14.
In St. Petersburg. Langsam fährt die Prunkkalesche des Ministerpräsidenten durch die Straßen. Kosaken begleiten sie, bis an die Zähne bewaffnet. In einer düsteren Seitengasse harren zwei Männer. Der eine ist blaß und schlank, seidiges Schwarzhaar fällt ihm bis auf die Schultern. Dem andern steht das blaue Hemd vor der Brust offen.
Langsam rollt die Kutsche heran.
Da hebt der im blauen Hemd den Arm. Ein länglicher Körper schwirrt durch die Luft, schlägt auf dem Pflaster hart auf. Ein dumpfes Gekrach. Rauchwolken. Schmerzensschreie. Tumult. Die Pferde bäumen sich, rasen die leer gewordene Straße hinab. Sie ziehen keinen Wagen mehr. Die Trümmer des Wagens sind in alle Winde verstreut.
Ein Bombenattentat. Der Ministerpräsident ist tot. Viele seiner Gehilfen liegen im Blut. Von den Tätern fehlt jede Spur.
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In Moskau. Der Chef der Polizei lustwandelt in seinem großen Garten. Es ist ein schöner Tag. Die Bäume sind grün, die Vögel singen. Der Polizeichef lächelt. Die Stadt ist ruhig, der Aufstand vorüber. Ein paar Dutzend sind aufgeknüpft, ein paar Salven haben das Volk zur guten Gesinnung zurückgebracht. Die Gefängnisse sind überfüllt. Aber die Stadt ist ruhig. Der Polizeichef hat alle Ursache, zufrieden zu sein.
Ein schlanker Mann in der Uniform eines Polizeileutnants kommt rasch den Kiesweg herauf. Er ist blaß und hat langes schwarzes Haar. In strammer Haltung steht er vor dem Gewaltigen, die Hand am Mützenschirm.
„Was gibt’s?“ fragt dieser.
„Das hier!“
Schnell fährt die Rechte zwischen die Knöpfe des Waffenrocks. Ein Schuß verhallt im Park. Ein paar Vögel flattern erschreckt auf. Die andern singen weiter.
Der blasse Mensch verläßt ruhig den Garten. Niemand hält ihn auf. Er kommt vom Rapport.
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In Odessa. Auf dem Dachboden eines Hauses kauert ein Mann in gespannter Erwartung. Er ist von untersetzter Gestalt, hat einen verwilderten Bart und tranige Stiefel. In der Rechten hält er ein doppelläufiges Gewehr. Starr äugt er durch die Dachluke hinab in den Gefängnishof jenseit der Straße, der von niedrigeren alten Gebäuden umschlossen ist. Der Gefängnishof ist nicht leer. Ein Galgen ragt dort in die stille Morgenluft. Der Henker macht die Schlinge zurecht. Es schlägt sechs Uhr. Trommelwirbel grollt auf. Die Tür in den Hof öffnet sich. Der Verurteilte wird herausgeführt. Er ist schlank und blaß, das Haar ist abgeschoren, der Hals entblößt.
Einen Augenblick arbeitet es heftig im Gesicht des Wartenden. Ein kurzes Schluchzen erschüttert ihn. Aber er beißt die Zähne in die Unterlippe, hebt die Flinte. Sein Arm zittert. Nur einige Sekunden. Dann ist er ganz ruhig.
Die erste Kugel bewahrt den Freund vor einem schimpflichen Tod. Die zweite gilt dem Leiter der Hinrichtung. Auch sie geht nicht fehl.
Unten entsteht eine Panik. „Man hat geschossen! Die Juden haben geschossen!“ schreit einer. Und das ist das Signal zum Gemetzel.
Wie losgelassene Bestien stürmen die Kosaken in die Häuser, erschlagen die Männer, hauen die Kinder in Stücke, vergewaltigen die jungen Judenweiber. Ein Pogrom.
Der Mann auf dem Dachboden hat sich durch die Luke gezwängt, flieht über mehrere Dächer, entkommt unbehelligt.
Vor der Stadt, in einem Dickicht, sitzt er, hat das Gesicht in die Hände vergraben, weint, stöhnt und winselt. Es ist Nacht geworden. Da erhebt er sich und trottet mit tief hängendem Kopf durch die weiten, öden Steppenflächen gegen Norden. Unter dem Lodenrock klirrt manchmal ganz leise ein Beil gegen die Gürtelschnalle.