Den 20. December.
Welche Wichtigkeit ein Bräutigam ist! Kommt so ein Mensch in's Haus, so erschallt vom First bis in's Souterrain ein Jubel: er ist da, Heil, er ist gekommen! Selbst Cäcilie, ja gerade Cäcilie läuft mir da heute Morgen entgegen, daß die schwarze Sammetschleife im Haar in ungewohnten Schwung kommt, sieht mich mit beiden Augen freudenvoll an und ruft: »Theodor ist hier!« – »So?« fragte ich ganz kühl; ich fühlte gar keine so große Veranlassung zur Freude. – »Ja, und bleibt bis acht Tage nach Neujahr, kommen Sie, ich werde Sie vorstellen,« und hin ging's zu dem Herrn Theodor, der doch auch Seinesgleichen in der Welt hat. Sonst ist er ganz nett, – er hat in der That etwas sehr Einnehmendes, und durch die Briefe seiner Braut von meiner Einbürgerung im schwiegerväterlichen Hause benachrichtigt, reichte er mir mit offener Herzlichkeit gleich die Hand zur Einleitung eines freundschaftlichen Verkehres. – Ich bin neugierig zu wissen, ob man mit mir, wenn ich einmal Bräutigam sein werde, auch so viele Umstände macht. –
Deine Sendung ist noch nicht angekommen, ich erwarte sie täglich. – Die Vorfreuden des Festes beginnen, Pfeffernüsse durchduften fast alle Häuser seit längerer Zeit, und Tannenbäume schleichen in der Dämmerung durch die Straßen, um unbemerkt in die Häuser zu schlüpfen, die Geheimnisse mehren sich.
Die Gräfin ist ganz Glück, so recht in ihrem Elemente, aber wann ist sie dies nicht? – Ohne Unterlaß gehen Boten mit Commissionszetteln nach allen Himmelsgegenden; verschiedene alte und junge sanfte Frauengesichter erscheinen geheimnißvoll mit großen Körben voller Sachen im Schlosse und ziehen sich, ihrer Bürde entledigt, mit augenscheinlicher Befriedigung wieder zurück. Sie scheinen den Frommen anzugehören, denn diese mögen alt oder jung, hübsch oder häßlich sein, ein gemeinsames Kennzeichen haben sie Alle, sie zeigen fast beständig ein heiteres Gesicht, ein ruhiges Auge, die Seufzer über das menschliche Elend sind nur vorübergehend, der liebe Herr macht alles, was uneben ist, ihnen wieder gerade. Julchen ist mir das Ideal solcher Frommen. Man möge diese Leute in Zukunft in meiner Gegenwart nicht wieder angreifen, ich werde sie entschlossen, mit dem Muthe der Ueberzeugung vertheidigen. Sehr möglich, daß es auch unter ihnen Heuchler giebt, aber wo giebt es keine? Wie viele Freigeister, die ihre Thaten ihr Gottsein beweisen lassen wollen, verbergen bedächtig viele ihrer schmutzigen Werke vor den Augen der Welt, verstecken unter Phrasen über Berechtigung, Freiheit und dergl. die an sich wohl erkannten Flecken. Hier ist es anders, und wer sich wohl fühlen, vereinfachen will, wieder in das Paradies der Kindheit zurückversetzen möchte, komme nach Burgwall, wo nichts von der verschrieenen Kopfhängerei an den Gläubigen zu merken ist, wo Hoch und Niedrig das Band Einer Liebe, Eines Glaubens verbindet. Halte mich wegen dieses Zeugnisses aber ja nicht für einen mit ihnen in Christo Verbündeten, Du würdest sehr irren. Ich möchte es wohl sein, weil ich sehe, wie innigst befriedigt sich diese Menschen fühlen, welche Geduld sie beweisen, welche Todesfreudigkeit sie haben. Auch das habe ich nicht aus Schilderungen, denn fern ist diesen Leuten Proselytenmacherei; sie brauchen nicht klüglich zu sprechen, um für sich und ihre Lehre zu werben, sie sind anziehend, das ist mehr als Jenes. – Ich hörte öfter von einem alten, sehr leidenden Manne im Bernwachtschen Hause reden, und ging eines Abends zu ihm. Möchte ich einst so heiter sterben, wie dieser Greis! – Als ich ihn fragte, ob ich ihm irgendwie dienen, ihn mit etwas erquicken könnte, deutete er auf ein Buch und einen Gesang, den ich ihm daraus vorlesen sollte; ich that es mit Schüchternheit, das kindliche Verlangen nach der frohen Ewigkeit, welches in diesem Liede lebte, war mir fremd, der Alte kannte es. Und dann wie dankbar war er. »Der Herr wird es Ihnen lohnen,« verhieß er. Einige Tage später war er bei seinem Herrn. Ich sagte es Bernwachts, als ich es gehört hatte, sie wußten es schon, und Cäcilie sagte mit freudigen Augen: »Wie schön wird er Weihnachten feiern!«
Solch ein Glaube kann da schwerlich einziehen, wo er so lange belächelt ist; ich habe ihn nicht, aber ich muß ihn ehren. –
Gestern Abend nach Tisch war ich noch im Familienzimmer, wo wir ausnahmsweise gegessen hatten, als die Gräfin ein dickes Buch hervorholte, um ein Weihnachtslied auszuwählen. Der Graf, der sich mit mir unterhielt, wurde zu Rath gezogen, und endlich ein Gesang zum Festliede ausersehen. Es gefiel auch mir besonders, und als die Gräfin Anstalt machte es abzuschreiben und viele Quartblätter schnitt, welche zeigten, daß sie es in vielen Exemplaren haben wollte, bot ich meine Hülfe an. Ein freudiger Blick lohnte mir. »Finden Sie das Lied schön?« fragte sie. – »Ja,« erwiederte ich, »es sagt mir sehr zu.«
»O, das ist auch eine Festfreude,« sagte sie herzlich, und reichte mir die Hand zum Drucke; ich küßte sie aber demuthsvoll.
»Die Wahrheit ist eine siegreiche Macht,« sprach der Graf, »und eine so selige,« fügte seine Frau hinzu.
»Aber mein Herz und mein Verstand sind sehr trotzig,« entgegnete ich, »sie wehren sich selbst dann noch, wenn sie schon die Größe des Ueberwinders ahnen und ehren.«
»Es wird Ihnen nichts helfen,« sagte der Graf, und drückte mir warm die Hand; »die Wahrheit bedarf nur geringen Raumes, um bald siegreich das Feld zu behaupten. Gott segne das Fest an Ihrem Herzen!«
»Amen!« hallte die Gräfin.
Ein Jahr zurück, nur ein halbes, und wie anders damals und jetzt! Was ich jetzt zu sein wünsche, verlachte ich damals, Glauben nenne ich, was damals Vorurtheil hieß, Aufklärung, was Befangenheit genannt wurde. Und dieser Umschwung geschah in aller Stille, und was das Traurige dabei ist, ich stehe nur draußen vor der Schwelle des Heiligthums, höre mit dem einen Ohr die Harmonie drinnen, mit dem andern das Spotten ehemaliger Genossen. Dennoch beschwere ich mich keineswegs, und wenn ich die ganze Wahrheit sagen soll, so bin ich auf die Entwickelung dieses Seelenprozesses neugierig. Wie und wann werde ich so glückselig werden wie der Graf, oder sein Gärtner, oder Julchen, oder wird eine Reaction eintreten? Ich wünschte, jene Leute wären wirklich in der Wahrheit, und Gott hülfe mir auch dazu zu kommen. Gottes und Marien Sohn! –
Julchen sagte vor einigen Tagen zu mir: »Worin liegt denn eigentlich das Unglück, wo steckt der Knoten?«
»Ich möchte gern ein Christ sein, wie andere mir liebe Menschen, und bin es nicht im Stande.«
»Warum wollen Sie es denn sein?«
»Weil ich das Beste nicht für zu gut für mich halte, als Gottes Kind könnte ich ja auch wohl ein Christ sein.« – Sie lächelte, mußte aber wieder fragen, warum ich das Christenthum für »das Beste« hielte, und ich sagte ihr, daß ich die Wirkungen seiner Vortrefflichkeit nun hinlänglich wahrgenommen hätte, um zu diesem Schlusse zu kommen, und zweitens gedächte ich zuweilen mit einem peinvollen Gefühle an meine mögliche Verblendung, an meine Undankbarkeit, wenn Christus nämlich wirklich der wäre, den ich nicht glauben könne.
»Wenn es so steht, dann wenden Sie sich nur mit Ihrem Verlangen an Ihren Schöpfer, beten Sie nur das schönste Gebet, welches wir haben, Sie beten dann zu Ihrem Gott, und ganz im Sinne dessen, den Sie suchen, mit seinen eigenen Worten.« –
Das thue ich auch, und lasse es nun auf Ihn ankommen, lese auch fleißig in der Bibel. Zuweilen prüfe ich, da nicht zu verkennen ist, daß ich gewissermaßen mich der Kindheit wieder nähere, ob ich in meinem Urtheile über andere Dinge auch anders, etwa schwächer, geworden bin, ob mein Auswendiges gelitten hat, so fest hänge ich an Vorurtheilen! Aber lachend muß ich mir gestehen, daß ich noch alle meine Gaben gut bei einander habe, und mein der Freude so gern offenes Herz mit vielen schönen Gefühlen angefüllt ist.
Das Lied will ich Dir abschreiben, es ist von Gerhard Tersteegen und heißt:
| Jauchzet ihr Himmel! frohlocket ihr englischen Chöre, |
| Singet dem Herren, dem Heiland der Menschen zu Ehre; |
| Sehet doch da! Gott will so freundlich und nah |
| Zu den Verlornen sich kehren. |
| Jauchzet ihr Himmel, frohlocket ihr Enden der Erden! |
| Gott und der Sünder, die sollen zu Freunden nun werden; |
| Friede und Freud' wird uns verkündiget heut'; |
| Freuet euch Hirten und Heerden. |
| Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget! |
| Sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget! |
| Gott wird ein Kind, träget und hebet die Sünd': |
| Alles anbetet und schweiget. |
| Gott ist im Fleische, wer kann dies Geheimniß verstehen? |
| Hier ist die Pforte des Lebens nun offen zu sehen, |
| Gehet hinein, macht euch dem Kinde gemein, |
| Die ihr zum Vater wollt gehen. |
| Hast du denn, Höchster, auch meiner noch wollen gedenken? |
| Du willst dich selber, dein Herze der Liebe, mir schenken? |
| Sollt' nicht mein Sinn innigst sich freuen darin |
| Und sich in Demuth versenken? – |
| König der Ehren, aus Liebe geworden zum Kinde, |
| Dem ich auch wieder mein Herze in Liebe verbinde, |
| Du sollst es sein, den ich erwähle allein, |
| Ewig entsag' ich der Sünde. |
| Süßer Immanuel, werd' auch geboren inwendig, |
| Komm doch, mein Heiland, und laß mich nicht länger elendig, |
| Wohne in mir, mach mich ganz Eines mit dir, |
| Und mich belebe beständig. |
| Menschenfreund Jesu, dich lieb' ich, dich will ich erheben, |
| Laß mich doch einzig nach deinem Gefallen nur leben, |
| Gieb mir auch bald, Jesu, die Kindesgestalt, |
| An dir alleine zu kleben. |
Zuweilen drückt sich der Verfasser ein bischen wunderlich aus, aber paßt das Gedicht nicht genau auf mich und meinen gegenwärtigen Zustand? So finde ich es auch mit vielen Bibelstellen, oft finde ich Worte des Rathes in der Bibel, die mir fast wie ein Wunder vorkommen, denn vor fast zweitausend Jahren geschrieben, beantworten sie genau eine nur gedachte Frage der Gegenwart. Wenn Jesus doch noch auf Erden lebte! – Das sieht nun aus wie der fromme Seufzer eines Heiligen, während ich, weit davon entfernt, durchaus ein Kind dieser Welt bin, und den Heiligen eigentlich so ziemlich gänzlich verleugne. –
Gute Nacht, liebe Schwester; es ist bei meinem Schreiben spät geworden. Wie die Sterne draußen funkeln! Der Schnee liegt hoch, weit und breit, die Natur feiert auch auf ihre Weise. – Ich lege diesen Brief auf ein Bild, welches Du Dir längst gewünscht hast, und schicke es Dir mit den wärmsten Grüßen. Lebe wohl!
Dein Bruder Justus.