10.
Wenn man sieben Jahre ununterbrochen in derselben Schule von denselben Lehrern unterrichtet wurde, ist es gewiß schwer, sich in den Unterrichtsplan einer anderen Anstalt hineinzufinden, mit der Art und den Eigenheiten anderer Professoren sich vertraut zu machen. Fritz tat mehr. Seine Mutter hatte im Laufe der Jahre unter vielfachen Entbehrungen ein paar Gulden zusammengebracht, um ihn für den Anfang der Hochschulzeit über Wasser halten zu können. Die wollte sie jetzt dranwenden, wollte ihn in der nächsten Gymnasialstadt weiterstudieren lassen. Aber er ließ sich dort nur als Privatschüler einschreiben, blieb in Neuberg und lernte ohne Lehrer drauflos. Es galt jetzt nicht nur den umfangreichen Stoff für die Reifeprüfung, sondern auch den des letzten Halbjahres ohne Leitung zu bewältigen. Da blieb alles andere links liegen: Darwin, Nietzsche, Marx, die Spaziergänge und Zusammenkünfte mit den Freunden.
Erst fertig werden! Und er hockte über den Schulbüchern wie ein Geizhals bei seinen Schätzen.
Da fiel, es war im April, seine Mutter in eine Krankheit. Erst Influenza. Dann Lungenentzündung. Und dann erklärte Doktor Kreuzinger in seiner behutsamen Art dem verzweifelten Jungen, er müsse sich auf das Schlimmste gefaßt machen.
Das durfte nicht sein. Sie mußte leben. Noch viele Jahre leben. Durfte nicht von ihm gehen, bevor er nicht wenigstens ein Tausendstel abgetragen hatte von seiner drückend großen Schuld. Was war denn ihr Leben gewesen? Unter Darben und Kümmernissen ein stetes Plagen und Sorgen für ihn. Und die Zeit, wann er das ändern, die ganze Last des Lebens auf seine Schultern nehmen konnte, war noch so weit.
„Herr Doktor, es kann nicht sein!“
Aber es war doch. Eines Nachmittags. Sie hatte die Sterbesakramente empfangen. Segnend war der Priester gegangen. Der alte Arzt mit dem weich fließenden Silberbart saß neben ihrem Bett. Sie lag mit geschlossenen Lidern bleich und teilnahmslos da. Glockenklänge kamen von draußen. Sie läuteten zu irgendeinem Begräbnis. Wie fast jeden Nachmittag. Da regte sich die Kranke, öffnete die Augen, rief ihren Sohn zu sich. Auf unhörbaren Sohlen zog sich der Arzt in eine Ecke zurück. Fritz trat an ihr Bett. Sie streckte die Hände aus, zog ihn zu sich nieder, nahe, ganz nahe. Und sah ihm aufmerksam wie prüfend ins Gesicht. Und die Sorge um das Seelenheil ihres Kindes stieg noch einmal in ihr auf.
„Versprich mir,“ — flüsterte sie — „versprich mir, Fritzl, daß du immer an unsern Herrgott glauben wirst.“
Er aber schwieg. In gedankenloser Dumpfheit schaute er in das Gesicht, das ihm so vertraut war, und wunderte sich, daß er noch niemals früher bemerkt hatte, wie kennzeichnend und bestimmt ausgeprägt eigentlich die Falte war, die sich von dem papierdünnen Nasenflügel um den Mundwinkel bis zum Kinn hinab fortsetzte.
Und abermals, nur kaum wie ein leichter Hauch: „Versprich mir’s.“
Die Worte wehten an ihm vorbei, erreichten ihn nicht.
Er blickte auf die scharfe Linie um den Mund, sah, wie sie zuckte, bald länger, bald kürzer wurde, und mühte sich, ihr letztes Ende in der glanzlosen Haut des Kinns zu entdecken.
Und noch einmal, fast unhörbar, wie das Schweben einer Flocke in unbewegter Luft:
„Versprich ...“
Wie tief die Furche wurde, wenn sich die Lippen bewegten. Und wie fremd das aussah ...
Da hoben sich die schmalen wachsbleichen Hände. War’s zur Umarmung oder Abwehr? Er wußte es später nicht mehr, wußte nur, daß sie sogleich wieder schwer mit einem seltsam erschütternden, dumpfen Aufschlagen auf die Bettdecke gefallen waren.
Und dann war alles vorbei. Nur die Augen starrten noch groß und weit geöffnet. Aber es war keine Angst mehr darin und kein Flehen. Nichts. Und die Furche war jetzt ganz starr, ganz tief, wie mit dem Messer in gelbes Holz geschnitten.
Der Arzt war rasch hinzugetreten. Tiefernst, mit ruhigen, leisen Bewegungen tat er, was für ihn zu tun übrig blieb. Er forschte nach dem Leben und fand keine Spuren mehr, zog die Lider über die leeren Totenaugen und wandte sich dann zu Fritz. Der stand mit schlaff hängenden Armen und vorgeschobenem Kopf reglos. Da war etwas unter ihm fortgeglitten. Etwas, das noch ganz kurz vorher geatmet hatte — und sich geregt hatte — und Worte gesprochen hatte — irgendwelche leise Worte, deren Nachhall noch im Zimmer zitterte — so still war es ...
Sacht legte ihm Doktor Kreuzinger den Arm um die Schulter. „Sie ist hinüber.“
Verständnislos stierte ihn Hellwig an. Kein Muskel zuckte, hart lagen die Züge auf dem unbewegten Antlitz. Langsam wand er sich aus dem Arm des Greises, und ohne die Haltung zu ändern, steif, schwerfällig, schob er sich aus dem Gemach.
Ein warmer Regen war niedergegangen und verrauscht. Ein harscher Wind schob dunkle Wolkenklumpen vor sich her. Hinter ihm wurde blauer Himmel. Rund und blank und frisch wie eine riesige, taubesprühte Knospe lag die Erde im Arm des Frühlings. Lag und lachte, schrie, jauchzte, jubelte dem starken Leben ein heiliges Ja entgegen. Und die Blumen lachten es mit und die Bäche rauschten es mit und vom Himmel die Höhen herunter brüllte es mit das täppische Hünenkind, der Lenzsturm, sprang wipfelauf, wipfelab und über die sprossenden Fluren hin, tanzend, keuchend, stöhnend in unbändiger Kraft.
Und: „Ja — leben — ja!“ brüllte er dem schwachen Menschlein zu, dem hageren Jungen im dünnen Hausrock, mit zerwirrten Haaren, der sich, mühsam wie der aufgescheuchte Abendfalter im unerträglich grellen Licht des Tages, zurechtzufinden suchte und mit seiner ersten großen Trauer zur Erde hatte flüchten wollen. Aber die Erde gab heute dem Leben ein Fest. Und die seinen Schmerz hatte lindern sollen, peitschte ihn bis zur Verzweiflung empor durch die wilde, machtvolle Freude, mit der neues und immer neues Werden die starre Winterhaft zerbrach und alle Grenzen überflutete. Leben rang sich siegreich aus Leben, stürzte glühend in die werbende Umarmung des Lebens, und des Lebens warmer Atem quoll aus braunen Ackerschollen, dampfte aus feuchten Moosen, stieg aus jungen Saaten und geöffneten Blumenkelchen über Getier und grüne Wipfel himmelan wie schwerer berauschender Opferduft.
Wozu?
Die seinem Herzen am nächsten gewesen, hatte ihren Platz verlassen, und keine Lücke war geblieben. So — wie nach dem Zerstäuben eines Tropfens die ungeheure Meerflut gleichmäßig weiterrollt. Niemand fragte nach der Gestorbenen, vermißte oder brauchte sie.
Und rings jauchzte die kraftvolle Frühlingswelt. Aber er konnte ihr nicht nahekommen. Ein Fremdes, Hassenswertes drängte sich dazwischen, gegen das er vergebens ankämpfte. Das machte ihn trostlos und verzweifelt. Ganz leer war es in ihm. Und in den Kronen des Waldes sang der Lenzsturm das Lied des Lebens. —
Stunden verrannen. In seiner leichten Jacke begann ihn zu frieren. Da wollte er umkehren, tat ein paar Schritte, blieb wieder stehen und besann sich. Wohin nur? Und da fiel ihm ein: Er mußte ja seine Mutter begraben. Nun wich die steinstarre Ruhe aus seinem Gesicht. Die Mundwinkel zuckten. Aber er konnte noch nicht weinen. —
Als er nach Hause kam, war Frau Hedwig dort. Sie hatte alles schon besorgt. Die Leichenfrau war dagewesen, hatte die Tote gewaschen und in ihr Kleid getan. Mit einem weißen Linnen zugedeckt, lag sie jetzt in der Stube auf dem Leichenbrett, zu Häupten zwei brennende Wachskerzen und das schwarze Kruzifix aus dem Glasschrank, zu Füßen ein Gebetbuch und eine Schere. Ein Becken mit Weihwasser stand daneben und ein Wedel aus Kornähren lag darüber. Ganz dem Herkommen gemäß war sie aufgebahrt, und nichts war verabsäumt.
Als Fritz Frau Hedwig in der Stube erblickte, wachte die alte Abneigung wieder auf. Nur zögernd überschritt er die Schwelle. Dann aber bemerkte er unwillkürlich die kleinen Zeichen ihrer wohltuenden Obsorge: das geöffnete Fenster, die abgestellte Uhr, das weiße Tuch vorm Spiegel. Und im Bewußtsein seiner Verlassenheit konnte er sich ihrer warmen Mütterlichkeit nicht mehr entwinden. Er griff nach den wortlos gereichten Händen, hielt sie fest und — drückte sie rauh aufschluchzend gegen die Augen. Nun streichelte sie ihm die Wangen, die Stirn, das Haar. Und dann lag sein Kopf auf ihrer Schulter, während er sich umsonst mühte, der Tränen Meister zu werden, die ihm jäh und heiß über die Lider sprangen.
Lautlos weinte er so, kaum eine Minute lang und doch lang genug, daß der versteinerte Schmerz in eine sanftere Trauer sich löste.
„Mutter!“ rief er leise. „Mutter!“ So ruft nachts ein banges Kind nach ihrem Schutz.
Und eine tiefe, weiche Frauenstimme sagte: „Still, Fritz, still! Lassen Sie sie friedlich heimgehn.“
Er schüttelte heftig den Kopf, ohne die Stirn von ihrer Schulter zu heben, wo es sich so gut ruhte.
„Hier war sie zu Haus ... und übermorgen ... tragen sie mir sie fort!“
„Nein, Fritz, sie tragen sie heim. In den Frieden. In die Ruhe. In das sicherste Geborgensein. Eine Mutter zur Mutter.“
„Sie war die meine ... mir hat sie gehört!“
„Ja, Fritz, Ihnen — aber auch der Erde. Schaun Sie, Fritz, nur der Leib, die Form wird sich nur ändern, aber ihr Zweck wird immer bleiben. Hier bei uns hat sie ihre Bestimmung erfüllt, drum muß sie zu anderen, muß für diese Keim und Nahrung, Wurzel und Mutterbrust sein. Alles muß allen nützen. Das ist das Schöne, Trostreiche auf Erden.“
Da schaute er ihr lang wie suchend in die Augen und sagte nichts mehr.
Ihre Aufforderung, bei Heinz zu übernachten, schlug er aus. Nun ging sie und ließ ihn mit der Verstorbenen allein.
Es war bereits dunkel geworden. Die Wachslichter leuchteten matt und füllten das Zimmer mit unstet flackerndem Schein und zuckenden Schatten.
Er trat zu der Toten und schlug das Laken zurück. Da lag sie still und weiß in ihrem einstigen Brautkleid, und der Körper, aus dem er selbst einst Wärme und Blut und Leben gesogen hatte, war kalt und steif und wertlos geworden. Er schauerte zusammen. Bis in die Knochen fror ihn. Und ihm war, als erstürbe auch sein Leib, würde bleischwer und seiner Seele fremd, die sich plötzlich nicht mehr darin zu Haus fühlte und erschrocken umherschaute, wie ein zur Nachtzeit angekommener Reisender im ungewohnten Gastzimmer.
Langsam breitete er das Tuch wieder über den Leichnam und setzte sich an das offene Fenster, durch das die starke, kühle Frühjahrsluft strich. Der Sturm hatte sich gelegt. Es wurde Nacht. Lampe um Lampe erlosch in den Häusern, ganz finster wurde es unter einem sternlosen Himmel. Und zu Häupten der Toten zwischen den schwelenden Lichtern hing unbeweglich der Kruzifixus.
Da fiel ihm die letzte Bitte der Mutter wieder ein. In raschem Aufwallen erhob er sich, nahm das Kreuz und legte es vor sich auf das Fensterbrett. Der Kerzenschein huschte über die Porzellanfigur, die weiß und schlank auf dem dunklen Holz lag, die Arme weit gebreitet und das Haupt mit der Dornenkrone zur Seite geneigt.
Immerfort starrte er auf das Bildwerk.
Und draußen lag die Erde wie ertrunken in der dickflüssigen Dunkelheit, und die Atemzüge der schlafenden Kreaturen kamen und gingen wie schwere, unhörbare, noch dunklere Wellen, und rundum flutete die uferlose Stille der Nacht.
Und jäh durchzuckte es ihn: Wenn ... wenn doch ... wenn es doch dort drüben was gäbe? Wer weiß es denn? Wer kann behaupten oder leugnen — wenn sogar die eigene Seele dem Körper fremd werden kann?
In dumpfer Qual stöhnte er auf. Seine Finger legten sich um das Kreuzholz, als wollten sie es zerbrechen, schüttelten es, ungeduldig, leidenschaftlich, drohend: „Gib Antwort, du!“
Aber rings war Dunkel und Schweigen.