15.

Im Gefängnis erfuhr Fritz den Tod seines Freundes Heinz Wart. Die näheren Umstände blieben ihm unbekannt. Die wußten nur jene, die dabei gewesen. Und die verrieten nichts.

Trotzdem er das tragische Geschick des Freundes vorausgesehen, brachte es ihn jetzt, da es sich erfüllt hatte, doch um allen Lebensmut.

Zwischen den grauen Wänden der Kerkerzelle saß er reglos auf der Pritsche, die Ellbogen auf die Schenkel gelegt, und starrte in den schmutzigen Bretterboden. Schaben krochen ihm über die Füße, eine Maus steckte den spitzigen Kopf aus ihrem Loch und piepte. Er achtete nicht darauf, rührte sich nicht und hob auch nicht die Stirn, wenn der Aufseher den Schieber vom vergitterten Guckloch zurückschob und den schweigsamen Häftling mit kritischen Blicken beobachtete. Und in den Nächten lag er schlaflos, stierte mit brennenden Augen in die Finsternis, fühlte, wie die Einsamkeit ihn würgte. So trieb er es wochenlang, ließ die Tage vorübergehen und zählte sie nicht, wußte nicht die Stunden, die da neben ihm wegtropften, wußte nicht, ob die Sonne schien, ob Regen fiel oder Schnee über der Erde lag und die Zeit war wie eine große grenzenlose Wüste. Kolben kam und wollte mit ihm sprechen. Er weigerte die Unterredung, antwortete auch dem Kerkermeister nicht, aß kaum das Notwendigste, dachte an nichts und empfand weder Schmerz noch Sehnsucht — nur Leere, entsetzliche Leere. So lebte er hin, und es war eigentlich nicht Leben, war nur ein triebhaftes Hinvegetieren in einer halben Betäubung.

Allmählich aber, im Wandern der Monate, unter dem Einwirken der Stille, der klingenden Ruhe um ihn her, löste sich doch endlich die starre Spannung. Die Stumpfheit wich. Unablässig bohrend, heftig und heftiger setzte das quälende Gedenken wieder ein, daß der Freund gestorben und daß dieses Sterben zwecklos gewesen sei.

Wie konnte das möglich werden? Wo lag die Ursache dieser stets wiederkehrenden Erscheinung, daß Tausende und Tausende immer aufs neue ihr Leben in die Schanze schlagen mußten im unstillbaren Drang, den Millionen zu helfen, die von wenigen Machthabern kaltblütig und grausam niedergehalten wurden? Drüben in Rußland bluteten die Massen, wurden von Soldatenhorden niedergeritten, gefoltert, zusammengehauen, reihenweise erschossen. Hüben jubelten sie dem errungenen Wahlrecht zu, priesen sich glücklich, jauchzten im Siegestaumel. Hier wie dort hing die Erfüllung ihres Wunsches an einem Federzug des Herrschers. Und der eine verweigerte ebenso kalt und starr, was der andere gütig gewährte. Wo war das Recht? Nach welcher Formel konnte die Willkür des einen gerechtfertigt und die Gnade des andern auf eine gesetzmäßige Grundlage gebracht werden? Durfte es überhaupt Willkür und Gnade geben? Wo war Sinn und Logik in diesem Widerstreit? Und wer trug die Schuld, daß Männer wie Karus nicht nur möglich waren, sondern im Recht? Zum mindesten so weit im Recht, daß sie so gut wie er und andere als Bekämpfer einer Krankheit auftreten und ihre Mittel als die einzig sicheren rühmen konnten? Wo lag überhaupt der Herd dieser Krankheit? Woher das Elend, die Armut, die ewige Unzufriedenheit? Und mußte denn das immer und ewig so bleiben?

Die Lehren Proudhons kamen ihm in den Sinn, die Versuche Robert Owens, und trotz ihres Mißlingens glaubte er hier eine Spur zu finden.

Wenn man den Kommunismus mit der bestehenden Ordnung verknüpfen könnte ... Etwa so, daß je ein Unternehmen allen dabei Beschäftigten gemeinsam gehörte, die Gewinnanteile aber verschieden wären je nach dem Maß der Arbeitsleistung ...

Immer tiefer wühlte er sich in diese Gedanken hinein. Und je mehr er grübelte, desto möglicher und erreichbarer schien ihm eine solche Lösung. Heller wurde die Fernsicht, näher rückte das Ziel. Und endlich stand es vor ihm, zum Greifen nah, in scharfer Klarheit. So mußte es gehen. Und da überkam es ihn mit schöner Zuversicht: Sprich es aus, sag’ es getrost aller Welt! Sie müssen dich hören.

Ein wunderbares Kraftgefühl durchströmte ihn. Lebendig pochten alle Pulse, alle Gedanken drängten sich und schossen zusammen wie Kristalle in einer übersättigten Lösung. Und während Woche um Woche verrann, Monat an Monat sich reihte, arbeitete in der kahlen Kerkerzelle rastlos sein Geist, trug Block zu Block und Stein zu Stein. Lückenlos fügte sich alles, wurde groß und wuchs empor zu einem gewaltigen Bau, der ein Totenmal werden sollte für den Freund und eine Vorhalle zum künftigen Tempel der neuen Werte.


[Viertes Buch]