9.
Nach den Feiertagen wurde Fritz in die Kanzlei des Direktors gerufen, und der hielt ihm in scharfer Weise vor und sagte ihm auf den Kopf zu, er, Friedrich Hellwig, sei an dem und dem Tage, zu der und der Stunde in dem und dem Gasthaus beim Billardspielen gesehen worden. Das war eine schwere Anklage, denn der Wirtschaftsbesuch war den Studenten streng untersagt.
„Das ist eine Lüge!“ rief Fritz ungestüm.
Der Direktor aber entgegnete, er solle sich mit seinen Worten in acht nehmen. Ausflüchte werden da nichts helfen, denn er sei mit vollster Bestimmtheit erkannt worden. Übrigens müsse er sich auch schon deswegen an den Vorfall erinnern, weil er sich beim Erscheinen des Gewährsmannes — es sei einer der Herren Professoren gewesen — unterm Billard versteckt habe. „Fügen Sie also,“ schloß der Schulmann, „zu dieser Feigheit nicht noch eine, sondern legen Sie ein mannhaftes Geständnis ab!“
„Herr Direktor,“ antwortete Fritz mühsam, „ich bin kein Feigling. Hätt’ ich’s getan, so würde ich’s auch sagen. Aber es ist nicht wahr! Die Anzeige ist Wort für Wort erlogen! Stellen Sie mich dem Klatscher gegenüber! Er soll’s mir ins Gesicht sagen, wenn er sich traut!“
Darauf erwiderte der Direktor mit seiner schrillen, metallenen Stimme, und bei jedem nachdrücklichen Wort zuckte der breite Vollbart, stachen die kalten Augen gegen den Verwegenen. „Vor allem,“ sagte er, „muß ich Ihre Ausdrucksweise auf das schärfste rügen. Die Strafe hierfür wird nicht ausbleiben, verlassen Sie sich darauf! Im übrigen werden wir mit Ihrem unverschämten Leugnen sofort fertig sein! — Ich bitte, Herr Kollega!“
Er öffnete die Tür zu seinem Sprechzimmer, und heraus trat hüstelnd und spuckend Professor Hermann.
„Sie wissen, um was es sich handelt, Herr Kollega? Der Schüler hat ja laut genug gesprochen.“
„Verehrtester Herr Direktor,“ entgegnete Hermann, „verehrtester Herr Direktor, ich kann nur wiederholen, was ich Ihnen bereits mitgeteilt habe. Der Oktavaner Hellwig hat mir gegenüber in der gröblichsten Weise die Achtung verletzt, jene Achtung, die er seinen Lehrern und Vorgesetzten schuldet. Dies hat mich veranlaßt, seinem Treiben außerhalb der Schule ein wenig nachzugehen. Denn wenn ein eifriger und fleißiger Schüler in den höheren Klassen plötzlich versagt und sein Benehmen auffällig ändert, ist in neunundneunzig von hundert Fällen das Wirtshaus schuld. Diese Ansicht des hochwürdigen Paters Romanus hat sich noch immer als richtig erwiesen. Nun besteht da in der Vorstadt ein kleines Gasthaus, wo dem Vernehmen nach fast täglich Studenten zusammenkommen sollen, weil es entlegen, billig und mit weiblicher Bedienung versehen ist. Mit weiblicher Bedienung! In dieser Kneipe habe ich den Schüler Hellwig gesehen, der sich bei meinem Eintritt hinter das Billard geduckt hat. Leider habe ich ihn nicht zur Rede stellen können, weil meine Augengläser in der Wärme angelaufen sind, und als ich sie geputzt hatte, war er offenbar durch einen rückwärtigen Ausgang verschwunden.“
So redete der Professor, und wenn ihm jemand erwidert hätte, daß Spitzeltum und Angeberei von anständigen Leuten zu den verächtlichsten Charaktereigenschaften gerechnet werden, hätte er gewiß eifrig zugestimmt und nur ganz verwundert gefragt, was diese Bemerkung denn hier zu tun habe. Denn er fühlte sich in der schleimigen Niedrigkeit seines Wesens über jeden Tadel erhaben und hatte noch niemals gezweifelt, daß eine seiner Handlungen etwas anderes als vollkommen sein könnte.
Fritz war einfach fassungslos.
„Es muß ein Irrtum sein!“ Der leise Ton seiner Stimme machte keinen guten Eindruck.
„Geben Sie das Leugnen auf!“ riet der Direktor. „Sie machen damit Ihre Sache nur schlimmer!“
Nun wurde der ehrliche Junge wild. „Ich war aber nicht dort!“ rief er ungeduldig. „Kenne die Spelunke gar nicht! Herr Professor verwechseln mich vielleicht mit jemandem andern!“
Freimütig und Bestätigung heischend, oder wie die beiden Pädagogen feststellten, frech und verstockt, blickte er von einem zum andern. Da fuhr Professor Hermann auf ihn los: „Sie kecker Bursch! Also ich bin ein Lügner? Was? Natürlich! Verwechselt hab’ ich Sie! Einen Doppelgänger haben Sie! — Zu blöd! — Verehrtester Herr Direktor, wie ich schon sagte, der Schüler ist ein Schandfleck für die Anstalt! Ein Schandfleck!“
Gewaltsam suchte sich Fritz zu beherrschen. Aber es ging nicht. „Sie haben mir schon einmal unrecht getan!“ keuchte er in zuckendem Zorn. „Ohne jeden Anlaß, nur weil Sie mir aufsässig sind! Das ist gemein! Das ist schuftig!“
Er spie dem Professor vor die Füße, blieb mit gespannten Muskeln noch eine Minute hoch aufgerichtet stehen und wartete. Da jedoch die zwei Schulmeister vor der ungeheuerlichen Tat stumm wie Steinbilder standen, schritt er traurig durch die Tür über die Stiege hinab ins Freie und ließ, je weiter er ging, das eben noch stolz getragene Haupt immer tiefer sinken.
Infolge dieser Begebenheit sah Romanus früher noch, als er gedacht, seinen Plan verwirklicht, war die Entfernung Hellwigs, des räudigen Schafes, das eine beständige Gefahr für die anderen bedeutete, vom Gymnasium unvermeidlich geworden. Der Pater empfand eine starke Befriedigung darüber. Nur daß sein Name in der leidigen Affäre nicht ganz verschwiegen geblieben, trübte ihm die Freude. Denn er wollte ganz rein dastehen. Nicht der leiseste Schatten eines Verdachtes durfte auf ihn fallen, daß er auch nur mittelbar beigetragen hätte, wenn der einzige Sohn einer bedürftigen Witwe kurz vor der Reifeprüfung so hart gemaßregelt wurde.
Und wie nun in einer eigens einberufenen Sitzung Hellwigs Ausschließung von allen Mittelschulen des Reiches beim Landesschulrat beantragt werden sollte und als alle Lehrer einig waren, daß für den unerhörten Frevel diese strengste Strafe eigentlich noch nicht streng genug sei, da erhob sich plötzlich der Religionsprofessor und trat aufs wärmste für den Sohn der Witwe ein. Er konnte das beruhigt tun. Am Neuberger Gymnasium wenigstens konnte dieser auf keinen Fall geduldet, konnte er nicht noch weiterhin von einem Lehrer unterrichtet werden, dem er Gemeinheit und Schufterei vorgeworfen.
Professor Hermann aber war tatsächlich im guten Glauben gewesen. Wie jemand, der einen Bekannten zu treffen hofft, im Menschengewühl bald diesen, bald jenen Fremden für den Gesuchten hält, ihm nacheilt und erst in nächster Nähe den Irrtum erkennt, — so hatte auch er sich vorgetäuscht, daß er Hellwig wirklich gefunden habe, weil er ihn finden wollte. Das wußte Romanus und schonungsvoll stach er dem Professor den Star, legte dar und stellte unter Beweis, daß der Beschuldigte an dem bewußten Tage tatsächlich nicht in jener Kneipe gewesen, kurz, trieb den verlegen hüstelnden Angeber so in die Enge, daß er schließlich notgedrungen die Möglichkeit eines Irrtums zugeben mußte, worauf ihn der Pater eines solchen in unwiderleglicher Weise überführte.
Die Stimmung unter den Professoren schlug nun zwar zugunsten des Jünglings um, aber die gröblich beleidigte Autorität forderte Sühne. Der Antrag an die Oberbehörde wurde auf ‚lokale Ausschließung‘ eingeschränkt.
Noch im Jänner traf die Genehmigung ein, und Hellwig erhielt ein Abgangszeugnis, in welchem das sittliche Verhalten als ‚nicht entsprechend‘ bezeichnet und auf der Rückseite der Vermerk eingetragen war, daß gegen den Schüler wegen ‚Beschimpfung und Bedrohung eines Lehrers, fortgesetzt frechen Benehmens, Ungehorsams und Widersetzlichkeit‘ die lokale Ausschließung vom k. k. Staatsgymnasium in Neuberg verfügt worden sei.