Fürstin Lilie.
Zu ihren Füßen Vergißmeinicht, Verbenen und Heliotrop. Zu ihren Häupten nur den blauen Himmel – so stand die stolze Lilie in strahlender Schönheit inmitten eines herrlichen Parkes. Kerzengerade stand sie da, Tag und Nacht, edel und schön. Morgens schmückten sie unzählige Edelsteine – der Nachttau war's, der sich leise auf sie niedergelassen hatte. Mittags kleidete der Sonnenschein ihre schlanke Gestalt in goldene Gewänder. Und wenn die Nacht zur Erde stieg, geschah es oft, daß das Mondenlicht die Holde in silberweiße Schleier hüllte. Das kleine Mädchen, das an der Hand einer lieben alten Frau auf den Wegen des Parkes dahintrippelte, stand oft mit gefalteten Händen vor der stolzen Lilie und konnte sich nicht sattsehen an ihrer Pracht. Eines Tages sagte das Kind: »Sieh, Großmutter, wie sie dasteht! Keine andere Blume hat eine so stolze Haltung, ein so köstliches Kleid und eine so wunder-wunderbare Krone. Ich glaube, sie ist eine Fürstin. Wir müssen sie verehren!« Und die Kleine hob mit beiden Händchen ihr Kleidchen und machte einen tiefen Knix vor der Blume und bat die Großmutter, es ebenso zu machen. Die lächelte – dann verneigte sie sich tief vor der Fürstin unter den Blumen, ruhig und feierlich, wie alte Damen sich verneigen, wenn der Kaiser des Weges kommt. Seitdem hieß die schlanke Lilie nur »Die Fürstin« und Großmutter und Enkelin zeigten ihr ihre tiefe Verehrung durch eine Verbeugung, so oft sie vorübergingen.
Die Fürstin hatte aber auch noch andere Verehrer die Menge. Da war der weiche Südwind, der sie umschmeichelte und ihr seine Bewunderung ins Ohr flüsterte. Da waren die buntschillernden Schmetterlinge, die sie umgaukelten. Die großen und die kleinen Käferlein, die sie umsurrten. Surr – surr! Sum – sum! So ging es den ganzen Tag. Die Fürstin hatte ein Recht, stolz zu sein auf ihre prächtigen Gewänder, ihre herrlichen Juwelen und die vielen, vielen Verehrer.
Wenn der Winter in das Land zog, legte sie sich ruhig schlafen zusammen mit allen anderen Blumenkindern unter die weiche, linde Schneedecke. Sie wußte ja, der Sommer würde sie in alter, stolzer Pracht wieder erstehen lassen.
So war es einmal Spätherbst geworden und alle Blumen waren zur Ruhe gegangen. Da durchwandelten andere Leute laut und herrisch den schönen Park, Großmutter und die Kleine gingen nicht mehr darinnen umher. Ein Gärtner nahte mit schwerer Eisenschaufel und eine schrille Frauenstimme rief: »Hier müssen Rosen gepflanzt werden, viele feuerrote Rosen, damit die Vorübergehenden vor Staunen stehen bleiben. Fahren sie diese alte Erde hier fort und bringen Sie gute, neue dafür her.«
Der Gärtner holte eine Karre, schaufelte die Erde hinein, und mit ihr die Lilie, die jetzt in der unscheinbaren Knolle versteckt im Boden schlief. Er schob die Karre weit, weit fort in das Gebüsch, schüttete sie dort aus und ging von dannen.
Nun schlief die Fürstin ihren Winterschlaf in einem neuen Bette und wußte es nicht einmal, bis im Frühling alle Blumen erwachten und auch sie die Augen wieder aufschlug.
»Wo bin ich?« flüsterte sie. »Ist dies ein Gefängnis, daß es so dunkel um mich her ist, daß ich so ganz allein bin?«
Dunkle, dunkle Taxusbüsche beschatteten den Winkel, in dem die Fürstin nun wieder zum Leben erwachte, müde und traurig, denn hier gefiel es ihr gar nicht. Hier sah sie den blauen Himmel nicht. Kein Nachttau schmückte ihr Haupt mit Juwelen. Kein goldenes Sonnenkleid umhüllte sie mehr zur heißen Mittagsstunde. Um sie her am Boden lag in wüster Unordnung Schutt und Geröll. Und wo blieben Liebe und Verehrung, die bisher das Glück ihres Lebens ausgemacht hatten? Großmutter und Enkelin sah sie niemals wieder. Der laue Südwind konnte nicht mehr zu ihr gelangen. Lichtblaue und weiße Falter umgaukelten nun wohl andere Blumen – zu ihr ins dunkle Gebüsch fanden sie nicht mehr den Weg.
Zitternd stand Fürstin Lilie einsam in der Verbannung und weinte bitterlich.
Da krabbelte und kraspelte es zu ihren Füßen. Unscheinbare braune Käferlein waren es, die einzigen Freunde, die ihr aus den Tagen ihres Glanzes in die Verbannung gefolgt waren. Sie wisperten und tuschelten ihr Worte des Trostes zu, aber Fürstin Lilie hörte nicht auf zu weinen. Ihr Leben war zu trostlos und öde geworden. Sie achtete gar nicht auf das Flüstern der kleinen Tierchen.
Eine armselige kleine Abwechslung gab es aber doch in dem Gefängnis für sie. Durch einen schmalen Spalt in dem dunklen Gebüsch konnte sie in die Ferne blicken. Da sah sie oft ein großes, schwarzes Ungetüm vorüberbrausen und hörte es laut fauchen und schnauben und stampfen. So schnell wie es gekommen war, verschwand es aber auch immer wieder. In einer besonders dunklen Nacht erwachte sie von den wilden Tönen, die das Ungetüm ausstieß, und war geblendet. Goldgelbe, silbernschillernde, rubinrote, himmelblaue Edelsteine spie es fauchend aus. Zu beiden Seiten des Weges sanken sie hin und waren dann nicht mehr zu sehen.
»Oh, könnte ich diese wenigstens haben, um mich in meiner Einsamkeit damit zu schmücken. Dann wüßte ich doch einmal wieder, daß ich die schöne Fürstin Lilie bin,« seufzte die Stolze. – Das hörten die Käferlein – die kleinen, unscheinbaren Käferlein. Ihnen war es ja bekannt, daß das Ungetüm die Eisenbahn war, und, daß die ersehnten Edelsteine die Funken waren, die die Lokomotive im Fahren ausspie. Gerne wollten sie den Wunsch der geliebten Fürstin erfüllen. So flogen sie denn am nächsten Abend ganz leise zu der Stelle, an welcher der Eisenbahnzug vorüberbrauste. Auf ihren kleinen braunen Rücken fingen sie jedes einen der schönen, schillernden Funken auf. Wohl tat es zuerst ein bißchen weh, aber das ertrugen sie gerne.
In Scharen kamen sie nun dahergeflogen, funkelnd in dunkler Nacht, und schwirrten hinein in den traurigen Winkel hinten im Gebüsch des Parkes, und schwebten im Kreise – ganz leise, um Fürstin Lilie herum. Dann setzten sie sich ihr aufs Haupt, auf die schneeigen Schultern, die weißen Hände, und selig zitternd dankte ihnen die also königlich Geschmückte mit einem lieblichen Lächeln.
Und sehnt auch Ihr Euch einmal nach Fürstin Lilies Juwelen, dann sucht an warmen Sommerabenden in dunklen Büschen, im Grase am Wegesrande. Da werden sie Euch lieblich entgegenfunkeln und Euch umschweben, so wie sie Fürstin Lilie umschwebt haben – die lieben, kleinen Glühwürmchen.