6.

Die Uhr am Rathaus hatte noch nicht neun geschlagen, als Fritz auch schon mit langen Beinen über die breiten Holztreppen zu Heinzens Behausung hinaufeilte.

Die Morgensonne hielt vor den bemalten Bogenfenstern, ließ die satten Farben der Glasbilder aufleuchten und füllte das geräumige Stiegenhaus mit warmem Licht. Vom Hof her drang das Lärmen der Auflader, das Klirren der Wagenketten und das Gewieher der Pferde. Das alte Haus, das sonst, wenn die Sonne vorübergegangen war, düster, fast mürrisch dreinblickte, war heute gar nicht wieder zu erkennen. Jeder Winkel schien hell und munterer Tätigkeit voll zu sein, wie ein Tempel fröhlicher Arbeit stand es, tönte und glänzte im jungen Morgenlicht.

Und jetzt mischte sich in den summenden Lärm der Ladestellen von oben her Türenschlag und Schuhgetrapp. Auf schnellen Füßen kam etwas die Stufen herabgepoltert, bog um die Ecke des Treppenabsatzes. Gewänder rauschten, ein heller Rocksaum flatterte um schwarzbestrumpfte Knöchel, ein dicker Blondzopf schwang den Takt dazu. Ranke, geschmeidige, biegsame Glieder, blaue Funkelaugen, gerötete Wangen — das war ein Hasten, war ein Eilen, hatte nicht mehr Zeit, die wirbelnden Füße zu hemmen und — stieß mit Hellwig Stirn gegen Stirn zusammen.

Wehleidig-erschrocken ein „Au!“ aus weißer, weiblicher Kehle. Der Hut des Jünglings flog zu Boden. Lebenswarm knospende, drängende Jugendfülle fiel zugleich mit einem strauchelnden Mädchenleib für einen Augenblick in die Arme des Verlegenen, zehn kleine Finger klammerten sich Halt suchend an seinem Rockkragen fest. Dann sprang ein Lachen lustig in den Morgenglanz hinein: „Verzeihen Sie, bitte!“ und weiter ging’s in trappelnden Schuhen und wehenden Kleidern die Stiege hinunter durchs flimmernde Spiel der Sonnenlichter, während Fritz noch auf dem Treppenabsatz stand und mit der Hand die Beule an der Stirn befühlte.

„Das war die Ev!“ sagte Heinz lachend, als ihm der Freund die Begegnung erzählte.

„Was denn für Ev?“ knurrte Hellwig verdrossen. Er ärgerte sich über die Heiterkeit des andern und hatte das unbehagliche Gefühl, daß er irgendwie eine lächerliche Rolle gespielt haben könnte. Und als nun Heinz lustig rief: „Da hört sich doch alles auf! Jetzt weißt du Brummbär am Ende gar nicht, daß ich eine Schwester hab’?“, da wurde Fritz wieder einmal ungemütlich.

„Woher sollt’ ich’s wissen? Gesagt hast du mir nichts, und herumschnüffeln tu’ ich nicht!“ polterte er los. „Überhaupt — schöne Freundschaft das! Wenn sie mir nicht grad’ eine Beule gestoßen hätte, wüßt’ ich bis heute nicht, daß mein Freund eine Schwester hat!“

Nun mußte er jedoch selber lachen, und so unterblieb diesmal der Auftritt.

Heinz war in trefflicher Laune und scherzte weiter: „Dann hast du wenigstens gleich einen Vorgeschmack bekommen! Tröst’ dich, du wirst mit dem tollen Ding noch mehrfach zusammenrennen!“

Da hob Fritz die Hände wie zur Abwehr: „Das fehlte grad’ noch!“

„Wird dir nichts übrig bleiben!“ erwiderte Heinz. „Sie ist schon furchtbar neugierig auf dich. Gestern ist sie auf Weihnachtsferien gekommen — weißt, sie ist heuer in Deutschland draußen in einem Töchterheim — und die Mutter muß ihr was von dir geschrieben haben. Sie hat wenigstens gleich gestern gefragt, wann du herkommst.“

„Dann komm’ ich überhaupt nicht mehr, bis sie wieder fort ist! Ich wüßt’ ja gar nicht, was man mit so einem Wesen reden soll!“ platzte Fritz heraus und Wart setzte die Neckerei fort: „Nur Mut, Fritze! Wenn man erst über den Anfang hinaus ist, findet sich alles von selber. Sie wird dich nicht gleich fressen!“

„Aber ich kann doch um Himmels willen nicht von Buddha und Haeckel mit ihr sprechen!“ unterbrach ihn Hellwig verzweifelt. „Und was anderes interessiert mich nicht! Und was mich nicht interessiert, davon red’ ich nicht! Und wovon ich gern reden möcht’, das kann doch wieder so ein Pensionsmädel nicht interessieren, so ein Gansl! Nein, da ...“

‚Tu’ ich nicht mit‘ wollte er sagen. Aber der Satz blieb ihm in der Kehle stecken. Mitten in seine Worte hinein hatte eine klingende Stimme gerufen: „Dank’ schön für die gute Meinung, Herr Hellwig!“

Und da stand sie, gegen die er soeben geeifert, leibhaftig unter der geöffneten Tür, durch die vom Gangfenster in der hinteren Giebelwand ein breiter schräger Streifen Sonnenlicht fiel. Wie goldene Fädchen glänzten die krausen Locken über den kleinen Ohrmuscheln, hinter den lachenden Lippen blitzten die Zähne, und die Sonnenstäubchen tanzten um die feinen Schultern, tanzten um die werdenden Hüften unterm roten Gürtelband, tanzten um den ganzen schlanken Leib im hellen Tuchkleid, der sich auf tanzbereiten Füßen wiegte und seiner jungen Schönheit sorglos freute.

Fritz war nicht so sorglos. Linkisch stand er, mit rotem Gesicht, und wußte tatsächlich nicht, was er reden sollte. Heinz schaute von seinem Schreibtisch behaglich nach den beiden, schlang die Hände um das emporgezogene Knie und war gemütsroh genug, dem ruppigen Freunde den fatalen Zustand vom Herzen zu gönnen.

„Jetzt wehr’ dich!“ rief er ihm fröhlich zu. „Gib acht, daß sie dir nicht die Augen auskratzt.“

„Von mir aus ...“ brummte Hellwig achselzuckend, während er sich trotzig gegen die Wand lehnte, die er im beständigen Rückwärtsschreiten endlich erreicht hatte. Dabei duckte er den Kopf nach vorn, denn der aufstrebende Haarschopf fegte bereits die schiefe Decke des Dachzimmers. Und da er noch obendrein die Hände zu Fäusten geballt hielt, war er ganz bedrohlich anzusehen, gleich einem sprungbereiten Tiger oder lauernden Schnapphahn, wie Heinz belustigt meinte.

Mittlerweile hatte sich die junge Schöne mitten in der Stube aufgepflanzt und tauschte mit dem Bruder einen verständnisinnigen Blick.

„Also ein Gansl bin ich?“ sagte sie unter mehrfachem leichten Kopfnicken. „Wissen Sie, daß das eine Beleidigung ist?“

Fritz gab keine Antwort. Er stand unbeweglich, wurde noch röter und aufgeregter, aber scheinbar ruhig, wie das seine Gewohnheit war, sah er dem unerwünschten Widerpart scharf und gerade in die Augen.

‚Sie schaut der Mutter ähnlich,‘ dachte er und fühlte dabei, wie der Zorn in ihm zu kochen begann, weil sie’s wagte, ihn zur Rede zu stellen. Da sie ein bitterböses Gesicht aufgesetzt hatte und das verräterische Zucken der lachlustigen Mundwinkel, so gut es ging, unterdrückte, nahm er ihre strenge Frage für blutigen Ernst, glaubte in eine demütigende Lage hineingeraten zu sein und ärgerte sich über seinen Mangel an Schlagfertigkeit, der ihm keine schneidige Entgegnung finden ließ.

„Eine ungerechtfertigte Beleidigung!“ bekräftigte Heinz.

„Und für die müssen Sie Abbitte leisten!“ forderte der entsetzliche Backfisch resolut und hielt dem geraden, feindseligen Blick des Gequälten tapfer die blauen Augen entgegen.

Hellwig schwieg. Von den hohen Büchergestellen funkelten in Goldschrift die erlauchten Namen der Geistesriesen, schienen des ratlosen Menschleins an der Wand zu spotten. Immer stärker brodelte es in ihm, und Wart, der ihn unausgesetzt beobachtete, hielt es für ratsam, einzulenken. Er blinzelte seiner Schwester zu, die aber gab nichts darauf, ließ sich von ihrem jungen Ungestüm fortreißen und rief befehlend, mit schräg abwärts gestrecktem Arm und Zeigefinger: „Abbitten! Nun?“

Da fuhr auch schon Hellwigs Wort wie ein Keulenschlag nieder: „Gesagt ist gesagt und Gansl bleibt Gansl! Man hört’s am Schnattern!“

Das klang grob, herausfordernd und wirklich verletzend. Nun war’s, als hätte eine ungeschlachte Hand mit einemmal alle kindliche Heiterkeit aus dem hübschen Gesicht fortgewischt. In die blanken Augen kam ein feuchter Schimmer. „Pfui, Sie sind roh!“ sagte Eva Wart, kehrte dem klotzigen Gesellen energisch den Rücken, und ehe noch der Bruder vermittelnd eingreifen konnte, hatte sie schon das Zimmer verlassen.

Fritz sah ihr nach und wunderte sich, wie hoch so ein dicker Zopf fliegen und wie goldähnlich seine Spitze leuchten konnte. Ihm war keineswegs wohl ums Herz. Er verwünschte seine ungefügen Manieren, aber auch das naseweise Ding, das ihm mit solcher Anmaßung entgegengetreten war. Keinen Augenblick dachte er daran, daß er eigentlich ein Spaßverderber war. Denn er hatte kein Verständnis für tändelnde Scheingefechte, und seiner gärenden Jugend fehlte noch vollständig der Humor, zumal sie zu wenig sonnig gewesen und die gefühlsduselige Empfindlichkeit der fortwährend unglücklichen Mutter gerade aus den nichtigsten Ereignissen einen Grund zum Jammern herauszuholen pflegte.

Vergebens suchte ihm Heinz die Sache von der harmlosen Seite darzustellen, mit beruhigenden Worten und vorsichtigem Tadel über seine Rauhbeinigkeit. Fritz wollte nichts hören, haderte mit ihm, daß er ihn in diese Lage gebracht, und lief endlich grollend davon.

Inzwischen hatte Eva mit sprühenden Augen und lebhafter Entrüstung ihrer Mutter den Vorfall erzählt. Frau Hedwig nahm ihr temperamentvolles Kind in die Arme und klopfte ihm begütigend die erhitzte Wange.

„Nimm’s nicht tragisch, Mädl!“ sagte sie. „Jungens sind einmal nicht anders.“

„Ich lass’ mir das aber nicht gefallen!“ rief die Kleine stürmisch. „Er muß sich entschuldigen!“

„Das muß er nicht!“ erwiderte die Mutter mit freundlichem Ernst. „Denn auch du bist nicht ganz schuldlos, Eva. Was hast du bei Heinz oben zu suchen gehabt?“

„Ich war halt so neugierig,“ gestand die noch nicht Fünfzehnjährige verschämt.

„Und warst keck und vorwitzig. Siehst du, da hast du eben gleich deine Strafe wegbekommen.“

„Du nimmst ihn noch in Schutz ...“ murmelte das Mädchen vorwurfsvoll und konnte die locker sitzenden Tränen nicht länger zurückhalten.

„Das tu’ ich nicht, Kind. Ich will nur sagen, daß ihr beide im Unrecht wart. Aber auch wenn er allein schuld hätte, dürftest du keine Abbitte von ihm verlangen. Es ist unedel, seinen Beleidiger zu demütigen. Da weiß ich eine vornehmere Rache.“

„Was denn? Sag’s doch!“ drängte Eva ungeduldig, als Frau Wart eine Pause machte und ihr die wirren Haare aus der Stirn strich.

Ihre Gesichter waren jetzt dicht nebeneinander. Die Frau saß in der Erkernische beim Nähtisch, das Mädchen lehnte neben ihr, den Arm hinter der Stuhllehne um die Mutter gelegt, und schaute sie erwartungsvoll an. Die Ähnlichkeit zwischen beiden war nicht zu verkennen. Dieselbe glatte, ein wenig niedrige, aber fein geformte Stirn, dieselben klaren blauen Augen neben einer geraden, an der Spitze leicht abgeflachten Nase, dieselben sacht geschwungenen Lippen über einem rundlichen Kinn. Aber während bei Eva die Züge noch weich, nur erst angedeutet oder noch verhüllt waren von dem Pfirsichflaum einer zarten Kindlichkeit, traten sie in Frau Hedwigs Antlitz bestimmter hervor, waren durch das Widerspiegeln eines sorgfältig geschulten Geistes in eine schöne Harmonie gebracht und von lauterster Menschenliebe überglänzt, vereinigten sie sich zu einem Gesamtausdruck jener Güte, von der da ein Sagen geht, daß sie alles verzeiht, weil sie alles begreift.

Frau Wart ließ ihr neugieriges Kind erst ein bißchen zappeln, ehe sie mit ihrem Plan herausrückte, der dahin zielte, den widerborstigen Jungen mit einem Weihnachtsgeschenk zu überraschen. Darauf wollte die Kleine anfangs durchaus nicht eingehen. Als jedoch die Mutter anregte: „Weißt, wir kaufen ihm ein paar Bücher, stecken einen Zettel hinein und schreiben darauf: ‚Vom Gansl und seiner Mutter‘, dann wird er sich schämen und doch freuen,“ da war das quecksilberne Ding auch schon Feuer und Flamme und brachte sofort eine Menge von Werken in Vorschlag:

„Schiller! Oder Geibel! Oder Scheffel! Nein? Also Baumbach! Freytag! Heyse!“ und so weiter alle Lieblinge der Pensionsliteratur. Da indessen die lächelnde Zuhörerin immer den Kopf schüttelte, hieß es gleich wieder unwillig: „So sag’ endlich auch du was!“ und der Schmollmund war fertig.

Aber schließlich fing sie doch wieder an, und endlich kam die Mutter auf das ‚Liebesleben in der Natur‘ von Boelsche. Das sei heiter und leicht und bringe manches Anregende, ohne eigentlich wissenschaftlich zu sein. Aber Fritz brauche nicht immer nur die ganz gedankenschweren Sachen zu lesen. Damit war die Kleine auch zufrieden, obwohl sie das Buch nicht kannte.

Und kaum waren sie im reinen, als sich die Zimmertür auftat. Geräuschvoll prustend und die frostroten Hände reibend, kam das Familienoberhaupt hereingestapft, schritt vorerst zum Ofen, wo es die Handflächen an den grünen Kacheln wärmte und machte dann beim Erker halt. Seine massige Gestalt mit den breiten Schultern füllte den schmalen Zugang beinah ganz.

„Nun, ihr Glucken!“ dröhnte seine tiefe Stimme und in allen Falten, Fältchen und Pölsterchen des bartüberwucherten vollen Gesichts saßen und lachten die fidelen Geister einer kreuzbraven Vergnügtheit. „Nun, ihr Glucken, was für ein Ei wird denn da wieder ausgebrütet?“

„Wer weit fragt, wird weit gewiesen, Nikl,“ kam die Gattin dem flinken Plauderzünglein der Tochter zuvor. Denn sie fürchtete, daß der bücherfeindliche Mann dem Kinde durch ein abfälliges Urteil die Freude verderben könnte.

Der gemütliche Bürger dachte an die nahe Weihnachtszeit und gab sich mit dem deutungsvollen Bescheid zufrieden. „Freilich, freilich,“ lachte er behaglich, „erwarten ist besser als erlaufen. Denn: mit Geduld hat die Katz’ den Schwartenmagen überwunden. Ich bin schon stad!“ Und dann unvermittelt abspringend: „Aber eine Kälte hat’s heut’, Leutln, daß die Schindelnägel krachen! Ich hab’ ein paar hundert Flaschen Krondorfer unterwegs, da wird mir die Hälfte zersprungen herkommen! ’s ist halt alleweil ein G’frett! — Hast nichts zum Essen, Mutter? Ich muß gleich wieder hinunter.“

Trotzdem Herr Wart auf seine Frage nach dem Gabelfrühstück täglich dieselbe Antwort erhielt: „Es steht schon auf deinem Schreibtisch!“, wäre es ihm niemals eingefallen, vom Laden unmittelbar in sein Arbeitszimmer zu gehen. Denn diese kurze Pause, diese flüchtige, meist auf wenig belanglose Worte beschränkte Unterhaltung mit seiner Frau war ihm Ausruhn, Erholung und geistige Stärkung für die weitere Vormittagsarbeit.

Heute aber wurde er noch nicht fortgelassen. Eva stellte sich in ihrer ganzen Größe vor ihm auf und sprach sehr ernsthaft: „Du, Vater, sag’, bin ich ein Gansl?“

Wart Nikl schaute die sonderbare Fragerin erst verdutzt an, dann bewegte er kräftig nickend das Haupt und rief aus einem unbändigen Gelächter heraus: „Und was für eins, Mädl! Und was für eins! So ein ganz ausgewachsenes! Das wär’ ein Bratl zu Martini gewesen!“ Und er kniff sein Herzblatt in die glatt gerundete Wange.

Die Kleine aber wandte mit einem unwilligen Ruck ihr Gesicht weg, fauchte wie ein Kätzchen, und auf der Suche nach einer schlagenden Widerlegung sagte sie zornig: „Ich — ich werd’ im August schon fünfzehn und — und die Fräuleins sagen alle, daß ich sehr gut lerne. Ja!“

Nun mußte auch Frau Hedwig lachen, und zum Unglück hob noch obendrein das kleinste Glöcklein im Turm des Franziskanerklosters zu läuten an.

„Hörst es?“ neckte da gleich der Vater, zum Fenster zeigend. „Hörst es, was die Glocke sagt? ‚Tu d’ Gäns’ ein! Tu d’ Gäns’ ein!‘ sagt sie. Komm, komm, ich muß dich in den Stall tun!“

Da hielt sich Eva die Ohren zu und wollte an ihrem Erzeuger vorüber aus dem Zimmer. Der aber fing sie in den ausgebreiteten Arm, drückte sie an sich und brachte mit Hilfe des untergelegten Zeigefingers ihr gesenktes Kinn in die Wagrechte. Und da sah er, daß die großen Kinderaugen voll Tränen waren. Sofort hörte der gutmütige Mann mit dem Gelächter auf und sagte ganz unruhig: „Aber geh, Ev, wirst doch nicht heulen? Fesch sein, Mädl! Spaß verstehn! — Wart’, ich werd’ dir jetzt auch erzählen, was die Glocken beim Begräbnis sagen. Alsdann: wenn so ein recht reicher Frommer zur ewigen Ruh’ gebracht wird, dann brummen die dicken großen Glocken immerzu: ‚Fünferbanknoten! Fünferbanknoten!‘ — Aber wenn sie einen armen Hascher hinausschaffen, dann belfert nur so ein kleines grantiges Glöckerl hinterher: ‚Klingl, glenkl, armer Schlenkl!‘“

Das trug der Nikl sehr wirkungsvoll vor. Die ‚Fünferbanknoten‘ sprach er dumpf und feierlich, legte die fleischige Hand auf den Magen und schaute scheinheilig zur Decke, wogegen bei dem raschen ‚Klingl, glenkl‘ seine Stimme in die krähendste Fistel überschnappte. Darüber mußte Eva lachen. Und als er sie noch auf die Schulter klopfte: „Laß gut sein, du bist schon recht!“, war sie wieder ganz versöhnt. Und weil sie wußte, daß er’s gern von ihr leiden mochte, zupfte sie ihn am rötlichen Bart. Nun schnappte er mit grimmigem Gesicht nach ihr, sie zog wie erschrocken die Hand zurück und lachte laut, die Mutter lachte mit und Wart Nikl ebenfalls, und die Fensterscheiben zitterten vor seines Basses Grundgewalt.