Den 16. August.

Es will mir scheinen, als erkalte unser Briefwechsel, Du machst größere Pausen, als ich wünsche. Um meinerseits nichts dabei zu verschulden, schreibe ich dennoch, es ist mir wohlthuend – auch eine kleine Befriedigung – wenn ich an Dich schreibe und mich so von Grund aus ausspreche. –

Weißt Du, wer Dir hier in Burgwall sehr gefallen würde, welche junge Dame mich oft, nicht an Deine Person, denn Du bist glänzender, aber an Deine Briefe erinnert? – Cäcilie. – Vor ein Paar Tagen hatte ich mehrere Stunden anhaltend an dem Bilde der Gräfin gemalt – der Engelskopf der Felicitas steht auf der Staffelei im Dachstübchen – der Graf hatte uns dabei vorgelesen, tiefsinnige, anziehende Sachen, die nachher von uns besprochen wurden. Pauline, letzt schrieb ich Dir ich sei glücklich, heute fühle ich mich, und schon seit einigen Tagen stürmisch aufgeregt, und nicht glücklich, nein! – Wie kommt es nur, daß sie mich als Einen der Ihrigen betrachtet hatten, als einen Glaubensgenossen? Weil ich bei ihren Tischgebeten keine Störung veranlasse, sondern auch meine Hände falte? Es kann ja sein, daß die ewige Macht ein solcher Vater unser ist, als welchen sie sie anbeten! Ich bins zufrieden, aber ich weiß nicht obs wahr ist. Wahrscheinlich ist es wahr, ich glaube es fast, aber ich weiß es nicht, dabei muß ich verharren. Es mag für Tausende leicht sein, sich bei solchen Gelegenheiten, wie an jenem Tage, in ein Schweigen der Bewunderung zu versenken, oder in oftgehörten Phrasen Beifall zu zollen, ich kann es aber nicht. Ich sagte was ich meinte, und es ward lautlos still im Zimmer. Das erste Wort, was ich wieder hörte, war die Johannen gegebene Erlaubniß, das Zimmer zu verlassen. Es zog mir eisig durchs Herz, sie fürchteten für das Kind den Gifthauch der Gottlosigkeit. Gottlos! ein schreckliches Wort. Bin ich es? Antworte mir darauf. – Dieser verehrungswürdige Mann, diese herrliche Frau schaudern vielleicht vor mir zusammen, sie beten vielleicht für mich, für den armen Sünder, denn in ihren Augen giebt es keine größere Sünde, als gottlos zu sein. Aber ich protestire, ich bin es nicht! An jenem Tage wurde der wunde Punkt nicht auf das Leiseste mehr berührt, doch fühlte ich mich unbehaglich und ging bald. Im Zimmer hatte ich nicht Ruhe, ich ging hinaus, durchstreifte den Wald, das Feld, kam, ohne es beabsichtigt zu haben, in die Nähe des Kirchhofs und stand an den Gräbern der Eltern. Mutters weißes Marmorkreuz sah mich matt an, es war mir, als spräche es traurig: gottlos, armer Sohn! – »Nein!« rief ich, beugte mich und küßte das Grab. Julchen fiel mir ein. Sie ist eine Dienerin des Gottes, den ich nicht kenne. Aufgeregt, wie ich war, sehnte ich mich ihre Meinung zu hören, ich wollte sie schon geschickt herauslocken, ohne mir eine Blöße zu geben; es braucht nicht alle Welt zu wissen, daß ich gottlos bin! –

Ich ging dem Hause zu. Ihr Stübchen liegt zu ebner Erde, ich kann es vorübergehend übersehen. Ich warf einen Blick hinein und sah mit Unmuth, daß sie nicht allein war, Cäcilie war bei ihr. Als ich jedoch das junge Mädchen erkannte, kam etwas wie Segen über mich, es wurde stille, ganz stille in mir, jetzt wieder – unerklärliche Wonne! –

Ich blieb stehen und sah hinein, hören konnte ich nichts, wollte auch nicht, und gesehen konnte ich auch nicht werden. Es war Dämmerung und Julchen lag auf dem Sopha von vielen Kissen unterstützt, vor ihr, mit den Knien auf dem Estrich, Dielen sind für das Hospital Luxus, kniete das bleiche Kind, und drückte abwechselnd bald die eine, bald die andere Hand auf die Stirn der Kranken. Es war ein rührendes Bild. – Nein Pauline, ich bin gewiß nicht gottlos, sieh, als ich wieder zwischen den Gräbern hinschritt, bat ich Mutter, Gott um den schönsten Segen für das stille Kind anzuflehn, und dieser Wunsch kam aus tiefstem Herzen, ich muß also glauben, trotz der vielen Wenns und Abers des Verstandes.

Es ist mir ein süßer Gedanke, Cäcilien unter den Schutz meiner Mutter gestellt zu haben. –

Gute Nacht, Schwester; ich habe eben am Fenster gestanden und auf die ruhende Welt hinabgeschaut, der Mond hält oben Wacht, es ist sehr schön draußen. Mein Herz ist in wunderbarer Aufregung, nie habe ich mich so ernstlich gefragt, ob ich Gott glaube, ob ich gottlos bin. Wie kam es, daß diese Frage mein Inneres so in Aufruhr gebracht hat? Das Verstummen zweier Menschen hats vermocht, zweier Menschen, die ich hochschätze. Wenn es einen persönlichen Gott giebt, Pauline, dann muß er eine unausdenkbare Größe sein. Denk Dir eine Macht, welche die Welt, die Natur in dieser wunderbaren Ordnung erhält, denke diesen raffinirten Naturgesetzen nach, denke Dir dazu eine Liebe, welche dies Alles erschaffen hat und erhält für Geschöpfe, die ihn verneinen, verhöhnen; ist ein Gott, so ist mir nicht bange, Gott wird und muß am größesten im Verzeihen sein. Es ist ein wonnereicher Gedanke: Gott. Entweder beginnt nun für mich ein besonders reiches Leben, oder ein sehr ödes, kaltes. Meine Seele ist nun einmal von einem Verlangen erfaßt, diesmal kann es nur Gott befriedigen.

Justus.