Den 5. December.
Du bist erstaunt über meine Brauchbarkeit nach so vielen Seiten hin – liebes Kind; Du weißt so viel wie nichts davon, Du wirst noch ganz andere Begriffe von mir bekommen, wenn Du diesen Brief gelesen hast. Aber ich übereile mich nicht damit, es wird ganz en passant kommen, ich werde den Faden des Berichtes da wieder aufnehmen, wo er abgerissen wurde. – Nach dem denkwürdigen 15. October beschloß ich sehr fleißig zu arbeiten, weil mein Bewußtsein etwas unzufrieden geworden war. So vollendete ich denn das Bild der Gräfin zunächst und begann mit Eifer die Restauration der alten Familienportraits im Ahnensaale. Der Graf besuchte mich oft bei meiner Arbeit, sah mit Theilnahme zu und sprach manch gutes, anregendes Wort. Er ist ein ausgezeichneter Mann. Seine holde Gemahlin begleitet ihn zuweilen und das Kind kommt am oftesten, bringt mir zuweilen schönes Obst oder ein Paar Blumen, die es auf dem Walle für mich gepflückt hat, oder fühlt den Trieb, mir irgend eine wundersame Historie mitzutheilen, die Mama erzählt, oder es selbst in einem bilderreichen Elberfelder Büchlein gelesen hat. Dann thut es oft die seltsamsten Fragen, so auch einst, ob ich Joseph oder Timotheus lieber leiden möchte. Sie ihrerseits war geneigt, dem Jünger den Vorzug zu geben, obgleich Joseph auch sehr liebenswürdig und großmüthig gewesen sei, aber zweierlei fand sie nicht schön von ihm, erstens: daß er die stolzen Träume erzählt hatte, und zweitens: daß er bei der ersten Rückkehr der Brüder aus Aegypten seinem Vater keinen Trost gesendet hatte, »und er trug doch Leid um ihn!« sagte sie höchst mitleidig. Dann zeigte sie mir ein kleines Bild, wo Timotheus als Knabe zu den Füßen einer alten Frau saß und in der Bibel las. Die Mutter stand daneben und weidete sich an dem Anblicke. »Ist er nicht sehr nett?« fragte sie, »sieh nur, wie sie ihn lieb haben, der war schon von klein an ein Jünger Gottes, und nachher liebte er den Heiland so sehr, und dann war er des Apostels Paulus lieber Sohn; ich glaube, er ist noch besser als Joseph, aber Joseph ist auch sehr gut.«
»Joseph war aber ein Jude,« wendete ich ein. »Das schadet nichts,« sagte sie, »er konnte ja damals nichts Besseres sein; weißt Du nicht, die Juden waren ja auch Gottes Kinder.«
»Aber jetzt sind sie es wohl nicht mehr?« fragte ich.
Sie sah mich groß an und sagte: »Alle Menschen gehören ja dem lieben Gott, die armen Heiden ja auch, und der liebe Gott will alle, alle Menschen in seinen schönen Himmel bringen, in sein großes, großes Reich, denk mal, wie viel Menschen da zusammenkommen werden; ob ich Dich wohl wiederfinde?« –
»Der liebe Gott wird's wohl so einrichten,« gab ich ihr zur Antwort. – »Das ist wunderschön,« rief sie freudig, »ich mag Dich auch sehr gern leiden.« – Ich küßte sie für diese wohlthuende Erklärung und nahm sie auf meine Knie, um meine Mappe mit ihr zu durchblättern: viele von den Bildern machten ihr große Freude und mir ihr Geplauder noch mehr.
Zuweilen trat ich auch Mittwochs in den Betsaal, wo der Kaplan einen Vortrag hält und viel gesungen und gebetet wird; diese Versammlungen werden auch von Mehreren aus der Stadt besucht, namentlich habe ich Julchen und Cäcilie fast jedesmal dort bemerkt, wenn ich einsah, auch Frau Bernwacht und Therese zuweilen, Ida sehr selten. Ich blieb nicht immer die ganze Zeit über da, gewöhnlich während der Rede, oder ich kam gegen das Ende und wagte mich dann nicht über die Thür hinaus. Das lange Singen ermüdet mich bald, und die Begleitung ist auch nur sehr mittelmäßig, auf einem alten Klaviere, welches wahrscheinlich aus Rücksicht auf seine langjährigen Dienste an dieser Stätte noch in Activität bleibt. Vorigen Mittwoch war man nun in Verlegenheit, wer das Amt des Organisten in der Eile übernehmen sollte, der alte Kantor aus der Stadt, ein freundlicher Greis, der es bis dahin verwaltet, war unterwegs ausgeglitten und hatte sich die Hand verstaucht; die Gräfin war um ihn bemüht, schickte nach einem Arzte und bedauerte, daß ihr Mann verreist sei, er spiele so gut Choräle, der Sekretair spiele zwar auch Klavier, aber so viel sie wisse, nur moderne Sachen, nun es müsse auch ohne Begleitung einmal gehen, der Rentmeister sei ein zuverlässiger Sänger, der könne den Ton angeben. – Nun weißt Du, was geschah. Ja, ich spielte; ein mächtiges Choralbuch war ja da, und ich fühlte mich ganz wohl dabei; aber eigner Mensch, der ich bin, ich genirte mich nachher den Blicken Julchens und Cäciliens zu begegnen. – Da der alte Mann sich noch schonen soll, werde ich noch einige Male den Platz am Instrumente einnehmen. Die Gräfin war sehr gütig und erlaubte mir, den Flügel im Speisesaale nach Gefallen zu benutzen, werde es aber nicht oft thun, die Zeit fliegt ohnehin fast allzuschnell dahin.
Das ist Mittwochs. Freitags gehe ich mit dem Bürgermeister zu einer Parthie Schach nach dem Klubb, und Sonntags ist Leseabend bei Bernwachts, an welchem, außer Julchen, noch ein Paar junge Damen Theil nehmen, die mir gegenüber sehr schüchtern sind, und von denen ich kaum mehr als die Namen, und daß sie Cousinen Theodors, des Verlobten Theresens sind, weiß. – Die Lectüre wird durch die Mitglieder bestimmt; jede der Damen wird der Reihe nach für ein Buch sorgen, dann nach Cäcilien, als der Jüngsten, komme ich, und simulire öfter schon, was ich auswählen soll, um Alle zu befriedigen, ein solches Buch wird schwer zu finden sein; Dumas wäre etwas für Ida, Göthe für Theresen, aber ich möchte gar nicht Cäcilien den Grafen von Monte Christo oder Faust oder die Wahlverwandtschaften vorlesen hören. Neulich fragte ich sie nach ihren Lieblingsschriftstellern, da nannte sie mir mehrere Lyriker, dann Andersen, die Bremer, Nathusius, Namen, die mir zum Theil ganz unbekannt waren. Vielleicht kannst Du mir etwas vorschlagen.
So unter Arbeit und in angenehmer Gesellschaft verstreicht die Zeit sehr schnell, und die Wochen entfliehen wie Tage. Als ich kam, blühten die Rosen, jetzt wirbelt der Schnee um's Fenster und die Raben sitzen auf den nackten Bäumen, und doch ist's mir, als hätte ich vor Kurzem erst das liebe Nest nach so manchem Jahr der Abwesenheit wieder gesehen. Gestern habe ich viel von Dir gesprochen und soll Dich auch von Julchen grüßen. Ebenso wie sie, hören die Mädchen im Bernwachtschen Hause gerne von Dir; ich habe Dich vor einigen Tagen, auf Ida's Begehr, vom Kopf bis zu den Füßen schildern müssen. Zuweilen lese ich ihnen Stellen aus Deinen Briefen vor, eigentlich nicht ihnen, sondern nur Theresen und Cäcilien, die sich am meisten dafür zu interessiren scheinen. Sie wünschen Alle, Du möchtest mal kommen. Ginge es nicht? Freilich nicht vor dem Frühlinge, und wo bin ich dann? – Zwar habe ich außer meiner Arbeit hier im Schlosse noch zwei Bilder anzufertigen versprochen und ein drittes wünsche ich in doublo zu malen, aber zum Frühjahr werde ich mich doch wohl reisefertig machen müssen. Wohin? – Das weiß ich noch nicht. Das Leben in den großen Städten, wo ich nirgends heimisch bin, wird mir nachher schlecht behagen, ich muß mich wohl irgendwo, auf irgend einem schönen Fleckchen der weiten Erde häuslich niederlassen. Was meinst Du dazu, erscheine ich Dir schon gereift genug zu einem Hausherrn, oder glaubst Du, daß ich meine Lehr- und Wanderjahre noch ausdehnen muß, um später mit um so sicherer Hand das Fundament zu meinem Lebensglücke zu legen? –
Im Kreise solcher Familien, wie die des Grafen und Bernwachts, steigen bei dem flatterhaftesten Menschen solide Gedanken auf; ich könnte mir mein Haus in Zukunft sehr hübsch denken, es würde im Aeußeren etwas alterthümlich mit Schnitzwerk, Erker und schwerem Messinghammer an der eichenen Hausthüre sein, es würde tiefe, weite Fensternischen und behaglich eingerichtete Zimmer haben. Unten wären Empfang- und Wirthschaftszimmer, oben die des Hausherrn und das Kabinet der Frau, das wäre ein kleines licht- und blumenreiches Gemach, mit einem Fortepiano, Bücherschrank und schönen Gemälden, wüßte ich doch jenen Christus wieder aufzuspüren! – In dem Erker würde eine Staffelei stehen können, vielleicht wäre sie der Frau nicht zuwider, und während ich malte, tauschten wir unsere Gedanken aus, oder sie läse oder spielte.
Das Bild ist verlockend, ich muß es bedecken, mich davon abwenden, vielleicht ist es ebenso unerringbar wie jener spurlos verschwundene Christus. – Doch genug, ich muß heute noch einen weiten Spaziergang machen und schließe mit einem Gruße warmer, brüderlicher Liebe.
Justus.