9.

Als Kolben sich zu seiner Reise entschlossen hatte, war Leibinger aus den Kohlendistrikten gerade wieder in die Hauptstadt zurückgekehrt. Tags darauf erschien eine Abordnung der Bergleute bei der Parteileitung. Sie erklärte, daß man zur sofortigen Arbeitseinstellung fest entschlossen sei und fragte an, ob man mit Unterstützungen aus der Streikkasse werde rechnen können. Fritz sprach sich entschieden gegen alles aus. Anheim, Leibinger und die übrigen aber brauchten Ausflüchte, wollten in Hellwigs Gegenwart nicht Farbe bekennen, und schließlich gab Leibinger den Leuten einen Wink, sie möchten später noch einmal vorsprechen. Und sie verstanden das und entfernten sich. Als sie fort waren, sprach Hellwig noch eine halbe Stunde lang sehr eindringlich über alle Hindernisse, die dem Streik gerade jetzt, knapp vor den Wahlen, im Wege standen. Man hörte ihn schweigend an, nickte manchmal oder schüttelte die Köpfe, wie er so seine Gründe an allen zehn Fingern herzählte, aber kein Wort fiel dafür oder dawider. Man müsse sich das noch reiflich überlegen, war schließlich alles, was Anheim mit Räuspern und Hüsteln vorbrachte. Dann mußte Hellwig in eine Wählerversammlung der Gegner und hinterher noch in zwei der eigenen Partei, und jetzt erst, als sie sich vor ihm sicher wußten, tauten Leibinger und Mark auf, wurden lebhaft und hatten mit den wieder erschienenen Bergleuten eine lange Besprechung.

Den übernächsten Tag kam Kolben am frühen Morgen zu Fritz, der noch in Hemdärmeln mit Kamm und Bürste hantierte. Der Doktor war die ganze Nacht gefahren und sah verstaubt und abgespannt aus.

„Was bringst du so zeitig, Albert?“ fragte Fritz ein wenig erstaunt.

„Nur meine Neugier!“ antwortete Kolben und ging ohne Umschweife auf sein Ziel los. „Ich hab’ nämlich gehört, daß der Streik beschlossene Sache sein soll.“

„Da hast du dich gründlich verhört!“ lachte Hellwig. „Im Gegenteil, es ist so gut wie sicher, daß jetzt nicht gestreikt wird.“

„So, so ... Weißt du, ich komm’ gerade von den Schächten ... Es ist eine Abordnung dagewesen, das weißt du ja ... nun, und die ist gestern heimgekommen mit der Meldung, daß es am Montag, also in vier Tagen, losgehen kann ...“

Dröhnend schmetterte Hellwigs Faust auf den Tisch. „Das ist nicht möglich!“ schrie er.

Kolben zuckte die Achseln. „Ist aber trotzdem so. Ich sag’ dir, gejubelt haben sie über die Nachricht. Mich haben sie ausgelacht. Zwei Agitatoren sind gleich mitgekommen. Leibinger will morgen hin ...“

„Das ist nicht möglich!“ sagte Fritz nochmals und war ganz blaß.

„Wenn du mir nicht glaubst, — im Verbandsheim wirst du’s ja erfahren.“

„Ja — ich werde es erfahren ...“ murmelte Fritz mit aufeinander liegenden Zähnen. Dann reckte er sich hoch. „Ich geh’ gleich hin! Kommst du mit?“

Sie gingen. Im Beratungszimmer fanden sie Leibinger, Mark und den Obmann Anheim. Das war ein hagerer Greis mit einem mächtigen kahlen Schädeldach und buschigen Brauen über zwei herrischen Augen. Mit fester Hand hielt er die Zügel, war unbestechlich, ehrlich und treu, aber kannte auch kein Nachgeben. Was er sagte, stand wie ein Block, an dem nicht gerüttelt werden durfte, und alle fügten sich ihm. Auch Mark, der seichte Schwätzer, der gewaltig war im Schimpfen und im Aufpulvern der Massen. Wie ein Kutscher sah er aus mit seinen ganz kleinen Augen, der engen Stirn und dem pechschwarzen Haar, das reichlichste Pomade nicht geschmeidig machen konnte.

„Also, da seid ihr ja beisammen!“ begann Hellwig mit fliegendem Atem und sprang ohne Umschweife mitten in die Sache hinein. „Ihr habt hinter meinem Rücken den Streik beschlossen? Das gibt’s nicht! Das dulde ich einfach nicht!“

„Oho!“ sagte Anheim.

„Jetzt ist’s zu spät!“ ließ sich Mark vernehmen. Und Leibinger lachte spöttisch: „Ich denke, du hast hier weder was zu dulden, noch zu befehlen!“

Kolben rückte sich ein wenig auf seinem Stuhl zurecht. „So kommen wir nicht vom Fleck!“ meinte er. „Fangen wir schön von vorn an. Warum soll denn eigentlich gestreikt werden?“

„Sehr richtig, das möchte ich auch wissen!“ platzte Mark heraus. Leibinger aber fiel ihm sofort ins Wort: „Der Grund ist doch schon längst bekannt. Die vereinbarte Arbeitszeit soll vom Zeitpunkt des Einsteigens in die Förderschale bis zum Zeitpunkt des Aussteigens gerechnet werden. Nicht, wie die Kohlenbarone rechnen, von der Ankunft bei der Arbeitsstelle im Schacht bis zum Niederlegen des Werkzeugs dortselbst. Denn um zur Arbeitsstelle zu gelangen, müssen die Leute oft stundenlang im Stollen gehn, so daß sie elf und noch mehr Stunden unter der Erde sind, statt der vereinbarten neun.“

„Ja, aber da haben die Leute doch ganz recht, wenn sie sich das nicht gefallen lassen!“ bekräftigte jetzt Mark und tat sehr entrüstet.

Hellwig sagte darauf: „Die Forderung ist berechtigt, gewiß! Das habe ich schon hundertmal gesagt! Aber ebenso oft hab’ ich euch vorgehalten, daß es jetzt einfach unmöglich ist, sie mit Gewalt durchzusetzen. Die Leute haben sich kaum vom letzten Ausstand erholt. Sommer ist auch. Die Lieferungen sind nicht dringend, die Grubenbesitzer können zuwarten, haben Zeit, haben die öffentliche Meinung für sich, da die Ursache des Streiks zu geringfügig, zu mutwillig erscheint. Und wir haben jetzt auch die Mittel nicht, sie wirksam zu unterstützen. Auf den Schiffswerften streiken achttausend. Wo sollen wir’s denn hernehmen? Fragt Kolben! — Wie viel hast du in der Streikkasse!“

„Warte!“ erwiderte dieser und rechnete leise vor sich hin. „Zwanzigtausendsechshundertzwei Kronen vierzehn — zuletzt sind siebzehn Kronen acht dazu gekommen: — Zwanzigtausendsechshundertneunzehn Kronen zweiundzwanzig Heller!“

„Da habt ihr’s! Das reicht kaum vier Tage!“

Leibinger unterbrach ihn schnell: „Es ist weitaus genug, wenn man die Spenden hinzurechnet. Und gar so lang kann’s nicht dauern!“

„Leibinger, nimm doch Vernunft an!“ rief Hellwig.

„Das möcht’ ich dir raten! Wir müssen Erfolg haben!“

„Auch ich wäre für den Versuch!“ bemerkte Anheim. „Im Notfall kann die Arbeit jeden Tag wieder aufgenommen werden.“

„Und soundsoviel Lohntage sind beim Teufel!“ sagte Fritz grimmig. Da glaubte Mark ein kräftiges Beweismittel gefunden zu haben.

„Die Wahlen stehen vor der Tür!“ rief er laut. „Hat der Streik Erfolg, sind wir unüberwindlich!“

Kolben griff das unüberlegte Geständnis sogleich auf. „Ich danke Ihnen für das erlösende Wort, Herr Mark! Ja, Fritz! Die Wahlen stehen vor der Tür, und Leibinger will Abgeordneter werden.“

„Wer sagt das?“

„Ich, Herr Leibinger! Glauben Sie, ich weiß nicht, daß Fritz Hellwig Ihrem Ehrgeiz im Wege ist? Daß Sie gern an seiner Stelle Schriftleiter sein möchten? Und ihm das Abgeordnetenmandat neiden, obwohl er’s noch nicht hat?“

„Nicht weiter, Albert!“ unterbrach ihn Hellwig unwillig. „Das gehört nicht her!“

Und Leibinger, kühn gemacht, schrie: „Verleumdung!“

Kolben aber sprach unbeirrt fort, mit seinem leicht ironischen Lächeln, mit seiner großen Ruhe und sehr sarkastisch:

„O gewiß gehört das her! Es war kein Zufall, daß ich ins Kohlengebiet gereist bin, gleich nachdem Herr Leibinger von dort zurück war. Ganz und gar kein Zufall war das. Und da hab’ ich so manches gehört, mein lieber Fritz. Das, was ich eben von ihm behauptet habe, hat Herr Leibinger den Leuten nämlich über dich gesagt, wenn auch vielleicht nicht mit so feinen Worten. Du, Fritz, seist der Streber, der Mandatsjäger, der unverläßliche Mitläufer, der alles zu seinem Vorteil nützt und so weiter. Und als Beweis soll dienen: Du werdest gegen den Streik sein, denn du spielst mit den Grubenbesitzern unter einer Decke. Jemand hat mir sogar anvertraut, im Rausch natürlich, du seist von ihnen bestochen.“

Fritz stand da, hatte die Fäuste geballt und starrte mit weiten Augen den Sprecher an.

„Ist — das — wahr?“

„Ich hörte es so!“

„Ich verwahre mich gegen eine solche Infamie!“ rief Leibinger. Der Doktor beachtete ihn nicht.

„Wenn ich nach dem Ursprung dieser Gerüchte fragte,“ fuhr er trocken fort, „hat’s immer geheißen, die Gegenpartei behauptet es. Aber einer, der mir sehr zugetan ist und für dessen Verläßlichkeit ich jede Bürgschaft übernehme, hat es im Interesse der Partei bitter beklagt, daß — Herr Leibinger solche Sachen in Umlauf setze.“

„Nennen Sie den Namen!“ rief Leibinger. Und Mark unterstützte ihn mächtig: „Namen nennen! Namen nennen!“

„Sparen Sie sich den Atem, meine Herrn!“ erwiderte Kolben und spielte mit seiner Uhrkette. „Den Namen geb’ ich Ihnen nicht preis!“

„Aha!“ frohlockte Leibinger. „Dergleichen kennt man! Alles ist erstunken und erlogen!“

Kolben lehnte sich faul zurück: „Ich pflege zwar sonst nicht zu lügen, aber wenn Herr Leibinger es sagt ...“

Fritz aber trat mit schweren Schritten hart vor diesen hin, der aufgesprungen war und sich vergebens mühte, den unschuldig Gekränkten zu spielen. Mit seinem hellen Blick schaute ihm Hellwig ins Gesicht und sprach leise, mit erzwungener Ruhe: „Also — deswegen! Damit du — deine eigenen Ziele — erreichst, sollen Zehntausende — sollen sie tage- — vielleicht wochen- und monatelang — hungern. Höre, Leibinger, ich bin“ — er tat einen tiefen Atemzug und seine Stimme war spröd wie splitterndes Glas — „ich bin nicht gewohnt, — mit Lumpen dieselbe Luft zu atmen!“

Leibinger lachte schrill auf und schrie: „Ich bin hier genau so viel wie du! Übrigens — mit Beleidigungen wirst du dich nicht rechtfertigen! Eher bestärkst du unsere Gegner in dem Verdacht, daß doch was Wahres an der Geschichte ist!“

Anheim hielt sich für verpflichtet, einzuschreiten.

„Hellwig, das geht zu weit!“ mahnte er. Und Mark sekundierte: „Wir sind keine Lausbuben!“

Der Obmann fuhr fort: „Auf eine Anschuldigung, die sehr unwahrscheinlich klingt, — ich sage nichts gegen Herrn Doktor Kolben, er kann falsch berichtet worden sein, — auf eine vage Anschuldigung hin willst du den Stab über einen verdienten Genossen brechen? Audiatur et altera pars! Sei gerecht!“

Und Mark sekundierte: „Wo sind die Beweise?“

Da schäumte Fritz auf.

„Der das gesagt hat,“ rief er leidenschaftlich, „der wiegt mir hundert Zeugen auf!“

Nun erhob sich der Obmann, räusperte sich und sprach, als redete er in einer Volksversammlung. „Ich muß,“ sprach er, „mich im Namen der gesamten Partei, die zu führen ich die Ehre habe, auf das nachdrücklichste gegen ein solches Vorgehen verwahren. Wer bist du denn, Hellwig, daß du glaubst, mit uns wie mit Schuljungen umspringen zu können? Jedenfalls steht hier, wie ich schon betont habe, Behauptung gegen Behauptung und erst die einzuleitende strenge Untersuchung wird ergeben, auf wessen Seite das Recht ist!“

„Beweise! Wo sind die Beweise!“ rief Mark.

„Herr Mark!“ sagte Kolben. „Wir sind nicht taub. Wozu beweisen, was schon längst nicht nur mir allein bekannt ist. Ihr wißt es ja alle recht gut und freut euch darüber, daß Leibinger für euch die Arbeit tut. Ihr wollt den Hellwig los sein. Er ist euch zu groß geworden, drum soll er ganz klein werden! So oder so!“

Fritz stand ganz dicht vor den drei Männern.

„Leute!“ bat er mit gefalteten Händen. „Seid aufrichtig! Wenn ihr schon etwas gegen mich habt, so hetzt nicht heimlich in so gemeiner Weise gegen mich, daß die, denen ihr Führer und Berater sein sollt, das Bad aussaufen müssen, sondern habt den Mut, mir’s offen und ehrlich ins Gesicht hinein zu sagen!“

Da sprach Anheim mit erhobener Stimme: „Hellwig, es ist durch nichts bewiesen, daß sich Leibinger in irgendeiner Weise unkorrekt benommen hat. Daran müssen wir festhalten. Daß du nunmehr auch uns in Bausch und Bogen verdächtigst, zeigt, wie falsch dein Standpunkt in dieser Angelegenheit ist. Deine Mitarbeiterschaft war uns stets wertvoll ...“

„Das heißt, sie ist es gewesen!“ erläuterte Mark.

„Aber,“ fuhr Anheim fort, „aber in letzter Zeit sind Dinge vorgefallen, die geeignet sind, dich und deine Stellung zu unserer Sache in einem schiefen Licht erscheinen zu lassen. Namentlich als dein Buch herausgekommen ist, das du auf den Markt geworfen hast, ohne uns zu fragen —“

Da sagte Kolben mit unverhohlenem Spott: „Ich denke, die Herren sind entschiedene Gegner der Zensur!“

Steif wehrte der Obmann den Ausfall ab: „Hier liegt der Fall doch anders! Ein Parteimitglied schreibt gegen die eigene Partei! So was ist noch nicht dagewesen! Ja, Hellwig, dein Werk kommt vielen von uns vor wie die Schriften der Jesuiten. Man kann das, was du sagst, so oder so deuten.“

„Wasch’ mir den Pelz und mach’ mich nicht naß!“ nickte Mark eifrig.

Jetzt tat der Doktor, was selten bei ihm vorkam, er lachte hell auf: „Klarer als Hellwig hat doch nicht so bald einer seine Ansichten niedergeschrieben!“

„Das dachten wir im Anfang auch. Als jedoch fast alle Gegner das Buch eines ihrer gefürchtetsten Widersacher zu loben anfingen — von dem Lob fällt ein ganz eigentümlicher Widerschein auf die etwas krausen Wege des Verfassers. Das wäre der erste Punkt. Zweitens hast du, Hellwig, oft und oft scharfe Artikel erprobter Anhänger entweder gar nicht oder nur in sehr verwässerter Form in das Parteiblatt aufgenommen. Und sonderbarerweise waren das immer Artikel, die gewissen geld- oder einflußreichen Leuten auf die Finger klopfen sollten.“

Fritz war einfach sprachlos. Er hatte die schöne Gepflogenheit, jeden Aufsatz, der die mangelnde Sachlichkeit durch Schmähungen zu verdecken suchte, dem Verfasser zurückzuschicken. Das war alles.

Anheim setzte seine Anklage fort:

„Drittens endlich widerrätst du auch den Streik, von dessen Notwendigkeit wir alle überzeugt sind. Kurz und gut: Ich halte es entschieden für einen Fehler, der scharfe Mißbilligung verdient, wenn sich Leibinger des von Herrn Doktor Kolben behaupteten, aber durch nichts bewiesenen Vorgehens gegen dich schuldig gemacht hat. Indes, nach dem Vorgesagten, hätte er — nach meiner Ansicht und nach der Ansicht vieler Parteimitglieder — gegen den Freund Otto Pichlers zwar in der Form, kaum aber in der Sache unrecht gehabt. Bedingungslos vertrauen können wir dir nicht mehr. Wir haben das übrigens in einer vertraulichen Sitzung schon früher festgestellt, und ich bin beauftragt, alle diese Dinge beim nächsten Reichsparteitag zur Sprache zu bringen. Wenn ich sie dir vorher mitteile, um dir die Rechtfertigung zu erleichtern, so erblicke darin einen Beweis, daß wir dich nur ungern verlieren würden.“

Fritz war ganz farblos. Aber seine Augen funkelten wie Stahl in der Sonne.

„Bist du — zu — Ende?“ keuchte er und preßte die Faust gegen die Brust, um dem übermächtigen Pochen des Herzens Einhalt zu tun. Anheim bejahte mit einem stummen Neigen des kahlen Hauptes. Da warf er den Kopf zurück und gewaltsam die Erregung zerdrückend, sprach er erst stoßweise und unsicher, dann immer kälter und verächtlicher:

„Der langen Rede kurzer Sinn ist: Ich — bin von den Geldmännern der bürgerlichen Parteien — bestochen — käuflich wie eine Marktware. Daß ich — euch nicht zu Gesicht stehe — wundert mich nicht. Aber — daß ihr so jämmerlich seid, daß ihr so erbärmlich niedrig denken könnt — macht das mit euch selber aus. Eins nur noch: Ich bin der festen Überzeugung, daß nur der Zufall drei solche Prachtexemplare in derselben Parteileitung zusammengeführt hat. Die Partei achte ich nach wie vor — aber betrachtet um euretwillen meinen Austritt mit dieser Sekunde als vollzogen ...“

Anheim hatte sich wieder erhoben.

„Wir werden Ihren Entschluß der Partei zur Kenntnis bringen,“ sagte er förmlich.

Und als Hellwig bereits die Klinke in der Hand hatte, rief ihm Mark noch schadenfroh nach: „Der Streik beginnt natürlich Montag!“

Da wandte er sich und seine Augen lohten.

„Der Streik beginnt nicht!“

Mark lachte höhnisch, und Leibinger tat jetzt wieder den Mund auf: „Setz’ dich nur aufs hohe Roß, du dunkler Ehrenmann!“ rief er. „Wir bringen dich schon herunter!“ Aber Hellwig hatte bereits die Tür hinter sich zugemacht.

Im Lesezimmer stand er wie betäubt. Kolben legte ihm die Hand auf den Arm: „Nun, Fritz?“

„Laß nur, Albert ... laß!“

Den gläsernen Briefbeschwerer nahm er vom Tisch, hielt ihn gegen das Licht, sah hindurch und legte ihn aufs Fensterbrett. Er ließ das Gewebe der Stoffvorhänge durch seine Finger gleiten, als wollte er die Festigkeit der Fäden prüfen. Er öffnete das Fenster, lehnte sich hinaus und schloß es dann gleich wieder.

Immer heftiger arbeitete es in ihm. Und endlich sank er, der in seiner Vertrauensseligkeit Getäuschte, in seiner kinderklaren Arglosigkeit Betrogene, sank Fritz Hellwig schwer auf einen Stuhl und legte beide Hände vors Gesicht.

„Das arme Volk!“ stöhnte er zu tiefst aus der Brust heraus. „Das arme, arme Volk!“