1.

In einer weiten Ebene, zwischen Buchenbeständen und buschigem Wiesenland, lag das große Unternehmen Leo Reinholts. Die Eisenbahn führte vorüber, ein paar Dörfer waren in der Nähe, die sich mit verstreut in großen Zwischenräumen stehenden Häusern stundenweit hinzogen. Und dazwischen waren längs der Bahn noch ein paar kleinere Fabriken, Gründungen findiger Konkurrenten, die aber nicht recht emporkommen wollten und zum Gedeihen zu schwach, zum Eingehen zu jung, in kümmerlicher Unzulänglichkeit sich fortfretteten. Die Einheimischen aber, zumeist Ruthenen und schlaue Polen, haßten die Schornsteine und die roten Ziegeldächer der Fabriken. Denn die hatten ihnen die beschauliche Ruhe gestört, die mit schlechtestem Branntwein zufriedene Bedürfnislosigkeit abgewöhnt und die Löhne verteuert durch einen Schwarm fremdsprachiger Arbeiter, die noch obendrein wegen ihrer Wissenschaft des Lesens und Schreibens und wegen ihrer größeren Weltkenntnis auf das Bauernvolk herabschauten, sich besser dünkten und die Herren spielen wollten. So waren die Klassenunterschiede schärfer als sonstwo ausgeprägt und drängten die Arbeiter der einzelnen Betriebe stärker als sonstwo zum Zusammenschluß. Ein ganz leidliches Einvernehmen hatte bisher unter ihnen geherrscht, und fast ohne Ausnahme waren sie Sozialdemokraten. Da kam nun plötzlich Reinholt und forderte von seinen Leuten, daß sie es nicht mehr seien. Und wer sich nicht darein schicken wollte, bekam seinen Abschied. Er hielt strenge Musterung, mußte sie auch halten, denn für sein Experiment — nichts anderes war es — brauchte er ganz zuverlässige Leute.

So entstand eine Spaltung. Da kam Hellwig und richtete das neue Unternehmen ein. Wie der Haushalt einer einzigen Familie wurde das. Eine große Küche war da, mit Dampfheizung und papinischen Kesseln, dort wurde für alle auf einmal gekocht. Reine und luftige Speisehallen gab es, eine Bücherei mit weiten Leseräumen, einige Spielzimmer, auch ein Theater und einen Tanzsaal. Ein Krankenhaus, eine Schule und ein Altersheim wurden gebaut, im Park waren Tummelplätze für die Kinder und Erholungsstätten für die Erwachsenen, Bäder und Turnsäle fehlten nicht. Die Frauen sollten beim Kochen helfen, die Wäsche besorgen, im Gemüse- und Obstgarten arbeiten oder die Kinder beaufsichtigen, wie sie es lieber wollten, und wenn es ihnen gefiel, konnten sie jede Woche in diesen Beschäftigungen wechseln. Die Lohnzahlung wurde abgeschafft. Jeder war am Gewinn beteiligt. Nach einem einfachen Schlüssel unter Berücksichtigung der Arbeitsleistung und der Kopfzahl einer Familie wurden die Anteile ermittelt, die jeder zu dem gemeinschaftlichen Haushalt beizutragen hatte. Der Überschuß wurde bar herausbezahlt oder gutgeschrieben, wie es jeder lieber mochte. Für alle Bedürfnisse war gesorgt. In der Schneiderei konnten sich alle die Kleider anfertigen und flicken lassen, eine Schusterwerkstatt war da und ein gemeinsames Bestellbureau für alle Dinge des täglichen Bedarfs. So waren sie ganz unabhängig, waren ein Gemeinwesen für sich und brauchten keine fremde Vermittlung.

Fritz aber war für sie bald das treibende Rad des Ganzen. Zu ihm kamen sie mit ihren Anliegen und Wünschen, und wenn sie untereinander Streit hatten, fügten sie sich seinem Schiedsspruch. Und da er mit ganzem Herzen bei der Sache war, gewann er auch ihre Herzen. Das wußte er nicht, aber es war so. Manche bewunderten, die meisten liebten und nur ganz wenige fürchteten ihn. Alle aber standen unter dem zwingenden Bann seiner prachtvollen Aufrichtigkeit, fühlten heraus, daß er bedingungslos auf ihrer Seite stand. Niemanden ließ er gleichgültig. Zu seiner vollwertigen Persönlichkeit mußte jeder Stellung nehmen, und die Mehrzahl gab sich vollständig in seine Leitung. Ihn nannten sie ‚Meister‘, wie er selbst es ihnen vorgeschlagen hatte, während Reinholt nach wie vor der ‚Herr‘ blieb. Doch waren sie auch ihm zugetan und rühmten ihm strenge, aber unparteiische Gerechtigkeit nach.

Bevor das alles auch nur halbwegs ins Gleis kam, waren viele Monate vergangen. Welche Unsumme von Plage und Mühsal und Sorge für Hellwig damit verknüpft gewesen, wußte außer Eva vielleicht niemand so recht. Anfangs kannte er freilich weder Müdigkeit noch Abspannung, war ihm die Arbeit nur wie ein Fest. Aber Monat um Monat verrann, und die Schwierigkeiten wollten nicht aufhören. Immer wieder fand sich etwas, das geordnet, unschädlich gemacht, ausgetilgt werden mußte. Bald waren es geheime Machenschaften, bald offene Widersetzlichkeit, Zwist und Streit. Kaum ein Tag verging, an dem Hellwig nicht einen Schiedsspruch zu fällen, als Friedensstifter zu walten hatte. Sooft er dachte, jetzt und jetzt werde er Eva holen können, immer kam etwas verquer. Anfangs waren es die Zustände im jungen Unternehmen selbst, die seine Wachsamkeit forderten. Dann aber setzten die Feindseligkeiten der Gegner ein. Der Verlust von nahezu tausend Genossen traf die Partei hart. Und daß es gerade Fritz Hellwig war, der ihnen diesen Verlust zugefügt, war nur ein Grund mehr zur erbittertsten Fehde. Da wurde geschürt, gehetzt, auf jede Weise versucht, die Leute unzufrieden zu machen und aufzureizen. Ohne Erfolg. Wer sich nicht fügen wollte, konnte anderswo sein Brot suchen. Eisern hielt Fritz die Ordnung aufrecht. So gütig und umgänglich er sonst war: wenn eine Satzung übertreten wurde, kannte er keine Nachsicht. Das hatten sie bald heraus und liebten auch diese Strenge. Er gab ihnen viel und hätte auch viel fordern können. Um so begreiflicher fanden sie es, daß er das wenige, das er wirklich forderte, auch durchsetzte.

Da traten die Gegner aus ihrer Zurückhaltung, riefen offen zum Kampf gegen den Augenauswischer, den Volksbetrüger, Verräter und Zwietrachtsäer, der sich in Menschlichkeit wie ein Frosch blähe und lediglich den eigenen Bauch mit dem blutigen Schweiß der Armen fülle. So stand es in ihren Zeitungen, und das waren noch die besten Vergleiche. Ein besonders Eifriger aber behauptete, daß Hellwig wie eine Trichine im gesunden Fleisch der Partei sitze und es infiziere, während er sich fett mäste. Leibinger leitete den Feldzug. In ihm war die erlittene Kränkung noch lebendig und heiß wie am ersten Tag, und sein Ehrgeiz knüpfte an einen Sieg über den mächtigen Feind die schönsten Erwartungen. Unter Hochdruck arbeitete er. In allen Zeitungen, in ungezählten Versammlungen predigte er den Kampf gegen den einstigen Genossen und seinen Anhang. Renegaten und Schufte ohne jeden Gemeinsinn wurden sie genannt, niedrige Bedientenseelen, die vor dem Geldsack auf dem Bauch lägen und sich an Bettelsuppen gütlich täten, armselige Heloten, die jedes Gefühl für Freiheit und Manneswürde verloren hätten.

Und die Arbeiter der benachbarten Betriebe, scheelsüchtig gemacht, neideten Reinholts Leuten das bessere Los. Sie spuckten aus, wenn sie einen trafen und riefen ihm wohl auch „Kommuner Hellwigianer!“ zu, was ein Witz sein sollte und eine verächtliche Anspielung auf die kommunistischen Einrichtungen.

Die kommunen Hellwigianer aber ließen sich darob die Haare nicht grau werden. Mancher Heißsporn verbat sich vielleicht die Beleidigungen und kam mit blutigem Schädel heim, die meisten aber lachten oder zuckten die Achseln, wenn sie beschimpft wurden, und das trieb die Gegner in eine immer heftigere Erbitterung. Aber auch die Fabriksbesitzer nahmen mit der Zeit gegen das aufblühende neuartige Unternehmen Stellung, weil sie sich dem scharfen Wettbewerb nicht gewachsen fühlten. Denn da alle Arbeiter am Gewinn beteiligt waren, bemühten sie sich zu eigenem Vorteil, nur gute Ware herzustellen, so daß die Reinholtsche Marke bald gesucht war und die Nachfrage stärker als das Angebot. Und da auch das Bauernvolk in seiner alten Abneigung verharrte, stand Hellwig mit den Seinen ganz vereinsamt und auf sich selbst angewiesen mitten unter Widersachern, Neidern und Feinden. Da setzte er erst recht seinen Neuberger Schädel auf: Durch müssen wir! Und wenn sich alle auf den Kopf stellen!

Der Glaube an sein Werk verzehnfachte seine Kräfte. Und seine warme Begeisterung griff auf alle über. Gemeinsame Not schweißte sie ganz fest zusammen. Die Zwistigkeiten im eigenen Lager hörten auf, immer seltener wurde er als Schiedsrichter angerufen. Der Trotz und das Gefühl, daß ihnen unrecht getan werde, spornte alle zu erhöhter Leistung. Draußen schrien sie, hetzten und wühlten. Reinholts Fabrik aber stand da, geschäftigen Lebens voll, die Räder surrten, die Webstühle klapperten, die Schiffchen flogen fröhlich. Zu einträchtigem Tun regten sich die emsigen Hände, und auf allen Gesichtern sonnte sich das Behagen am Gedeihen des Unternehmens, das allen ans Herz wuchs, weil es allen gehörte.