Folgerungen für die Aufgaben der Gegenwart.

So gewiß in den Bewegungen der Weltgeschichte die philosophische Arbeit nur einen bescheidenen Platz einnimmt, so ist sie doch unentbehrlich bei den Fragen, die den ganzen Menschen und die Gesamtrichtung des Lebens betreffen. Daß aber die von uns vertretene Gedankenwelt nach dieser Richtung hin wohl einiges nützen kann, das sei an einigen Hauptpunkten kurz gezeigt.

1. Wir gehen vom Begriff des Lebens aus und stellen uns damit in einen zwiefachen Gegensatz, in einen Gegensatz zu allem Beginnen vom Sein und in den einer Voranstellung besonderer Tätigkeiten. Was jenen betrifft, so geht er freilich mehr die eigentliche Philosophie als das Leben an, so sei hier nur das bemerkt, daß beim Ausgehen vom Leben das Erkennen nicht auf eine gegebene Welt, nicht auf ein starres Ding an sich gewiesen wird, und daß überhaupt ein Leben sich weit leichter und weit reicher eröffnen kann als ein Sein. Auch die Religion stellt sich anders dar, wenn ihr höchstes Ziel nicht ein absolutes Sein, sondern das absolute Leben bildet. Hier aber liegt uns vor allem an dem Gegensatz des Lebens als eines Ganzen zu seinem Auseinandergehen in die Besonderheit der Verzweigung. Es ist ein Hauptzug des modernen Lebens, die Eigentümlichkeit der Einzelgebiete mehr zu entwickeln und stärker hervorzukehren als frühere Zeiten es taten. Diese Verstärkung aber hat bei allen Erfolgen mangels eines Gegengewichts immer mehr dazu geführt, daß die Gebiete auseinandergingen und wohl gar in einen schroffen Gegensatz zueinander gerieten. Da ihrer Arbeit naturgemäß die Menschen folgten, so entstand eine ungeheure Zerklüftung und Zersplitterung, wie wir heute schmerzlich empfinden. Mit diesem überwiegenden Eingehen in die Verzweigung hängt auch zusammen, daß das Leben sich mehr ins Technische wendet und immer komplizierter geworden ist, daß einfache Grundgedanken den Spezialproblemen immer mehr weichen mußten. Dem muß begegnet werden, dem läßt sich aber nur begegnen durch ein Zurückgehen auf ein überlegenes Ganzes des Lebens. Es steht zu hoffen, daß, wenn die großen Lebenswahrheiten und Lebensnotwendigkeiten kräftiger herausgearbeitet und bewußter angeeignet werden, unser Lebensstand eine Verjüngung und Vereinfachung erfährt, daß die Menschen gemeinsame Aufgaben erkennen und sich bei ihnen zusammenfinden. Alle schönen Worte von Menschenwürde und Humanität überwinden nicht die Kluft, das kann nur durch eine Verstärkung der gemeinsamen Aufgaben erfolgen, an deren Lösung das Gelingen und der Sinn alles Lebens hängt, bei denen wir aber zugleich uns aufeinander angewiesen und innerlich verbunden fühlen. Hier gilt es ein Bauen von innen heraus.

2. Das Leben als Grundlage dessen nehmen konnten wir nicht, ohne anzuerkennen, daß ein derartiges Leben nicht ein Erzeugnis bloßmenschlichen Vermögens ist, daß es vielmehr aus größeren Zusammenhängen stammt, und daß damit innerhalb des Menschen etwas Übermenschliches ersichtlich wird. Aus solcher Überzeugung läßt sich der heutigen Unsicherheit in der Schätzung des Menschen entgegenwirken. Es war der Neuzeit eigentümlich, beim Bilde der Welt wie bei der Gestaltung des Lebens vom Menschen auszugehen und ihn damit sehr zu steigern. Es hat das aber neben großem Gewinn auch manche Verwicklung gebracht, im besonderen die Gefahr, daß der bloße Mensch die Rechte und Ansprüche an sich riß, die nur dem schaffenden Leben gebühren. Solche Mißstände wurden so lange minder bemerklich, als von früheren Lebensordnungen her noch ein Glanz auf der Menschheit lag und sie als ein Glied größerer Zusammenhänge sehen ließ. Aber diese Verklärung ist mehr und mehr gewichen, und der Mensch hat sich immer ausschließlicher auf sein natürliches und gesellschaftliches Dasein gestellt. Wenn dabei manche Grenze und Schwäche sich nicht verkennen ließ, so suchte man das wohl durch eine Summierung der Kräfte zu überwinden, sei es in dem Nacheinander der Geschichte, sei es in dem Nebeneinander der Gesellschaft. Wie wenig das aber auslangt, das hat sich unserer Erörterung oft erwiesen; die Eindrücke des Krieges bekräftigen das, indem sie den Menschen mit sehr widersprechenden Zügen zeigen, im Verhältnis der Nationen unermeßlich viel Haß und Neid, Unwahrheit und Ungerechtigkeit, innerhalb der Nationen aber viel Kraft und Aufopferungsfähigkeit, wie wir das auch unseren Gegnern zuerkennen müssen; so ein höchst verworrenes Bild des Menschen. Die Unsicherheit, ja Hilflosigkeit wird dadurch verstärkt, daß die moderne Wissenschaft die Bedeutung des Menschen im Weltall immer geringer anschlägt; wir auf unserem kleinen Planeten und mit unserer zeitlich begrenzten Dauer scheinen völlig nebensächlich und gleichgültig im Ganzen der Wirklichkeit. Und doch können wir unmöglich auf eine Schätzung der Menschheit verzichten, wenn unser Handeln hohe Ziele entwerfen und unserem Vermögen sie zu erreichen vertrauen soll. So geht ein Sehnen durch die Menschheit der Gegenwart, den Menschen von innen heraus zu erhöhen. Das aber kann unmöglich vom bloßen Dasein aus geschehen, es verlangt die Eröffnung einer neuen Welt, einer Tatwelt, in der menschlichen Seele, und die Schöpfung eines selbständigen Lebens im Menschen; unsererseits bedarf es dabei einer kräftigen Herausarbeitung jenes Übermenschlichen im Menschen und zugleich eines Zusammenschlusses der Streiter für eine echte Geisteskultur zu einer festen Gemeinschaft; früher haben die Kirchen sich dieser Aufgabe angenommen, vieles in ihnen ist sicherlich heute veraltet, aber der sie beseelende Grundgedanke bleibt schlechterdings unentbehrlich und wird sich durch alle Verneinung und Bekämpfung hindurch immer wieder Geltung verschaffen.

3. Wir verlangten für das Leben die Bildung eines festen Kerns im Menschen, eines Selbst, das alle Mannigfaltigkeit trägt, sich erhöhend in sie hineinlegt, damit aber das Leben zu einem Beisichselbstsein erhöht. Wir verlangen zugleich einen Lebensinhalt und eine Wesenskultur. Damit widersprechen wir einer bloßen Kraftkultur, wie sie in der Neuzeit die Herrschaft an sich gerissen hat. Auch hier lag zugrunde eine unverwerfliche Forderung. Die früheren Lebensordnungen nahmen den Menschen zu sehr als eine fertige Größe und setzten daher nicht genügend den ganzen Umfang seiner Kraft in Bewegung. Nun zeigte die Neuzeit, wieviel sich im Menschen steigern und in den Verhältnissen bessern läßt; darüber ist aber die Steigerung zum Selbstzweck geworden, und es entsteht die Gefahr, das Beisichselbstsein des Lebens und alle Inhaltsbildung als nebensächlich, ja gleichgültig zu behandeln. Denn mag die Kraft in der einen Richtung als Wachstum materiellen Vermögens, in der anderen als eine Steigerung des seelischen Standes mittels eines durchleuchtenden Denkens verstanden werden, weder hier noch da kommt es zu einem wahrhaftigen Leben, wird das Leben mehr als ein bloßes Lebenwollen, als ein ruheloses Hasten und Jagen. Wollen wir aber dem mit Aussicht auf Erfolg widerstehen, so gilt es gegenüber dem Kraftideal ein neues Ideal zu gewinnen und durchzusetzen; das aber kann nur durch eine Wesensbildung mit ihrer Vertiefung des Lebens geschehen.

4. Jene Wesenskultur erhebt den Anspruch, allein dem Leben einen Selbstwert und eine innere Freudigkeit zu verleihen. Damit stellt sie sich in Gegensatz zu einer Gestaltung des Lebens, welche die materiellen Aufgaben zur Hauptsache macht und die ideellen nur als einen Anhang und eine Hilfe behandelt. Auch hier entspringt die Gefahr aus einer Wendung des Lebens, die viel Förderung mit sich brachte. Die wirtschaftlichen Fragen waren in früheren Zeiten viel zu sehr im Hintergrunde geblieben, und es hing damit eng zusammen, daß die geistige Bewegung in vollem Sinne auf enge Kreise beschränkt blieb, daß die Kultur sich zu wenig von unten her emporhob, zu sehr nur von oben her niedersenkte. So tun sich neue Ausblicke auf, wenn darin eine Wandlung erfolgt. Aber wiederum entsteht die Gefahr, daß dies Neue das ganze Leben und alle Kraft des Menschen an sich reißt und im Gewinn selbst den Gesamtstand niederdrückt; die wirtschaftlichen Fragen nehmen schon jetzt die leitende Stellung ein, wie auch der gegenwärtige Weltkrieg im letzten Sinne einen wirtschaftlichen Grund hat: das gewaltige wirtschaftliche Vordringen Deutschlands, der Widerstand und der Neid der anderen Völker dagegen. Die Notwendigkeit, die ungeheuren Verluste dieses Krieges leidlich wieder auszugleichen, drohen die wirtschaftlichen Fragen noch mehr zur Hauptsache zu machen. So elementaren Forderungen gegenüber vermögen schöne Worte und salbungsvolles Zureden nichts, sondern ihnen ist nur dadurch eine Schranke zu ziehen, daß die innere Leere aller bloßmateriellen Erfolge durchschaut wird, und daß zugleich eine starke Sehnsucht nach einem Lebensinhalt erwacht, dieser Sehnsucht aber auch die Möglichkeit einer Erfüllung geboten wird. Es muß eine Bewegung entstehen, welche die Hauptrichtungen des schaffenden Lebens in Religion, Philosophie und Kunst wieder mehr in ein ursprüngliches Wirken versetzt, aus eigener Erfahrung, nicht aus der vergangener Zeiten, welche damit der sichtbaren Welt eine innere Welt entgegenhält, welche nicht den Menschen, wie er ist, befriedigt, sondern wesentlich mehr aus dem Menschen macht. Schließlich gilt es heute einen Kampf um eine geistige Selbsterhaltung, nicht bloß des einzelnen Menschen, sondern der gesamten Menschheit, um die Rettung einer Seele des Lebens, für die alle Erfolge nach außen hin keinen Ersatz gewähren. Solcher Kampf fordert neben anderem auch eine Selbstbesinnung und Selbstvertiefung durch Denkarbeit. Und wie der Ausgangspunkt, so ist auch das Hauptproblem des Denkens das Leben sowohl in dem, was es uns bietet, als in dem, was es von uns fordert.