4.

Einer hatte diesem Gespräch zugehört. Robert Karus, der schon seit Tagen in der Gegend weilte. In ihm war der Haß des Zerstörers gegen den Bauenden. Und auch er wollte seinem Freunde Heinz Wart ein Totenmal errichten. Sorgsam bereitete er den Grund, und seine Saat schoß schwer und wuchernd in die Halme.

Aber weder die Freunde Hellwigs noch dieser selbst wußten von seiner Anwesenheit. Und niemand hatte ihnen noch verraten, daß Karus bereits einige Male, das Gitter überkletternd, in den Fabrikpark eingedrungen war, um hinter Buschwerk versteckt zu lauschen. Und seine Flugblättchen gingen unter den Eingeweihten von Hand zu Hand, ängstlich behütet vor den Augen Unberufener, und in geheimen Versammlungen wurden sie besprochen und schürten die Erregung und peitschten die Lust zur Empörung immer höher auf. Mehr als hundert hatten sich schon unbedingt an Karus angeschlossen, viele gab es, die durch die abfälligen Kritiken und klug berechneten Reden der gemieteten Hetzer aufgestachelt, schon unentschieden schwankten und jeden Tag zu Überläufern werden konnten. Und die Streikenden, durch die Unnachgiebigkeit ihrer Brotherren zum äußersten bereit, standen wie ein Mann gegen Hellwig und was Karus und Mark und Leibinger ihnen vorsagten, das sprachen sie nach und glaubten, daß einzig Hellwig an ihrer Lage schuld wäre.

So war eine gewaltige Menge Zündstoff aufgehäuft. Der geringfügigste Anstoß mußte die Explosion herbeiführen. Und Karus sorgte dafür, daß dies bald geschah.

Nun, da der Boden gehörig unterminiert, ein verläßlicher Kern von Anhängern gebildet, die Erbitterung der Leute bedrohlich angewachsen war, nun mußte Sanders, der gedungene Proselytenmacher, aus seiner Reserve heraus. Bei jeder Gelegenheit redete er jetzt ganz offen vor allen Leuten über die mangelhaften Einrichtungen des Unternehmens, schimpfte darüber, mäkelte und nörgelte, und nichts fand mehr Gnade vor seinen Augen. Zu wenig Abwechslung im Essen, zu kleine Portionen, zu wenig Geld, aber viel zu viel Bevormundung, Kasernenzwang und Drill: das war so der eiserne Bestand seiner Argumente. Dieses Tadeln und Mäkeln führte bald zu Zank und Streitereien. Die treu zu Hellwig hielten, wollten es nicht dulden, die andern gaben dem Nörgler recht, Unfriede entstand, Zwist und Spaltung.

Am heftigsten erboste sich über die Reden Sanders’ der alte Bogner. Jedes gehässige Wort gegen den Meister brachte ihn in Harnisch, er schalt und wetterte über die Anmaßung der jungen Leute und wäre am liebsten mit den Fäusten dreingefahren. Aber er erntete mit seinem ehrlichen Grimm nur Gelächter und Spott.

Pfannschmidt wollte anfangs vermitteln und beschwichtigen. Bald jedoch erkannte er den Ernst der Bewegung, erschrak, wie fest sie sich schon eingenistet hatte, und schwere Befürchtungen kamen ihm. Da ging er zu Hellwig und deckte ihm alles auf. Der aber legte, wie vordem den Warnungen Reinholts, jetzt auch diesen Berichten keine Bedeutung bei. Er wollte einfach nicht sehen, wo jeder sehen, nicht hören, was jeder vernehmen konnte. Wollte blind und taub bleiben und allen ungünstigen Zeichen zum Trotz die siegessichere Zuversicht sich aufrechterhalten. Er zwang sich zur Sorglosigkeit, um die Zweifel, die sich schon leise regten, zu übertäuben. Er drückte jeden Argwohn, der ihm jetzt doch manchmal leise aufstieg, gewaltsam nieder, und gewaltsam zwang er sich, an den Erfolg ganz fest zu glauben, weil er den Erfolg brauchte. Weil er das Gelingen nicht nur heiß herbeisehnte, sondern notwendig haben mußte, sagte er: „Es ist schon gelungen!“ und sagte es sich und den anderen immer wieder vor, als könnte durch dieses fortwährende starre Bejahen jede Möglichkeit des Mißlingens gebannt werden. Und es durfte kein Mißlingen geben, sollte nicht, so meinte er, sein ganzes Leben mit in Stücke brechen.

Deswegen stellte er den besorgten Warnern seine lächelnde Sicherheit entgegen, und was nur erst beinahe fertig und was noch fast nur kaum mehr als ein Wunsch war, sollte als fertig und vollendet angesehen werden. Doch weder Reinholt noch Pfannschmidt konnte er überzeugen.

Sanders aber wurde immer dreister. Er begann nun auch über zu viel Arbeit sich aufzuhalten, hatte an jedem neuen Auftrag etwas auszusetzen und wenn er ihn überhaupt ausführte, tat er es nur widerwillig zögernd mit sichtlicher Verdrossenheit. Und als er nach dem festgesetzten Reihengang eine Woche lang die Kontrolle der Nachtwächter besorgen sollte, weigerte er sich mit der Begründung, er sei als Weber aufgenommen und nicht als Hausmeister. Da könne man schließlich auch von ihm verlangen, daß er die Ställe ausmiste oder die Senkgrube putze, das käme auf dasselbe heraus. Er weigerte sich also, schrieb aber auch noch am gleichen Tag an Leibinger, er möge sich bereit halten, die Sache werde bald entschieden werden.

Und als am folgenden Morgen das Kontrollbuch keinen Vermerk aufzeigte und als er deswegen verwarnt wurde, zuckte er bloß die Achseln und lächelte dazu. Und als am zweiten Morgen aus der Verwarnung eine Rüge wurde, unter Androhung der Entlassung, da lächelte er noch geringschätziger und zuckte wieder die Achseln. Am dritten Morgen war er entlassen. Er erhielt sein Sparkassenbuch und seine Abfertigung und konnte gleich gehen. Obwohl Reinholt dagegen gesprochen, hatte es Fritz so angeordnet. Eine Satzung war übertreten, die darauf gesetzte Strafe war verwirkt worden, da gab es für Hellwig kein Überlegen und galt keine Rücksicht.

Sanders aber hatte nichts anderes gewollt. Seiner Anhänger gab es viele, und die, das wußte er, würden ihn nicht so mir nichts, dir nichts ziehen lassen. Und er traf keine Anstalten zum Fortgehen. Das Geld nahm er zwar, aber seine Sachen packte er nicht. Nur sein Sonntagsgewand zog er an und ein gestärktes Hemd und ging ins Wirtshaus.

Dort saß bereits Karus mit Leibinger und Mark. Sie hatten einen großen Krug Wein vor sich und tranken fleißig. Mit einem selbstbewußten Schmunzeln setzte sich der blatternarbige Weber zu ihnen.

„Wie steht’s?“ fragte Karus kurz.

Sanders schenkte sich gemächlich ein Glas voll und tat einen bedächtigen Zug. Da sein Bericht mit Spannung erwartet wurde, kam er sich sehr wichtig vor und wollte dieses Gefühl seiner Bedeutung möglichst lang auskosten.

Leibinger rieb die Hände rund umeinander und machte sein verbindlichstes Gesicht.

„Es scheint alles glatt gegangen zu sein?“ fragte er ausholend. Sanders nahm noch einen Schluck. Dann zog er sein Taschentuch und wischte sich umständlich den Mund ab.

„Verfluchtes Getu’!“ schimpfte Karus. „Laß die Faxen und red’ endlich!“

Da tat Sanders gekränkt und war beleidigt:

„Befehlen lass’ ich mir nichts!“

„Aber wir bitten Sie doch!“ lenkte Leibinger ein und Mark nickte und bestätigte eifrig: „Gewiß, gewiß, wir bitten Sie!“

Da war der blasse Weber wieder versöhnt und erzählte von seiner Entlassung und fügte hinzu, daß er nicht fortgehen, sondern heute beim Abendvortrag im Garten Einspruch zu erheben gedenke und vom Mittag bis Feierabend werde er noch ein bißchen Stimmung machen.

Leibinger meinte dazu: „Gut! Sehr gut!“ und Mark: „Schön! Sehr schön! Ausgezeichnet!“ Karus aber sagte: „Da erzählst du uns nichts Neues! Denke, daß ich dir das so eingetrichtert hab’. Daß sie dich davongejagt haben, hast du brav gemacht. Mach’s weiter so, dann geht heut’ abend der ganze Krempel in Fransen!“

Dröhnend lachte er, und seine Faust schmetterte hart auf den Tisch. Dann trank er sein Glas leer, füllte es rasch und leerte es wieder und noch einmal und abermals. Nun die Entscheidung so nahe war, wurde er doch aufgeregt. Die anderen bemerkten das, schauten ihn an und schwiegen. Ihm aber löste der Wein die Zunge.

„Bekehren will er die Aussauger!“ rief er unvermittelt aus dem Wirbel seiner Gedanken heraus. „Bekehren! So lang man die nicht totschlägt, gibt’s keine Bekehrung!“

„Sprechen Sie von Hellwig?“ fragte Mark und riß die Augen weit auf.

„Nein, vom Mond, Sie Kalb!“ entgegnete Karus grob. Leibinger lächelte liebenswürdig. Da faßte auch Mark die Beleidigung als Witz auf. Er lachte laut und gezwungen. Doch schien es ihm ersprießlicher, ein anderes Thema anzuschlagen.

„Herr Karus,“ sagte er, „die Partei kann es Ihnen nicht hoch genug anrechnen, daß Sie sich so selbstlos ...“

Karus unterbrach ihn: „Dankt dem Himmel, daß ich euch früher nicht so genau gekannt hab’. Ich hätt’s mir sonst, weiß der Teufel, noch gründlich überlegt!“

Er hielt inne, fuhr mit den gespreiteten Fingern durch den borstigen Haarschopf.

„Eh was, jetzt bin ich einmal da!“ sagte er dann. Und mehr im lauten Selbstgespräch: „Als junger Grasaff’ bin ich auch nicht anders gewesen wie der Volksbeglücker. Heinz auch nicht. Gewiß nicht! Nein! ... Was stiert ihr mich denn so blöd an? Ich bin nicht besoffen! Nur ... ich hab’ auch einmal einen Freund gehabt! Ja — der Robert Karus hat auch einmal einen Freund gehabt ...“

„Sie haben doch viele Freunde!“ beeilte sich Leibinger zu versichern, und Mark beteuerte das auch, rückte aber seinen Stuhl aus der Nähe des Mannes, dessen flackernde Augen und dessen zerfahrenes Wesen ihm Angst machten.

„Redet mir das nicht vor!“ antwortete Karus geringschätzig. „Ihr braucht mich, deswegen tut ihr mir schön! Aber Freunde? Bah! Furcht habt ihr vor mir! Alle haben Furcht! — — Heinz nicht ... Und doch — hab’ ich ihn später ...“ Er sprang von der Bank und schüttelte die Fäuste vor sich, als rüttle er an Ketten. „Sie hätten ihn sonst ... es ist einfach nicht anders gegangen!“

Wie ein erstickter Aufschrei war das. Und wieder trank er und ging mit mühsamen Schritten über den Lehmboden der Stube.

„Also seither: Rache für Heinz! Das ist der Grund! Nicht ihr! Nur — er! Die Gesellschaft von heute hat ihn umgebracht, drum muß sie weg! Sie oder ich! Eher wird da nicht Ruh’!“

Die anderen wurden aus den wirren Reden des verstörten Menschen, der im Ringen mit einem schweren Entschluß aus allen Fugen gehoben schien, nicht klug, schauten einander bedeutungsvoll an und unterbrachen ihn mit keiner Silbe.

„Nun kann’s ja losgehen!“ sagte Karus nach einer Weile wieder ganz kalt. „Ich geh’ jetzt und horch’ ein bissel herum! Auf Wiedersehn heut’ abend!“