8.
Den nächsten Tag begannen bereits die Weihnachtsferien, die solcherart für Hellwig und für seine Mutter keineswegs freundlich eingeleitet wurden. Er hatte ihr gleich nach seiner Heimkunft den Tadelszettel auf den Küchentisch gelegt: „Da, unterschreib den Wisch!“ Sie las ihn bedächtig vom Anfang bis zum Ende und fing sofort ein Weinen an und ein Zanken, ohne den Sohn nach der Ursache der Maßregelung zu fragen. Denn daß er sie verdiente und schuldig war, dafür war ihr das mit dem Schulsiegel und der Unterschrift des Direktors versehene Blatt todsicherer Beweis.
Fritz versuchte nicht einmal, sich zu verteidigen. Es wäre auch ein vergebliches Bemühen gewesen, ihren Glauben an die Behörden und an geschriebene Amtsurkunden erschüttern zu wollen.
Als sie endlich mit dünnen unbehilflichen Volksschülerbuchstaben ihren Namen auf den Zettel gemalt hatte, packte er ihn mitsamt den Schulbüchern zusammen und ging in seine Stube. Dort fand er auf seinem Tisch ein Postpaket vor. Überrascht öffnete er es; drei schön gebundene Bücher fielen ihm in die Hände. Zwischen den Blättern des einen stak ein Briefumschlag. Darin war eine Karte. ‚Fröhliche Weihnachten‘ stand auf der einen Seite und auf der anderen ‚wünschen das Gansl und seine Mutter‘.
Mit einem Fluch ließ Hellwig die Faust auf den Tisch fallen. Unter zusammengezogenen Brauen funkelte der Zorn. Als Fopperei erschien ihm die Sendung, als Zudringlichkeit und neue Beleidigung. Er hatte Frau Wart niemals Grund zu einer solchen Vertraulichkeit gegeben, hatte jeden Versuch schroff abgelehnt. Und nun kam sie ihm so. Denn, daß der Plan von ihr ausgegangen, darauf hätte er Stein und Bein geschworen. Schon schickte er sich an, die Bücher wieder einzupacken, schon schien es, als ob Frau Hedwigs gute Saat nutzlos ausgestreut wäre. Da glänzte ihm aus dem aufgeschlagenen Band der Name Darwin entgegen. Angeregt las er den Satz, stutzte, las weiter.
Und als der Nachtwächter morgens im winterlichen Dunkel der Gassen den Ruf anstimmte:
„Hausmagd, steh auf, heiz’ ein, kehr’ aus,
Trag ’n Bedarf Wasser ins Haus!“,
da war Fritz Hellwig richtig mit den leichten Plaudereien so ziemlich fertig geworden.
Dadurch hatte er sich das Geschenk unfreiwillig angeeignet und die Rückgabe unmöglich gemacht. Es hatte ihm nicht sonderlich gefallen. Zu spielerisch, zu tändelnd und oberflächlich war es ihm. Und doch saß er und träumte mit leuchtenden Augen in das Dunkel hinaus. Träumte vom Frühling und Blütentreiben mit seltsam bewegtem Herzen, das wehmütig und sonnig war, erwartungsfreudig und voll von tausend unsichtbaren, heimlich pochenden Kräften wie ein Vogelnest zur Brutzeit. Erschauernd wurde er seiner werdenden Mannheit inne, mit einer leisen, scheuen Sehnsucht nach dem Weibe. Rein und ohne noch zum Verlangen sich zu verdichten, war diese Sehnsucht einer jungen Blüte gleich, die kaum entfaltet zum erstenmal dem Lichte entgegenblickt. Und der Atem der Liebe machte ihn sanft und gütig und erfüllte ihn mit einer innig warmen Verehrung für das Weib als einen heiligen Brunnen, in dessen klarer Tiefe Anfang und Ende aller Menschwerdung in sich beschlossen ruht. Und neidlos und ohne Vergleiche empfand er jetzt eine aufrichtige Dankbarkeit für die mütterliche Frau, die ihm einen Freund geschenkt und jetzt diese Weihnacht des Herzens bereitet hatte.
So wurde eine Wandlung seiner Seele wohl angebahnt, aber im kalten Licht des Tages regte sich wieder der alte Trotz.
Damit er nicht zu Heinz gehen mußte oder Gefahr lief, von ihm abgeholt zu werden, machte er sich gleich nach dem Frühstück auf den Weg, um Pichler in seinem Heimatsdorf aufzusuchen, das drei Stunden von Neuberg entfernt, schon an der bayrischen Grenze lag.
Dort hatte der Küster und Kirchendiener Pichler ein gemauertes Hüttlein inne, das wie ein Schwalbennest an einer schlanktürmigen Kirche klebte und außer für zwei Wohngelasse nur noch für eine Vorratskammer und den Kuhstall Raum bot. Hellwig fand den Kameraden in der großen Stube, wo hinter dem überlebensgroßen Kachelofen zwei Turteltauben gurrten und links davon unter dem Geschirrschrank die Hühner in ihrer rot angestrichenen Steige hockten. Auf der Holzbank aber, die sich längs aller Wände um die Stube zog, saßen verteilt sechs junge Menschenkinder. Die älteren Buben banden Birkenreiser, die, am Barbaratag geschnitten und ins Wasser gesteckt, nunmehr grüne Triebe hatten, mit roten und blauen Bändern zu Ruten, mit denen sie am zweiten Feiertag die Dirnen peitschen wollten. Und um sich zu vergewissern, ob sie das Sprüchlein noch wüßten, sprachen sie manchmal halblaut vor sich hin: „Frische, frische Krone, ich peitsch’ dich nicht um Lohne, ich peitsch’ dich nur aus Höflichkeit, dir und mir zur Gesundheit!“
Beim Ofen wirtschaftete mit nackten Armen eine siebente, wenig jüngere als Otto, in Töpfen und Schüsseln herum, und unter all der regsamen Jugend saß dieser selbst, der einzige Dunkelhaarige, schnitt mit der Schere Engel, Hirten und Lämmer aus einem Bilderbogen und steckte sie neben die heilige Familie und die drei Könige aus dem Morgenlande in den Moosboden der aus Pappendeckel gefertigten Krippe.
Als Hellwig die strohgefütterte Tür öffnete, schwieg das Summen und Tönen, die geschäftigen Hände ruhten und vierzehn helle Augen starrten neugierig auf den Ankömmling, der mit Reif und Schnee zugleich eine frische Winterluft in die dumpfig warme Stube brachte. Anfangs waren sie schüchtern und sahen zu, wie der älteste Bruder in seiner lauten Weise den Freund begrüßte. Bald aber schoben sich die kleineren, die schmutzigen Mittelfinger im Mund oder Nasenloch, näher heran, glucksten und umschlichen im Kreis den Fremdling. Da hob Fritz eine kaum Vierjährige mit beiden Armen hoch über seinen Kopf, daß sie fast an den braunen Deckenbalken stieß. Und nun wollten auch die andern Fibelschützen nicht um diesen Genuß kommen, drängten und stießen sich, kicherten, und als Otto mit den geflochtenen Weihnachtsstriezeln und einer Flasche Kümmelschnaps aus der Vorratskammer zurückkehrte, lehnten sie bereits, links zwei Männlein, rechts zwei Weiblein, alle unter zehn Jahren, an den Knien des Gastes, der beim Eßtisch saß, und guckten scheu-zutraulich wie junge Hunde von der Seite nach seinem Gesicht hinauf. Die zwei älteren Burschen flochten leise pfeifend an ihren Ruten weiter, und die Siebzehnjährige beim Ofen, die nach dem Tode der Küsterin das Haus versehen mußte, hantierte mit ihren Kochgeräten und bemühte sich jetzt, möglichst wenig Lärm zu machen.
Hellwig aber war Kind mit den Kindern, und Otto gewahrte mit wachsendem Staunen, wie viel harmlose Heiterkeit und genügsamer Frohsinn diesem spröden, widerspenstigen Charakter eingemischt war. Er lachte und trieb Tollheiten, sprach Schnellsagesätze vor — „hinter Hansens Hundshütten hängen hundert Hundshäut’“ — und erzählte den Auflauschenden von der versunkenen Stadt im Tillenberg, von der Sturmmutter Melusine und dem Hehmann im Franzensbader Moor.
Dann kam der Küster nach Hause, ein schneiderdürres Männchen mit spitziger Nase, spitzigem Kinn und einem spitzigen grauen Ziegenbart darunter, und brachte in einem Netz zwei schöne Spiegelkarpfen, ein Geschenk aus dem Fischteich seines Pfarrherrn. Im Nu war er von der Schar seiner Sprößlinge umringt, und in dem Gewoge blonder Köpfe und greifend emporgestreckter Hände schwankte sein kümmerliches Gestaltchen wie der Mast eines steuerlosen Kutters in sonnenüberfunkelten Wellen.
Endlich gelang es der ältesten, das Fischnetz zu fassen und mit hochgehaltenen Armen aus dem Bereich der neugierigen Finger zu bringen. Aber immer wieder bettelten die Kleinen: „Zeig’ doch einmal her! Ich möcht’ mir die Viecher ja nur anschaun!“, hingen sich an ihren Rock und suchten den Arm der Schwester im Sprung zu erhaschen und niederzuziehen. Scheltend wehrte sie dem Ansturm, machte sich mit einem kräftigen Ruck frei, und nun flog die ganze leuchtende Wolke von Gesundheit und Jugendkraft zur Anrichtbank beim Ofen, während das Küsterlein den Schnee von den Röhrenstiefeln stampfte und den Gast bewillkommte. Doch hielt es sich nicht lang dabei auf, sondern verlangte gleich nach dem Mittagessen.
Bald saßen um eine einzige gewaltige Schüssel dampfender Milchsuppe mit Schwarzbroteinlage alle außer der ältesten Tochter, die sich Abbruch tat und den Magen bis zum Aufleuchten der ersten Sterne leer behalten wollte, um dann sicher das goldene Meerschweinchen über die Zimmerdecke laufen zu sehen. Das Fasten wurde ihr gar nicht leicht, und man merkte ihr an, daß sie gern mitgehalten hätte, als nun alle ihre Löffel in die dickliche Flüssigkeit versenkten, auch Fritz, der die Gastehre eines eigenen Tellers rundweg ausgeschlagen hatte. Die Kinder aßen noch ungeschickt, mit schmatzenden Lippen und hastigen Gebärden, indes die zwei halbwüchsigen Rutenbinder langsam, ernst und mit einer Gründlichkeit dem Nahrungsgeschäft oblagen, daß ihnen der Schweiß auf die Stirnen trat.
Ganz gegen seine sonstige Gepflogenheit sprach Otto nicht viel. Verdrießlich zupfte er an seinem sprossenden Schnurrbärtlein und war unzufrieden mit Hellwigs Besuch, trotzdem er ihn dringend darum gebeten. Er hatte sich’s eben ganz anders vorgestellt, ein ungestörtes Beisammensein mit dem Freunde, wobei ihm Gelegenheit geboten war, seine Geistesblitze flammen zu lassen. Vor den Geschwistern aber oder gar vor dem Vater getraute er sich nicht mit hohen Themen anzufangen, da er selten von der Leber weg sprach, sondern mit Vorbedacht je nach der Zuhörerschaft Gegenstände auswählte, mit denen er zu blenden hoffte. Das war jedoch beim Küster so gut wie ausgeschlossen. Der ließ sich von niemandem ein X für ein U vormachen und hatte für die oft gewagten Behauptungen seines ältesten noch immer einen tüchtigen Trumpf bei der Hand gehabt. Alle Versuche aber, Fritz von den Angehörigen abzusondern und in die kleine Stube zu lotsen, scheiterten an dem rückhaltlosen Behagen, mit dem sich dieser den Kindern überließ, und an seiner hellen Freude über die ihm bisher unbekannte Traulichkeit eines quellwasserfrischen Familienlebens.
So kam es, daß der Küster fast allein die Unterhaltung besorgte. Das bewegliche Greislein hatte sich trotz Armut und Kindersorgen den Humor nicht abhanden kommen lassen und trug sein Los mit heiterer Zufriedenheit.
„Sie müssen halt fürlieb nehmen,“ sagte er zu Fritz. „Was Extra’s ist’s nicht. Wir machen eben unsere Schrittlein und essen unsere Schnittlein, so gut wir können. Langen Sie zu, wenn’s Ihnen schmeckt, oder hören Sie auf, wenn Sie genug haben. Immer tüchtig! Tüchtig! Wie man sich zum Essen hat, so hat man sich auch zur Arbeit. Schaun Sie unsern Christoph an,“ — er deutete mit dem Kinn zu einem der Rutenbinder hinüber — „wie schön faul der einführt. Der war auch in der Stadt im Gymnasium, er hat studiert bis zum Hals, in den Kopf ist nichts hineingegangen.“
Der Christoph ließ ein unwilliges Grunzen hören, aß aber unentwegt gemächlich weiter.
„Da schaut den an!“ fuhr der Vater fort. „Der ist gar ein Philosoph. Recht hast, Toffl, schweig und näh’ dich an und denk: Wenn man auf alle Hund’ werfen wollt’, die einen anbellen, müßt’ man viel Steine aufheben. Ob du ein Studierter bist oder nicht, ist egal. Unser Herrgott verläßt keinen Deutschen, wenn er nur ein wenig Böhmisch kann!“ Und er lachte über den Witz, daß er mit dem Essen innehalten mußte.
Viel zu rasch nahte für Hellwig die Stunde des Heimwegs, wollte er die Mutter nicht mit dem Anzünden des Christbaums warten lassen. Er gab allen der Reihe nach die Hand und mußte versprechen, bald wiederzukommen. Otto begleitete ihn ein Stück und brachte jetzt das Gespräch natürlich zuerst auf die Vorkommnisse in der griechischen Stunde. Fritz war indes nicht in der Stimmung, darüber zu reden. Nur als Pichler sagte: „Du hast’s dem hustenden Schleicher gut gegeben, das war großartig!“, wehrte er kurz ab, mit gefurchter Stirn: „Laß mich in Ruh’!“ Aber er blieb ganz kalt dabei. Wie in eine weite Ferne gerückt kam ihm das Ereignis vor. Denn dazwischen war die Auferstehung der Liebe und der erkennende Blick in unschuldige Kinderaugen.
Otto suchte nunmehr seine neuesten Schlager an den Mann zu bringen, die Ausbeute einer flüchtigen Beschäftigung mit Stirners Hauptwerk. Doch auch damit weckte er heute keinen Widerhall. Fritz hörte nur mit halbem Ohr hin, und Pichler sah seine geistreichsten Paradoxa wirkungslos verpuffen. Da verlor er die Lust zur Fortsetzung des Feuerwerks und kehrte um.
Fritz aber bog jetzt von der Straße ab und schritt weglos in das stille, klare Winterland hinein. Weiß, weich und schimmernd breitete sich der Schnee, ein stolzer Fürstenmantel für die Berge, eine warme Schlafdecke für die müden Fluren, machte den Schritt lautlos, das Auge hell und freundlich den Tod, der auf kahlen Ästen mit vergessenen welken Blättern spielte und in verlassenen Vogelnestern kauerte. Und vor der weiten, toten Einsamkeit war der Himmel erschauernd hoch hinauf zurückgewichen. Vergeblich strebte die Sonne den kalten Leib der Erde in ihre Arme zu nehmen wie damals im Frühling. Kaum, daß sie den fühllosen noch streicheln und mit ein paar funkelnden Edelsteinen schmücken konnte.
Fühllos und tot?
Wie viele mochten jetzt, im gleichen Augenblick, gerade so wie der hagere Junge, mit wachen Sinnen und heißem Herzen über öde Flächen wandern und durch Frost und Eis und Winterstarrheit unbewußt dem Endzweck ihres kurzen Daseins entgegengetrieben werden, der da ist: Träger, Übertrager des Lebens zu sein. Liebe nennen sie’s und sind glücklich dabei. Glücklich wie irrfahrende Schiffer, die endlich Land gefunden. Land: das heißt fester Boden, Herd, Weib, Kind und — ein Fleckchen zum Grab. Was sonst noch drum und dran hängt: Religion, Gemeinwohl, Kunst, Kultur, ist gute Zier und erfreuendes Spiel, nicht mehr. Und über die Grube des bewunderten Künstlers und des geistesgewaltigen Denkers, des Länder einenden Staatsmannes wie des schwärmerischen Religionsstifters schreitet mit schweren Schuhen rücksichtslos und lachend in derber, rotbackiger Daseinslust mit seinem Schatz der junge Bauernbursch, ein Kaiser gegen die großen Toten, nur weil er lebt.
Und der jetzt weiter und weiter in die Einsamkeit lief, Fritz Hellwig, der ernste Grübler und Sucher, hatte das gleiche Empfinden. Wohl konnte er sich nicht erklären, was das war und woher es kam. Aber es war da, hielt ihn fest und stieß ihn vorwärts wie Sprungfedern. Er sah den blauen Himmel und nickte ihm zu, er sah den saubern Schnee der Erde und warf sich längelang hinein, wälzte sich darin in toller, zweckloser Freude, sprang wieder auf und rannte mit wilden Jubelschreien weiter, dachte an nichts und wollte an nichts denken. Er fühlte nur, daß er lebte und daß das Leben schön war, schön und reich und verheißend — wie die Geschenke gütiger Frauen oder die Augen junger Mädchen. Weder an Frau Wart noch an Eva dachte er dabei, nur ganz umrißlos schwebte ihm die Erscheinung eines wunderherrlichen Weibes vor mit blonden Haaren, freiem Blick und beglückender Anmut im Wesen und Bewegen.
Da drang ein sanftes Blöken an sein Ohr und wie er aus seinem Taumel erwachte, und wie er näher hinschaute, bemerkte er mitten im Walde, durch unregelmäßige Zwischenräume getrennt, mit Reisig zugedeckt und mit zartem Heu und Nadelholzknospen als Köder darüber, drei tiefe Gruben, die ein schlauer Wilderer den Jagdtieren gegraben hatte. Und noch eine vierte war da, bei der war das leichte Deckwerk eingebrochen. Mit weitem Schlunde gähnte sie dunkel aus dem weißen Schnee herauf und darinnen stand ein rötlichgraues Rehkalb, schrie und schlug mit den Vorderbeinen immer wieder nach dem Rand der Grube. Aber es erreichte ihn nicht, zitterte und fürchtete sich sehr.
Fritz legte sich platt auf die Erde, griff das Viehlein behutsam mit flachen Händen beiderseits der Brust und hob das zappelnde heraus. Jetzt war es auf ebenem Grund und sollte davonlaufen. Aber es tat nur kurze Sprünge, humpelte unbehilflich und zog den einen Fuß hoch. Nun sah er, daß es dort einen offenen Schaden hatte vom Sturz in die Falle, vielleicht auch einen Sehnenriß oder Bruch. Da nahm er das ganz junge, magere Geschöpf vom Boden und trug’s auf seinen Armen zum Forsthaus an der Straße. Und wie er so dahinschritt unter den stillen runden Kiefernkronen, wußte er auch, was er damit tun wollte.
Er sprach mit dem Förster, forderte und erhielt das Tierchen um ein billiges Geld. Denn es war nicht mehr waldtüchtig und für den Markt noch zu dürftig an Fleisch und Fell. Nach geschlossenem Handel strich der Weidmann eine Salbe auf die wunde Stelle und legte einen Leinenstreifen darüber, die Försterin aber tat noch ein übriges, nahm das rote Bändlein aus den Locken ihrer Siebenjährigen und knüpfte es dem Tier um den Hals.
Mittlerweile war die Sonne untergegangen. Aber der Schnee leuchtete, und alle Gegenstände waren nahe gerückt und standen in einer ruhevollen Halbhelle wie Wächter vor einem schönen Geheimnis. Über den Saum des Horizonts kam ein großer Stern herauf, strahlte und winkte der Erde: ‚Komm zu mir, ich bin deiner Rätsel Lösung‘. Doch die Erde, stolz, leuchtend in reiner Klarheit, winkte zurück: ‚Komm du und erkenn’ in meinem Spiegel deines Wesens Art‘.
Mit seiner atmenden Last ging Fritz rasch vorwärts. Niemand begegnete ihm. Von den Dörfern, die rechts und links der Straße bis zu den Bergen hinüber allenthalben in den Fluren verstreut lagen, blinkte gelber Lichtschein aus jedem Fenster. Alle Menschen waren schon daheim und rüsteten sich für die Ankunft des Herrn.
Fast ohne Biegung lief die Straße nunmehr, von hohen Pappeln begleitet, eine sachte Lehne hinauf, und da sie sich oben gleich wieder abwärts senkte, schien es dem Hinanschreitenden, als endigte sie gerade vor dem riesigen Himmelstor, dessen dunkelblauer Stahl, mit silbernen Sternennägeln beschlagen, den Raum von der Unendlichkeit schied.
Breit, schwer, gewaltig ragte es senkrecht auf, für immerwährende Zeiten geschmiedet und geeignet, dem brüllenden Ansturm der Ewigkeiten von drüben wie dem Zuflattern der bang fragenden Seelen von hüben unverrückbar und gelassen standzuhalten. Und da schien es Hellwig, als sei das heiße, pochende Leben irgendwo weit zurückgeblieben, und vor der Majestät des Schweigens, das machtvoll aufgerichtet ihm entgegen stand, fühlte er zum erstenmal das Grauen vor der Einsamkeit, die ihn zu würgen begann, während sie ihm sonst Freundin und Trösterin gewesen. Mit schleppenden Schritten ging er weiter. Eine schnürende Beklemmung engte ihm die Brust, und ihm war, als hätte er allen Zusammenhang mit der Erde verloren.
Endlich war er oben. Und der Himmel war mit einem Male hoch und fern, und vor ihm breitete sich das weite weiße Tal im Mondglanz wie in einem leise wallenden, ganz durchsichtigen See, und die Lichter von Neuberg grüßten freundlich. Ganz deutlich sah er den Kirchturm, die feurige Scheibe der Rathausuhr, das alte hochgiebelige Haus am Marktplatz. Ein Fenster schien dort besonders hell. Und im Rahmen zwischen den geöffneten Flügeln stand eine schlanke junge Gestalt in knappem Kleid mit rotem Gürtelband, winkte — und winkte ihn ins Leben zurück.
Trugbild der Mondnacht.
Aber jetzt gab’s kein Halten mehr. In langen Sätzen sprang er den Abhang hinab. Das warme Geschöpf auf seinen Armen regte sich unruhig, hob den Kopf und schrie kläglich. Er kümmerte sich nicht darum, blickte nur nach dem leuchtenden Fenster hinüber und glaubte in alle Herrlichkeiten der Erde zu schauen. Dann erlosch das Schimmern, Gassen schoben sich dazwischen, er hastete hindurch und fand sich — er wußte nicht, wie er hingeraten — mit seinem Rehkalb plötzlich im dämmrigen Flur des Kaufmannshauses.
Das laute Dröhnen seiner Stiefel auf der Treppe ernüchterte ihn. Er fuhr zusammen, blieb stehen, besann sich. Das Tierchen blökte immerfort. Seine rauhe Stimme füllte hallend die gewölbten Gänge. Erschrocken legte er ihm die Hand auf die Schnauze und wollte zurück. Das ging jedoch nicht mehr. Denn das Weib des Hausdieners stand, durch das Geschrei herausgelockt, bereits unten auf der Stiege.
„Gehen Sie nur hinauf, Herr Hellwig,“ sagte sie, als sie ihn erkannte. „Die Herrschaften sind alle zu Haus.“ Da mußte er vorwärts.
Das Rehlein spektakelte unaufhörlich. Als er bereits im ersten Stock war, fiel ihm ein, daß er ja sein lungentüchtiges Angebinde beim Auflader abgeben könnte. Das war wie eine Erlösung. Aber es mußte beim Vorsatz bleiben. Die Wohnungstür tat sich auf, neugierig steckte die kleine Eva Wart den blonden Kopf heraus. Nun durchfuhr es ihn wie den Soldaten der Befehl. Auf gestrafften Beinen stand er kerzengerade und hielt den Nacken steif. Unter den gefalteten Brauen blickten die Augen wieder feindselig auf das Mädchen, von dem er sich noch vor kurzem im Geiste die Pforten des Lebens hatte öffnen lassen.
Das Rehkalb blökte noch immer.
Eva war nicht weniger rot als Hellwig. Kleinlaut schob sie sich durch den Türspalt, hatte die Wimpern gesenkt und spielte mit dem Ende ihres dicken Zopfs, der sich über ihre Schultern nach vorn verirrt hatte. Keine Spur mehr von Übermut und Reschheit, wie sie sie vor ein paar Tagen im Dachzimmer gezeigt. Die Ermahnungen der Mutter machten sie schuldbewußt und befangen.
Fritz raffte sich endlich auf, verbeugte sich und sagte: „Guten Abend.“
„Guten Abend,“ kam ebenso kurz ein Gelispel zurück. Aber hinter den niedergeschlagenen Augendeckeln begannen die losen Geisterchen schon wieder zu rumoren. Und vom rechten glitt sogar eines zum Mundwinkel hinab, huschte über die geschürzten Lippen und war im Nu hinter der linken Augenklappe verschwunden. Dort lachte es fröhlich weiter. Und das Rehkalb sorgte, daß keine Stille eintrat.
Nach einer Weile fing Fritz von neuem an: „Ich — danke — für die Bücher.“
Da hob sie die Stirn. Und aus ihren Augen sprang ihm der ganze Schwarm der lustigen Kobolde entgegen, daß er ordentlich geblendet zurückfuhr.
„Hat’s Ihnen Freude gemacht?“ forschte sie.
Er überhörte die Frage, sprach schnell und unsicher weiter: „Da bring’ ich Ihnen was ... wenn Sie’s halt mögen. Sonst schaff’ ich’s wieder fort.“
Ihr Gesicht strahlte. „Mein?“ fragte sie zweifelnd, kam näher und strich mit den Fingerspitzen vorsichtig über das weiche Fell. „Wie lieb und hübsch.“
Er schaute auf ihre goldfarbenen Locken, die sich dicht vor seinen Augen kräuselten und tat in fluchtartiger Eile einen Schritt zurück.
„Passen Sie auf!“ warnte er dabei. „Es hat ein wehes Haxl!“ Doch als er ihre bestürzte Miene gewahrte, beruhigte er gleich: „Es hat nicht viel auf sich. In ein paar Tagen ist’s gut. Wollen Sie’s?“
Sie bejahte wortlos mit wiederholten heftigen Kopfbewegungen.
„Dann lass’ ich’s also hier!“ sagte er, froh über die Erledigung der schwierigen Angelegenheit und setzte das Tierlein behutsam auf den Fußboden. Zitternd stand es da und tat sehr scheu.
„Geben Sie ihm bald zu saufen und zu fressen!“ riet er noch. Und Eva ganz ängstlich darauf: „Mein Gott, was denn? Ich hab’ ja nichts!“
„Im Stall unten ist Heu genug für hundert solche Vieher!“ belehrte er sie und drängte das Reh in den Vorraum der Wohnung. Dann wandte er sich zum Gehen. Aber die Kleine hatte noch etwas auf dem Herzen. Unschlüssig stand sie, hielt die Klinke in der Hand und fühlte sich gar nicht behaglich, zumal das Rehkalb immer von hinten gegen ihre Beine stieß und hinauswollte. Doch sie nahm allen ihren Mut zusammen. „Herr Hellwig!“ rief sie schüchtern. Und als er sich umdrehte, murmelte sie mit fliegendem Atem: „Nicht wahr, Sie ärgern sich nicht mehr auf mich?“
„Weshalb sollt’ ich denn?“ kam ein Knurren zurück.
Bittend schaute sie ihn an. „Gehn Sie, Sie wissen’s ganz gut ... von neulich halt ...“
„Nein, Fräulein ... Eva!“ Gewaltsam mußte er sich ihren Namen aus der Kehle zwingen. „Gute Nacht!“
Und er beeilte sich, über die Treppe hinunterzukommen, während sie, wieder ganz fröhlich, hinterher rief: „Sie haben schon recht gehabt mit dem Gansl!“
Dann fiel die Tür krachend ins Schloß und legte sich plump und klotzig vor ein helles Mädchenlachen.
Unten streckte Fritz beide Arme mit kräftigen Stößen ein paarmal seitwärts und vorwärts, denn sie schmerzten ihn jetzt doch, weil er ja die, wenn auch leichte Bürde fast zwei Stunden ohne Unterbrechung geschleppt hatte. Dann schlenderte er langsam seiner Behausung zu in einer sonderbar weichen, träumerischen Stimmung. Aber er freute sich darüber und freute sich auf die Stunden, die kommen würden und begehrte die Zeit vorwärts zu schieben, als hätte er etwas recht Fröhliches in ganz naher Frist zu erwarten. Und einen nach allen Windrichtungen zerflatternden Drang fühlte er, zu irgendeiner besonderen Tat, die stark oder gut sein sollte und jedenfalls so, daß sie vor den blauen Augen bestehen könnte, deren strahlenden Schein er heimlich im Herzen wie in einer Schatzkammer trug.
Aus einzelnen Fenstern schimmerten schon die Christbaumkerzen, als er mit heiterer Miene noch einmal in das entlegenste Gewinkel der Vorstadt hinausging, wo als vorgeschobener Posten ein Völkchen von Straßenkehrern, Bettlern und herabgekommenen Handwerksleuten mit vielen Kindern und wenig Brot in einer Reihe armseliger Hütten herbergte. Dort öffnete er auf gut Glück eine der Türen, die geradeswegs in die Stube führte, warf seine Börse hinein und lief rasch weg, indes hinter ihm das wüste Gekeif einer harten Weiberstimme unvermittelt in den schrillen Ruf grenzenloser Überraschung umschlug. In jener Börse aber hatte er schon seit Jahren von seinem Taschengeldchen Kreuzer zu Kreuzer gespart, um nach der Reifeprüfung eine Reise in die Alpen unternehmen zu können. Doch tat ihm das Aufgeben einer lang genährten Hoffnung heute gar nicht leid. Froh war er darüber, und da das Opfer uneingestandenermaßen der kleinen Eva Wart gegolten, fühlte er sich jetzt wie durch ein Band geheimen Einverständnisses mit ihr verbunden, obwohl sie gar nichts davon wußte.
Seine Mutter aber hatte ihn noch nie so sanft, zugänglich und herzlich gesehen wie an diesem Abend, so daß auch für sie ein leidlich vergnügtes Weihnachtsfest abfiel. Sie bedachte ihren Jungen mit allerlei Dingen des täglichen Bedarfs, mit Hemden, Taschentüchern, Socken und Kragen, erging sich eine Stunde lang in der beschaulich-rührseligen Betrachtung einstiger, gemeinsam mit dem Gatten verlebter Weihnachtsabende und suchte dann ihre Schlafstelle.
Fritz dagegen begab sich, als die Glocken zur Mette läuteten, noch einmal auf die Straße, wo von allen Seiten die Frommen heranzogen, um beim Gottesdienst der Geburt des Erlösers dankbar zu gedenken. Trotz der mondhellen Nacht trugen viele nach alter Gewohnheit ihre brennenden Laternen mit sich, und auch von den Hügellehnen herab zu den Dorfkirchen bewegten sich rötlichgelbe, schwankende Lichter, eines hinter dem andern, wie die Glieder großer Feuerwürmer.
Unstet strich Hellwig durch die Gassen und spähte den Wallern ins Gesicht. Zwischen ernsten Greisen, würdigen Matronen und verschlafenen Hausfrauen schritten blutjunge Mädchen mit lebenslustigen Augen, die unter großen Umschlagtüchern, Kapuzen oder leichten Seidenschals verstohlen nach den Jünglingen blickten. Insgeheim hoffte Fritz auch Eva in der Menge zu sehen. Aber sie kam nicht. Und als er sich scheu wie ein Dieb in die Nähe des Marktplatzes wagte, da lag das Haus der Kaufmannsfamilie schwarz und finster ganz im Schatten, und hinter den Vorhängen waren alle Lichter verlöscht. Nun wurde er kühner, setzte sich auf den Rand des Brunnens, der von einer uralten steinernen Rolandfigur bewacht, in der Mitte des Platzes aufgestellt war, und während das Wasser hinter seinem Rücken klingend in das Becken fiel, starrte er zu den dunklen Fenstern empor, und in seiner verwunderten Seele begann das Keimen und Wachsen einer zaghaften Sehnsucht, eines innigen Glücksgefühles, gleich dem Drängen und Treiben in blattlosen Bäumen zur Vorfrühlingszeit. Noch wissen sie nicht, was da sich regt und ihre Rinde dehnt, — ahnungsvoll stehen sie und warten und ängstigen sich wohl auch, bis in einer gesegneten Stunde aus allen Knospen grüne Blätter, weiße Blüten lachend der Sonne in die Arme springen. So träumte Fritz Hellwig unter einem hohen, frostklaren Sternenhimmel seiner ersten, keuschen, seligtörichten Jünglingsliebe entgegen. —
Als er am nächsten Morgen erwachte, schämte er sich zwar ein wenig seines Treibens, aber die schwärmerische Empfindung war geblieben. Doch ging er während der ganzen Ferienwoche nicht ein einziges Mal zu Heinz, sondern trieb sich wie verloren ganz allein herum, lief alle seine Lieblingsplätze ab und freute sich über alles mögliche: auf den Sommer und die Erikablüte, das Baden im Fluß und das Schwämmesuchen in den Wäldern, auf das Ende der Gymnasialstudien und auf das Leben in der Hauptstadt, wo er im Herbst die Hochschule beziehen würde.