Wie Klein-Rosas Puppe mit dem König in den Himmel kam.

Warum der Brunnen vor dem Nachbarhause das Engelbrünnlein hieß, das wollten die Kinder wissen.

Weil es nun so schön warm im Zimmer war, die Bratäpfel im Ofen so lustige, unmanierliche Tönchen von sich gaben, die Kinder den ganzen Tag über brav gewesen waren, war Mutter so recht guter Laune und ließ sich erweichen.

Da erzählte sie denn, daß der Brunnen früher gar keinen besonderen Namen gehabt hätte. Eines Tages aber war großer Kummer im ganzen Dorfe. Ein liebes, kleines, pausbäckiges Büblein war so lange auf dem Brunnenrand herumspaziert, bis es hineingefallen war. Weil aber alle Leute auf dem Felde bei der Arbeit waren, hatte niemand das jämmerliche Schreien des Kleinen gehört und so konnte er aus dem nassen, kalten Wasser nicht wieder herausgezogen werden. Da aber wuchsen ihm tief unten im Brunnen zwei herrliche Flüglein, er wurde ein liebes Englein, flog aus dem Brunnen heraus, plusterte und schüttelte sich, daß das Wasser nur so umherspritzte, flog hinauf zum lieben Gott in den Himmel und niemand hat das herzige Büblein je wiedergesehen.

»Ah«, riefen da die Kinder und sahen durch das Fenster zum bestirnten Nachthimmel auf und beneideten das Büblein, das so flink ein Engel Gottes geworden war.

Nun durfte es ja immerzu mit den anderen Engeln um die Wette singen und spielen.

Die kleine Rosa schwieg zuerst ganz still, dann aber fragte sie: »Mutter, wird denn jeder, der hineinfällt, ein Englein?«

»Nicht jeder, nur die ganz kleinen Kinder, die sich noch nicht selber helfen und nicht wieder herausklettern können,« antwortete die Mutter.

Der Winter verging, der Frühling kam. Die Kinder spielten Ringelreihen oder flochten Blumenkränze und setzten sie sich auf. Der Sommer folgte und brachte Beeren und schöne Pilze und niemand dachte mehr ans Geschichtenerzählen.

Vater und Mutter arbeiteten bis abends spät draußen auf dem Felde, die größeren Kinder mußten ihnen helfen. Die kleineren durften die Ziegen hüten und die Gänse. Das war des Jahres schönste Zeit.

Wenn dann der Abend kam, war die ganze liebe Familie so müde, daß ihnen allen die Augen zufielen und es im Hause neben dem Engelbrünnlein schon mäuschen-, mäuschenstill war, wenn der gute Mond über den Wald herübergewandelt kam.

So war es auch eines Abends mäuschenstill. (Hört Ihr Kinderlein?) Nur das Brünnlein rauschte und der Bach, der an der Seite aus dem Brünnlein herausfließt, murmelte und rieselte.

Jetzt aber paßt auf! Jetzt beginnt die eigentliche Geschichte.

Also, der Mond schien so schön hell, daß man alles ganz genau sehen konnte. Da öffnete sich an dem Hause neben dem Engelbrünnlein leise, leise die Türe und ohne Schuhe und Strümpfe, im Nachthemdlein kam die kleine Rosa geschlichen, just wie sie aus dem Bettlein gestiegen war.

»Ei, ei,« dachte der Mond, »was gibt es denn da? Das kleine Mädchen gehört doch in die Federn!«

Er zog ein ganz schiefes, böses Gesicht, so ärgerlich war er.

Aber die kleine Rosa merkte nicht, daß jemand sie so böse ansah. Munter trippelte sie drauflos und hielt dabei mit beiden Händen ihr buntes Holzpüppchen fest.

Immer ärgerlicher wurde das Gesicht des Mondes, denn die kleine Rosa ging nun geradeswegs auf den Brunnen zu.

Er schnitt dem Kinde die bösesten Gesichter, furchte die Stirne, runzelte die Brauen, öffnete den Mund ganz weit. Es half alles nichts.

Klein Rosa stieg auf den Rand des Brunnens und deutlich hörte er sie sagen: »Ein Englein möchte ich haben, ein richtiges mit Flügeln, das fliegen kann. Liebes Engelbrünnlein, mache mir aus meinem Püppchen ein Engelein.« Dann beugte sich die kleine Rosa weit vor, gab ihrem Püppchen einen Kuß und tauchte es vorsichtig ins Wasser.

Der Mond aber war nun gar nicht mehr böse. Nein, er lächelte liebevoll und gütig und sandte einen seiner silbernen Strahlen aus, daß er dem Kinde helfe. Und siehe da, der Strahl tauchte in den Brunnentrog, berührte leise das Holzpüppchen, und als die Kleine die Puppe wieder aus dem Wasser hob, hatte sie schöne, goldene Flügel am Rücken. Laut jubelte das Kind und erzählte es dem Monde, den Wolken, den Bäumen, den schlafenden Häusern: »Ich habe ein Englein, ein richtiges Englein! Mein Püppchen ist ein Englein geworden!«

Und sie nahm das Englein in beide Hände und rief: »Englein flieg! Englein flieg!«

Aber das Englein flog nicht. Es war eben doch nur ein Puppenenglein – kein Menschenenglein. Und soviel die Kleine es auch in der Luft schwang – es rührte sich nicht und die goldenen Flügel blieben unbeweglich.

Da weinte die kleine Rosa bitterlich.

Das hörte der alte Nachtwächter des Dorfes und kam so schnell herbeigelaufen, wie es seine schweren Stiefel und das mächtig große Tuterohr erlaubten.

»Was, das ist ja die Rosa, die hier so schreit!« rief er. »Die Rosa mitten in der Nacht und im Hemde! Ei der Tausend – was werden die Eltern dazu sagen? Schnell, schnell, zurück ins Bett!«

Flink ergriff er das Kind bei der Hand und zog es mit sich fort dem Hause zu. So schnell mußte Rosa laufen, daß sie ihr Englein aus der Hand fallen ließ. Da half alles Jammern und Schreien nichts – der böse alte Nachtwächter ließ nicht los und brachte Rosa zu den Eltern.

Das Englein war in den Bach gefallen.

Erst drehte es sich ein paarmal im Kreise herum, stieß hier mit einem Flügel, da mit einem Händchen an einen großen Stein – dann ging es heidi! immer weiter, immer weiter, dahin auf den Wellen des Baches.

Als der Morgen graute, schwamm Rosas Englein bereits in einem großen, breiten Strom. Die Sonne beschien seine goldenen Flügel, so daß sie weithin leuchteten.

Das sah aber niemand als der liebe Gott und die Vögel, die über den Fluß dahin flatterten.

Aber um Mittag, als die Sonne schön warm schien, fanden bei einem Dorfe die Fischer in einem ihrer Netze das Puppenenglein, das sich darin gefangen hatte. Sie trauten ihren Augen nicht und wunderten sich und lachten und wollten das Englein mit nach Hause nehmen.

Da schüttelte der älteste Fischer den Kopf und sagte: »Tut das ja nicht! Das bringt Euch Unglück ins Haus. Seht Ihr denn nicht, daß das einer von den geschnitzten Englein von unseres Heilandes Altar ist? Den hat ein Bösewicht gestohlen und ihn dann aus Furcht vor Strafe in den Strom geworfen. Laßt ihn wieder schwimmen.«

Da taten die Männer, was der Alte gesagt hatte und Englein wurde von den Wellen immer weiter getragen, vorbei an Wäldern, Feldern und Ortschaften.

In einer großen, großen Stadt mit vielen Türmen lagen am Ufer des Stromes mächtige Kähne, auf denen allerhand Waren aufgestapelt waren. Da gab es Fässer, und Kohlen und Gemüse. Am lustigsten sah ein Kahn aus, auf dem es nur rotbackige und goldgelbe Aepfel gab.

Und lustig waren die beiden Alten, ein Männlein und ein Weiblein, die ihr schönes Obst an die vorübergehenden Städter verkauften.

Die beiden saßen gemütlich auf dem Vorderteil ihres Schiffes und sonnten sich. Da machte Mütterchen große Augen und zeigte mit der Stricknadel ins Wasser. Und Väterchen rief: »Nanu, was schwimmt denn da?« und versuchte mit einer langen Stange den blinkenden Gegenstand aus dem Wasser zu ziehen. Als es ihm endlich gelang, jubelten die beiden vor Freude und riefen: »Ein Engel! Ein Englein! Das schickt uns der liebe Herrgott – das wird uns Glück bringen!«

Und Mütterchen nahm klein Rosas Puppenenglein auf den Schoß und trocknete ihm mit ihrer Schürze ganz vorsichtig Gesicht und Hände und Füße und ließ die liebe Sonne auf die goldenen Flügel scheinen, daß sie wieder schön sauber und blank wurden.

Wie die Kinder freuten sich die beiden Alten an ihrem Schatz.

Da kam eine schwarz verschleierte Dame auf das Schiff um Aepfel zu kaufen. Die führte an der Hand ein kleines Mädchen mit großen, traurigen Augen.

Als die Kleine das Puppenenglein sah, lachte sie jedoch sogleich und lief eilig darauf zu und rief: »Mutter, Mutter, sieh die reizende Puppe. Bitte, bitte, kaufe sie mir!«

Da sahen die beiden Alten sich an und das Mütterlein sprach: »Mein liebes Kind, das Püppchen ist nicht zu kaufen. Das hat uns eben der liebe Herrgott geschickt.« Da schlich das Kind betrübt bei Seite.

Die Mutter aber trat zu den alten Leuten und bat: »Gebt mir das Spielzeug, wenn es irgend geht. Ihr tut ein gutes Werk. Gott wird es Euch lohnen. Meine kleine Hilda hat vor wenigen Wochen ihr einziges Schwesterchen verloren. Seitdem hat sie das Lachen und Spielen verlernt. Verkauft mir das Püppchen, damit sie wieder eine Freude hat.« Da legte das alte Mütterlein dem Kinde die Puppe in den Arm und die kleine Hilda war glückselig und lachte. Als die Mutter mit dem Kinde das Obstschiff verlassen hatte, fanden die alten Leute im Strickkorbe des Mütterchens eine Menge Goldstücke, welche die Dame zum Dank heimlich hineingetan hatte. Da freuten sie sich und der Greis sprach: »Nun können wir endlich unser altes, morsches Schiff wieder ausbessern. Das Englein hat uns doch großes Glück gebracht.« »Und,« sagte das Mütterchen, »und das arme Kindchen hat eine Freude und lacht nun wieder.«

Am glücklichsten aber war klein Hildes Mutter, denn ihr kleines Mädchen vergaß nun über dem lieblichen Puppenengel den Kummer über die gestorbene kleine Schwester. Klein Rosas Püppchen mußte immer bei ihr sein, bei Tag und bei Nacht und wenn andere Kinder ihre gewöhnlichen Puppen, die keine Flügel hatten, spazieren trugen, hielt Hilde stolz ihr Englein im Arm und ließ die Sonne auf seine goldenen Flügel scheinen. Die glänzten und glitzerten und erfüllten die Herzen der anderen Kinder mit Neid. Davon merkte die kleine Hilde in ihrer Freude garnichts, bis sie eines Tages hörte, wie ihre Gespielen hinter ihr hersangen:

»Ein Englein, das kann nur liegen!
Hat Flügel und kann nicht fliegen!«

Dabei lachten sie laut und schadenfroh.

Das tat Hildes kleinem Herzen sehr weh. Immer wenn sie ihr Püppchen herzte und mit ihm spielte, tönte es ihr im Ohr:

»Ein Englein das kann nur liegen!
Hat Flügel und kann nicht fliegen!«

Dann wurde sie traurig und flüsterte: »Englein, flieg! Nur ein einzigesmal, flieg, mein Englein!«

Dabei hob sie das Püppchen hoch in die Luft.

Aber, wer nicht flog, weil es ja nicht konnte, war das Engelspüppchen.

Als dann ein großer Sturm über die Stadt dahinbrauste, Schornsteine und Fensterladen zerschlug und Bäume entwurzelte, da öffnete Hilde ganz heimlich das Fenster, hielt ihre Puppe hinaus und rief: »Nun wird's schon gehen, Englein, flieg!« Und ehe sie sich's versah, riß der Sturm ihr ihren Liebling aus der Hand. Nun flog das Englein, aber nicht in die Höhe, wie richtige Engel es tun in den grauwolkigen Himmel hinein. Nein, es drehte sich ein paarmal in der Luft und flog dann, plumps! in die Tiefe, mitten auf den Schoß des Königs, der gerade vorüber fuhr.

Der erschrack sehr, sprang vom Wagensitz in die Höhe und rief dem Kutscher zu: »Halt! So halt doch Friedrich!«

Der Kutscher griff schnell in die Zügel – die Rosse standen still.

Im selben Augenblick stürzte dicht vor den Pferden ein hohes, steinernes Tor durch die Gewalt des Sturmes zusammen. Das hätte den König erschlagen, wenn er einen Schritt weiter gefahren wäre. Und er wäre weiter gefahren, wenn nicht das Puppenenglein ihm in den Schoß gefallen wäre.

»Du bist mein kleiner Lebensretter,« rief der König und hielt das Püppchen hoch, daß jeder es sehen konnte und das Volk jubelte und jauchzte.

Der König aber suchte mit den Augen in der Höhe, um zu sehen, woher das Englein wohl gekommen sein mochte. Da erblickte er klein Hilde weinend am Fenster stehend und winkte ihr, herabzukommen.

Schnell, schnell kam das Kind die Treppe heruntergelaufen und knixte vor dem Könige. Nun mußte es ihm die ganze Geschichte erzählen und als der König erfuhr, daß Hilde ihr Englein hatte fliegen lehren wollen, da lachte er herzlich und sprach: »Mein liebes, kleines Mädchen, dies Puppenenglein lernt das Fliegen nie, aber ich schenke Dir eine große, schöne Engelspuppe, die fliegen kann. Die sollst Du Dir am nächsten Weihnachtsabend bei mir im Schlosse holen.

Meinen kleinen Lebensretter mußt Du mir aber dafür lassen, nicht wahr, der darf mich nie mehr verlassen, solange ich lebe.«

Hilde nickte dem König selig zu und lief schnell zur Mutter, um ihr zu erzählen, was der König ihr versprochen hatte. Der fuhr vergnügt nach Hause in sein herrliches Schloß. Dort ließ er seinen Hoftapezier zu sich rufen, der mußte über des Königs Bett einen Himmel aus hellblauseidenen Wolken anbringen und das Englein darin schwebend befestigen.

So sah es der König jeden Morgen und jeden Abend und freute sich daran. Er schlief vergnügt ein und erwachte frohen Herzens, denn sein kleiner Lebensretter schwebte über ihm.

Für Hilde bestellte er bei einem berühmten Künstler eine schöne, große Engelspuppe mit goldenen Flügeln. Die trug unsichtbar innerlich eine Maschine. Wenn man sie mit einem Uhrschlüssel aufzog, flog sie ganz richtig im Zimmer umher – und tut es vielleicht heute noch, wenn sie nicht unterdessen längst »kaputgegangen« ist.

Als dann der König alt und krank wurde und immer im Bett liegen mußte, war sein einziger Trost das Puppenenglein, das über seinem Bette in blauen Wolken schwebte. Ihm lächelte er zu – und das Englein lächelte wieder. Sie verstanden sich sehr gut. »Wir gehören für immer zusammen!« das wollte das Lächeln sagen.

In seiner Todesstunde, als der alte König vor Schwäche kaum noch reden konnte, sprach er: »Mein – Englein – gebt – mir – mit – wenn – ich – sterbe!«

Und so geschah es. –

Auf diese Weise ist klein Rosas Puppe zugleich mit dem König in den Himmel gekommen.