2.

Und im Fabrikspark, auf den Spielplätzen, unter der Hut der alten Bäume, drängte sich tagsüber das junge Volk der Kinder, saßen nach getaner Arbeit zufriedene Menschen, schwatzten, sangen oder hörten dem Meister Hellwig zu, der an schönen Abenden im Garten von einem Podium herab über alle möglichen interessanten und wissenswerten Dinge zu sprechen oder aus guten Büchern vorzulesen pflegte. Ganz zwanglos, wie eine gelegentliche Zusammenkunft gleichgesinnter Freunde war das, und viel guten Samen streute er in empfängliche Seelen.

Anfänglich war die Zahl der Teilnehmer nur gering, weil viele, an das neue Leben noch nicht gewöhnt, lieber in den Billardsälen oder beim Kartenspiel ihre Erholung suchten. Mit der Zeit aber stellten sich immer mehr ein, hörten zu und beteiligten sich mit Fragen und Einwänden an den Debatten, fanden Gefallen daran und zogen dieses Turnier bald jeder andern Unterhaltung vor.

Einer, der niemals fehlte, war der alte Kesselwärter Bogner, der seinem Meister Hellwig treu ergeben war und immer wieder versicherte, daß er ein so schönes Leben auf seine alten Tage nicht einmal im Traum erhofft hätte. Er überwachte seine Kessel und formte feine Blütenzweige, die er schön bemalt in seiner Stube aufstapelte oder Personen, denen er wohlwollte, als Angebinde verehrte. Für Hellwig aber tat er etwas ganz Besonderes: Er modellierte und goß aus Bronze die Büste des Meisters. Zwar geriet die Nase ein bißchen schief, und die Wangen hatten Blatternarben, aber am Sockel stand in großen Buchstaben ‚Friedrich Hellwig‘, und so wußte jeder, wen das Werk darstellte. Und die Mängel, die waren nach den Versicherungen des Schöpfers nur durch den elenden Gips und durch das schlechte Gußmetall verschuldet. Jetzt stand das Bildwerk im Lesesaal, und bei der Aufstellung hatte es einen grünen Reisigkranz getragen, mit einer roten Schleife, und Reinholt hatte eine Rede gehalten, die war sehr erbaulich und dem Kesselwärter wurde ganz rührselig. Aber er lachte doch und strahlte im faltigen Gesicht, denn Adam Pichler, ein jüngerer Bruder Ottos, stand neben ihm und sagte ihm ins Ohr, daß so eine Büste eigentlich in eine Ausstellung gehörte und sicher einen Preis bekommen würde.

Adam verkehrte überhaupt viel mit dem alten Bogner und ging auch regelmäßig zu den Abendvorlesungen. Er tat das aus Neigung. Aber es war nicht so sehr die Neigung zur Wissenschaft, als vielmehr die Neigung zur Anna Bogner. Die Anna war ernster geworden, der Frohsinn, das Lachen und aller Übermut ihrer Jugend klang in der Erinnerung an die erste Enttäuschung nur mehr wie auf einer abgedämpften Geigenseite.

Adam aber begehrte sie zum Weib. Da hatte sie ihm ganz aufrichtig gesagt, wie es um sie stand und daß sie einst mit seinem Bruder Otto ein Verhältnis gehabt. Der blonde Mensch mit den stillen Augen und den groben Händen hatte schweigend zugehört und darnach ein paar Tage nicht mit ihr geredet, bis er alles in sich verarbeitet hatte. Dann aber war er zu ihr gegangen, die in heimlicher Pein verstohlen aus der Ferne nach ihm sah. Denn sie hatte ihn lieb gewonnen.

„Anna,“ hatte er gesagt, „es ist schon in Ordnung mit uns.“

Da war sie zusammengefahren, hatte ihm ungläubig ins Gesicht gestarrt und nur gefragt: „Trotzdem?“

„Trotzdem, Anna, weil — es muß doch ausgeglichen werden ...“

Er hatte den Arm um sie legen wollen. Doch sie war hastig einen Schritt zurückgetreten.

„Wenn’s nur deswegen sein soll ... bleibt’s schon besser so, wie’s ist, Adam. Ich müßt’ mich ja schämen.“

„Nein, Anna, das mußt du schon nicht. Tät ich’s denn, wenn ich dich — nicht auch gern hätt’, Anna?“

Er war wieder ganz nahe bei ihr und streichelte mit den harten Fingern unbeholfen ihren Ärmel. Und dann hatte er sie im Arm. Und sie sträubte sich nicht mehr.

Und seither sah man sie fast immer miteinander gehen, den alten Kesselwärter, dem die paar Haare nur noch wie ein silbriges Schimmerchen auf dem kahlen Schädel glänzten, ein wenig gebeugt und ein wenig zittrig, zwischen den beiden jungen aufrechten Menschen, die fest und ruhig einherschritten mit der stillen Zuversicht, die ein sicheres Glück verleiht.

Oft auch gesellte sich Pfannschmidt zu ihnen, der in dem neuen Gemeinwesen eine Art Hausverwalter war und außerdem die Bücherei betreute. Keine Spur von Gedrücktheit oder Trauer war mehr in ihm, wohl sprach er wenig und lachte nicht oft, aber seine ernsten Augen schauten warm und froh, und der Widerstreit zwischen Neigung und Beruf war nicht mehr in ihrem Blick. Die Bücherei war seine Welt, dort war er am sichersten anzutreffen. Entweder las er oder ordnete er die Bücher, versah sie mit Schildern und Nummern, verteilte sie übersichtlich und legte mehrere Verzeichnisse an. Abends aber kämmte er mit Salböl den spröden Scheitel noch einmal glatt und ging, dem Meister zuzuhören. Er war einer der aufmerksamsten Zuhörer, aber auch der eifrigste Frager, und wenn er sich einmal in etwas hineinverbissen hatte, ließ er sich nicht so leicht davon abbringen. Jedes Für und Wider erwog er, Beweise und Gegenbeweise ließ er bedächtig aufmarschieren, und Fritz hatte mit diesem zähen Gegner oft seine liebe Not. Regelrechte Debatten und Diskussionen hatten sie miteinander und das war für sie wie ein Bad im kühlen Fluß.

So schien sich mit der Zeit eine gedeihliche Ordnung einstellen zu wollen und Hellwig dachte abermals daran, Weib und Kind zu sich zu holen. Aber als er an einem schönen stillen Sommerabend wieder einmal auf dem Podium saß und gerade über Oliver Cromwell sprach, da wurden von dem Fahrweg, der außerhalb des Parks den Zaun entlang führte, ein paar Steine unter die Versammelten geworfen. Der eine streifte Hellwigs Kopf, der zweite traf ihn an der Schulter, die übrigen verfehlten ihr Ziel. Schnell war Pfannschmidt beim Gittertor, riß es auf, stürmte hinaus. Andere folgten. Aber draußen war niemand zu sehen. Still lagen die Wiesen und Felder da, die Ähren nickten und rauschten leis auf schwanken Halmen, die Blätter der Büsche regten sich sacht im Abendwind, und sacht breitete die Dämmerung ihre seidenfeinen Flöre darüber aus. Mannshoch standen die Feldfrüchte, dicht belaubt wucherte überall in den Wiesen das Staudenzeug, und was sich dort irgendwo versteckt hielt, war gut geborgen und in der Dämmerung nicht leicht aufzuspüren.

Hellwig hatte eine Beule am Schläfenbein und eine Prellwunde am Oberarm, leichte Verletzungen, die nichts zu bedeuten hatten. Aber eine Warnung waren sie und ein Zeichen, wie tief die Hetzereien Wurzeln gefaßt.

Und wenn es hiefür noch eines Beweises bedurfte, so brachte ihn die folgende Nacht. Da brannte ein Magazin nieder, und die Fabriksfeuerwehr mußte harte Arbeit tun, um den Brand einzudämmen. Er war gelegt worden, von wem, war offenes Geheimnis, aber Beweise fehlten. Die Folge war, daß Reinholt die Nachtwache verschärfte und zwei Dampfspritzen anschaffte. Und Fritz sah seine Vereinigung mit Eva abermals um Monate hinausgerückt.