12.

Die Ferien vergingen im Flug. Hellwigs Abreise stand in wenigen Tagen bevor. Als eine Art Abschiedsfeier wurde ein Ausflug in die weitere Umgebung unternommen. Auch Pichler wurde eingeladen, der die Reifeprüfung mit Auszeichnung bestanden hatte.

In tauiger Morgenfrühe schritt die Gesellschaft durch das noch erhaltene alte Stadttor ins Freie. Voran Wart Nikl mit seiner schönen Frau, hinter ihnen Eva zwischen Kolben und Pichler. Doktor Kreuzinger mit Heinz und Fritz machten den Beschluß.

Durch die Herbstluft segelten die kleinen Spinnen in ihren leichten Silberschiffchen, der Rauch der Erdäpfelfeuer zog über die fahlen Fluren, und in den Stoppelfeldern folgten die Reihen der Jagdliebhaber ihren lohfarbenen Vorstehhunden.

Manchmal blitzte ein Flintenlauf, rundete sich ein Rauchwölkchen, knallte ein Schuß. Ein Hase überschlug sich und schrie, ein Hund heulte auf, ein scharfes Befehlswort verklang. Und wieder war es still, und lautlos glitten die Silberschiffchen, schneller, immer schneller, als wollten sie den Menschen entrinnen und ihrer Tücke gegen die ehrlichen Kreaturen.

An Evas Seite fühlte sich Pichler in seinem Fahrwasser. Hier war er der Schwerenöter, wollte Eindruck machen, zog alle Register seiner wortgewandten Liebenswürdigkeit. Er war witzig, geistreich und gefühlvoll, warf Artigkeiten und Schmeicheleien wie ein Gaukler schimmernde Glaskugeln in die Luft und schwafelte und salbaderte in einem fort.

Eva ließ sich’s gefallen. Sie lachte über seine Mätzchen, schaute ihn belustigt an und fand, daß es sich mit ihm ganz gut plaudern ließ. Manchmal blieb sie auch stehen, wartete auf den Großvater und fragte ihn nach dem Namen eines verspäteten Schmetterlings oder eines klar in blauer Ferne aufsteigenden Berges, tauschte neckende Worte mit Heinz oder ermahnte Hellwig, der hellen Gotteswelt kein so sauertöpfisches Gesicht zu schneiden. Ganz heiß und eifrig war sie, hatte rote Backen und glänzende Augen und überließ die jungen Glieder dem milden Sonnenschein mit einem läßlichen Behagen, das wohlig war und ein wenig sinnlich, wie in einem laulichen Bade.

„Wenn ich Sie ansehe, gnädiges Fräulein, muß ich an Gottfried Keller denken,“ sagte Pichler. Und das Mädchen darauf: „Jemine, wieso denn?“

„Ja, ganz bestimmt. Sie erinnern mich an eine seiner Frauengestalten. Nämlich an die Figura Leu im ‚Landvogt von Greifensee‘. Die hat mir immer ausnehmend gefallen. Warten Sie, wie sagt das nur gleich Keller? Ja: sie war ein elementares Wesen. Ein elementares Wesen, dessen goldblondes Kraushaar sich nur mit äußerster Anstrengung den Modefrisuren anbequemen ließ und dem Perruquier des Hauses täglich den Krieg machte. Sie lebte fast nur vom Tanzen und Springen. So beiläufig heißt es. Und dasselbe gilt auch von Ihnen. Sie sind von demselben entzückenden Übermut. Und diese widerspenstigen Löckchen hier ...“

Er faßte nach dem feinen Gekräusel an ihrer Schläfe. Durch eine hastige Wendung des ganzen Körpers wich sie der Berührung aus. „Sie sind ein Schmeichler!“ sagte sie halb verlegen, halb erfreut.

Da machte Doktor Kolben, der bisher leise pfeifend ein paar Schritte seitwärts von ihr gegangen war, seine erste Bemerkung:

„Herr Pichler hat etwas vergessen, mein kleines Fräulein,“ begann er. Sofort unterbrach sie ihn im hellen Zorn: „Ich bin nicht Ihr kleines Fräulein!“ Ihr Auge sprühte, der Fuß stampfte die Erde. Doch der unausstehliche Mensch fuhr gleichmütig fort: „Das meine nicht, aber doch das kleine. Vorderhand wenigstens. Wir können ja noch wachsen. Das müssen wir eben abwarten. Heute wollte ich nur erwähnen, daß jene Figura Leu, die Herr Pichler an den Haaren herbeigezogen hat, von ihrem Verehrer gemeinhin nur der Hanswurstel genannt wurde. Ob der Vergleich in dieser Hinsicht ebenfalls stimmt, soll dahingestellt bleiben.“

Kolben sagte das, weil er über die junge Schöne ungehalten war, die so mir nichts, dir nichts auf Ottos Plattheiten hineinfiel. Sie würdigte ihn keiner Antwort, klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne und zerrte an ihren Fingern, bis die Gelenke knackten.

Pichler versicherte unter vielen Entschuldigungen, seine Worte seien natürlich nicht so aufzufassen, nur die reizende Grazie habe er kennzeichnen wollen, den Glanz der Löckchen ...

„Hören Sie schon auf mit dem dummen Zeug!“ unterbrach da Wart Nikls Tochter den Honigfluß seiner Rede. Nun schwieg er und tat beleidigt.

Kolben hatte ihre letzten Worte nicht mehr vernommen. Angewidert von Pichlers Geschwätz, hatte er sich auf dem Absatz herumgedreht und zu Doktor Kreuzinger begeben.

Dort machte Fritz noch immer sein sauertöpfisches Gesicht. Er blickte nach der frischen Mädchengestalt, an der alles Verheißung war und leise schwellendes Werden, sah ihre anmutigen Bewegungen, den Rhythmus der Glieder beim leichten Schreiten, hörte das klingende Lachen und empfand eine unbestimmte Sehnsucht, wie arme Schelme im Kellergeschoß nach den hohen, luftigen Räumen der Vermöglichen.

Heinz stritt mit dem Großvater über den Zukunftsstaat.

Die tiefe Baßstimme Wart Nikls dröhnte hallend weithin durch den ruhevollen Herbstmorgen. Bald rief er einem bekannten Jäger ein Weidmannsheil zu oder erwiderte lärmend den Gruß eines Vorübergehenden, bald hatte er ein Scherzwort für seine Tochter oder zeigte er seiner Frau die Grenzlinien der einzelnen Besitzungen und lobte oder schimpfte nicht gerade leise über deren Bewirtschaftung.

Langsam schlenderte Hellwig hinter der Gesellschaft her. Da schob sich plötzlich ein fremder Arm unter seinen. „Kommen Sie!“ sagte Doktor Kolben. „Wir gehn Schwämme suchen.“

Fritz sah ihn verwundert an. Eine so vertrauliche Annäherung war bei dem in sich verhaltenen Menschen etwas Ungewöhnliches.

„Ich weiß hier herum ein paar famose Plätze!“ sprach dieser weiter und tat, als merkte er das Staunen des andern nicht. „Hier links in den Wald einige hundert Schritte aufwärts. Dort pflegen Herrenpilze zu wachsen.“

Noch einmal schaute Hellwig nach dem Mädchen. Das lachte eben Pichlern zu, der sein Schmollen aufgegeben hatte. Da fühlte er ein leises Zucken im Herzen. Er preßte die Lippen fest aufeinander. Eine tiefe Falte stand ihm wieder einmal über dem scharf einspringenden Nasensattel senkrecht auf der steilen Stirn. Das hagere Gesicht bekam sein kühnes, wie versteintes Aussehen. Ohne Widerstand ließ er sich von Kolben in den Wald führen.

Zwischen den geraden Kieferstämmen, die mit dürftigen Kronen wie erschöpfte Krieger in Reih und Glied standen, gingen sie auf dem rostroten Nadelboden, über gewundenes Wurzelwerk und dann wieder durch rauschendes Heidelbeergestrüpp eine gute Weile stumm vorwärts.

„Hier ist einer!“ sagte der Doktor, bückte sich und durchschnitt mit dem Taschenmesser den Strunk eines Pilzes. Fritz sah gleichgültig zu. Kolben steckte den Fund in die Tasche. Von Moos und Farnkräutern umwuchert, lag ein niedriger Felsblock quer über dem Jagdsteig. Kolben setzte sich. Fritz stand daneben und schaute düster in das bewegliche Gitter aus Sonnenstrahlen und Wipfelschatten auf dem Boden.

Der Doktor brach endlich das Schweigen. „Was ist eigentlich mit Ihnen los, Hellwig? Was drückt Sie?“

Seine Stimme klang warm und herzlich. Aus seinem Antlitz war alle kalte Verschlossenheit weggewischt. Aber Fritz erwiderte schroff abweisend: „Was veranlaßt Sie zu dieser Frage?“

„Lassen wir den Stolz beiseite!“ antwortete Kolben. „Aussprache tut immer gut. Sie gehn ja herum, als ob Sie jeden Halt verloren hätten.“

„Herr Doktor!“

„Ich heiße Kolben. Albert Kolben. Das ‚Herr‘ ist überflüssig. Ja, und ... vertrauen Sie mir!“ Ein freundlich aufmunternder Blick der gescheiten Augen begleitete die Bitte.

Fritz erwiderte nichts.

„Vertrauen Sie mir! Es ist nicht zudringliche Neugier oder Unverschämtheit von mir. Nur — ich hab’ mal einen gekannt. Der ist genau so herumgelaufen. Und war schon nahe dran, den Sprung ins große Dunkel zu machen. Sein oder Nichtsein. Ob’s edler im Gemüt ... Hat ihn arg gehabt damals. Zweifel an der Welt, an Gott, an den Menschen, an allem, was man so heilig, ehrwürdig, groß, erhaben, sittlich oder moralisch nennt. Und kein Ausblick. Als wär’ ein Brett vor der Erde gewesen. Soweit hat er gehalten. Und kein Ausblick. Triebleben, Hinvegetieren, zwecklos, stumpfsinnig. Nicht wahr? — Kultur? — Auch die Ameise schafft sich angenehme Lebensbedingungen. — Moral? — Der Pöbel und Moral! Ein Tiger, der Gras frißt! Eher will ich aus Cäsar einen Lakaien machen als dem Pöbel die Gemeinheit abgewöhnen. Also, da hat er gehalten. Na ja denn, ich selber bin’s gewesen. Und da ist einer gekommen, der hat’s gewußt und sich ausgekannt. Hat eine feine Hand gehabt der — Doktor Kreuzinger heißt er —, eine leichte. Und hat mir den Star gestochen. Und hat mich ins Leben hinein gestoßen. So recht mitten hinein ins Leben. Da steh! Laß die Woge kommen und halt stand! Und fürcht’ dich nicht. Und — wirf dich hinein! Brauch’ deine Arme! Schwimm! Es geht schon, es trägt dich schon! — — Und wahrhaftig, es ist gegangen. Es hat mich wirklich getragen. Hätt’s niemals gedacht. — Also, darauf kommt’s an. Klarer Kopf. Helles Auge. Ruhige Hand. Nicht grübeln, Grashalme zählen, Grillen fangen. Arbeiten! Fest arbeiten! Mitten in den Wellen gegen die Wellen. Ein Ziel vor sich und drauflos! Ein Ziel, ja! Aber nicht oben bei den Wolken. Hier, wo du feststehst, auf der Erde unter den Menschen ... Da geh’ drauf und dran! Schulter an Schulter mit den andern. Oder, wenn sie das nicht wollen, lauf allein voraus! Sie folgen schon. Und wenn sie auch das nicht wollen — wenigstens hast du Ruhe!“

Selten ließ der wortkarge, zugeknöpfte Mann jemanden so in sein Inneres schauen. Fritz fühlte das. Und nun konnte er nicht mehr an sich halten. Erst stockend, dann zusammenhängender, leidenschaftlicher redete er sich alles von der Seele herunter, was ihn in letzter Zeit überstürmt und aus der Bahn geworfen hatte.

Kolben unterbrach ihn nicht. Seine dunklen Augen lagen wieder wie verschleiert hinter den goldgeränderten Brillengläsern. Die Spitze des Spazierstocks zeichnete Strich neben Strich in den glatten Waldboden. Endlich war Fritz mit seiner langen Beichte fertig.

„So steh’ ich da!“ knirschte er zwischen den Zähnen. „Und weiß nicht ein und aus. Das Vergangene liegt mir wie ein Stein vor der Zukunft. Ich kann ihn nicht wegwälzen! Er rührt und rührt sich einfach nicht! Die ganze Kraft geht drauf! Ich verbrauch’ mich, werde hin! Von meiner toten Mutter kann mich keiner erlösen!“

Er schwieg mit keuchenden Lungen. Aus den Wipfeln kam das leichte Wehen des Windes wie der Atem der Stille. Kolben erhob sich, trat ganz dicht zu ihm heran.

„Mut, Fritz! Und Geduld! Du — wir werden uns wohl von heut’ an du sagen müssen — du wirst bald drüber weg sein. Jetzt aber — fürs erste — schaun wir, daß wir zu den anderen ins Forsthaus kommen. Abends hältst du dich dann bei mir auf. Vielleicht hab’ ich was für dich.“

In der Nacht, die diesem Tage folgte, schloß Fritz kein Auge. Er suchte nicht einmal den Schlaf, hatte kein Verlangen darnach. Rastlos wanderte er in seiner Kammer auf und ab, mit leuchtenden Augen, breitete die Arme oft weit aus und fühlte sich endlich ganz leicht und frei. Abgefallen war, was ihn bedrückt hatte, fortgetilgt die Unrast, das Suchen nach einem Überirdischen. Glatt und offen lag der Weg in die Zukunft vor ihm.

Er hatte einsehen gelernt, daß er seine Kräfte an etwas zu verschwenden im Begriff gewesen, das keiner ergründen konnte. Daß der Gedanke an den Zustand nach dem Tode ein Feind des Lebens sei. Und daß die Grübler und Dogmatiker die Menschheit um keinen Zoll vorwärts gebracht hatten, sondern nur die Handelnden, die Blutzeugen, die Männer der Tat.

‚Ich schreib’ getrost: Im Anfang war die Tat!‘ — Jetzt fiel’s ihm wieder ein, und jetzt konnte er auf einmal nicht verstehen, wie ihn nicht schon damals, als er den Faust las, diese einfachste und klarste aller Weisheiten auf die richtige Spur gebracht hatte. Daß er erst noch viele Monate im Dunkeln getappt und sich gemartert hatte, bis ihn jetzt der viel verlästerte Kolben zum Ausgangspunkte zurückführte und die Bahn frei machte durch ein paar treffsichere Worte und mit Hilfe einer Übersetzung der Hymne ‚An einen unbekannten Gott‘ aus dem Rigveda. Da lag sie vor ihm im gelben Lampenlicht, Druckerschwärze auf vergilbtem Papier, und sprach mit tausendjähriger Zunge zu ihm, tröstete, beruhigte, richtete ihn auf durch die Erkenntnis, daß ein Rätsel, das seit unzählbaren Jahren die Menschen zu ergründen sich mühten und nicht ergründen konnten, kein Rätsel sei, sondern vererbter Wahn mit einem Inhalt ohne Wert für das Leben und für die Entwicklung, eine taube Nuß.

Wieder und wieder las er das mächtige Gedicht in der meisterhaften Übertragung, jetzt im Zusammenhang, jetzt einzelne Strophen, und als er sie alle auswendig wußte, sprach er die letzten noch und abermals laut vor sich hin:

„Wer weiß es denn, wer hat es je ergründet,

Woher sie kam, woher die weite Schöpfung?

Die Götter kamen später denn die Schöpfung —

Wer weiß es wohl, von wannen sie gekommen?

Nur er, aus dem sie kam, die weite Schöpfung,

Sei’s, daß er selbst sie schuf, sei’s, daß er’s nicht tat —

Er, der vom hohen Himmel her herabschaut,

Er weiß es wahrlich! Oder — weiß auch er’s nicht?“