11.
Da ließ sich eines Tages Leo Reinholt bei ihm anmelden. Der besaß außer einem großen Vermögen im Ostwinkel des Reiches eine Tuchfabrik mit Spinnereien, Webereien, Färbereien und allem, was dazu gehörte. Die Wohnungen, die er dort seinen Bediensteten aufgebaut, waren musterhaft, und die Wohlfahrtseinrichtungen, die er sonst noch geschaffen, hatten seinerzeit viel von sich reden gemacht. Der also ließ sich eines Tages bei Hellwig anmelden.
Fritz empfing ihn sehr zurückhaltend. „Was verschafft mir die Ehre?“ fragte er steif und wies auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch. „Wollen Sie Platz nehmen?“
Ungezwungen kam der Fabrikant der Einladung nach. Er war beinahe ebenso groß, aber schmächtiger als Hellwig, hatte auffallend kleine Hände und blickte aus hellen braunen Augen treuherzig in die Welt. Im dunklen Haarschopf leuchtete das Weiß einer werdenden Glatze.
„Haben Sie eine Viertelstunde Zeit für mich?“ fragte er, indem er sich setzte.
„Da müßte ich wohl zuvor wissen, um was es sich handelt.“
„Das läßt sich nicht so einfach sagen ... Sie sind gegenwärtig ohne feste Stellung?“
„Über meine Privatverhältnisse glaube ich Ihnen keine Rechenschaft schuldig zu sein.“
Der andere lächelte leicht: „Gewiß nicht!“ Und immer nur wie ganz beiläufig und nebenbei fuhr er fort: „Ja, also, wie soll ich Ihnen das auseinandersetzen? — Ich habe mich eingehend mit Ihrem Buch befaßt, sehr eingehend, ja. Und, also, die Vorschläge, die Sie machen, die scheinen mir durchführbar und, was die Hauptsache ist, rentabel. Ja, also — kurz und gut, ich beabsichtige meine Fabrik danach einzurichten und, ja — wenn Sie wollen — Sie könnten mir dabei helfen.“
Fritz sprang auf. Mit einem jähen, ungestümen Satz.
„Ist das Ihr Ernst?“
„Wäre ich sonst hier?“ Der Fabrikant zündete sich eine Zigarre an. „Sie erlauben doch? — Darf ich vielleicht aufwarten?“ Er hielt Hellwig die Ledertasche hin. Der beachtete es gar nicht. Mit langen Schritten lief er durchs Zimmer. Dann machte er wieder vor dem Besucher halt, schaute ihn zweifelnd an: „Ja — aber — wieso ...? Ich weiß nicht, was Sie veranlassen könnte ... Scherzen Sie denn wirklich nicht?“
Reinholt blies den grauen Rauch in die Luft. „Warum wundert Sie das eigentlich? Ich sage ja, ich halte die Geschichte für rentabel. Für mich ist das ein Geschäft wie jedes andere, eine Spekulation meinetwegen, die glücken oder fehlschlagen kann. Das weiß ich vorläufig noch nicht. Glückt sie, ist’s gut. Wenn nicht, hab’ ich mich eben verrechnet und muß die Folgen tragen.“
Er sagte das alles im trockensten Geschäftston. Und doch war im Grunde seiner braven Augen etwas, das zu dieser kaufmännischen Sachlichkeit nicht stimmte. Etwas Warmes, nur gedämpft wie hinter Schleiern Leuchtendes, — Güte, die nicht erkannt sein wollte.
Fritz hatte seine Wanderung durch das Zimmer wieder aufgenommen. Die Arme auf dem Rücken verschränkt, schritt er ruhlos auf und ab und schaute zur Decke, als ob er von dort etwas herablesen wollte. Dann wieder blieb er stehen, schüttelte den Kopf und bewegte die Lippen wie im Selbstgespräch. Reinholt beobachtete ihn eine gute Weile. Endlich rief er ihn an: „Herr Hellwig ...“
Da schrak er aus seiner Versunkenheit auf: „Ja?“ und schaute den Fabrikanten fremd an.
„Wir wollen die Sache nicht überstürzen, Herr Hellwig. Es hat ja Zeit. Ich mute Ihnen keine sofortige Entscheidung zu. Nur einige Aufklärungen möchte ich Ihnen noch geben, dann überlegen Sie sich’s und lassen mich, sagen wir in vier Wochen, Ihren Entschluß wissen. So lang bleibe ich Ihnen im Wort.“
Das klang wieder sehr nüchtern und vernünftig. Und diese kühle Art ließ auch Fritz ruhiger werden; aufmerksam hörte er zu, wie jetzt der Fabrikant in großen Umrissen seinen Plan entwickelte.
Als er gegangen war, blieb Hellwig noch lang unbeweglich vor dem Schreibtisch sitzen. Da hatte ihm einer die Möglichkeit gezeigt, wie er sein Lebenswerk erfüllen konnte. Und es war ihm, als ob er in eine ungeheure Helligkeit schaute, die ihn blendete und alle Gegenstände überstrahlte, so daß nichts anderes zu sehen war als Licht und Licht. So — wie man die Möven nicht sieht, die Barken nicht und nicht die Schiffe, wenn die Sonne auf den See scheint und seine Fläche zum Spiegel macht. Und man weiß doch ganz sicher, daß dort klares Wasser ist und freut sich und kann es nicht erwarten, bis man die Kleider vom Leib ziehen und in dem kühlen Silber untertauchen kann.
Da tat sich die Tür auf und Eva kam herein, sacht, schüchtern, mit dem aufrechten Königinnengang des tragenden Weibes. Nun sprang er empor, hob die Arme seitwärts und aufwärts, mit einer so ungestümen, frohen und leidenschaftlichen Bewegung, als wollte er eine Welt umspannen.
„Eva ...“ stammelte er. „Eva ...“
Eine Sekunde nur schaute sie ihn befremdet an und wunderte sich über den Glanz in seinen Augen. Dann wußte sie, daß eine Wendung eingetreten, daß ein großes Glück für ihn im Anzug sei. Mit ausgestreckten Händen trat sie auf ihn zu: „Fritz ... Ist’s jetzt wieder gut, Fritz?“
„Ja!“
Und nun erzählte er es ihr. Aber während er redete, verlor sich mehr und mehr die beschwingte Zuversicht der ersten Freude. Er begann von den Hindernissen zu sprechen, die zu beseitigen, von den Schwierigkeiten, die zu überwinden waren. Die Skrupel kamen, aus Licht wurde Schatten und keins der Bedenken, die ihm aufstiegen, verhehlte er ihr. Nach Reinholts Schilderung lag die Industrie in jenem Lande zwar sehr im argen, aber gerade in der Gegend, wo auch sein Unternehmen stand, waren noch einige kleinere Spinnereien und Webfabriken, die insgesamt kaum zweitausend Leute beschäftigten. Doch diese gehörten fast ausnahmslos zu jener Partei, die gegen Hellwig als Abtrünnigen den Bannfluch geschleudert hatte.
Für den Anfang, zu diesem Schluß kam er endlich, für den Anfang werde sich wohl eine Trennung nicht vermeiden lassen. Erst wenn der ärgste Wirrwarr vorüber, die neue Ordnung einigermaßen befestigt sei und sich eingelebt habe, werde ihm Eva folgen können.
Sie hörte es und wurde blaß. „Und das Kind?“ fragte sie tonlos.
Einen Augenblick zögerte er mit der Antwort. Er fühlte ein Würgen in der Kehle. Aber sie sollte, sie durfte nicht merken, wie nah es ihm ging. „Ich werde euch unterdessen nach Neuberg bringen,“ sagte er. Da ließ sie traurig den Kopf sinken und sprach kein Wort mehr.