13.

Im lachenden Sommer starb die Marie. Ein heftiger Blutsturz, ein kurzes Krankenlager, ein allmähliches Auslöschen — langsam, unerbittlich und unabwendbar. Ganz klar war es ihr, daß sie sterben mußte. Lächelnd sprach sie davon und tröstete lächelnd den Geliebten. Aber dann, als die Stunde kam, da klammerte sie sich an ihn und krallte die Nägel in seinen Rock, und in ihren Augen war Angst und Grauen und Verzweiflung.

„So hilf mir doch, du!“

Aber er konnte ihr nicht helfen, er konnte sie nur halten und hielt sie doch nicht fest, fühlte, während er ihren zitternden Körper mit beiden Armen enger und enger umschloß, wie sie ihm entglitt und wie ihr Leben wegfloß gleich einer Welle unter greifenden Kinderhänden. Und sein Herz mochte noch so wild an ihre Brust pochen, das ihre fand den Takt nicht mehr, und endlich stand es ganz still. Und stand gerade in dem Augenblick still, als der Wille und Drang zum Leben in ihm am stärksten wurde. Als er die Tote ganz dicht an sich preßte in dem ungestümen Wunsch, daß seine ungebrochene Lebenskraft in den erkaltenden Leib hinüberströme und für sie beide Arbeit tue. Aber Marie war tot.

Nach zwei Tagen begrub er sie. Und als der Leichenwagen zum Friedhof kam, — im schnellen Trab, denn der Weg war weit, — da erwarteten ihn dort die Ausgestoßenen, die Enterbten, die Parias, viele, viele hunderte zerlumpte und verkommene Gestalten. Und als der Sarg im offenen Grabe stand, da schritten sie, die Ausgestoßenen, die Enterbten, die Parias, einer hinter dem andern an der kühlen Grube vorbei. Und jeder hatte eine Handvoll roter Alpenrosen mitgebracht und warf sie in die kühle Grube. Der Sarg verschwand unter den glühend freudigen Blüten, die Grube füllte sich — und als der letzte vorübergezogen, da lag die tote Marie unter einem leuchtenden Hügel von roten flammenden Alpenrosen, die letzte Gabe der Berge, die die Tote so sehr geliebt. Das war der Dank der Obdachlosen, der Bettler, Lumpensammler und Kanalstrotter für das bißchen Liebe, die ihnen Heinz Wart gezeigt. Und er wußte nicht, daß Karus ihnen die Idee eingegeben hatte. —

Wenige Tage nach dem Begräbnis erhielt Fritz von dem Freund einen Brief:

‚Ich gehe nach Rußland. Forsche nicht nach mir. Es muß so sein.‘

Nichts weiter stand auf dem Blatt. Aber Hellwig war für Wochen aus allen Gleisen.

Von Osten herüber glühten blutrot die Brände des Aufruhrs. Eine Verfassung forderte das Volk, Freiheit und Glück — oder das Grab. Die Antwort war Pulver und Blei, waren Pferdehufe, Gewehrkolben und Nagaiken.

Und Heinz eilte mit Karus dorthin, Heinz, der unpraktische Schwärmer, der stille Büchermensch, der weder schlaue Seitenwege gebrauchen konnte noch geschickte Rückendeckung, und Fritz wußte, er ging in den Tod. Nicht suchen wollte er den Tod. Denn mit der Marie war ihm ja nicht alles gestorben. Die Liebe zu den Entrechteten und Zertretenen war ihm geblieben und war jetzt nur desto heißer geworden. Nicht ans Sterben dachte er. Mithelfen wollte er, mithelfen und mitstreiten, allen Gefahren trotzend, in frommer Begeisterung dort mithelfen und mitstreiten, wo ihm sein Ziel am hellsten und am nächsten leuchtete.

Und Hellwig machte sich Vorwürfe, daß er den Freund nicht besser behütet hatte. Wieder wollte eine böse Krisis über ihn kommen. Aber die Ereignisse, die jetzt, lang vorbereitet, Schlag auf Schlag einander folgten, rissen ihn mit in ihren wirbelnden Strudel und ließen ihm vorerst keine Zeit zur Grübelei.

Als jenseit der Nordostgrenzen des Reiches die Rebellion in vollem Wüten war, da hielten die Sozialisten die Gelegenheit für günstig und holten im Kampf für das allgemeine Wahlrecht zu wuchtigen Schlägen aus.

Und da geschah es auch, daß die Teilnehmer einer Versammlung, in der August Mark, ein stimmgewaltiger Agitator, die Masseninstinkte aufgewühlt hatte, vor das Palais des Ministerpräsidenten ziehen und demonstrieren wollten. Sicherheitswache zu Fuß und zu Pferd versperrte ihnen den Weg. Hellwig, von dem Vorhaben der Menge telephonisch benachrichtigt, eilte aus der nahen Schriftleitung rasch herbei. Es war höchste Zeit. Schon waren die Säbel aus der Scheide geflogen, fielen die flachen Klingen auf Köpfe, Schultern und Arme. Schreiend wichen die vorderen Reihen, die rückwärtigen, weniger gefährdeten, drängten nach vorn, ein dampfender Knäuel, stießen sie sich, johlten und brüllten. Und schon auch hoben sich geballte Fäuste, schlugen Stöcke, prasselten Steine gegen die Polizei. Da drehten sich die Klingen, aus den flachen Hieben wurden scharfe, Schmerzensschreie gellten, Blutende wankten gegen die Häuser, fielen aufs Pflaster hin.

„Einhalten!“ rief Hellwig mit voller Lungenkraft und schob sich durch das Getümmel. „Einhalten!“

Er packte den Arm eines berittenen Schutzmanns. Das Pferd wurde unruhig und bäumte sich. Doch er hielt fest. „Nicht morden!“ preßte er zwischen den Zähnen hervor. Seine Linke griff nach dem Bein des Reiters, im Handumdrehen lag dieser zappelnd auf dem Boden.

Da fielen aber auch schon drei — sechs — zehn Wachleute über Hellwig her, griffen nach seinen Armen, zerrten ihn am Rock, stießen ihn von allen Seiten. Und einer packte ihn im Genick und schrie: „Im Namen des Gesetzes! Sie sind verhaftet!“

Als das die Leute hörten und als sie sahen, wie hart einem ihrer besten Führer mitgespielt wurde, flammte die durch den kurzen Raufhandel angefachte Leidenschaft turmhoch empor. Ein Wald von starren, im Sturm zitternden Ruten, hoben sich Hunderte von Stöcken über die dunkle Masse der Hüte und Schultern, ein kurzer wilder Aufschrei krachte gegen die nachtdunkle Himmelskuppel. Dann war der Kordon durchbrochen, Brust an Brust, Faust gegen Faust rangen sie mit den Hütern der Ordnung um ihr vermeintliches Recht.

Los und ledig stand Hellwig mitten im heißesten Gewühl. Und schämte sich. Schämte sich, daß er sich hatte hinreißen lassen, daß er, der gekommen war, die Menge zu beruhigen, ohne Überlegung selbst als der tollste Stürmer losgebrochen war. Und eine Weile stand er ganz untätig, mit schlaff hängenden Armen. Aber als ihm ein Verwegener frohlockend entgegenrief: „Drauf! Drauf! Heut’ zwingen wir sie!“, da richtete er sich straff auf.

„Halt!“ schrie er, und seine Stimme war wie klingender Stahl. „Halt!“

Und als sie stutzten und einander zur Ruhe verwiesen in der Erwartung einer Rede, da schob sich die Wache, durch Hilfstruppen verstärkt, rasch in das Gewimmel. Die aufgeregte Menge wollte es nicht leiden — drängte abermals vor — doch Hellwig rief mit beschwörend erhobenen Händen: „Leute, ich bitt’ euch, bleibt besonnen! Zeigt, daß ihr ernste Männer, daß ihr reif für das Wahlrecht seid! Geht ruhig nach Haus!“

Noch zögerten sie. Da stimmte er das Lied der Arbeit an. Und mit einemmal wichen sie zurück und ihre Gesichter wurden ernst und feierlich — und einer nach dem andern stimmte ein, bis es aus tausend Kehlen dröhnend klang: „Die Arbeit hoch!“ Und alle ihre erhitzte Leidenschaft strömte aus in dem Lied — und willig folgten sie, immer singend, den Anordnungen der Wachleute, die langsam, Schritt für Schritt vorrückend, die Straße absperrten. —

Ein paar Tage darauf wurde Hellwig vor den Untersuchungsrichter geladen. Er war der Aufreizung und öffentlichen Gewalttätigkeit angeklagt. Das Urteil lautete auf zehn Monate Kerker.