Den 15. Februar.

Du mahnst mich an mein Versprechen, keine Lücke in unserm Briefwechsel entstehen zu lassen, so will ich schreiben, es ist jedoch wenig zu berichten. – Des Tags bin ich meist sehr fleißig, und die Abende verfließen in Dir bekannter, lieber Weise, nur lesen wir zweimal in der Woche, statt einmal. Wir sind bei der weiten, weiten Welt, und mit Ausnahme Ida's, die gleich durch den etwas breiten Anfang des Buches gegen dasselbe eingenommen wurde, findet es allgemeinen Beifall, besonders bei meinem kleinen, frommen Lieblinge, der Cäcilie. Sie schwärmt für Helene Montgomery, für Alice und St. John, sie liebt Master Vanbrunt, und entschuldigt – auf Ida's Angriffe – selbst alle vorkommenden kleinen Teufeleien, welche die wilde kleine Person, Helenens Plagegeist, ausübt, damit, daß das Alles nachher ihr leid genug gethan habe, und mehr könne man nicht verlangen. – Da fällt mir noch etwas Anderes bei, was charakteristisch ist. Vor einiger Zeit war ich Nachmittags bei Bernwachts. Draußen, vom wildesten Schneegestöber umstürmt, standen ein Mann und ein junges Mädchen, er drehte die Orgel, sie sang, und sang mit einer Ruhe und Resignation, aber dennoch melancholischer Stimme und Weise, das Lied – ich weiß seinen Anfang nicht – welches zum Refrain die Worte hat: »Das Leben ist ja nur ein Traum.«

Frau Bernwacht schickte einige Münze hinaus und sagte: »Die junge Person hätte besser gethan, in ihrem Dorfe zu bleiben, als in der Welt herum zu reisen; was hat sie nun davon? Ich sollte denken, die schwerste Arbeit wäre ein Vergnügen gegen diese Lebensweise.«

»Sie mag aus der Stadt sein, Mama,« entgegnete Therese nachdenklich, »und Du weißt, wie schwer es Vielen in den großen Städten wird, sich ehrlich zu ernähren, sie hat vielleicht schon Mancherlei vergeblich versucht und nothgedrungen dies Wanderleben begonnen.«

»Vielleicht hat sie eine arme, kranke Mutter zu Haus,« sagte Cäcilie mitleidig, und betrachtete sie ernst mit ihren warmen Blicken; »sie sieht recht so aus, als wenn ihr das Herz weh thäte.«

»In dem Falle hätte sie lieber die Barmherzigkeit der Menschen ansprechen sollen, und die Mutter pflegen,« beharrte die Bürgermeisterin, »dies Vagabondiren ist der Ruin für solche Mädchen. War es vorhin für sie schwer, ein Unterkommen oder Unterhalt zu finden, dann wird es ihr nachher fast unmöglich sein. Wer nimmt wohl ein Mädchen, was sich zu solchem Leben einmal bequemt hat, in Dienst? ich gewiß nicht.«

Ida war auch theilnehmend geworden und vertheidigte das Mädchen: sie arbeite ja auch, das sei, nach ihrer Meinung, immer besser als betteln. So lange man irgend Kräfte habe, müsse man Andern doch nicht lästig fallen wollen. Wenn sie z. B. in so unglücklicher Lage wäre zwischen Betteln und Straßensingen wählen zu müssen, so würde sie ihr Angesicht verhüllen und singen.

»Ich nicht,« sagte Cäcilie erregt, und reichte dem vorübergehenden Mädchen ein winziges, weißes Päckchen aus dem Fenster, »mir würde das Bitten gar nicht so schwer werden. Das Geben ist ja eine Freude, man kann sich ja mit seinen Bitten an solche Leute wenden, die dadurch nicht belästigt werden, und nun gar für Andere! – ich habe doch mehr Muth als Du, Ida.«

»Demuth,« sagte die Mutter. Cäcilie erschrak fast und senkte die Augen; sie sah gerade so aus, als dächte sie: Demuth – ich?

»Demuth – ja,« wiederholte Ida kühn, »aber Muth – nein: Du würdest lieber vergehen, als ein Leben führen, was unter dem Banne der öffentlichen Meinung steht, Du würdest fürchten im Bereiche des Niedrigen und Unreinen auch bei Dir selbst zu verlieren, Du bist überhaupt nicht sicher, trotz Allem, immer stehen zu können.«

»Nein, das bin ich nicht,« erwiederte die Schwester sanft, »ich mache ja alle Tage die Erfahrung, daß ich der göttlichen Hülfe und Gnade bedarf.« –

Bin ich ein Thor, Pauline, daß ich der Neugierde den Zügel schießen ließ, daß ich mich in ihre kleinen Geheimnisse eindränge? Ich habe das singende Paar in einer Spelunke aufgesucht und mir das Zettelchen zeigen lassen. Hergeben wollte ihn das Mädchen um keinen Preis, ich bot ihr viel, aber sie blieb fest, und warum soll ich ihr den Talisman, den Engelgruß nehmen, da sie ein armes, elendes Geschöpf ist, was vielleicht nichts Heiliges weiter in der Welt hat! – Auf dem Zettel, auf dem noch deutlich die Spur des eingewickelten Geldstückes zu sehen war, stand:

Habe Gott vor Augen und im Herzen, und hüte Dich, daß Du in keine Sünde willigest, noch thuest wider Gottes Gebot. – Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der wird Dich versorgen. Gott sei mit Dir, Amen.

Ich beschenkte sie reichlich und sie trug mir auf, der jungen Dame zu sagen – was natürlich wohl nie geschehen kann – daß sie nie wieder so singen würde. Sie sei einer allzu strengen Herrin entlaufen, Angehörige habe sie nicht mehr, ein Dienst sei nicht zu finden gewesen, sie habe Schulden machen müssen – so sei es gekommen. Nun sollte ein anderes Leben begonnen werden. – Ob ich ihr nicht den Namen des Fräuleins sagen wolle, sie wolle ihn dem lieben Gott nennen. »Glauben Sie denn an Gott?« fragte ich schon in der Thüre. »Ach,« seufzte sie da, »Sie dachten, ich wäre ganz verworfen!«

Ida's Bild ist bald fertig; ich habe Dir wohl noch nicht geschrieben, daß die Familienhäupter sich dem Aschenbrödelproject entschieden widersetzen. Die jungen Damen fanden es ganz hübsch und hätten ihre Einwilligung vielleicht nicht versagt. Zu Anfang der nächsten Woche gedenke ich Cäcilien zu malen, hier im Schlosse bin ich bald fertig. Noch bin ich unschlüssig, wohin ich von hier gehe, zuweilen denke ich an das Morgenland, es wären interessante Studien dort zu machen, und vielleicht – ich träume wieder! nein, ich will nur in der Nähe bleiben. –

Weißt Du, ich habe ein Lied gehört, das Du Dir in einer Musikalienhandlung suchen mußt. Von wem es gedichtet und componirt ist, weiß ich nicht, aber ich habe es singen hören, kann Dir auch den Text schreiben. – Ida war bei der letzten Sitzung mißgestimmt, und ich wollte, weil ich diese Linien des Verdrusses nicht in das Portrait einfließen lassen mochte, zu malen aufhören, als Therese Cäcilien bat, dies Lied zu singen, sie meinte mit Recht, dann würde die Wolke wohl verfliegen. Du magst den Text sehr einfach finden, vielleicht ganz unbedeutend, ich versichere Dich aber, das Ganze war von ergreifender Wirkung.

 Du Tropfen Thau, seh ich dich an,
Kommt mir die Thräne süß und still,
Weil du so treu dein Blümlein liebst,
Wie ich wohl einmal lieben will.
 Und trennt dich auch an jedem Tag
Von deinem Lieb der Sonnenschein,
Du kehrst am Abend stets zurück,
So muß wohl treue Liebe sein.
 Und stirbt dein Lieb vom Sonnenbrand,
Dann stirbst auch du im letzten Kuß,
Ich seh dich an und sinne still;
Wie solch ein Tod beglücken muß! –

Wie ich wohl einmal lieben will! Sie weiß es nicht, das Kind, und doch dieser hinreißende Vortrag, dieser unvergleichliche Ausdruck! Es liegt gewiß darin, daß es ihr angeboren ist, nie Mißgriffe zu begehen, in Allem vollendet zu sein. – Ida wurde ganz sanft und schön, ich unruhig, mir klopfte das Herz vor schmerzlicher Wemuth. Cäcilie und ich, welch ein Unterschied! Kannst Du mir nichts nennen, was die Kluft ausfüllen könnte? Doch wie spreche ich, wie solltest Du junges Kind wissen, was der Weiseste auf Erden nicht erdenken könnte. Lebe recht, recht wohl!

Justus.