7.

Während es dem Mädchen mit Lachen und freundlicher Teilnahme leicht gemacht wurde, über den kleinen Vorfall wegzukommen, mußte Fritz wie immer allein damit fertig werden und fraß sich hiebei nur desto tiefer hinein in seinen Groll gegen die Frauen im allgemeinen und gegen die weiblichen Mitglieder des Hauses Wart im besonderen. Und seine Stimmung wurde keineswegs gebessert bei der Erinnerung, daß er wegen der dummen Geschichte nicht einmal dazu gekommen war, Heinz von der Beichte und dem Auftritt mit Pater Romanus Bericht zu erstatten.

Als er dies beim nächsten Zusammentreffen in den Gängen des Schulgebäudes nachholte, meinte Wart, daß er einen Unsinn begangen habe. „Unsinn oder Sinn!“ sagte Fritz darauf, „ich mußte einfach. Wir werden ja sehn, ob man heutzutage wirklich ohne Lüge nicht durchkommen kann!“

Da verkündete die Glocke hallend den Beginn des Nachmittagsunterrichts, die Studenten strömten in die Klassenzimmer, und die beiden Freunde mußten das Gespräch vorläufig abbrechen.

In der Oktava verlas der Klassenvorstand unter lautloser Stille das Ergebnis der am Vortage stattgehabten Monatskonferenz, verteilte die Strafzettel mit den Tadelsworten, den Rügen und Ermahnungen und fügte seine eigenen Bemerkungen hinzu. Die wiesen zwar in einigen besonders schweren Fällen drohend auf schärfere Maßnahmen und auf das Schreckgespenst eines Durchfallens bei der Reifeprüfung hin, klangen im übrigen jedoch recht sanft und tröstlich. Denn dem alten Herrn mit dem weißen Backenbart und den schon leise zittrigen Händen waren seine Jungen ans Herz gewachsen.

Name um Name wurde aufgerufen. Die Zettel wanderten in die Hände der Schüler, und wer einen bekam, sah trübselig drein, während mancher Schuldbewußte erleichtert aufatmete und sich freute, daß diesmal ein schon für unabwendbar gehaltenes Verhängnis doch noch gnädig vorübergegangen war. Schließlich blieb nur noch ein einziges Blatt übrig. Da stellte sich der Professor in Positur, machte ein bekümmertes Gesicht, so gut ihm das in Anbetracht seiner roten Wängelein und fröhlich zwinkernden Augen möglich war, und begann: „Leider, und ich bedaure das sehr, leider bin ich in die unangenehme Lage versetzt, auch einem meiner fleißigsten Schüler, von dem ich’s nicht erwartet hätte, mitteilen zu müssen, daß sein sittliches Verhalten nicht vollkommen einwandfrei ist. Fritz Hellwig ...!“

Der Aufgerufene erhob sich und trat aus der Bank vor.

„Fritz Hellwig, ich habe die betrübliche Pflicht, leider, Ihnen wegen Ihres sittlichen Betragens den Tadel der Konferenz aussprechen zu müssen, leider.“

Fritz nahm das weiße Blatt aus den Händen des Lehrers, verbeugte sich und ging auf seinen Platz zurück. Er dachte an Pater Romanus, fand die Strafe sehr mild und wunderte sich nur, warum der Pater erst davon gesprochen hatte, daß er den ganzen Vorfall vergessen wolle.

Mit diesem Gedanken beschäftigt, hörte er nur mit halbem Ohr hin, wie der Professor jetzt fortfuhr: „Nehmen wir uns also zusammen und folgen wir mit größerer Teilnahme dem Unterricht.“ Und erst als er etwas schärfer einsetzte: „Hellwig, ich spreche mit Ihnen!“, erhob dieser sich wieder und blickte ziemlich verständnislos. Nun kam der behäbige Mann vom Podium herab, stellte sich neben die Bank und sagte freundlich: „Wir sollen nicht so gleichgültig sein, namentlich im Griechischen. Herr Kollege Hermann hat sich beklagt, leider, daß wir seinem Vortrag gar nicht zuhören, sondern währenddessen leider immer zerstreut in allen Himmelsrichtungen herumschauen. Auch bei seinen Fragen melden wir uns niemals und bekunden mangelnde Teilnahme an besagtem Gegenstand, indem wir immer wie ein Haubenstock dasitzen, leider.“ Und mit gedämpfter Stimme fügte er hinzu: „Es hat nicht viel auf sich. Nur munterer sein, munterer!“ Dann trippelte er wieder zum Lehrpult zurück.

Fritz stand da, als hätte der Blitz vor ihm eingeschlagen, war kalkweiß und rührte sich nicht. Erst als der Professor fragte, ob ihm etwas fehle, bewegte er verneinend den Kopf und setzte sich. Sein Herz klopfte unregelmäßig, trieb das Blut bald in heftigen Stößen, bald matt und mühsam durch die Adern. Mit leeren Augen stierte er vor sich hin, war jetzt wirklich teilnahmslos und dachte nur immer das eine: daß ihm ein Unrecht geschehen sei. Gerade das Griechische war schon wegen Plato und Demosthenes sein Lieblingsgegenstand trotz des widerwärtigen, schwindsüchtig aussehenden Lehrers, der infolge einer Kehlkopfkrankheit fortwährend hustete und heiser sprach, als stäke ihm ein Schleimpfropfen in der Luftröhre. Auch hatte er die Eigenschaft, daß er beim Reden niemandem ins Gesicht, sondern mit hastenden Augen stets an der betreffenden Person unstet vorbeisah. Deshalb konnte er von anderen ebenfalls keinen offenen Blick vertragen, wurde unruhig und nervös, wenn er einen solchen auf sich gerichtet fühlte. Daher mochte er Hellwig nicht leiden, fand aber, weil dieser im Griechischen dank einer umfangreichen Privatlektüre sehr viel wußte, keine Handhabe, ihm irgendwie seine Abneigung fühlen zu lassen. Da hatte ihn Pater Romanus, der tödlich Gekränkte, mit ein paar achtlos hingeworfenen Worten auf das dehnbare Gebiet des sittlichen Betragens gewiesen und der Erfolg zeigte, wie gut der Jesuit seine Werkzeuge zu wählen verstand.

Davon ahnte Hellwig freilich nichts. Er hatte nur das Bewußtsein, daß der Tadel unverdient war. Denn wenn er auch nicht, wie die meisten anderen und namentlich Pichler, bei jeder Frage, auf die er Bescheid zu geben wußte, gleich mit der Hand in die Höhe fuhr, so konnte er sich doch mit ruhigem Gewissen sagen, daß er den Unterricht noch immer mit Aufmerksamkeit verfolgt hatte, stets bei der Sache gewesen und nur selten eine Antwort schuldig geblieben war.

Das Unglück wollte es, daß als nächste Lehrstunde das Griechische an die Reihe kam und Professor Hermann, durch Aufstehen von den Sitzen begrüßt, ins Schulzimmer trat. Auch Fritz erhob sich gewohnheitsmäßig mit. Als er jedoch das eingetrocknete gelbe Gesicht erblickte, da wallte zugleich mit einer siedenden Wut das kindische Verlangen in ihm auf, dem eklen Patron einen Tort anzutun und seiner Mißachtung sogleich irgendwie Ausdruck zu geben. Er verschränkte die Arme vor der Brust, warf den Kopf in den Nacken und sah den Professor herausfordernd an. In dieser Stellung verharrte er noch, als seine Mitschüler bereits wieder auf den Bänken saßen.

Da sprang der ausgelaugte, stangendürre Mensch mit einem gewaltigen Satz vom Podium herunter auf ihn zu: „Eh, eh, — wie stehn S’ da? Wie stehn S’ da?“

Fritz rührte sich nicht.

Das Gesicht des Lehrers war fahlgrün geworden. Pfeifend kam der Atem aus der kranken Kehle.

„Hinaus! Sie Frechling! Lausbub! Klassenbuch! Sittenrüge! Karzer! Hinaus! Hinaus!“ schrie, spuckte und hustete er und hieb mit der geballten Rechten immerfort auf die Bank unter allen Zeichen einer schweren Nervenüberreizung. Selbst als Hellwig das Zimmer verlassen hatte, konnte er sich nicht beruhigen. In seinem dicksohligen knarrenden Schuhwerk schritt er vor der Schultafel hin und her, fortwährend Worte wie „Frechheit!“, „Bube!“ zwischen den gelblichen Zähnen zerreibend, nahm dann das Klassenbuch aus der Pultlade und schrieb beinah eine Seite voll. Mit einem hämischen „So!“ klappte er endlich den grünen Deckel zu und begann ein wütendes Prüfen unter der verschüchterten Schülerschar, wobei er raunzend, räuspernd, hüstelnd eine ungenügende Note nach der andern in seinen Handkatalog eintrug. Und niemand fand heute vor dem Verärgerten Gnade.

Fritz mußte inzwischen im Korridor das Ende der Stunde abwarten. Er lehnte sich in eine der tiefen Fensternischen und blickte durch die eisernen Gitterstäbe in den Hof, der von zweistöckigen Gebäuden eingeschlossen, unter der Aufsicht vieler schnurgerade ausgerichteter Fensteraugen trübselig im Schatten lag, als schämte er sich seiner Dürftigkeit. Wehmütig streckte ein verkrüppelter Roßkastanienbaum die beschneiten Äste nach dem Stücklein Himmel über den geflickten Ziegeldächern, eine hungrige Dohle saß in seiner Krone, ließ den starken Schnabel hängen und fror.

Die Glieder schlaff, den Kopf gesenkt, drückte Hellwig die Achsel gegen das kalte Gemäuer. Aller Lebensmut war ihm zerbrochen, und in sein steinstarres Antlitz meißelte tiefe und immer tiefere Furchen ein ungeheurer Schmerz. Er hatte zum erstenmal im Leben die Ungerechtigkeit kennengelernt. Und da war ihm, als sei der feste Boden unter seinen Füßen weggezogen worden, als wankten alle Grundpfeiler der Ordnung, stürzten hin und lägen begraben unter dem hereinbrechenden Chaos.

Es war ihm so klar gewesen bisher als die erste und einfachste sittliche Forderung: Das Recht des Nebenmenschen wahren wie sein eigenes, als geheiligtes, unantastbares Gut. Und jetzt? Da stand er, und ein Unrecht war ihm geschehen, und er hatte kein Mittel, gegen den Übeltäter aufzutreten, es sei denn die rohe Kraft der Muskeln. Und statt, daß er und alle andern mit ihm wie ein Mann sich erhoben, den Beflecker des Rechts zu züchtigen, blieben sie untätig, als dieser dem ersten Verbrechen das zweite hinzufügte. Und wenn auch einige die Unbill verurteilten, so schien sie ihnen doch zu geringfügig, um viel Aufhebens davon zu machen. Aber gab es denn hier überhaupt eine Geringfügigkeit? Jede Beleidigung Gottes, und wäre sie noch so klein, sollte schwerste Missetat sein und die gröbliche Verletzung eines ersten Sittengesetzes Bagatelle? Und jetzt empfand er auch Scham über sein unwürdiges Benehmen. Wie zu einem heiligen Krieg hätte er ausziehen, hätte glühend für das gelästerte Menschengut in die Schranken treten müssen, ohne der eigenen Kränkung zu gedenken. Statt dessen hatte er in einer großen Sache klein und jämmerlich, so recht wie ein geprügelter Knabe gehandelt. Das machte ihn verzagt und schwunglos, drückte nieder und beraubte ihn der Kraft zum entschiedenen Eintreten für seine Schuldlosigkeit. Und als die Stunde vorüber war und als er an Professor Hermann vorbei in das Schulzimmer ging, da senkte er, wiederum zum erstenmal im Leben, schuldbewußt den Kopf.