3.
Danach aber hatte sich ganz plötzlich der Sturm gelegt. Die Unbesonnenheit der Steinwerfer und Brandstifter hatte die Gegner zur Vorsicht gemahnt. Was nützte es auch, die Außenstehenden aufzuwiegeln, wenn die Hellwigianer geschlossen gingen und der Aufschwung der Fabrik alle Hetzer Lügen strafte.
Wochen vergingen, alles blieb ruhig.
„Wir sind durch!“ sagte Fritz, der vertrauensselige, arglose Mensch, und glaubte felsenfest daran, weil er an sein Werk glaubte und an die Lauterkeit der Menschen. Und er freute sich des Erfolges und freute sich auf die Seinen. Jetzt wollte er sie wirklich holen. Mehr denn zwei Jahre — waren es denn wirklich schon zwei Jahre? — hatte er sie nicht gesehen. Da war ihm die Zeit fortgeronnen, wie Sand zwischen den Fingern durchgeglitten, Tag um Tag; Monat um Monat. Er hatte nicht darauf geachtet und sie nicht gezählt. In all dem rastlosen Bemühen, dem Tumult von Sorgen und Anstrengungen, dem raschen Wechsel zwischen Erfolg und Mißlingen, zwischen heller Zuversicht und herber Enttäuschung.
Waren es denn wirklich schon zwei Jahre? Aber da lagen die Briefe Evas vor ihm, alle, wie er sie erhalten, gelesen, beantwortet und dann in das Schubfach getan hatte, wo sie, nicht mehr beachtet, verstaubten. Regelmäßig alle vierzehn Tage schrieb sie ihm. Und jetzt lagen sie da, kunterbunt durcheinander, gut fünfzig Briefe. Und in jedem erzählte sie von dem Buben, alle Einzelheiten und Kleinigkeiten berichtete sie. Im Drang und Schwall der Arbeit hatte er ihren Mitteilungen nicht weiter nachgesonnen. Und sie machten doch die ganze Entwicklung des jungen Menschleins aus, das dort fern von ihm und vaterlos heranwuchs. ‚Hansl lacht mich schon an — Hansl sitzt schon — Hansl bekommt Zähne — Hansl hat sich ganz allein am Tischbein aufgemannelt — Hansl hat das erste Wort gesprochen — Hansl läuft, Hansl redet schon. Er ist blond wie du — er hat deine Augen — aber das Kinn hat er von mir.‘
Er erschrak fast und entsetzte sich, daß er so achtlos darüber zur Tagesordnung hatte übergehen können. Fünfzig Briefe. Und in allen war zwischen den eng geschriebenen Zeilen die unausgesprochene Bitte: ‚Komm bald und bleib bei uns!‘ Und in keinem stand: ‚Hol’ uns zu dir!‘ Denn die Mutter bangte um ihr Kind, und Fritz hatte ihr die Lage immer eher in düsteren Farben geschildert, alle Ereignisse trocken verzeichnet und nichts beschönigt. Und nur einmal schrieb sie: ‚Wenn ich doch bei dir sein könnte!‘ Das war damals, als ihm die Steine den Leib verwundet hatten.
Einen Brief nach dem andern las er nun wieder durch. Um ihn war die Ruhe der Nacht, einer warmen, glanzhellen Nacht. Das Fenster stand offen, die hereinflutende Luft war gesättigt vom schweren Duft der Erde, und unten im Fabrikshof machte der Wächter die Runde. Klingend schlug die Eisenspitze seines Stocks auf die Steine, und wenn die zwei starken Doggen, die ihn begleiteten, sich schüttelten, klirrten die Glieder ihrer Kettenhalsbänder leise aneinander, Eisen gegen Eisen und Stahl gegen Stein, und nichts anderes war zu hören als dieser kriegerische Klang. Und es war wie der Pulsschlag des harten, streitbaren Lebens, das da draußen in der weichen, weißen Glanznacht tief aufatmend, doch nicht schlafend ruhte, Gewehr im Arm und immer kampfbereit gleich einem einsamen Vorposten in Feindesland.
Stunde um Stunde flutete vorüber. Und Fritz saß und las die Briefe. Mit gesammelten Sinnen las er sie jetzt alle wieder, sah seinen Buben heranwachsen und begleitete Schrittlein nach Schrittlein seine Entwicklung. Und er fühlte eine tiefe Trauer, daß er sich so gar nicht vorstellen konnte, wie der Junge jetzt aussah, lachte und sprach, und der Wunsch, ihn und die Mutter bei sich zu haben, schwoll ihm übermächtig empor.
Aber es blieb auch diesmal nur beim Wunsch.
Die Ruhe, die so unvermittelt eingefallen, war nicht die Ruhe des Friedens oder der Erschöpfung. Leibinger hatte die Nutzlosigkeit der bisherigen Kampfesart erkannt. Und da kam es ihm gerade recht, daß Robert Karus, aus Rußland zurückgekehrt, wieder in der Hauptstadt aufgetaucht war. An ihn wandte er sich um Rat und Hilfe und der sagte zu, unter der Bedingung, daß ihm vollständig freie Hand gelassen werde. Ungern fügte sich Leibinger, aber er fügte sich doch.
Und Karus ging an die Arbeit. Ein paar erprobte Leute wählte er sich und schickte sie zu Reinholt auf Arbeitssuche. Sie erhielten strengen Befehl, als unbedingte Anhänger Hellwigs aufzutreten und vorsichtig die Unzufriedenheit der Zufriedenen zu wecken. Das Wie blieb ihnen überlassen. Und sie waren ihrer Aufgabe gewachsen. Rasch hatten sie jene aufgespürt, die schwankten oder sich zurückgesetzt fühlten, machten sich an sie heran und bearbeiteten sie.
Aber auch Karus blieb nicht müßig, und Mark und Leibinger waren seine Werkzeuge. Ein paar Schlagworte warf er den Arbeitern der benachbarten Unternehmungen hin und wiegelte sie auf. Und geschulte Agitatoren waren mitten unter ihnen und schürten und schürten ohne Unterlaß. Immer lauter, immer ungestümer erhoben sie die Forderung nach höherem Lohn, nach kürzerer Arbeitszeit, nach Gleichstellung mit den Hellwigianern. Die Fabrikanten aber, selbst in ihrer Existenz bedroht, konnten und wollten keine Zugeständnisse machen. Da begann der Streik.
Unfriede im eigenen Haus, heller Aufstand ringsum: so war jetzt die Lage und so war sie Karus recht. Hellwig aber, der Vertrauensselige, der kindlich Arglose, wußte nicht, daß viele gegen ihn murrten. Und als der Streik jetzt so unvermittelt losbrach und als alle Betriebe feierten und nur die von ihm geleitete, nach seinen Ideen eingerichtete Fabrik rüstig weiter ging, — und seine Leute verrichteten gelassen ihr Tagwerk und schienen sich um das Branden außerhalb ihrer Herdfeuer gar nicht zu kümmern, — da frohlockte er und abermals sagte er siegessicher zu Reinholt: „Leo, wir sind durch!“ Und nur das eine trübte ihm die Freude: daß er wieder Geduld haben und erst das Ende des Ausstands abwarten sollte, ehe er die Seinen zu sich kommen ließ. Dann aber wollte er es ganz bestimmt tun und freute sich darauf und glaubte, daß ein Ausgleich bald erzielt und die Lohnbewegung bald zu Ende sein werde. Er tat sogar ein übriges, er ging zu den einzelnen Fabriksherren und setzte sich für jene ein, die seine erbittertsten Feinde waren. Und er tat es nicht nur um ihretwillen, auch seinetwegen tat er es, er wollte vielleicht doch einen oder den anderen für seine Ansichten gewinnen. Aber überall begegnete er mit seinen Vermittlungsversuchen einem starren „Nein!“ oder einem geschmeidigeren „Leider nicht möglich!“ und einer gab geradezu ihm die Schuld an dem Streik und an dem Niedergang der kleineren Betriebe. Doch auch die Arbeiter, als sie es erfuhren, verbaten sich seine Einmischung. Da ließ er es bleiben. Aber nicht eine Sekunde wankte ihm der Glaube an seine Schöpfung und die Zuversicht, daß sein Weg der richtige wäre.
Reinholt war nicht so vertrauensselig. Manches an den Leuten wollte ihm nicht mehr gefallen. Daß sie häufig mitsammen flüsterten, im Bibliothekssaal heftige Debatten führten, die sofort abgebrochen wurden, wenn er oder Hellwig oder Pfannschmidt oder sonst ein Treuer dazu kam. Und namentlich der Sanders, ein dunkelhaariger Gesell mit Blatternarben im eischmalen Gesicht, gefiel ihm gar nicht. Er war erst seit kurzer Zeit in der Fabrik und doch spielte er, vornehmlich unter den jüngeren, eine große Rolle. Sie hörten auf ihn, suchten und riefen ihn, und wenn er zu ihnen trat, wurden ihre Worte leiser, steckten sie die Köpfe zusammen und bekamen aufgeregte Gesichter. Auch dem Pfannschmidt war das bereits aufgefallen, und nur Hellwig wollte es nicht gelten lassen. Wenn ihn Reinholt aufmerksam machte oder warnte, schüttelte er mit ungläubigem Lächeln den Kopf, suchte und fand Entschuldigungen.
„Das Kameradschaftsgefühl ist in ihnen noch nicht erloschen, soll es auch nicht sein! Und da wurmt sie’s eben, daß sie Streikbrecher geschimpft werden. Aber das geht vorüber. Als der Streik angefangen hat, was hat man da nicht alles befürchtet. Sogar Militär hat hermüssen, weil unsere Nachbarn um ihre Maschinen Angst gekriegt haben. Und schau’ her, jetzt dauert die Geschichte schon fast zwei Wochen — und alles bleibt ruhig. Glaub’ mir nur, Leo, jetzt sind wir schon überm Berg. Die Arbeitsfreude bei uns, während ringsherum alles gärt und tobt und siedet, beweist mir am schlagendsten die Ohnmacht der Gegner. Wir haben unsere Leute zufrieden gemacht, den Erfolg jagt uns keiner mehr ab!“
„Nicht alle sind zufrieden, Fritz!“ beharrte Reinholt bei seinem Bedenken. „Sie planen was gegen uns! So mach’ doch die Augen auf, Fritz, ich werd’ ja ganz irr an dir! Du hast Mitleid mit denen da draußen, vielleicht trübt dir das den Blick — aber ich denke, sie haben uns wahrhaftig genug Prügel unter die Beine geschmissen und verdienen keine Rücksicht!“
„Nein, nein, Leo, sprich nur nicht anders als du denkst!“ entgegnete Fritz traurig. „Die Leute sind nicht besser und nicht schlechter als wir alle. Sie wollen auch nur — wieder Menschen werden. Teilhaben an den reizvollen Nebensachen und bunten Nichtigkeiten, die zwischen Arbeit und Schlaf, zwischen Hunger und Liebe liegen und uns erst vom Vieh unterscheiden. Und sind wir nicht mit schuld, daß sie es so heftig heischen? Die unseren haben das alles, es ist kein Wunder, wenn die anderen gegen uns toben. Leo, es ist Zeit, höchste Zeit, daß wir hier mit dem Aufbau fertig, daß uns die Kräfte frei werden, einen oder den anderen Reichen noch für unsere Ansichten zu werben, zu gewinnen. Vielleicht — gehen wir doch den rechten Weg, können wir dem kommenden Gründer der neuen Gesellschaft — Vorläufer sein ...“