Am 2. Weihnachtsfeiertage.

Es läutet eben zum Nachmittagsgottesdienst, die Sonne lacht heiter in's Fenster und läßt die vergoldeten Aepfel an meinem Weihnachtsbaume hell erglühen. Dein Brief, der mit all den vielen empfangenen Geschenken darunter liegt, redet mir zu zu schreiben, und – hier bin ich.

Ich bin in einer wundervoll friedereichen Stimmung. Das Leben ist kein Traum, aber ein Räthsel, ein unerschöpflicher Glückesborn, ein sinnreicher Lehrmeister, der zugleich beschämt und beseligt. Warum es mir so einzig im Kopf und Herzen klingt, kann ich nicht genau auseinandersetzen, in Summa aber ist es die Liebe, die mich jubeln und danken läßt. Liebe überall! – »Also hat Gott die Welt geliebt« – kennst Du das auch, daß irgend eine Strophe oder ein anderes Wort unablässig im Ohre klingt, daß man es gar nicht los werden kann? So geht es mir heute mit den Worten: »also hat Gott die Welt geliebt.« – Die Welt hat diese Liebe begriffen, wie entzückt sieht sie aus, wie verschwenderisch ist sie im Nachahmen jener Liebe, auch ich werde damit überschüttet, aber ich erwiedere, verlaß Dich darauf! –

Ich möchte, ich könnte Dir auch all die schönen Sachen zeigen, die mir am heiligen Abend bescheert wurden, da liegen sie festlich im Sonnenglanze: ein neues Testament von der Frau Gräfin, ein warmer, weicher Reisepelz von dem Grafen, von Johannen der Baum – das süße Geschöpf mit seinen prächtigen Einfällen! – Nun kommen die aus dem Bernwachtschen Hause: eine Specialkarte der Provinz vom Alten, ein riesiger Pfefferkuchen von Frau Bernwacht; Therese hat mir eine Uhrschnur gearbeitet, Ida ein Notizbuch gestickt, Cäcilie drei Lesezeichen, Burga und Berga ein Paar farbenreiche Morgenschuhe. Auch von Julchen liegt etwas da, etwas Rührendes: es ist ein Brief von unserer Mutter, ich will ihn Dir abschreiben.

Liebes Julchen. Hier schicke ich Dir das Probehemdchen für Paulinen, die neuen müssen aber eine handbreit länger und weiter gemacht und auch in den Aermeln verhältnißmäßig größer werden. Gern hätte ich es Dir selbst gebracht, Du weißt, ich wünschte schon am Sonntag bei Euch zu sein, aber mein Justus ist unwohl, und ich mag ihn, da er so stürmisch ist und seine Vorsätze leicht vergißt, nicht verlassen, er könnte leicht etwas thun, was ihm schadete, das Mutterherz ist so ängstlich! –

Gott befohlen!

Deine Marie.

Die alte Zeit lebt auf, ich sehe der Mutter zarte Gestalt, ihr sorgsames Auge. Das Wort, das längst ungewohnte, mein Justus, weckte ein Sehnen in mir, oder schärfte es nur – aber ich will nicht mehr stürmisch sein, Pauline, meine guten Vorsätze sollen erstarken.

Wie es im Feste war? Schön. Erst allgemeine Bescheerung hier im Schlosse, die ganze Bewahranstalt, alle Waisenkinder waren da. Ehe sie in den Speisesaal, wo Alles arrangirt war, eingelassen wurden, war Andacht im daranstoßenden Betsaale, ähnlich wie schon manchmal, nur viel freudiger noch. Auch die Bernwachtschen Töchter waren sämmtlich da. »Mama baut auf,« flüsterte Berga, »freuest Du Dich nicht schrecklich?« – »Nein, ich freute mich recht schön, für Niemanden zum Erschrecken, ganz sanft wie ein gutes Kind, ähnlich vielleicht wie Cäcilie.« –

Die von der Gräfin für die Kinder bestimmten Geschenke waren durch freiwillige Beiträge aus der Stadt bedeutend vermehrt; ich entdeckte auch hübsche, braun- und rothgestreifte Schürzchen, welche ich unter Theresens Händen entstehen gesehen, und eine Menge kleiner gestrickter Handschuhe wollten mich an ein junges Mädchen erinnern, dessen Fleiß ich in den Leseabenden zu bewundern Gelegenheit gefunden hatte. – Allgemeine Freude auf dem Schlosse und ebenso bei Bernwachts, Jeder gab, Jeder empfing und war in bewegter Stimmung. –

Deine Einkäufe habe ich mit vieler Freude empfangen und ausgetheilt, doch anders wie ich anfangs beabsichtigte. Als ich den Berg Geschenke für Cäcilie erblickte, stieg's wie Spott über meine Zuversichtlichkeit in mir auf: mit welchem Rechte durfte ich sie so auffallend vor ihren Schwestern auszeichnen? Nur Amarant, welches ich Deiner Wahl verdankte, und das mich gleich, nachdem ich hineingesehn und ein Paar Verse gelesen hatte, für sich entschied, legte ich, nebst einem frischen Bouquet aus dem Treibhause, auf ihren Platz unter dem Baume, das andere Buch, »die weite, weite Welt,« will ich für die Leseabende aufheben. Therese erhielt zu ihrer Briefmappe die Perlen, Ida zu den Noten das Kreuz, Julchen außer dem Muff Scrivers Werke, und den Kleinen steckte ich die Mappe voll Zeichnungen. Alle fanden sich sehr reich beschenkt; noch an demselben Abend sah ich Cäciliens Wangen sich höher färben durch – Amarant. Sie findet es schön, und hat es ihrerseits zum Beitrag für die Leseabende bestimmt, obgleich Theodor sie mit den herrlichen Briefen »Wilhelm von Humboldts an eine Freundin,« beschenkt hat. – Nun auch Dir Dank, Schwesterherz! Dank für jeden Ausdruck Deiner Liebe. – Dein Rath, mich mit meinen Ansiedlungsplänen nicht zu übereilen, ist begründet, und soll befolgt werden – ich sagte es Dir ja, ich habe nicht die leiseste Hoffnung, daß der süße Traum einst verwirklicht werden könne; ich will nichts übereilen, sondern still abwarten, wie Gott es will. Mein herzliches Lebewohl!

Justus.