10.
Aber er blieb nicht untätig dem Schmerz hingegeben. Am selben Nachmittag noch reiste er in den Kohlenbezirk. Pfannschmidt, telegraphisch verständigt, erwartete ihn. Noch in der Nacht wurde ein Flugblatt fertig. Den nächsten Abend sollte eine Versammlung, am Sonntag aber ein Meeting unter freiem Himmel abgehalten werden. Der anbrechende Morgen fand Hellwig mitten unter den Bergleuten. Er fuhr von Schacht zu Schacht, verständigte die Knappschaften, verteilte die Flugblätter.
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von seiner Anwesenheit. In hellen Haufen kamen sie abends in den Versammlungssaal. Dort hatten sich auch Anheim und Leibinger eingefunden.
Von stürmischem Jubel begrüßt, trat Hellwig hinter den Rednertisch. Es dauerte Minuten, bevor er sich verständlich machen konnte. Dann aber wurde es lautlos still. Seine geschulte Rednerstimme war bis in den entferntesten Winkel des großen Raumes vernehmbar. Leibingers Anhang versuchte wohl anfangs durch Räuspern und Scharren den Redner zu stören. Aber Anheim winkte ab. Er hatte sich für das Zuwarten entschieden.
Was Hellwig sagte, klang auch gar nicht aufreizend. Nüchtern und sachlich gab er seine Gründe gegen den Streik bekannt. Als sie merkten, wohinaus er wollte, begannen viele zu murren und dazwischen zu rufen. Denn sie hatten sich bereits mit dem Gedanken an den Ausstand vertraut gemacht.
Da flammte er auf. Jedes Wort schlug ein. Und es währte nicht zehn Minuten, da waren sie wieder in seinem Bann. Aus den geröteten Gesichtern, die in gespannter Aufmerksamkeit ihm zugewendet waren, aus den glänzenden Augen, die jeden Satz von seinen Lippen vorwegzunehmen verlangten, las er die Wirkung, spürte er heraus, daß er wieder Fühlung mit ihnen hatte. Und als er sie jetzt zur Entscheidung aufforderte, da stimmten unter tosendem Beifall fast alle gegen den Streik.
Im ersten Anlauf hatte er den Kampf bereits so gut wie gewonnen. Nach ihm hätte Leibinger zu Wort kommen sollen. Statt seiner stand Anheim auf. Ein starres Festhalten am Streik konnte der Partei nur schaden. Das sah der Obmann ein und gab seiner Meinung dahin Ausdruck, daß es wohl am besten sei, die Entscheidung den Arbeitern zu überlassen. Er konnte sich an den Fingern ausrechnen, wie die Entscheidung ausfallen mußte. Doch war der Rückzug geschickt in Szene gesetzt, das Ansehen der Partei brauchte nicht darunter zu leiden. Von Hellwigs Austritt erwähnte der Obmann nichts. Er hoffte, da auch Fritz geschwiegen, daß sich die leidige Geschichte vielleicht doch bis nach den Wahlen vertuschen oder irgendwie werde beilegen lassen.
Dem Meeting am Sonntag aber schenkte Hellwig ganz reinen Wein ein. Schonungslos brachte er alles zur Sprache, was zum Bruch geführt hatte und forderte Leibinger auf, sich zu rechtfertigen. Der jedoch wagte es nicht. Denn unter den Versammelten waren viele, die seine Ausstreuungen mit eigenen Ohren gehört hatten und jetzt durch laute Zurufe bestätigten. Er überließ es Anheim, die verlorene Sache zu führen. Aber die Leute wollten auch den nicht hören. Sie tobten und schrien, schleuderten dem Obmann, der auf der Felsplatte stand, ihre Empörung ins Gesicht. Wer seine Stimme für Leibinger erheben wollte, wurde niedergebrüllt, mundtot gemacht, mit Püffen und Stößen herumgeschoben, bis er still war oder sich entfernte.
Es hätte nur eines Winkes von Hellwig bedurft und die Mehrzahl wäre von der Partei abgefallen. Doch das wollte er nicht. Die Kräfte durften nicht zersplittert werden, unter dem Gegensatz zwischen einzelnen durfte die Gesamtheit nicht leiden. Deswegen beruhigte er die Aufgeregten. Man dürfe, sagte er, das Kind nicht mit dem Bad ausschütten, weil einer oder der andere sich unwürdig erwiesen habe, nicht die Partei verdammen. Es sei ihm nicht leicht geworden, den Kampf aufzunehmen. Aber rechtfertigen habe er sich gerade vor ihnen wollen und müssen. Und er habe es für seine Pflicht gehalten, sie nach Pichler vor Leibinger zu bewahren. Nicht gegen die Partei richte sich sein Angriff, denn die Partei sei rein, habe schon Großes erreicht und durch feste, lautere Eintracht werde sie alles erreichen. Schließlich riet er ihnen, einen bewährten Mann aus ihrer Mitte in den Reichsrat zu entsenden und schlug Karl Pfannschmidt vor. Sie aber verlangten ungestüm, daß er selbst sich bewerbe. Er weigerte sich. Denn dadurch wäre der Zwist erst recht entfacht worden. Solang die jetzige Leitung blieb, konnte er nicht mit der Partei gehen. Und gegen sie wollte er nicht gehen. Von der Uneinigkeit hätten nur die Gegner Nutzen gezogen. Und er sagte ihnen, daß er noch einmal zu ihnen kommen werde, wenn sie es forderten. Er wollte ihnen zu besonnener Überlegung Zeit lassen und den Ernst ihrer Gesinnung prüfen. Sie jubelten ihm zu, umdrängten und begleiteten ihn wie einen Triumphator in die Stadt. Dann reiste er ab.
Und sie — riefen ihn nicht zurück.
Kaum war er fort, setzte heimlich, aber um so gehässiger die Wühlarbeit gegen ihn ein. Seine Feinde waren durch den schnellen, mit gewaltigem Ungestüm geführten Angriff überrumpelt worden. Doch da er den Sieg nicht ausnützte, fanden sie Zeit, sich zu sammeln. Leibinger zeigte sich nicht mehr. Aber seine Kreaturen waren unermüdlich am Werke.
Fortwährend und überall wurde jetzt von Hellwig gesprochen. Aber es war nur selten Gutes, was man sich von ihm zu erzählen hatte. Und nach manchem Für und Wider, nach halben Andeutungen und vielsagendem Schweigen kam man gewöhnlich überein, es sei eigentlich unerfindlich, worin sein Verdienst bestehen sollte. Er habe einfach Glück gehabt. Der große Erfolg von damals sei nicht auf seine Rechnung zu setzen; dazu habe die Katastrophe, die zur rechten Zeit hereinbrach, das meiste beigetragen. Die eigentlichen Kämpfer und Sieger seien jedoch die Arbeiter gewesen. Die allein haben darunter gelitten, dafür gehungert, die volle Schwere des Feldzuges am eigenen Leib verspürt. Hellwig habe eigentlich nur zugesehen und geredet. Jetzt aber nehme er die Lorbeeren ganz für sich in Anspruch, maße sich das Recht an, andere zu hofmeistern, zu beleidigen, als Spielball zu gebrauchen, seine Meinungen ihnen aufzuzwingen. Die Freiheit führe er zwar fortwährend im Munde, aber gleichzeitig übe er unerhörteste Zwangsherrschaft gegen alle, die ihm nicht unbedingte Gefolgschaft leisten, er habe ganz das Zeug zum Diktator. Dem müsse vorgebeugt werden. Das Volk müsse selbst über sich herrschen, dürfe nach niemandes, auch nicht nach Hellwigs Pfeife tanzen.
So wurde geredet, und die bewegliche Menge, seinem persönlichen Einfluß entrückt, schenkte diesen Reden gern und willig Gehör. Und da Leibinger vorderhand doch nicht gut selbst als Wahlwerber auftreten konnte, war das Schlußergebnis, daß Pfannschmidt wieder als Bergmann arbeitete, August Mark zum Abgeordneten gewählt wurde und der Streik, der förmlich Hellwig zum Trotz doch noch versucht worden war, mit einem Mißerfolg endete.
Der Bruch mit der Parteileitung war Hellwig nicht so nah gegangen als die Haltung der Bergarbeiter, kurz nachdem sie ihm zugejubelt und ihn wie einen Halbgott gefeiert hatten. Doch fand er auch hier Entschuldigungsgründe für ihren Wankelmut. Er war auf halbem Wege stehn geblieben, hatte den begonnenen Kampf nicht bis zu Ende geführt. Eine Hanswurstiade war das gewesen, die Leute hatte er verwirrt, ohne ihnen einen Weg aus dem Irrsal zu zeigen, und es war kein Wunder, wenn sie, von ihm im Stich gelassen, wieder jenen folgten, an deren Führerschaft sie nun einmal schon gewöhnt waren. Nachträglich hatte sein Ausscheiden aus der Partei zwar noch einigen Staub aufgewirbelt, wäre es fast zu einer Spaltung im geeinigten Lager gekommen. Da er aber nichts von sich hören ließ, sich ganz vergrub und verschollen blieb, legte sich die Aufregung, es wurde stiller, und man vergaß ihn allmählich.
Und er wühlte sich immer tiefer in seine Arbeiten hinein, studierte, las und schrieb die Tage und die halben Nächte durch. Denn er war jetzt ausschließlich auf die unsicheren Einkünfte angewiesen, die er von den Zeitschriften für Beiträge gezahlt erhielt. Und da sparte er und knauserte und versagte sich sogar die gewohnten Zigarren, immer in Sorge, daß er einmal nicht genug verdienen und gezwungen sein könnte, die Mitgift seiner Frau anzugreifen.
Und Eva sollte Mutter werden.