erholen.« – »Glaubten Sie hier Ruhe finden zu können?« – »Ruhe und Frieden,« antwortete ich und sah ihr voll in die Augen. Sie lächelte und nickte mit dem Kopfe. »Ja,« sagte sie dann, »es ist ein großer Unterschied darin, den Lustbarkeiten Erwachsener sich hinzugeben oder den Spielen der Kinder zuzusehen; ich bin auch sehr gern unter Kindern.« –

Dieses alte Mädchen hat ein sehr feines Verständniß, aber wenn ich einmal ein Geheimniß habe, soll sie es theilen.

Nach dem Vortrage diverser Lieder tanzten die Kinder; Cäcilie spielte mit einer Geduld, welche die meinige ermüdete, endlich erbot sich ein liebenswürdiges Kind sie abzulösen, und sie setzte sich in unsere Nähe. Nun könnte ich sie vielleicht tanzen sehn, dachte ich, oder gar selbst mit ihr tanzen, sie wird aber ein rundes Nein bei der Hand haben, das will ich doch nicht so schnell riskiren. Da kam Burga und bat sie, und sie tanzte, nun versuchte ich mein Glück auch, und sie gab mir die kleine Hand ganz willig. Sie tanzte noch lieblicher, als ich es mir vorgestellt hatte, leise, leise, sinnig, lache nicht! – sinnig, wiederhole ich – sie thut nichts als in dieser holden Weise. Da war keine Hast, kein innerer Sturm, der sie trieb, keine Eitelkeit, die sich geltend machen wollte, sie hörte Musik und bewegte sich harmonisch, das war es; ich, auf dessen Arm sie sich lehnte, der ihr Führer hätte dabei sein sollen, konnte nicht anders als sie. Nie hatte ich so getanzt! –

Nun tanzte sie nicht mehr, sie schlug es verschiedenen Kindern ab, ich wagte es nicht, sie noch einmal zu bitten. Julchen lobte sie deshalb, sie scheint sie für schwach zu halten. –

Nach einiger Zeit wurde Pause gemacht und Erfrischungen gereicht, Cäcilie war die Vielbeschäftigte; ich hatte was ich wollte, und ging nach dem Rathhaussaale zurück, fühlte mich aber nicht sehr zum Tanz mehr aufgelegt und sah zu, bis der Cottillon kam, den Ida mir zugesagt hatte. Er dauerte sehr lange, und es schlug bereits vier Uhr als der Pförtner mich zum Schlosse herein ließ. –

Heut war hier nun eine hübsche Nachfeier, die Armen wurden in den Laubengängen gespeist, und die Gräfin sah selbst mit ihren fröhlichen Augen überall hin, ob auch Jeder sein Recht bekomme. Es ist rührend zu denken, was Alles und wie so ein Frauenherz lieben kann. Spricht diese Frau von Mann und Kind, oder ruht nur ihr Auge auf ihnen, so ist es Einem, als füllten diese Geliebten ihre Seele ganz aus. Wer sie gestern zum ersten Male gesehen hätte, oder überhaupt während die Anstalten zum Feste gemacht wurden, der würde den Monarchen beneiden, dessen Namenstag mit so inniger Freude begrüßt wurde, wie von dieser Frau. Ihr Töchterchen lehrt sie beten für »den theuren König«, den Kindern in der Schule spricht sie, wie man sagt, begeistert von seiner väterlichen Treue, ihren Gatten und Sohn nennt sie mit Stolz Diener ihres königlichen Herrn. Heute flammte wieder der heilige Liebesstrahl in ihren Augen, und für die Armen, die ihr nichts Liebes erwiesen, die in ihrem innern und äußern Mangel so himmelweit verschieden von ihr sind. Erbarmen habe ich auch für diese Menschen – wozu sage ich übrigens was du weißt und sich von selbst versteht, – aber solches Gefühl ist mir fremd. Ich mußte sie oft betrachten. Ob sie es fühlte, weiß ich nicht, und wenn's der Fall war, dann muß ich ihr doppelt dankbar sein; einmal als ich in ihrer Nähe stand, sagte sie: »Wie glücklich bin ich heut, mehr als glücklich! Immer muß ich an die schönen lieben Segensworte denken: »Alles was ihr gethan habt Einem dieser Geringsten« – ihr Auge wurde feucht, und sie brach ab, aber ganz leise hörte ich neben ihr die Worte flüstern: »das habt ihr mir gethan.« Es war Johanne, ihr kleines Abbild, welches den Vers so andächtig ausbetete. Die Mutter küßte sie und sah mich mit einem strahlenden Blicke an. Ihr Glaube macht sie selig.

Nachmittags ging ich zu Bernwachts, mich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Die Alten waren im Garten, wo neue Anlagen vorbereitet wurden, Therese und Ida hielten Nachmittagsruhe und Cäcilie saß im stillen Zimmer und brachte Ida's Florkleid wieder in Ordnung, welches mit den Sporen des jungen Vaterlandsvertheidigers in unangenehme Berührung gekommen war. Ich setzte mich ein wenig zu ihr hin und fragte sie, ob sie das Märchen von Aschenbrödel kenne.

»Sehr gut,« antwortete sie, »es war immer mein liebstes.« – »Das läßt sich denken,« bemerkte ich, »wie sieht die Fee aus, sie ist wohl wunderschön?« – »Ich denke, wie Ida ungefähr,« sagte sie munter in den Scherz eingehend, »ein schöneres Mädchengesicht als Ida's kann ich mir so leicht nicht vorstellen; ich freue mich recht, daß Sie sie malen wollen.«

»Haben Sie Ida ganz besonders lieb?« forschte ich weiter.

»Die Schwestern sind mir Alle gleich lieb,« entgegnete sie, »ich möchte sie Alle gern gemalt haben, wenn's eine aber doch nur sein soll, so muß es die Schönste sein.«

»Sie lieben also das Schöne sehr?«

»Sehr,« wiederholte sie, »ganz außerordentlich.«

»Bei so viel Schönheitssinn,« behauptete ich, »muß ich Talente voraussetzen, die Sie neidisch verstecken, gewiß malen Sie ausgezeichnet, oder componiren oder dergleichen.«

»Nichts von Allem,« entgegnete sie, »ich kann nur bewundern und lieben, aber sehr wenig leisten.« – »Bewundern, lieben und die Fehler Anderer wieder gut machen,« sagte ich unwillkürlich, und wieder fiel mir Aschenbrödel ein. »Sie müssen mir entschieden zu einem Bilde sitzen, ich lasse Ihnen keine Ruhe anders,« kündigte ich ihr an; sie lächelte aber und meinte: erst solle ich nur Ida malen, dann könne das Weitere besprochen werden. Thut sie's, so wird diese Aschenbrödel ein süßes Bild. Ich gebe ihr etwas mehr Farbe, die ihrige ist fast zu zart, und lasse sie das herabflatternde Täubchen mit den erstaunten, fast erschrockenen Wunderaugen begrüßen, die sie so manchmal auf uns richtet, wenn ihr etwas Unerwartetes passirt, oder ich lasse sie vor der Fee stehn, und diese Augen mit dem Ausdrucke der Bewunderung auf sie heften, den ich schon manchmal mit einem zärtlichen Gefühle belauscht habe. Die Fee kann dann Ida sein, weil sie es gesagt hat, sie wird mit ihrer vollendeten Gestalt und den tadellosen Zügen prächtig werden. – Sieh' Schwesterchen, so habe ich schon wieder eine Freude im Voraus, ich begreife nicht, wie man das Leben langweilig finden kann, wie z. B. Waldemar es thut, von dem ich erst kürzlich eine lange Jeremiade über die Nüchternheit des menschlichen Lebens aus Berlin erhalten habe.

Nun will ich meinen langen Brief absenden und nur noch für den Deinigen danken. Ja, Julchen ist mir auch sehr theuer geworden, und ich werde sie öfter besuchen. Lebe wohl!

Dein Bruder Justus.