Prinzessinnenhände.

Der schöne junge König saß noch immer einsam auf dem Throne. Der goldgestickte Sessel zu seiner Rechten blieb leer.

So manche junge, liebliche Prinzessin schielte nach demselben hin und dachte in ihrem Herzen: »Könnte ich doch dort sitzen im langen samtenen Schleppkleide, die blinkende Krone auf dem Haupte! Könnte ich doch des jungen, schönen Königs Gemahlin werden!«

Manche dachte so und weinte nachts ihre Kissen naß, denn Königin wurde sie nicht.

Zwar wollte der junge König sich gerne verheiraten und dem Lande eine Königin geben. Zwar mußten einmal im Jahre an seinem Geburtstage alle Prinzessinnen des Reiches und der Nachbarreiche vor ihm erscheinen, daß er unter ihnen die Gattin wähle – aber die Rechte fand er nie. Und ganz eigen war es, wie er sich bei dieser Prinzessinnenschau benahm. Er blickte nicht nach dem Antlitz der jungen Schönen. Er sah nicht auf ihre edle Gestalt. Nur die Hände ließ er sich zeigen – nur sie betrachtete er und schüttelte dann jedesmal verneinend das Haupt. So viele schöne, zarte, beringte, feine Prinzessinnenhände er auch sah, nie gefielen sie ihm. Nun dachten die Prinzessinnen nicht anders, als daß ihre Hände dem jungen Könige noch immer nicht schön genug wären. Sie sannen nur noch darüber nach, wie sie dieselben pflegen könnten. Wuschen sie mit Morgentau, badeten sie in süßer Mandelmilch, ließen sie vom Mondenlichte bescheinen, bis sie zart und weiß schimmerten wie die Blütenblätter der Lilie.

Da war besonders ein feines, blondes Prinzeßchen mit Namen Gerda, das hatte den jungen König von Herzen lieb und sehnte sich Tag und Nacht darnach, seine Gemahlin zu werden. Aber auch ihre Hände fanden keine Gnade vor des jungen Königs Augen.

So stand wieder einmal des jungen Königs Geburtstag im Kalender, der Tag der Brautschau. Am Tage vorher waren natürlich alle Prinzessinnen sehr aufgeregt.

Um sich zu zerstreuen, machte Prinzeß Gerda im nahen Walde einen Spaziergang in Begleitung ihrer sechs jungen Hofdamen. Singend und scherzend hüpften diese auf dem weichen Moose umher. Nur Prinzessin Gerda ging toternst ihren Gedanken nach. Plötzlich kreischten die sechs Fräulein entsetzt auf und fuhren aufgeregt auseinander. Da erwachte Prinzeß Gerda aus tiefem Sinnen und als sie vor sich auf den Weg blickte, sah sie dort eine dicke, aufgeblasene, braune Kröte, die, sich mühsam vorwärtsschleppend und hinkend, langsam den Weg überquerte. Das eine Bein des armen Tieres war gebrochen.

»Oh, Du armes, armes Tierchen!« rief Prinzessin Gerda, kniete nieder und streichelte mit ihren feinen, weißen, edelsteinfunkelnden Fingern die verletzte Kröte. Staunend und kopfschüttelnd standen die Hofdamen und wagten vor Grausen und Ekel nicht näherzutreten.

Die Kröte aber hielt in ihrem mühseligen Gange inne, sah Prinzeß Gerda mit großen, erstaunten Augen an und sagte: »Du geliebtes, herzensgutes Kind! Mit den himmlischzarten Fingerlein streichelst Du mein ekliges, warziges Fell! Mit den schönen, schönen Prinzessinnenhänden!«

»Ach!« seufzte Prinzeßchen und besah traurig seine Finger. »Ach! Schön nennst Du sie? Dem Könige gefallen sie aber gar nicht und ich habe doch nur den einen einzigen Wunsch, daß sie ihm endlich gefallen möchten, dem jungen Könige, den ich so lieb habe und dessen Gemahlin ich doch so furchtbar gerne werden möchte!«

»So – so,« murmelte die Kröte und lächelte mit ihrem breiten Krötenmaule so süß, wie man es bei diesen Tieren selten sieht. »So – so? – Na – na? – Da soll ich alte Humpelliese dem schönen Kindchen wohl dazu verhelfen, daß aus dem Prinzeßchen eine kleine Königin wird? Ja, ja, ich weiß es wohl, daß der junge König bei der Wahl seiner Gemahlin nur nach den Händen sieht und ich weiß auch, warum er dies tut. Nun geh einmal dorthin, liebes Kind, und pflücke die Wolfsmilch, die da am Wege steht. Du kennst sie doch, die Wolfsmilch?«

»Ja, die niedliche Blume,« sprach Prinzeßchen, »die die vielen, vielen kleinen Blättchen und die hübschen, rötlichen Blüten hat.«

»Ja, die ist's,« erwiderte die Kröte. »Aber wie oberflächlich ihr Menschenkinder doch alles betrachtet und benennt! Was Du da als Blättchen ansiehst, sind nämlich lauter kleine Stiele, und die paar rötlichen Blättchen an der Spitze, die Du Blüten nennst, das sind die eigentlichen Blätter. Merke Dir das, Kind. Und nun zur Sache. Die Pflanze zerdrücke zwischen den Fingern, benetze mit dem weißen Saft, der ihrem Stengel entquillt, tüchtig Deine Hände und ich verspreche Dir, Deine Hände ganz allein werden Gnade vor des Königs Augen finden und Dich wird er zu seiner Gemahlin machen.«

So eifrig rieb nun Prinzessin Gerda ihre Finger mit dem weißen Wolfsmilchsafte ein, daß sie gar nicht bemerkte, wie die Kröte leise lachend von dannen humpelte.

Dann ging sie mit freudig klopfendem Herzen heim.

Wie groß aber war der Schrecken der Prinzessin, als sie am nächsten Morgen beim Erwachen entdeckte, daß ihre wohlgepflegten Finger durch das Einreiben mit dem Safte der Wolfsmilch ganz und gar mit braunen Flecken übersät waren. »Oh, die böse Kröte,« rief sie. »Das ist der Dank für meine Freundlichkeit gegen sie. Und wie häßlich hat sie mich belogen!«

Unter Weinen und Jammern rieb und wusch sie nun ihre zarten Hände. Die Flecken verschwanden nicht.

Am Abend, als alle anderen Prinzessinnen bei der Brautschau dem Könige ihre Hände hinstreckten, stand Prinzeß Gerda traurig abseits und versteckte die ihren beschämt auf dem Rücken.

Im Kreise umstanden die Schönen den König und warteten und jede hoffte in ihrem Herzen, daß ihre Hände heute dem Könige gefallen würden und er sie zu seiner Königin machen würde. Der König betrachtete nacheinander ganz genau die vielen zarten Finger, die sich ihm entgegenstreckten. Dann lächelte er wehmütig, schüttelte den Kopf und wollte grade betrübt die Stufen zum Throne einsam und allein emporsteigen, als er Prinzeß Gerda stehen sah, die scheu zu Boden blickte und die Hände auf dem Rücken versteckte. Leise trat er zu ihr und sprach: »Warum stehst Du hier so verlassen und zeigst mir heute Deine Hände nicht? Wünschest Du Dir nicht mehr, meine Gemahlin zu werden?«

»Ich kann sie ja nie, nie mehr sehen lassen; sie sind zu häßlich!« erwiderte Gerda.

»Zeige sie!« gebot der König. Da mußte Prinzeßchen gehorchen und streckte dem König ängstlich ihre Fingerlein entgegen. Der warf nur einen Blick auf dieselben, dann stutzte er, sah Prinzeßchen tief in die Augen und sprach: »Endlich habe ich das Glück gefunden, das ich so lange schon suchte. Du, Prinzessin Gerda, Du wirst meine Gemahlin und die Königin meines Landes.«

Prinzessin Gerda war vor freudigem Schreck ganz benommen, als der König sie bei der Hand nahm und sie zu dem Thronsessel führte. Die vielen neidischen Blicke aber, die ihr die anderen Prinzessinnen zuwarfen, die spürte sie bis tief ins Herz hinein.

Wieder ergriff der König ihre Hand, küßte sie und sprach laut zu den Versammelten: »Ich habe nun eine Königin gewählt und wollt Ihr wissen, warum meine Wahl just auf Prinzessin Gerda fiel? Weil ich an den braunen Flecken, die Ihr an ihren Händen erblickt, sehe, daß sie ihre Tage nicht mit Nichtstun zubringt. Daß sie arbeitet. Eine Königin aber, die nicht arbeitet, wäre für die anderen Frauen ihres Reiches ein schlechtes Beispiel.«

Als die Prinzessin dies hörte, wurde sie tieftraurig und sprach: »Wenn Ihr so denkt, lieber König, kann ich Eure Gemahlin nicht werden. Ich habe ja noch nie in meinem Leben gearbeitet. Die Flecken an meinen Händen kommen ja nur von dem giftigen Saft der Wolfsmilch her, mit dem ich sie eingerieben habe.« Und nun erzählte sie die ganze Geschichte von der Kröte mit dem gebrochenen Bein und allem, was diese ihr geraten, gesagt und versprochen hatte. Darnach schickte Prinzeß Gerda sich an, die Stufen des Thrones wieder hinabzusteigen, und weinte bitterlich.

Da ergriff der junge König ihre Hand, küßte die Prinzessin auf den Mund und sagte: »Und dennoch wirst Du meine Gemahlin! Du hast aus lauter Mitleid und Herzensgüte mit Deinen zarten Prinzessinnenhänden die ekle Kröte gestreichelt. Du wirst aus Liebe zu mir und zu Deinem Volke auch arbeiten, wenn es nottut.«

»Das werde ich,« sprach schlicht die Prinzessin und lehnte das Haupt glückselig an die Schulter des Königs. Sie hat ihr Versprechen treulich gehalten. Als schwere Zeiten über das Land kamen, hat sie ihre feinen Hände nicht geschont und gearbeitet wie eine einfache Tagelöhnersfrau. Wenn dann der König an den schönen Fingerlein einen Flecken entdeckte, fragte er neckend: »Hast Du sie wieder mit Wolfsmilch eingerieben?« Dann lachten sie beide. Sie waren sehr glücklich bis an ihr Ende.