2.

Pichler hatte sich für die Juristerei entschieden, während Hellwig nicht so ohne weiters schlüssig werden konnte. Zwar segelte er vorläufig ebenfalls unter der Flagge der Rechtsgelehrsamkeit, besuchte indes auch zahlreiche philosophische und naturwissenschaftliche Vorlesungen und wollte sich erst nach dem ersten Semester endgültig entscheiden.

Bald sah er ein, daß er sich mit dem römischen Recht nie werde befreunden können. Die nüchterne Sachlichkeit desselben lief seinem nachdenklichen Wesen schnurstracks zuwider. Er begann das Kolleg zu schwänzen, saß während der so gewonnenen Zeit lieber in der Universitätsbibliothek. Gedrängt durch die Fülle der Erinnerungen, die sich ernst und eindringlich allerorten in der Stadt aufzeigten, begann er hier ein eifriges Geschichtsstudium und bemühte sich außerdem einen Überblick zu gewinnen über die Entwicklung der Kulturen und über die Verfassungen der Völker. Auch an den Nachmittagen verweilte er gern in dem hohen, wölbigen Saal, wo es so flüsternd leise herging, die Diener mit schweren Bücherpäcken nur auf den Zehen hinter den Stuhlreihen umherschlichen und über vergilbte Schmöker gebeugt, junge und alte Leute emsig lasen oder Auszüge machten. Das Rascheln der starken Pergamentblätter, das Knistern des Papiers und das Gekritzel der Bleistifte gab eine gute, zu geistiger Sammlung ladende Melodie. Im Flug vergingen ihm die Stunden, und nach seiner Meinung gewöhnlich viel zu früh stand der Diener hinter ihm mit der höflich-leisen Einladung, Schluß zu machen, weil gleich gesperrt würde. Wohl entlieh er sich auch Bücher und trug sie in seine Wohnung. Aber dort war abends an ein ernstes Arbeiten nicht zu denken.

Nebenan in der großen Stube fand sich täglich die geräuschvolle Quodlibetpartie zusammen. Pichler war jetzt einer der fleißigsten dabei, denn er hatte dem Spiel Geschmack abgewonnen und pflegte es mit dem gleichen geschäftsmäßigen Eifer, den er tagsüber auf sein Studium verwendete. Aber auch der einsame Bücherwurm im Nebenzimmer blieb nicht unbehelligt. Jede halbe Stunde steckte die Wondra den Kopf zur Tür herein und forderte ihn auf, mit ihnen lustig zu sein. Oder es erschien der Philosoph und erlaubte sich eine spezielle Blume. Und wenn Karg zu Hause war, kam er ebenfalls und wich nicht, bis Hellwig endlich aufstand und sich den fröhlichen Zechern zugesellte. Dann bemühte sich Karg so gewinnend als möglich zu sein. Denn die zwei strammen Neuberger gefielen und schienen ihm der Fuchsenehre würdig bei der Landsmannschaft Herminonia, der er selbst angehörte. Grün-weiß-rot waren die Farben, unentwegt und immerdar judenrein, arisch-deutsch die Mitglieder, gewaltig ihre Leistungen im Vertilgen des bräunlichen Gerstensaftes, und mit neidvoller Bewunderung erzählte man sich in den anderen Verbindungen von den ungezählten Halben, die auf den Herminonenkneipen die schwitzenden Kellner herbeischaffen mußten.

Dieserhalb, nicht minder aber wegen ihrer geradlinigen Ehrlichkeit war das Ansehen der Herminonen unter der farbentragenden Studentenschaft groß. Sie wußten es sich aber auch zu erhalten durch die immer bereite Kühnheit, mit der sie auf dem Paukboden standen, wo sie dann die scharfen Klingen ebenso geschickt und flink handhabten, wie sie bei den Hochschülerkränzchen plump und ungelenk das Tanzbein schwangen, mit der gleichen Seelenruhe dort furchtbare Rückschneidquarten in die Gesichter der Gegner, hier nicht minder gefürchtete Tritte auf die Zehen der Tänzerinnen austeilend.

Den unablässigen Werbungen des Mediziners glückte es endlich, seine beiden Stubennachbarn zur Teilnahme an der Eröffnungskneipe zu bewegen. Pichler tat es gern mit der frohen Aussicht auf eine vergnügliche Unterhaltung, während Hellwig mitging, um sich die Geschichte einmal anzusehen und aus eigener Anschauung eine Sache kennenzulernen, deren Lob ihm seit der Gymnasialzeit in die Ohren tönte.

Wie alte Bekannte wurden sie aufgenommen, trafen hier auch einige, mit denen sie gemeinsam die Schulbank in Neuberg gedrückt hatten, schon in junger Fuchsenherrlichkeit mit Kappe und Band und im Vollgefühl ihrer neuen Würde. Einer war darunter, der hatte noch kaum vor Jahresfrist in der Geschichtsstunde behauptet, daß sein Vaterland eine absolutistische Verfassung habe. Jetzt aber redete er von der Notwendigkeit der Sonderstellung Galiziens, von der deutschen Staatssprache und von der Einsicht, die Bismarck mit der Gründung des Norddeutschen Bundes unter Ausschluß Österreichs an den Tag gelegt, redete noch von vielen anderen Dingen, als hätte er selbst sie gemacht und alle hohe Staatswissenschaft in der Westentasche. Und ein anderer war da, Karl Deimling, schon ein alter Knabe, der redete beinah überhaupt nichts, sondern trank nur immerzu, und wenn er sonst noch die Lippen voneinander tat, war es zum Singen eines rauhen Trinkliedes oder zu einer knappen Bemerkung, die mit harter Grobheit wie eine Panzergranate einschlug. Doch war er ein zuverlässiger Kamerad, treu wie ein Bulldogg, und kannte kein anderes Ideal, als die Farben der Herminonen untadelig blank zu halten vor Feind und Freund. Schon manchen Fuchs hatte er gedrillt. Ja fast alle, die jetzt als Burschen an der oberen Tafel saßen, waren einst mit sprossenden Bärten und den ungelenken Bewegungen junger großer Tiere unter seine Fuchtel gekommen. Prachtkerle waren darunter aufgestanden, sehnige Gestalten mit blutroten Narben in den energischen Gesichtern, mit Augen, die in einem selbstverständlichen Mut kühl und beinah schwermütig darein blickten, und mit einer geflissentlich zur Schau getragenen Kaltblütigkeit, die sie älter und reifer erscheinen ließ. Doch wenn sie ganz unter sich waren, dann warfen sie diese Würde wie einen lästigen Mantel ab, schäumten auf und brausten in zweckloser Lebensfreudigkeit, wurden übermütig wie Füllen, ausgelassen wie Kinder nach dem Gottesdienst. Hellwig aber begriff weder die Notwendigkeit jenes gemessenen Gehabens, noch hatte er Verständnis für die harmlose Freude an Unsinn, Kinderei und Ulk. Er konnte nicht mit dem Leben spielen, hatte sich auf jede Sache noch immer mit der ganzen Wucht seiner schweren Gründlichkeit geworfen und kannte die Freude des Schwimmers nicht, der im Ringen mit hoch gehenden Wogen seine überschüssige Muskelkraft um ihrer selbst willen vergeudet.

Feierlich wurde die Kneipe eröffnet, weihevoller Sang ertönte zum Preise der Freiheit und des Deutschtums. Sehr anständig und förmlich ging es zu, bis unten an der Fuchsentafel ein lustiges Trinklied aufklang: „Sa, sa, geschmauset, laßt uns nicht rappelköpfisch sein!“

Da war das Eis gebrochen. Ein scharfes Zechen hob an, Blumen wurden zugetrunken, Bierjungen gebrummt, Übermütige zum Einsteigen verdonnert. Karg als Fuchsmajor hielt scharfes Regiment. Er ließ seine Füchse strafweise trinken, daß sie anschwollen wie Schwämme im Wasser. Das kleinere der Trinkhörner begann zu kreisen. Staunend sah Hellwig, wie mit Ausnahme der allerjüngsten jeder das erzbeschlagene Gefäß in einem Zuge leerte, ohne Atem zu holen, ohne zu verschütten oder zu ‚bluten‘. Die Pfeifen qualmten, eine dicke Wolke Tabakdampf umschleierte die Gasflammen, drückend heiß wurde es. Der Schläger des Erstchargierten fiel immer öfter dröhnend auf die Tischplatte: „Silentium!“ — „Silentium!“ donnerte gleichzeitig Karg seinen Füchsen zu.

Wieder stieg ein ernster Cantus. Aber der klang nur so, wie in der Kirche das Meßlied: pflichtgemäß, korrekt, ohne Wärme.

„Cantus ex! Colloquium!“

„Heil dem Cantus!“

„Verflucht, sind die Füchse ledern!“ rief da der schweigsame Deimling. „Liefert endlich einen Ulk! Oder ich lass’ euch spinnen, daß ihr Schusterbuben kotzt!“

Nun sammelte Karg seine Knappen, beriet sich flüsternd mit ihnen, und die ganze Fuchsentafel zog ins Nebenzimmer. Auch Pichler ging mit, der sich rasch hineingefunden hatte und, leicht beschwipst, alles im rosigsten Licht sah. Nach einer Weile kamen sie mit brennenden Kerzen zurück. Der Fuchsmajor rückte einen runden Tisch von der Wand, stellte einen Stuhl darauf und ließ sich dort oben nieder. Die Füchse aber umkreisten ihn und sangen:

„Jessas, a Ringelg’spiel

Is a Hetz und kost’ net viel.

Alles draht sich um und um,

Tschindarassa bumbumbum!“

Immer schneller sangen sie und immer rascher bewegten sie sich in der Runde, erst auf dem Fußboden, dann von Stuhl zu Stuhl, endlich auf dem Tisch, so viel ihrer Platz hatten. Das Singen wurde Gebrüll, das Getrappel Staub aufwirbelndes Stampfen, der Boden schwankte, die Gläser klirrten, bis endlich mit einem Huronengeheul die Darsteller insgesamt in die Knie sanken, teils auf den Dielen, teils auf den Sesseln und auf dem Tisch, sich mit hoch gehaltenen Lichtern zu einer Art Schlußgruppe um den Fuchsmajor vereinigend, der die Arme an den Leib gedrückt, die Hände auf den Schenkeln wie ein ägyptischer König auf seinem Sitz hockte.

Da sauste plötzlich ein faustgroßer Stein durch eine splitternde Fensterscheibe, klatschte gegen die Wand und fiel polternd nieder, indes der Mörtel langsam nachrieselte. Ungestüm sprangen die Füchse auf, aber schon rief Karg, vom Tisch herabspringend, sein donnerndes: „Silentium!“ Da mußten sie bleiben. Die Burschen bewahrten eisige Gelassenheit.

„Der Esel von Kellner hat wieder einmal nicht zugemacht!“ sagte Deimling, stand auf und trat an das zerbrochene Fenster, um die Läden zu schließen. Gejohl schallte von der Gasse, ein zweiter Stein flog knapp an seinem Kopf vorbei. „Nur keine Aufregung!“ brummte das alte Semester, unerschüttert ruhig mit dem widerspenstigen Rolladen beschäftigt. Der Erstchargierte, stud. med. Braun, ein breitschultriger Hüne aus dem Egerland, hatte inzwischen das andere Fenster verwahrt. „Sehen Sie,“ wandte er sich zu den Gästen, „die edlen Söhne der Libuscha heißen uns auf ihre Art willkommen. Geschieht öfters so, man gewöhnt sich daran! — Aufgepaßt, Füchse!“ fuhr er mit scharfer Kommandostimme fort. „Bei solchen Sachen ist die erste Pflicht: ruhig bleiben! Nicht mit der Wimper zucken! Sonst ist der Krawall fertig! Schreibt euch das hinter die Ohren! Und nun steigt: ‚Die Wacht am Rhein‘. Cantor, incipias!“

„Es braust ein Ruf wie Donnerhall!“ stimmte der Sangwart an, alle fielen ein, und diesmal wehte wirklich etwas vom Sturmatem der Begeisterung in den frischen Stimmen.

Fritz aber war wärmer geworden. Das sichere Auftreten der jungen Leute, ihre kalte Geistesgegenwart und die musterhafte Zucht, mit der sie hinter sorgenlosem Leichtsinn und behaglicher Fröhlichkeit versteckt, einen zähen Kampf um ihre Muttersprache führten, das alles zwang ihm, der nicht ihre Ansichten teilte, Achtung ab, weil hier ein ehrliches Wollen zu spüren war. Er wurde gesprächiger, taute auf und weil sich, hierdurch angeregt, auch jene freier gaben, geschah es, daß er in ein ganz leidliches Verhältnis zu ihnen kam. Er blieb bis zum Schluß in der Kneipe und als beschlossen wurde, noch ein Kaffeehaus aufzusuchen, ging er ebenfalls mit.

Je drei oder vier in einer Reihe, zogen sie geräuschvoll durch die spärlich erhellte Gasse zum Wenzelsplatz. Die Nacht war bereits ziemlich vorgerückt, in den Straßen bewegten sich nur vereinzelte Schwärmer. Unerwartet aber brach mit großem Getöse aus einem Nebengäßchen ein Trupp meist jüngerer Leute. Sie hatten schwarze Samtbaretts schief auf den mähnigen Köpfen, schwangen drohend dicke Stöcke und gebärdeten sich ohne ersichtlichen Grund sehr aufgeregt und wild. Es waren die Mützen der deutschen Studenten, die das tschechische Jungvolk derart in Zorn brachten. Denn in ihm war die Unduldsamkeit eines kleinen Stammes, der rings von einem großen umklammert, eifersüchtig seinen Besitzstand wahrt, in jedem Farbenbändlein des Feindes eine Gefahr für sich erblickend. Worte wie Provokation und Frechheit fielen, und schon auch zerbrach ein Spazierstock an dem harten Schädel Deimlings. Der schüttelte sich nur wie ein Auerochs, den ein Kieselsteinchen traf, nahm Hellwig, der ihm zunächst schritt, unterm Arm und ging weiter mit finsterer Miene, ohne ein Wort zu sprechen. Auch die andern Herminonen hatten sich zusammengeschlossen, marschierten Schulter an Schulter dicht gedrängt, mit unbewegten Gesichtern, und redeten nicht. Jeder Widerstand, das wußten sie, trieb Wasser auf die Mühlen der Gegner, und schon mehr denn einmal hatte die unbedeutende Verletzung eines Tschechen in einem solchen Raufhandel den Vorwand abgegeben zur Zerstörung deutschen Eigentums, zu Plünderung und Raub. Darum dämmten sie gewaltsam ihren Zorn zurück und zogen Schritt für Schritt gelassen weiter. Voran ging der riesenhafte Braun, mit Schultern und Ellbogen sich den Weg durch die Erregten bahnend, die mit heftigen Gebärden immer wieder herzu drängten und zurückwichen, unschlüssig, ob sie einen ernstlichen Angriff wagen sollten. Ihre lauten Stimmen erfüllten die Gasse, lockten die Gäste aus den Schenken vor die Türen, und mancher schloß sich dem Zuge an. Und jedesmal, wenn einer sich hinzugesellte, wurde ihm, der vordem ganz ruhig sein Schöpplein getrunken, das Gesicht fahl vor Aufregung und in den glitzernden Augen erwachte der Haß. Wie eine elektrische Wolke umhüllte er das lautlose Häuflein der Studenten, und endlich mußte die Entladung erfolgen.

Als der Trupp an einem Neubau vorüberkam, raffte einer blind vor Wut einen Ziegelbrocken, warf und traf einen Herminonen an die Schläfe. Der ächzte, stolperte nach vorn und wäre hingefallen, wenn ihn nicht seine Bundesbrüder schnell gestützt hätten. Aus einer Fleischwunde floß ihm das Blut über Gesicht und Kleider. Hellwig aber, in dem es schon lang brodelte, war, ehe ihn Deimling zurückhalten konnte, mitten in den dichtesten Knäuel gesprungen, bekam den Werfer zu fassen und schmetterte ihn in aufflackerndem Jähzorn zu Boden. Im Nu war der Wildling zwischen den Tobenden eingekeilt, die mit Fäusten und Stöcken nach ihm hieben, Kragen und Binde von seinem Hals rissen und ihn durch ihre Überzahl arg bedrängten. Er wehrte sich, so gut oder schlecht es ging. Der Hut war ihm vom Haupt geschlagen worden, sein feines Haar flatterte im Luftzug und gab lichten Schein über der gefurchten Stirn, die weiß aus dem Halbdunkel leuchtete, während der übrige Teil des Gesichts darin versank. Von vorn gestoßen, gezerrt von rückwärts, von allen Seiten geknufft, geschoben und gequetscht, mußte er sich darauf beschränken, die Hiebe mit emporgehobenen Armen von seinem Kopfe abzuwehren, und es wäre ihm übel ergangen, wenn nicht Deimling und Braun zu Hilfe gekommen wären. Den Kopf zwischen die Schultern gezogen und die vorgehaltenen Fäuste wie Rammböcke brauchend, brachen sie sich, ostfränkische Bauernsöhne, unwiderstehlich Bahn und stellten sich kampfgewärtig um den Bedrängten.

Nun aber eilten Wachleute herbei und trennten die Streitenden. Die Tschechen wurden in die Gasse zurückgedrängt, die Hochschüler unter polizeilichem Schutz zum Kaffeehaus geleitet und dem Portier überantwortet, der sofort die Tore hinter ihnen schließen mußte.