11.

Nach zwei Tagen war die Tote begraben, und die Notwendigkeit der Beendigung seiner Gymnasialstudien war für Hellwig eiserner als je. Über Zureden seines Freundes hatte er endlich eingewilligt, war zu ihm übergesiedelt und wohnte nun Wand an Wand neben Heinz in einer noch kleineren Dachkammer.

Niemand störte ihn hier. Sogar das Essen wurde ihm hinaufgebracht. Und er wühlte sich ganz in diese Abgeschiedenheit hinein, ging kaum ins Freie und lernte nur, lernte, lernte.

In den letzten Tagen des Mai unterzog er sich an dem Gymnasium der benachbarten Stadt der Prüfung über den Lehrstoff des zweiten Halbjahrs und bestand sie. Kurz darauf legte er die schriftliche und endlich auch die mündliche Reifeprüfung ab. Und da der Landesschulrat, der dieses Schulexamen leitete, nicht an allen Mittelschulen zu gleicher Zeit prüfen konnte, traf es sich, daß Hellwig um volle drei Wochen früher für reif erklärt wurde als seine Kollegen in Neuberg.

Nun wollte er gleich nach Prag und sich auf eigene Faust durchschlagen. Aber sie ließen ihn nicht fort. Auch Vater Wart nicht, der zielbewußte Arbeit in jeder Form achtete und seine Meinung über den großen Blonden mit den Storchbeinen sehr zu dessen Gunsten geändert hatte.

„Machen Sie keine Geschichten!“ sagte er ihm. „Jetzt heißt’s erst tüchtig faulenzen! Den Schädel ausrauchen lassen von der ewigen Lernerei!“

„Ich darf Ihre Gastfreundschaft nicht mißbrauchen,“ erwiderte Fritz. „Ich darf mich nicht länger von Ihnen aushalten lassen!“

Da polterte der Kaufmann los: „Jetzt das ist aber schon mehr als blöd! Aushalten lassen! So was sagt man überhaupt nicht!“ Dann überlegte er und fuhr fort: „Übrigens, wenn Sie sich’s justament verdienen wollen — der Bub’ von meiner Schwester ist bei mir in der Lehr’. Wenn Sie ihm bis zum Oktober ein bissel Stenographie und Französisch beibringen wollen, kann’s ihm nichts schaden und mich soll’s freuen! Gilt’s?“

Er streckte ihm die biedere Tatze hin, und Fritz schlug ein.

Hier bewog ihn nicht zum letzten der Gedanke an Doktor Kreuzinger. Dem greisen Gelehrten war jener Kampf zwischen kindlicher Zärtlichkeit und Wahrheitsliebe nicht entgangen und die geweckte Teilnahme hatte ihn veranlaßt, den Jüngling zu einem Besuche aufzufordern. Gern war Hellwig jetzt dieser Einladung gefolgt. Hatte ihm doch Heinz schon viel von der Bücherei und den Sammlungen des Großvaters berichtet. Seine hoch gespannten Erwartungen wurden auch nicht getäuscht, wurden von dem, was er dort vorfand und erlebte, noch übertroffen. Versteinerungen, Abdrücke und Knochen vorsintflutlicher Geschöpfe waren hier aufgespeichert, Mollusken, Krebse, Spongien und Leptokardier jeglicher Form und Gattung in Gläsern, Kasten und Wandschränken füllten zwei große Zimmer. Das Wertvollste aber war die klare Art, mit welcher der Doktor aus dem Äußerlichen den Kern herausschälte, die Zusammenhänge bloßlegte und die vielfachen faserfeinen Verästelungen auf ihre gemeinsame Wurzel zurückführte. Mit prunklosen Worten, scheinbar stets bei der Sache und doch über ihr, entwarf er dem begierig Lauschenden eine Übersicht über die Entwicklungsgeschichte der Erde und des Lebens und leitete ihn die Quellen der Erkenntnis hinauf, soweit Menschensinne dorthin vordringen können.

Dem ersten Besuch folgten andere, und bald war Hellwig täglich um sechs Uhr früh in der stillen Gelehrtenwohnung. Meist kam er allein, denn Heinz hatte sich ganz auf die Sozialpolitik geworfen und war für nichts anderes mehr zu haben. Für Fritz aber waren diese Morgenstunden, da er an der Seite des verehrten Mannes zuhörend und lernend durch den sommergrünen Garten schritt, während der Sonnenschein silbern in den Baumkronen spielte, das Schönste, das ihm das Leben bisher gebracht hatte, gehörten überhaupt zu dem Kostbarsten, das es ihm je zu bieten vermochte.

Und eines Tages lernte er dort den Doktor Albert Kolben kennen.

Der war auch von den Pfahlbürgern Neubergs als ein verlorenes Schaf erklärt worden, und sie hatten ihm, oder eigentlich in seiner Abwesenheit, bei Bier, Kaffee und geselligen Zusammenkünften hatten sie sein Verkommen so lang vorausgesagt, bis er vor ein paar Monaten den Doktorgrad erwarb. Und Reserveoffizier war er ebenfalls. Da waren sie baff. Dann aber entrüsteten sie sich desto mehr und fanden, der Kolben Albert hätte das nur getan, um sie zu ärgern. Denn die genasführten Propheten empfanden das Ausbleiben ihrer Vorhersagungen als persönliche Beleidigung. Es war gewiß unverschämt vom Kolben Albert. Aber er ließ sich eben überhaupt nichts vorschreiben, sondern tat, was ihm beliebte und ließ bleiben, was ihm nicht paßte. Das konnte er um so leichter, als er nach seinen Eltern ein beträchtliches Vermögen nebst einem Landgut besaß und von niemandem abhängig war. Übrigens hatte er von je auf die Nachrede der Leute keinen Deut gegeben, hatte im Gegenteil alles getan, um sie herauszufordern. Als sechzehnjähriger Lateinschüler hielt er sich ein Reitpferd und zwei große Hunde, als Achtzehnjähriger soff er einmal sogar den Wart Nikl unter den Tisch, als Zwanzigjähriger schnürte er sein Bündel und zog nach Wien. Was er dort trieb, wußte man nicht. Es liefen jedoch die abenteuerlichsten Gerüchte um. Daß er in der Schriftleitung einer sozialdemokratischen oder anarchistischen Zeitung tätig sei, in Volksversammlungen Brandreden halte und fortwährend betrunken in den Schnapsschenken herumliege. Da wurde er als Sechsundzwanzigjähriger Doktor der Weltweisheit und tauchte wieder in Neuberg auf. Daß es sich lediglich um einen kurzen Erholungsurlaub handelte, wußten nur seine vertrautesten Freunde.

Über eine so unklare Lebensführung mußten sich die wackeren Spießer entrüsten. Sie entrüsteten sich, weil sie aus ihm nicht klug werden konnten. Und sie wurden nicht klug aus ihm, weil er sich nicht in den Kochtopf gucken ließ, Zudringliche mit höflicher Überlegenheit abwehrte und lüsterner Neugierde begegnete, indem er mit trockener Sachlichkeit und größtem Ernst die ungeheuerlichsten Behauptungen aufstellte, verfocht und begründete. So bekannte er sich einmal gegenüber einem waschechten deutschen Volksgenossen, der sein politisches Gewissen erforschen wollte, zur demokratisch-alldeutsch-antisemitischen Anarchie und spickte den unvorsichtigen Frager derart mit großen Worten und fetten Phrasen, daß dieser ganz mürb wurde und schließlich — etwas angeheitert war er auch schon — das neue Programm als einzige Rettung des Bürgertums vor der roten Gefahr begeistert zu preisen anhob. Nachträglich wurde er von einsichtigeren Leuten aufgeklärt, daß er seiner leichtgläubigen Beschränktheit einen tüchtigen Bären habe aufbinden lassen, und der Chor der Entrüsteten war wieder um eine ausgiebige Stimme verstärkt.

Kolben ertrug die üble Nachrede, wie man das Konzert der Frösche im Frühjahr erträgt und verriet mit keiner Miene, wie sehr ihn das zwecklose Lärmen belustigte. Sein rundliches, ganz glatt rasiertes Gesicht blieb immer gleichmäßig ernst, und nur die besten Freunde errieten aus einem fast unmerklichen Zwinkern im rechten Augenwinkel seine heimliche Fröhlichkeit.

Als Hellwig mit ihm zusammentraf, saß er, phlegmatisch und scheinbar gelangweilt wie immer, auf der Gartenbank unter dem breit schattenden Buchenbaum und grub mit dem Spazierstock Strich neben Strich in den Kies, während Doktor Kreuzinger von den Erfolgen des letzten Ärztekongresses lebhaften Bericht erstattete, den er bei Fritzens Ankunft unterbrach, um die Vorstellung zu besorgen.

Ohne seine nachlässige Haltung zu ändern, hob Kolben nur ein wenig die Stirn, faßte den Jüngling mit einem raschen Blick und zeichnete nach einem kurzen Kopfnicken schweigend weiter.

Hellwig empfand das als Unhöflichkeit und Beleidigung. Hitziger, als eben nötig war, sagte er:

„Herr Doktor, es wird besser sein, wenn ich wieder gehe. Der Herr scheint die Störung nicht zu wünschen!“

Begütigend winkte der alte Gelehrte mit beiden Händen. Bevor er jedoch etwas sagen konnte, war Kolben schon gemächlich zur Seite gerückt und antwortete, fortwährend eifrig weiterstrichelnd: „Was Ihnen nicht einfällt! Setzen Sie sich nur her.“ Damit goß er aber Öl in die Flamme.

„Eine solche Behandlung brauche ich mir nicht gefallen zu lassen!“ brauste Fritz auf. „Sparen Sie sich das für Ihren Pferdeknecht!“

Nun hob der andere den Kopf. Das glatte Kinn auf den Stockknauf gelegt, schaute er dem Zornigen mit einem erstaunten Blick in die Augen. „Was für ein Unterschied,“ fragte er unerschüttert ruhig, „was für ein Unterschied ist denn zwischen Ihnen und meinem Pferdeknecht?“

Da sah ihn Hellwig noch ein paar Sekunden streitgewärtig an. Dann senkte er beschämt die Augen. Und jetzt stand Kolben auf, langsam, gemessen, mit der ihm eigenen steifen Würde, trat neben ihn und sagte, immer mit der gleichen kalten Nachlässigkeit: „Seien Sie nicht so empfindlich. Guter Ton, feine Manieren — mit solchen Albernheiten werden wir uns doch hier nicht abgeben. Kommen Sie. Und seien Sie versichert: Wer in den Frühstunden bei unserm verehrten Doktor Gast sein darf, den achte ich schon um dessentwillen. Allerdings, verbeugen werde ich mich trotzdem nicht vor Ihnen.“

Bei diesen Worten glitt etwas wie ein Lächeln über seine Züge. Und da war nichts mehr von Phlegma oder Langeweile darin. Geistvoll, klar und klug, erhielt dieses gescheite Gesicht, das sonst hinter der angewöhnten Ruhe wie eingefroren lag, durch die reife Verständigkeit seines Lächelns etwas ungemein Gewinnendes und Anziehendes.

Mit einem geschickt aufgegriffenen Thema verstand Doktor Kreuzinger auch die letzten Reste der Mißstimmung zu beseitigen und geriet über Kolbens Einwürfe gegen die Gasträatheorie bald in ein schönes Feuer, wurde beredt und ausführlich. In die faltigen Wangen hinter dem silbrigen Bartgewelle stieg eine sachte Röte, und es dauerte nicht lang, so sprach nur mehr er allein, indes die zwei jüngeren aufmerksam zuhörten und sich in der warmen Glut, die von dem prächtigen Greise ausströmte, seltsam einander näher gerückt fühlten.

Aber nicht immer war diese klare Ruhe bei Hellwig. Noch war ein Großes, Lastendes da, mit dem er fertig werden mußte. Seit jener bei der toten Mutter durchwachten Nacht hatten ihn die Zweifel nicht mehr losgelassen. Und jetzt, da ihn die Prüfungssorgen nicht mehr ablenkten, standen sie wieder übermächtig auf. Und mit ihnen der Vorwurf, daß er seiner Mutter das Sterben schwer gemacht habe.

Oft sprach er darüber mit Heinz.

„Ich mußte ja, gelt, du? Es ging doch nicht anders? Aber wenn, — Heinz, ich such’ und such’ — aber wenn ich einmal draufkomm ... Nicht wahr, du, es ist nichts?“

Und er trug zusammen, was er an Schriften über Religionssysteme und Weltanschauungen auftreiben konnte. An jedes Werk ging er mit Zittern und Zagen, daß er darin vielleicht auf einen Beweis für das Dasein Gottes stoßen könnte und auf die Bestätigung seines Unrechts gegen die Tote. Aber er fand nichts. Der Kult der Azteken, die ihrem Kriegsgott Huizilopochtli ‚Menschen opferten, um glückliche Kriege zu führen und Kriege führten, um solche Menschenopfer herzuschaffen‘, erschien ihm ebenso sinnlos oder berechtigt, wie das papierne Gohei in den Sintotempeln der Japaner, die Apisverehrung der Ägypter oder die Heiligkeit des Hundes bei den Iraniern. Und weder Avesta und Zend, noch Koran, Bibel, Luther und die ganze Reihe der Denker von Spinoza bis Spencer vermochten ihn der Wahrheit irgendwie näher zu bringen.