Der Sohn der Wittwe.
Nicht weit von der Försterei zu Drosehalm, liegt ein kleines Haus, welches vor mehreren Jahren einer Wittwe gehörte, die mit ihrem einzigen Sohne, einem lebhaften, gescheuten Knaben, in der einförmigsten Weise darin lebte. Während Ludwig, so hieß der kleine Wildfang, der die Gedanken der stillen Frau fast beständig beschäftigte, in der Schule war, besorgte sie das kleine Hauswesen, führte die Ziegen auf die Weide, arbeitete in dem Gärtchen, welches die Vorüberfahrenden, wenn sie um die Waldecke bogen – das Haus lag an der Landstraße – vom Frühling bis zum Herbste, wie ein unerwarteter, freundlicher Gruß, durch seine lachenden Blumen überraschte, oder sie saß auch im Zimmer und spann. That sie Letzteres, dann konnte man sicher daraus rechnen, daß irgend ein Erbauungsbuch, die Bibel war ihr das liebste, aufgeschlagen neben ihr lag, denn durch die jahrelange Uebung hatte sie es dahin gebracht, daß sie neben dem Spinnen auch lesen konnte. – Zuweilen erhielt die Wittwe auch Besuch aus der Stadt, von Solchen, die ihr befreundet waren, und die auf der Reise nach der Nachbarstadt, vor ihrer Thüre vorbei mußten, oder von dieser oder jener armen Frau, die in großer Verlegenheit war, und Frau Schmidt um Rath, Unterstützung oder Fürsprache bitten wollte, denn es war bekannt, daß die einfache Frau im Waldhause unter den vornehmen Damen Gönnerinnen hatte, die sie an manchem lieblichen Abende in ihrem stillen Hause aufsuchten. Alle Besuchenden fanden dieselbe Aufnahme, sie erhielten sämmtlich zum Gruße ein freundliches Gesicht, die Hand zum Drucke und ein herzliches Willkommen. Alle gingen auch in der Regel befriedigt von ihr fort, die Bittenden, nachdem sie erhalten, was sie wünschten, die Trostesbedürftigen mit erneutem Muthe im Herzen, denn Frau Schmidt hatte stets guten Muth, sie konnte unter allen Umständen, zu jeder Zeit davon mittheilen. Auch die großmüthigen Damen, welche die Wittwe dann und wann besuchten – obgleich sie, trotz der Bitten der Kinder namentlich, nie in ihren Häusern in der Stadt zu sehen war – fanden sich in ihrer Gesellschaft und der stillen Stube, welche im Sommer eine schöne Linde beschattete, sehr behaglich. Die Kinder, welche sie mitbrachten, tummelten sich, während die Frauen sich drinnen unterhielten, auf dem freien Platze vor dem Hause, herum, oder näherten sich vorsichtig dem kleinen Flüßchen, das noch sehr jung und unerfahren, mit großer Eile, über Stock und Stein, durch den grünen Thalgrund, dem größeren, bedächtiger fließenden Fluße zu eilte, der sich um die Stadt schlingt. In den Garten zu gehen, wagten sie erst dann, wenn Frau Schmidt es ihnen ausdrücklich erlaubte, oder wenn Ludwig aus der Schule kam, der dann sogleich sein Bücherpaquet sammt Riemen in die erste, beste Ecke schleuderte, um als galanter Wirth sich seinen Gästen zur Disposition zu stellen. Heidi, dann gings lustig zu! kein ansehnlicher Schmetterling war seines Lebens sicher, er mochte flattern wo er wollte, über dem Bache oder über den Lilienkelchen, ihm wurde rücksichtslos nachgestellt. Ferner wurde den kleinen, schlanken Fischen aufgelauert, die ganz harmlos schaarenweise, zwischen den bemoosten Steinen, sich so wohlig dahinwanden; zuweilen war denn auch wohl eine schöne bunte Forelle darunter, die durfte dann nie entwischen, denn Forellen sind theure wohlschmeckende, vornehme Fische, wohlgeeignet für die Tische reicher Leute und Ludwig schenkte gerne. Er hatte sich dazu einen Topf mit durchlöchertem Deckel, von seinem Spargelde gekauft, damit er, so oft das Glück ihm wohlwollte, lebendige Forellen, auf seinem Schulwege der Frau Pastorin, oder Stadträthin, oder irgend einer namhaften Dame, mitnehmen konnte. Von vorn herein hatte er sich so zu stellen gewußt, daß man ihm solche Lieferungen nicht bezahlen konnte, nein, er nahm nichts, er durfte auch nicht, er dankte sehr, höchstens waren ihm ein Paar Aepfel aufzunöthigen, und die nahm er dann mit einer so tiefen Verbeugung, und bedankte sich so ernst, daß es aussah, als glaubte er, der besonders, hauptsächlich Beschenkte zu sein.
Aber Ludwig war durchaus nicht so bescheiden, wie es im Allgemeinen von ihm hieß, er war vielmehr stolz, und baute nicht, wie er durfte, Hoffnungen auf seine ihm von Gott verliehenen Gaben, sondern er pochte auf sie. Er war klug, geschickt und muthig, was lag nun daran, daß er nur eines schlichten Bergmannes Sohn und nicht der Sprößling einer Patrizierfamilie war? Das Blättchen kann sich wenden im Leben, dachte er, und blickte stolz dabei umher, was niedrig ist, kann hoch, und was hoch ist, kann ganz klein werden.
Einmal hörte seine Mutter einen solchen laut gewordenen Gedanken, da sagte sie: »Wenn Gott will – aber dem Demüthigen giebt Er Gnade.« – »Erkundige Dich doch, was die Leute von mir sagen,« entgegnete ihr der vierzehn Jahre alte Knabe, »Niemand wird mich hochmüthig nennen.« – »Du kannst wohl Menschen, aber nicht Gott betrügen,« erwiederte ihm seine Mutter sehr ernst, und nun hütete er sich wohl, seine innersten Gedanken wieder laut werden zu lassen.
Ostern darauf wurde Ludwig eingesegnet und zu einem geschickten Tischler in die Lehre gebracht, obgleich er seine Mutter fast fußfällig um die Erlaubniß bat, einen höhern Beruf wählen zu dürfen. Auch seine Lehrer riethen der Wittwe, dem Sohne eine umfassendere Ausbildung geben zu lassen, als die Schule es bisher thun konnte, denn seine Gaben seien nicht unbedeutend, und ein in ihm wohnender, nicht zu verkennender Ehrgeiz werde ihn spornen, ihre Opfer zu vergelten. Aber die sonst so sanfte Mutter zeigte hier eine große Festigkeit und blieb beharrlich bei ihrem Entschlusse, den Sohn ein Handwerk erlernen zu lassen, welches – das möge er selbst bestimmen. Eben sein Ehrgeiz sei es, der sie in dieser Sache so entschlossen mache, sie wolle das Ihrige dazu thun, diesen hochstrebenden Sinn zu demüthigen, damit er einst fähig werden könne, nach wahrhaft hohen Dingen zu trachten.
»Mutter, ist es denn etwas Gefährliches, ein guter Lehrer oder gar Prediger werden zu wollen?« fragte Ludwig mit Thränen in den Augen, »kann ich nicht dem lieben Gott viel besser dienen, wenn ich den Beruf habe von seiner Größe und Liebe den Menschen zu erzählen, als wenn ich dastehe und schmiede, oder leime, oder so etwas?«
»Wenn Du wirklich viel von seiner Größe wüßtest, und von heiliger Liebe getrieben würdest, mein Sohn, dann würdest Du demüthiger sein,« antwortete die Mutter, »etwas Sündlicheres kann ich mir kaum denken, als einen Geistlichen, der auf die Kanzel mit dem Gedanken kommt: heute werde ich gewiß bewundert werden, der mit seiner Predigt sich verherrlichen will; der das Kreuz predigt und den eigenen Ruhm vor Augen hat. Nein, Ludwig, bleib in unserm Stande, Du kannst darin sicherer selig werden.«
Ludwig sah sehr finster dazu aus, und er seufzte tief über der Mutter schreckliche, sein Lebensglück zerstörende, Verblendung, aber er konnte nichts dagegen ausrichten und so wurde er ein Tischlerlehrling.
Sein Meister nannte ihn musterhaft: er war fleißig, anständig in seiner äußern Erscheinung, zuvorkommend, ernst, zuverlässig, sein Lob ertönte reichlich, namentlich fand der Lehrherr es so rühmenswerth, daß er stets pünktlich an Ort und Stelle war, sei es zur Arbeit, zu Tisch, zur Kirche, oder sonst irgendwo, einem Versprechen oder Auftrage zu folgen; was er versprach, hielt er mit gewissenhafter Genauigkeit.
»Er wird einmal ein gemachter Mann,« prophezeihete er, »ich sehe schon den künftigen Gewerksvorsteher, wenn nicht Senator der Stadt in ihm.« – Wohl freute sich die Mutter über das Lob ihres Lieblings, aber sie bat den Meister inständig, es den Knaben nicht hören zu lassen.
»Glauben Sie, es ist Wasser auf seine Mühle,« stellte sie ihm vor, »es bewegt seinen Sinn die leidige Eitelkeit ohnehin genug.«
»Nun was schadet die Eitelkeit?« entgegnete der Meister fast unwillig, »wenn sie das Rad der Thätigkeit in Bewegung setzt und den Jungen alle seine Kräfte mit Lust gebrauchen läßt? Nichts für ungut, Frau Schmidt, aber Weibererziehung ist nicht für solchen aufstrebenden kleinen Menschen, Ihr möchtet aus lauter Zaghaftigkeit alle frischen Sproßen seiner kernigen Wurzel streng beschneiden, damit sie möglicher Weise nicht zu einer Wildniß heranwachsen.«
»Gott hat ihm doch den Vater genommen, und mich für ihn bestellt,« erwiederte die Mutter ganz sicher, »darum muß ich ihn nach der Einsicht erziehen, die Er mir gegeben hat.«
Die Lehrzeit verfloß. Zwei Jahre blieb Ludwig noch am Orte, dann schnürte er sein Bündel und ging in die Fremde. Der Abschiedstag war ein schwerer für seine Mutter, sie hatte nichts weiter auf der Welt, daran ihr Herz so ganz hing, wie diesen einen Sohn, und trotz seiner Fehler, als Sohn war Ludwig musterhaft! Aber es mußte geschieden sein, und die Liebe macht stark, besonders eine Mutter, welche freudigen Glauben zu Gott dem Herrn hat, sie küßte und segnete ihn, begleitete ihn auch über das Weichbild der Stadt hinaus und kehrte dann ergeben in ihr einsames Haus zurück. – Ihre Lebensweise blieb dieselbe wie bisher, nur daß sie nicht mehr wie früher, Sonntags auf der Brücke, die über den kleinen Fluß führte, stand und nach der Stadt hinsah, von welcher ihr Sohn sonst kam, und daß sie jetzt noch mehr betete als las.
Ein Festtag war allemal für sie, wenn der Postbote auf ihr Haus zuschritt. O, ihr Herz fühlte dann einen wahren Freudenrausch! – Die Nachrichten waren anfangs meist gut, Ludwig hatte fast immer in großen Städten Arbeit gesucht und gefunden, und schrieb gewöhnlich erfreut über das Gute, das man auf Reisen kennen lernen und einsammeln kann. Selten klagte er, auch vom Heimweh hatte er nicht gerade zu leiden, doch war seine innige Liebe zur Mutter unverkennbar. Mehr als es der bescheidenen Frau lieb war, deutete er an, wie er es ganz anders für die Zukunft mit ihr beabsichtige, sie sollte einst bequemer, schöner wohnen, ein Haus in der Nähe der Stadt haben, schon damit der Kirchweg ein kürzerer sei; er wollte dieses Haus mit den schönsten Möbeln schmücken, für wen er denn sonst etwas lerne, wenn nicht für sie? In diesem Tone schrieb er oft, wenn auch die Mutter zu mäßigen suchte, und darauf hinwies, daß ihr Glück nicht im Aeußerlichen bestehe, daß sie auch für ihren Stand und ihre Gewohnheit hinreichend mit dem Nöthigen, ja Angenehmen versehen sei.
Jahre verstrichen wieder, die Wittwe hatte ein ganzes Kistchen voller Briefe, sie hatte auch des Sohnes Bild und freute sich sehr darüber: es lächelte sie an und sah stattlich aus, der Jüngling war zum Manne heran gereift, nur schien es ihr, als wisse diese breite Stirn von Trotz, als läge in der ganzen Haltung eine Energie, die sich gegen jede zugemuthete Unterwerfung sofort empören würde. Aber seine Briefe waren ja so liebevoll, ihr war er doch ergeben, das war gewiß, sie wollte auch nicht zu ängstlich sorgen, sondern alle ihre Sorge auf Ihn werfen, der für uns sorgen will.
Dann kam aber eine Zeit, da seine Briefe das deutliche Gepräge des Mißmuthes trugen; er klagte, es werde den Abhängigen zu schwer gemacht sich den, ihren Fähigkeiten gemäßen, Standpunkt zu erringen, der Lohn sei im Verhältniß zur Arbeit zu gering, die Behandlung nicht selten unwürdig, die Besitzenden seien meistentheils herzlos – die Mutter wisse es nur nicht, wie es in der Welt zugehe, und er danke Gott, daß sie dieselbe nicht gebrauche. Die Mutter hatte genug zu ermahnen und schrieb auch, wenn es ihm draußen nicht gefalle, dann möchte er doch wiederkommen, sie sehne sich ohnehin so sehr nach ihm. Gewiß hätte er so viel gelernt, um die Innung mit einem Meisterstück zufrieden stellen zu können, dann könnte er in der großen Stube seine Werkstatt aufschlagen und sie würden Beide ein so recht seliges Leben, nach der langen Trennung mit einander führen. Diese liebevolle Einladung hatte aber eine sehr heftige Entgegnung zur Folge. Ob er darum so weit und lange gereist sei, um mit leerer Hand, als ein armseliger Gesell wieder zu kehren, und der Mutter Besitz zu seiner Etablirung zu benutzen? Nimmermehr! Er fühle hinlänglich Kraft in sich, es mit der Feindseligkeit einer ganzen verkehrten Welt aufzunehmen!
Dieser harte Brief kam im Waldhause bei Winterszeit an, als der Schnee hoch lag und die Wittwe schon wochenlang nicht aus dem Hause gekommen war. Wie sehnte sie sich nach der Kirche! Zwar war ihr Herz selber ein dem Herrn geweihter Tempel, und Haus und Garten und der stille Wald kannten den Austausch ihrer Gefühle gegen den Segen himmlischen Trostes, aber dort, wo sie die Weihe der Sakramente empfangen, sie und ihr Sohn, dort betete sie besonders freudig für den geliebten Fernen. Nun ging es nicht, sie konnte kaum zur Försterin kommen, um sich in ihrer Herzensbeklemmung an einigen freundlichen Worten der Försterin zu erquicken, sie war mit ihrer Unruhe in das Haus gebannt. »Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden, hilf dazu!« das waren Worte, die sich oft, vielleicht ihr unbewußt, über die Lippen drängten, ihr Herz fühlte das Flehen beständig.
Und die Zeit der Finsterniß ging vorüber, der Schnee schmolz, die Sonne lachte heiter durch die kleinen Scheiben des Fensters, wo über Rosen- und Myrthenstöcken des Sohnes Bild hing; er schien die Mutter anzulächeln und – o der Freude! da kam auch der Mann mit der Briefmappe wieder, kaum konnte die Mutter sein herzliches »Gott grüß!« erwiedern, so bewegt war sie von der Erwartung, ob der liebe Herr, ihr treuer Helfer, des Sohnes Herz gemildert habe, ob er, der Ferne, auch Sonnenschein um sich sehe und in sich spüre. Und es war gut, Alles gut! Er schrieb reuig, bat wegen seiner Heftigkeit um Verzeihung, erzählte von bessern Tagen, die ihm angebrochen, und von der Aussicht auf Verwirklichung seiner Wünsche. – An diesem Tage hätte Mutter Schmidt sich recht gern arm geschenkt, vielleicht hätte sie dies überhaupt schon längst gethan, wenn sie den Sohn nicht gehabt hätte. Zum Glück sah sie, noch ehe die Sonne unterging, die liebe, freundliche, theilnehmende Sonne! auf dem Wege drüben ein Paar arme Kinder, die holte sie, fragte redselig wie nie, nach ihren geheimsten Wünschen, und fand sich so reich, diese befriedigen zu können. Einen so seligen Tag hatte sie lange nicht gehabt. Ja, das Herz ist tief zu bejammern, welches so gerne opfern möchte, und keinen Altar finden kann, auf dem es geschehen könnte. Es gehört zuweilen Muth dazu, ihn zu suchen und viel Zeit, ihn zu finden, aber es giebt ihrer unzählige um uns herum. Möge Gott zu allen Zeiten unsere Augen leiten, daß wir das Rechte sehen, und unser Herz, daß wir das Rechte thun!
Vergiß nicht, Pauline, daß ich nur wieder erzähle, ich spreche das Gehörte nach, aber ich spreche auch mit. Ja, Gott helfe allewege! –
Nach wenigen Wochen kam abermals ein Brief, und diesmal von einem reichen Geschenke von Kleidungsstücken begleitet. Das war nicht nach dem Sinne der Mutter, sie wurde wieder nachdenklicher, aber der Frühling wollte es nicht leiden, er lockte sie nach draußen und zeigte ihr die Verschwendung an Prachtgewändern, welche der liebe Gott den Blumen gestattete. Tausende blühten gestern und lagen heute welk, verblüht zu den Füßen Neugeschmückter, das ganze Thal war im farbenreichsten zartesten Schmucke, der Reichthum sproßte als saftige Zweige aus den Bäumen, breitete sich als bunt gewirkte Decke über die Hügel, wogte in der Farbe der Hoffnung über die im Herbst bestellten Aecker. Das Leben däuchte ihr wieder wunderschön, selbst so getrennt von dem geliebtesten Kinde, sie übergab ihn wieder beruhigt der Obhut des reichen Gottes, dessen Ehre die Himmel erzählen, und des Vaters voller Gnade und Treue, von dessen wundervoller Liebe die Erde, seiner Hände Werk, fröhliches Zeugniß ablegte. –
Ludwigs Briefe wurden zwar von nun an etwas seltener, enthielten aber immer verständlichere Andeutungen eines innern Triumphes. Es war viel von Manneskraft und Aufsichselbstverlassen die Rede, nur blieb es dunkel, was eigentlich Bedeutendes erreicht war. Seit jenem freudenreichen Briefe im Frühjahre datirten alle Briefe aus einem kleinen Orte an der Ostsee, welcher aber in Ludwigs Atlas von dem Sohne des Försters durchaus nicht zu entdecken war. Er hielt sich daselbst beim Gastwirth auf, der sein Haus ausbauen ließ, und noch längere Zeit Arbeit für ihn haben würde. Wie dieses Verhältniß Ludwigs ehrgeizige oder liebevolle Pläne fördern konnte, war schwer zu ergründen; nach der Mutter Meinung hätte er da, in dem armen kleinen Orte, als welchen er ihn selbst bezeichnete, nur bescheidener in seinen Wünschen werden müssen. –
So verstrich ein Jahr unter Hoffen und Fürchten. Zu Weihnachten war wieder eine bedeutende Sendung schöner Sachen angekommen: Kaffee, Zucker, Gewürze, selbst schöner Wein, aber die Mutter ließ den Ueberfluß für kommende Zeiten liegen und blieb bei ihrer einfachen Lebensweise. – Als der Frühling wieder erschien, wurde ihr sehr bang um's Herz, denn die Briefe ihres Sohnes blieben ganz aus; vergebens hatte sie gehofft, zu ihrem Geburtstage, den Ludwig stets als Festtag betrachtet hatte, durch Nachricht, vielleicht gar seines baldigen Kommens erfreut zu werden, aber die Blumensträuße, welche ihre alten und jungen Freundinnen ihr gebracht hatten, verwelkten, ohne das Gesicht der Gefeierten im Lichtglanze der Freude gesehen zu haben.
Als dieser qualvolle Zustand einige Monate gedauert hatte, wurde Frau Schmidt heiterer, sie lächelte wieder, wurde sehr thätig – in ihrer Herzensangst hatte sie oft, die Hände in den Schooß gelegt, dagesessen – ging auch nach dem Gottesdienste eines Sonntags in das Pfarrhaus zum Besuch, mit einem Worte, sie schien ganz aufzuleben. Aber man sollte noch Ungewohnteres, als Besuche in der Stadt, an ihr erleben; zuerst kam die Reihe des Erstaunens an die Försterin, welche gebeten wurde, die Ziegen und Hühner der alten Frau bei ihrem Vieh aufzunehmen, und dann und wann so gütig zu sein, einen Blick nach ihrem Heimwesen zu werfen, weil sie es verlassen müsse. Eine innere Stimme ermahne sie beständig, ihren Ludwig aufzusuchen, der in Noth wäre, sie sei dazu entschlossen, und schon am nächsten Tage solle die Reise angetreten werden. – In aller Frühe des folgenden Morgens brach sie auf, und mancher der Vorübergehenden blieb an diesem Tage dem Hause gegenüber stehen, und dachte darüber nach, was es wohl mit den verschlossenen Laden für eine Bewandtniß haben könnte. Es wurde auch von einer entschlossenen Frau daran geklopft, die Schmidt konnte ja heftig erkrankt sein und hülflos daliegen, es antwortete aber weder ein Wort noch ein Seufzen, und kopfschüttelnd ging die gute Frau ihrer Wege. Dies geschah im Juni. Zwei Monate vorher hatte auch Ludwig eine Reise angetreten, aber ehe ich sage wohin, muß ich erst von Pranbeck reden, und von der Zeit, die Ludwig darin verlebte.
Als er vor fast anderthalb Jahren nach der, von dem Kirchdorfe Pranbeck ungefähr fünf Meilen entfernten größeren Hafenstadt wandern wollte, und in das Gasthaus des kleinen Ortes trat, war er so recht zerfallen mit der Welt, die so viel des Lockenden und Reizenden für ihn hatte, es ihm, wie er meinte, höhnisch vorhielt, und, so oft er die Hände darnach ausstrecken wollte, schnell entzog. Selten hatte er etwas Vollkommenes gefunden, besonders in den letzten Jahren: war der Meister gut, so taugten die Gesellen nichts; fand er Gelegenheit viel zu verdienen, so war die Familie seines Vorgesetzten entweder aufgeblasen oder gar zu ungebildet, so daß er sich nicht mit ihr befassen konnte. Ging er in diesem letztern Falle seinen eigenen Weg, so fehlte es wieder nicht an bornirten Versuchen, sich über ihn lustig zu machen. Nein, dies Beugen und Fürliebnehmen war zu unausstehlich, und wurde ihm immer lästiger! Hätte er es nur verstanden Geld zusammen zu scharren wie diese Pilze, deren Herz gegen jedes gute Gefühl durch einen Harnisch geschützt war, diese Schwämme, die alles in ihrer Nähe Befindliche gewissenlos aussaugen, und dann wohlgefällig auf ihre magern Nachbarn herabblicken, ja dann, dann konnte er zeigen, wie der Hausstand eines christlichen Handwerkers eingerichtet sein müsse, wie man sich den Lernenden, Helfenden gegenüber zu betragen habe. – Freilich, beschränkte Menschen, das stand fest, würde er nie in seine Werkstatt aufnehmen, sondern nur solche, deren tüchtiger Verstand sich gleich durch ein anständig freies Wesen bekunde, was auf den ersten Blick von der tölpelhaften Selbstgefälligkeit einfältiger Menschen zu unterscheiden sei. –
So ungefähr dachte und sprach Ludwig, der Sohn der demüthigen, zufriedenen Wittwe im Waldhause, mit dieser Neigung die gesellschaftlichen Zustände von ihrer trübsten Seite aufzufassen und zu verurtheilen, sah er zum ersten Male das Meer in seiner unabsehbaren Ausdehnung. Es machte einen tiefen Eindruck auf ihn, aber keinen guten, es half nur in seiner ihm unverständlichen Größe seine Ansichten befestigen. Es war ein trauriger Tag, als Ludwig zum ersten Male an einer Küste stand, der Wind stürmte seewärts auf ihn ein und trieb die schäumenden Wogen, dunkel wie der wolkenbedeckte Himmel, stürmisch gegen den niedern Hügel, von dessen Rücken er in das unruhige Element schaute. »Ja,« sprach er bei sich selbst, »Woge auf Woge, Tag auf Tag! Es ist alles einerlei, Seelen- und Geschickeszwang und Zwang in der Natur, Niemand und Nichts kann gegen sein Verhängniß; kann er Gefallen daran finden, der liebe Gott im Himmel, wie die Mutter sagt?« –
Ein verächtliches Lächeln entstellte sein sonst hübsches Gesicht, und er drehte dem Meere den Rücken, um ein Obdach zu suchen.
Nun ist Pranbeck zwar nur ein kleiner Ort, und auch kein sehr wohlhabender, aber ein stattliches Gasthaus befindet sich doch da, und ein ebenso stattlicher Wirth, ein ganz gewandter Mann, dessen Bildung auch für ein Hôtel ausgereicht haben würde, darin. Als Ludwig durchnäßt, denn es hatte den ganzen Morgen geregnet, auf seiner Schwelle erschien, beging er nicht den Mißgriff, ihn in die ordinaire Gaststube nach dem Hofe hinaus, wo Knechte, Boten, lotterige Handwerksburschen und dergl. placirt wurden, zu verweisen, sondern er führte ihn mit einigen freundlichen Worten des Bedauerns ob des schlechten Reisewetters in das behagliche Zimmer, wo Landherrschaften und die Honoratioren des Dorfes sich häufig des Abends zu versammeln pflegten, das des Tages aber in der Regel nur ganz flüchtige Besuche Solcher empfing, die nicht ausgehen konnten, ohne im Wirthshause die Frage: Was giebts Neues? auszusprechen, und ein Gläschen zu trinken. Selten kamen Reisende anderer Art, als die Genannten, nach Pranbeck, daher mochte es kommen, daß die Erscheinung des für einen Handwerksburschen sehr nobel gekleideten Fremden dem Wirthe sehr angenehm war. – Bald hatte Ludwig seine Kleider gewechselt, etwas Stärkendes genossen und war mit dem Wirthe in der besten Unterhaltung, die damit endete, daß er versprach vorläufig in Pranbeck zu bleiben, um dem einzigen Tischler des Ortes, dem die Gesellen wegen seiner zänkischen Hausfrau allzuschnell davon liefen, zu helfen und die obere Etage des noch unvollendeten Wohnhauses mit den nothwendigen Tischlerarbeiten zu versehen. Dabei wurde gleich abgemacht, daß Ludwig im Gasthause selbst und nicht bei dem Meister wohnen solle. –
So weit war Alles gut, aber das Schlimme lauerte dahinter. Nicht daß Ludwig ein Schlemmer wurde, und wie so mancher tägliche Besucher des Gasthauses, dem Laster des Trunkes fröhnen lernte – er fühlte einen Abscheu vor solcher Verirrung, er wendete sein Auge weg, wenn so ein lallender, schwankender Mensch versuchte Witze zu reißen oder zu beweisen, daß er wirklich nur »angetrunken sei, nur genippt habe!« – Eine solche Erniedrigung war für ihn nicht zu befürchten, seine Mutter dachte kaum daran; Ludwig war ja stolz, wie konnte er sich zum Gegenstande des Ekels, des Spottes herabwürdigen! –
Der Wirth war ein reicher Mann, er hatte Felder und Wiesen, Haus und Hof, und ein reich versorgtes Waarenlager, da er das Recht hatte Handel zu treiben. Sein Verkehr als Handelsmann war ganz großartig, doch wußten nicht Viele genau darum, er ging meist in der Stille der Nacht vor sich, aber dafür war er desto ergiebiger. Nach kaum einem Monate war Ludwig Mitwisser dieses geheimnißvollen Verkehrs, und wenige Wochen später Compagnon des Wirthes. Nun wurde der Ton zwischen beiden Männern noch verbindlicher und das nächtliche Geschäft noch gewinnbringender, denn Ludwig war höchst thätig, umsichtig und kühn, gerade ein solcher Mann, wie er für den Wirth paßte, und dieser war die Freundschaft selbst gegen ihn.
Zum ersten Male hatte es nun Ludwig so, wie er es wünschte: einen gescheuten, aufgeklärten Vorgesetzten, achtungsvolle Behandlung, Anerkennung seiner Fähigkeiten und Leistungen, und reichlichen Gewinn. Dennoch sah er nicht aus wie ein Mensch, über dem die Glückssonne strahlt; er war viel schweigsamer geworden, sein Blick hatte an Offenheit verloren und über sein Gesicht flog oft etwas dem Argwohn ähnliches; sein durchdringender Blick schien dann zu fragen: wer wagt es, mein Thun und Lassen zu beurtheilen? Ich, ich allein bin Herr meiner Entschlüsse und Handlungen!
Pranbeck liegt ganz nahe an der Grenzlinie, und der Wirth war durch kühn getriebene Schmuggelei reich geworden. Aus Zuneigung zu Ludwig, wie er sagte, hatte er ihm gezeigt, wie leicht man es dahin bringen könne, die oft langweilige Berufsarbeit nur pro forma zur Hand zu nehmen, wenn man nämlich nur genug Entschlossenheit besitze, mit einigen Vorurtheilen zu brechen. Und dann hatte der Wirth ihm in fließender Rede auseinander gesetzt, wie ungerecht die Besteuerung der ausländischen Produkte sei, das arme Volk müsse sie fast ganz entbehren, mäßig Begüterte sie mit äußerster Einschränkung genießen, während man höher hinauf damit schwelge und sie verprasse. In solche Behauptungen stimmte nun zwar Ludwig nicht mit ein, aber in ihre Consequenzen, er vergaß die Worte: »seid unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat,« und »gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist,« – und ward Schleichhändler wie sein Verführer.
Die Geschäfte gingen nach Wunsch, denn von den drei Officianten, welche in Pranbeck stationirt waren, drückten zwei ihre Augen bei den nächtlichen Affairen des Wirthes zu, denn dieser wußte ebenso gut zu zahlen wie zu sprechen, und der Dritte war schon ein älterer Mann, der leicht zu täuschen war. Bald war Ludwig so gut bei Kasse wie nie vorher, daraus erklären sich seine Hoffnungen, Briefe und Geschenke nach Waldhaus.
Etwas länger als ein Jahr mochte Ludwig in Pranbeck sein, als bei furchtbaren Aequinoctialstürmen ein Schiff in der Nähe des Oertchens strandete. Die Mannschaft rettete sich, und die reichen Waaren, die es trug, wurden glücklich im Wachthäuschen auf einem Küstenvorsprunge und dem daneben stehenden Wachtthurme geborgen. Das Schiff gehörte einem Lübecker Kaufmanne und war in einer Anstalt versichert, die einen Agenten in der Provinzialhauptstadt hatte. Dieser, schnell benachrichtigt, war selbst bei der Bergung zugegen gewesen, hatte die Bekanntschaft des zuvorkommenden Wirthes und auch Ludwigs gemacht, der bei dem Unglücke sich sehr muthvoll und menschenfreundlich bewiesen hatte. Am Tage nach des Agenten Abreise sollten die Sachen auf schon bestellte Wagen gepackt und ihm nachgeschickt werden.
Die nun hereinbrechende Nacht wurde verhängnißvoll für Ludwig. –
Der Wirth war am Nachmittage schon äußerst splendid mit Wein gewesen, aufgeregt war man ohnehin von den Begebenheiten. Man redete viel von Muth, Recht und lächerlicher Peinlichkeit, und endlich stand so viel fest, daß, wer es wage die geborgenen Sachen sich zuzueignen, einen Hauptstreich ausführe, der ersprießlichere Folgen haben werde, als die Arbeit von wenigstens zwanzig Jahren, und der Verlust sei nur der der Versicherungsgesellschaft, komme auf Niemanden eigentlich merklich.
Ludwig stand auf und wollte der Versuchung entfliehen, sein Zimmer aufsuchen, aber dort war es ihm zu eng, er hüllte sich dicht ein und ging zum Dorfe hinaus, wo das Rauschen des Meeres – ein wunderlicher Sirenengesang! – ihn zog und lockte, bis er am Strande stand.
Weithin ringsum hörte man nichts anderes als Wind und Wasser, und wäre auch ein leises Geräusch entstanden, es wäre ungehört erstorben in diesem unnachahmlichen Zwiegespräch. Da kam der Wirth mit seinem Knechte in der Dunkelheit daher, auch die beiden ungetreuen, eidbrüchigen Grenzbeamten folgten. Sie schritten so eilig dem alten Wachtthurme zu, als beflügle der Pflichteifer ihre Schritte, als seien sie so ganz sicher, auf richtigen Wegen zu gehen. Ludwigs Blut pulsirte heftig, er sollte Mitwisser dieses Unternehmens werden, halber Theilnehmer, und keiner Gewinn davon haben, wo so großer Gewinn zu hoffen war? Es kostete dem Wirth nur wenige Worte und Ludwig ging mit ihm. Es war freilich eine That, die er nie, selbst nicht in Zukunft seinem Weibe vertrauen durfte, aber für seine Ueberwindung zahlte sie auch mit dem eigenen Herde!
Nur eine Schwierigkeit war bei der Geschichte zu fürchten, und das war die mögliche Widersetzlichkeit des Wächters. Zwar war er ein bequemer Mann und hatte bei der Schmuggelei oft seine Hand zur Hülfe geliehen, aber hier war's gefährlich für ihn, und wenn er sich weigerte, gemeinschaftliche Sache mit ihnen zu machen, dann mußte man auf den Fang verzichten. Es war, wie man gefürchtet hatte, der Wächter war unbestechlich. Vergebens waren all die glatten Worte des Wirthes, der Plan schien dem Alten zu handgreiflich: ohne Zuchthaus, meinte er, könnte das unmöglich enden.
Der Knecht erhielt von seinem Herrn einen Wink und begab sich wieder nach Pranbeck zurück, die Uebrigen schienen ihre verbrecherischen Wünsche aufgegeben zu haben, der Wirth schmollte zwar etwas, nahm aber die Einladung zu einer Parthie Landsknecht an, und setzte sich zum Spiele an den Tisch.
»Halt!« rief er plötzlich nach einer Weile, »ich habe einen unbezahlbaren Einfall. Wir wollen unsern Aerger hinunterspülen. Einen Bohrer her!«
»Wozu?« fragte der Strandwächter.
»Sollt schon sehen, altes Hasenherz. Wo ist der Schlüssel zur Remise?«
»Gut verwahrt,« erhielt er lachend zur Antwort.
»Keine Dummheiten!« schalt Jener, »glaubt Ihr denn, wir werden Euch wider Willen die Sachen wegnehmen, die Ihr nicht theilen wollt? Nein, das führte höchstens zu einem Jahre Wolle spinnen in Gesellschaft, aber wir wollen die hübschen Fäßchen ein Bischen erleichtern, und Eure Gesundheit in gekapertem Weine trinken.«
»Geht doch nicht an,« wehrte der Alte, »'s ist gleich zu merken, sie brauchen bloß das Faß anzurühren, so –«
»Giebts denn kein Wasser in der Welt mehr?« unterbrach ihn der Wirth lachend, »nur einen Bohrer her, für das Uebrige werde ich sorgen.«
Der Wächter, nach dem verführerischen Getränke lüstern, war's zufrieden; bald war Wein in Fülle da, und von Neuem begann ein lästerliches Trinken und Durcheinandergerede schlechter Dinge. Ludwig war nur Zuschauer dieser Scene geblieben; das, was er hörte, war ihm ekelhaft, er hätte dies gern gesagt, oder durch sein Entfernen angedeutet, aber er merkte, daß der Wirth noch etwas im Schilde führte, sah deutlich seinen Triumph, als der Wächter, von dem reichlich genossenen Weine betäubt und verwirrt, allmählig ein albernes Gewäsch zu reden anfing, in welches der feine Wirth lustig mit einstimmte, dann mit übersichtigen Augen, wie im Traume, bald hier, bald dorthin starrte, und endlich sich in die Ecke lehnte und einschlief. Jedenfalls wollte er abwarten, wie die Geschichte sich noch entwickeln würde.
»Das hat Mühe genug gekostet,« flüsterte der Wirth und deutete auf den Trunkenen, der von seinen Sinnen nicht wußte, »aber nun schnell, Johann wird längst mit dem großen Wagen draußen halten; ich wußte, wie es kommen würde, und habe meine Vorkehrungen getroffen. Hier ist der Schlüssel, ich stecke die Laterne an und komme nach.«
Ludwig stand noch da, ohne sich zu regen. Ein Rest der alten Gesinnungen war noch vorhanden, eine Scheu warnte ihn, nicht ein so großes Uebel zu thun und wider den Herrn seinen Gott zu sündigen. –
»Alle Mann heran!« scherzte frohlockend der Wirth, und rieb sich die Hände, »das giebt einen köstlichen Spaß!«
»Aber,« wendete Ludwig ein, »Kraaß wird natürlich Alles erzählen.«
»Bewahre!« entgegnete der Andere, »wir rühren hier im Thurme nicht das Mindeste an. Wenn er morgen aufwacht, wird's sein, daß man ihn, entsetzt über den leeren Speicher, herausdonnert. Jeder Mensch wird dem verschlafenen, alten Säufer die Unschuld gleich an der Nase ansehen, und er wird sich hüten, die auf Verdacht anzuklagen, die als Freunde sehr vortheilhaft, als Feinde aber sehr gefährlich sein würden.« –
Ludwig betheiligte sich an dem Diebstahle. Es wurde gleich abgemacht, daß bei der Theilung keine Gewinnstufen stattfinden sollten, nur der Knecht mußte sich mit einem Antheile von 50 Rthl. zufrieden erklären.
Gegen 2 Uhr Nachts fuhr die erste Ladung in die ungepflasterte Auffahrt des Wirthshauses. Ludwig begleitete sie, um die Waaren nach Weisung des Wirthes unterzubringen. Während dieser Zeit belud man den schon harrenden Einspänner und berechnete, wann Alles abgemacht sein könnte, als der Wächter laut scheltend und fluchend vor dem Thurme erschien, und mit vielen Schwüren betheuerte, er werde diesen Diebstahl verhindern. Den Dieben trat der Angstschweiß auf die Stirn, zum Glück tobte freilich das Meer, aber der Mann hatte eine gellende Stimme.
»Schweigt, Unsinniger,« sprach der Wirth drohend auf ihn ein, »es ist zu spät, legt Euch und schlaft, Ihr wißt von Nichts!«
»Oho!« schrie der Andere, »ich weiß von Nichts? – wir wollen doch einmal sehen!« und damit ging er trotzig in den Thurm. Wie der Wind war der Wirth hinter ihm her. Aber da klang es schon durch die Nacht hin – Glockenschlag – der Alte hatte die Nothglocke angeschlagen, einmal aber nur, dann mußte er sich beruhigt haben, vielleicht war er in seiner Trunkenheit umgefallen. Es wurde ganz still im Thurme. –
Am andern Morgen verbreitete sich mit reißender Schnelligkeit das Gerücht: der Strandwächter Kraaß sei erdrosselt, und ein großer Theil der Ladung des gestrandeten Schiffes Hieroglyph gestohlen.
Einer von denen, die durchaus dieses Gerücht nicht glauben konnten, war der Wirth in Pranbeck, und als sich die Thatsache dennoch herausstellte, war er eifrig damit beschäftigt zu beweisen, daß Seeleute dies Verbrechen verübt haben müßten. Trotz seines Unglaubens und seiner Gründe wendete sich aber der Verdacht sehr bald gegen ihn selbst, und acht Tage nach jener schrecklichen Nacht ward er, die beiden jüngern Grenzbeamten, sein Knecht und Ludwig Schmidt, der bei ihm arbeitende Tischlergesell, auf einem Wagen nach der nächsten Kreisstadt eskortirt. Die Gefangenen waren gefesselt und zwei Gensdarmen begleiteten sie.
In dieser Zeit war es, als die alte Mutter im Waldhause so vergeblich und unruhig auf einen Brief von ihrem Sohne wartete. In dieser Zeit beugte sich auch ein Mensch, der lange Zeit mit seinem Gotte unzufrieden gewesen war, und ihn gemeistert hatte, mit durchgreifender Zerknirschung tief, tief in den Staub. Gleich in dem ersten Verhöre hatte er seine Schuld gestanden; vom Morde wußte er nichts. Das mußte aber erst erwiesen werden; zwei der andern Gefangenen gingen gerade so weit wie Ludwig, des Diebstahls bekannten sie sich schuldig, des Mordes nicht, und der Wirth und sein Knecht wollten anfangs sogar von gar keiner Schuld wissen, die gefundenen Sachen waren rechtmäßig erworbene Lagervorräthe, alle erschwerenden Umstände des Verdachtes beklagenswerther Zufall. –
In seiner einsamen Zelle erschienen Ludwig am Tage und in den langen schlaflosen Nächten liebliche und doch so schmerzenbringende Bilder. Seine Jugendzeit, das stille, heimische, so oft verachtete Haus, besonders aber die Mutter mit ihrer reichen Liebe, ihren Thränen und ihren tausend Opfern. Auch seine stolzen Gedanken von früher und alle seine hohen Versprechungen kamen zurück und sahen ihn höhnend an. Dann hätte er laut aufschreien mögen, zu qualvoll war's, zu schrecklich!
»O Mutter, Mutter!« rief er laut. – Der Schlüssel klirrte im Schlosse, die Thür ging auf, Ludwig raffte sich auf vom Boden, er hatte auf den Knien gelegen, aber er stieß einen furchtbaren Schrei aus, verhüllte sein Antlitz und beugte es ganz hinab, daß es nichts mehr sehen konnte, auch all sein Elend nicht zeigte. Seine Mutter stand ja vor ihm, wirklich vor ihm, bleich und liebevoll, weinend ihm entgegen lächelnd. Sie streckte auch die Arme aus, aber wie hätte er es wagen dürfen, dahinein zu sinken, er, der Verbrecher im Kerker, in die Arme dieser Mutter!
Aber hatte der Anblick die Mutter denn getödtet? Er hörte ja nichts von ihr, kein Wort, keine Bewegung. Er mußte es wagen, seine Augen zu ihr zu erheben. Da lag sie auf ihren Knien, und ihre Hände und Blicke und ihr ganzes Herz waren nach oben gerichtet, und ihre Lippen bewegten sich ganz leise. Da das der Sohn sahe, wand er sich kniend zu ihr hin und reichte ihr die heilige Schrift, wie sie da aufgeschlagen gelegen hatte, und deutete mit dem Blicke auf eine Stelle, die er täglich wohl hundert Mal gelesen und immer wiederholt hatte. Und die Mutter warf nur einen Blick hinein, und dann sprach sie laut und klangvoll, daß das Herz des Sohnes erbebte: »Herr Gott, Dich lobe ich; dieser mein Sohn war todt und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wieder gefunden worden!«
Ludwigs Abwesenheit vom Schauplatze des Verbrechens zur Zeit des Absterbens des Alten, stellte sich im Laufe der Untersuchung sicher heraus; er ward von der Anklage auf muthmaßlichen Mord freigesprochen. Anders war's mit dem Diebstahle, den er selbst eingestanden, dafür wurde er zu zwei Jahren Zuchthaus verurtheilt, die er, begleitet von seiner Mutter, die sich nie wieder von ihm trennen wollte, abbüßte. Die alte Frau, vom Untersuchungsrichter empfohlen, fand in der Familie eines Strafanstaltsbeamten ein Unterkommen als Kinderwärterin und durfte täglich ihren Sohn sehen, auch mit ihm Morgens und Abends in dem großen Betsaale des Zuchthauses ihr Gebet mit dem seinigen vereinigen.
Als die Strafzeit zu Ende war, kehrten Mutter und Sohn in die Heimath zurück. Ludwig konnte nach den Gesetzen der Innung nicht Meister seines Gewerkes werden, aber er fand dennoch allerlei Beschäftigung und viel weniger hartes Urtheil, als man gewöhnlich über Gefallene hört. Sein stilles Wesen, sein Fleiß, seine Kindesliebe, und vor Allem seine Demuth und Anspruchslosigkeit söhnten die Menschen mit ihm aus, und seine Mutter fühlte sich so glücklich in seiner Gesellschaft wie nimmer zuvor. –
»Lebt sie noch?« fragte Cäcilie.
»Nein,« antwortete Julchen, »aber Du kennst den Sohn ganz gut, es ist der Missionsbote für unsern Kreis.« –
»Schmidt?« fragten die Mädchen verwundert.
»Ich habe ihn ja immer bei seinem Namen genannt,« erwiederte Julchen lächelnd.
»Es giebt viele dieses Namens, aber nun weiß ich, wovon er es versteht, so wunderschöne ausgelegte Kästchen zu verfertigen,« meinte Ida.
»Und warum er, der geschickte Mann, diese Beschäftigung erwählt hat,« setzte Cäcilie hinzu. »Ja, wie viele Menschen würden wir mit ganz andern Augen ansehen, wenn wir ihre Geschichte so genau kennten.«
»Und ihr Herz,« sprach ich leise.
»Das gehört ja zusammen,« erwiederte sie nachdenklich, »ich glaube wenigstens.« –
Ein unerhört langer Brief. Ich habe mehrere Abende daran geschrieben, that es aber recht gern. Schade daß Du die Augen nicht dazu siehst, die mir dabei oft vorschwebten. In diesen Augen spiegeln sich treu alle Gefühle: Besorgniß, Trauer, Hoffnung, Beifall, Andacht, nur eins sah ich noch nicht darin, werde es auch wohl nie sehen. Zuweilen senken sich auch diese Augen beharrlich, dann möchte ich erst recht wissen, was sie zu verbergen sich bemühen. – Lebe wohl.
Dein Justus.