3.

Der junge Mensch, den Fritz aufs Pflaster geschleudert, hatte zwar nicht gefährliche, aber immerhin ernstlichere Verletzungen davongetragen. Wie Hühner auf gestreuten Weizen, stürzten sich Zeitungsleute auf den Vorfall und schon die tschechischen Mittagsblätter brachten spaltenlange Berichte. Scheinbar ruhig und sachlich gehalten, wirkten sie durch Unterdrückung oder einseitige Beleuchtung einer Tatsache besser als die schärfsten Brandartikel und verfehlten in ihrer geschickten Fassung die beabsichtigte Wirkung nicht.

Leidenschaftlich erregte Volksmassen sammelten sich und zogen singend durch die Straßen. Auf dem Graben, der sonst nach stillschweigendem Übereinkommen den Deutschen zum Abendbummel überlassen blieb, zog in geschlossenen Reihen die slawische Jungmannschaft auf, Jünglinge und Mädchen mit rot-weiß-blauen Bändern und Schleifen streiften umher und umringten die deutschen Burschenschaftler mit wüstem Geschrei. Langsam anschwellend rollte es die Straße entlang, brandete an den Häusern empor, ebbte ab und schwoll zurückkehrend wieder an, murrte, tobte, donnerte ohne Aufhören hinab und hinauf, von einem Menschenschwarm dem andern zugeworfen, bald dumpf am Boden hinrollend, bald schrill in die schwere, nebelfeuchte Abendluft flatternd, die es sogleich wieder niederdrückte und am Boden festhielt.

Mit gelben Höfen leuchteten die Straßenlampen nur verschwommen in der Dämmerung. Gleich schwarzen Käfern hasteten die Menschen durcheinander, und wo eine Studentenkappe sichtbar wurde, entstand ein heftigerer Wirbel in den wimmelnden Massen, stürzten alle ungestüm herzu, fluchend, gestikulierend und aufs heftigste erbittert.

Hellwig ging mit Braun und Deimling im Zuge der Herminonen. Pichler war verschwunden. Als der tolle Lärm losbrach, hatte er sich sacht davongestohlen. So stumm und kleinlaut, wie er vordem auf dem Weg von der Kneipe zum Bummel keck und prahlerisch einem entschiedenen Widerstand das Wort gesprochen, war er über die Straße und durch die nächste Seitengasse heimgegangen.

Das Gewühl wurde immer stärker und schon lieferte man sich da und dort kleine Scharmützel. Aber sie waren nur rasch und kurz, als sollten vorerst die Kräfte geprüft und ausgekundschaftet werden, wie weit der Gegner zu gehen entschlossen sei. Da fiel es plötzlich einem verwegenen Häuflein von sieben rotbemützten Teutonen ein, die Wacht am Rhein anzustimmen. Gewaltig sangen sie mit ihren schweren Bässen das deutsche Wehr- und Trutzlied in das einförmige Gejohl.

„Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!“ Weiter kamen sie nicht. Wie losgelassene wilde Tiere stürzten sich die Tschechen auf die unbedachten Heißsporne. „Mažte ji! Haut sie!“ brüllten die Jünglinge mit der slawischen Trikolore, und manches zarte Mädchen bearbeitete mit dem Regenschirmchen die Köpfe der Sänger, bis das luftige Dach in Fetzen am geknickten Stäbchen flatterte.

Aber auch die andern Hochschüler mußten die Unbesonnenheit der sieben Kampfhähne entgelten. Eine Sturzwelle, warf sich die entfesselte Wut gegen die Deutschen und brachte sie nun wirklich in ernste Gefahr. Berittene Schutzleute sprengten in die Menge. Sie vermochten nichts gegen die wache Leidenschaft. Die arg bedrohten Deutschen flüchteten in die Fluren der Häuser. Aber mancher Hausbesorger weigerte ihnen auch diese Zuflucht und trieb sie wieder auf die Gasse, wo die ergrimmten Slawen neuerdings über sie herfielen. Die Geschäftsleute hatten ihre Läden schon früher geschlossen. Nun beeilten sich auch die Wirte und Kaffeesieder, ihre Spiegelscheiben zu verwahren, denn bereits waren viele eingedrückt und zertrümmert.

Vor dem deutschen Vereinshaus war das Gedränge am ärgsten. Den meisten Studenten war es nach hartem Strauß gelungen, sich dorthin zurückzuziehen. Die Menge aber schickte sich allen Ernstes an, das Gebäude zu stürmen. Schon splitterte das Holz an den Fensterläden, wurden die Torflügel bedrohlich locker, als eine Schar Dragoner heransprengte, die im Verein mit einigen Abteilungen Fußvolk die Volksmassen ziemlich rasch in die Seitenstraßen abdrängten.

Aber während am Graben das militärische Lagerleben sich entfaltete, während die angepflockten Pferde mit gesenkten Köpfen schlafend neben Sattelzeug und Pyramiden von Gewehren standen, während die Posten auf und nieder schritten, umsummt von den leisen Gesprächen der ruhenden Mannschaft, — ein Säbel klirrte, ein Pferd schüttelte sich und wieherte leise, still und dunkel standen die Häuser, — währenddessen rotteten sich in den Vororten die Vertriebenen wieder zusammen, und von den immer bereiten Scharen arbeitsscheuer Halunken unterstützt, nahmen sie Rache dafür, daß man sie in der Wahrung ihrer vermeintlichen Rechte mit Waffengewalt gehindert hatte.

Deutsche Firmenschilder wurden von den Häusern gerissen, die Geschäfte aufgebrochen, die Vorräte auf die Gasse geschleppt, vernichtet, geraubt. Und die Steine flogen in die Säle deutscher Bildungsstätten und wissenschaftlicher Anstalten, flogen in die Spitäler bis zu den Betten der wehrlosen Kranken, verbreiteten Schrecken und Angst in den Räumen, die das tiefste Menschenelend umschlossen, vermehrten die Leiden der Schwerkranken und warfen halb Genesene in neues Siechtum.

Die ganze Nacht dauerten die Überfälle. Sie waren so ausgezeichnet ins Werk gesetzt, daß der Pöbel, dem ein Heer von Spähern zur Verfügung stand, seine Arbeit regelmäßig gründlich abgetan und sich aus dem Staub gemacht hatte, wenn endlich die Hüter der öffentlichen Ordnung auftauchten. Auch der nächste Morgen brachte keine Ernüchterung. Posten lauerten bei verdächtigen Häusern, stürzten sich auf jeden, der heraustrat und mißhandelten ihn, wenn er als Deutscher erkannt wurde. Und wo noch ein unbewachtes deutsches Kauflädchen zu finden war, wurde es aufgesprengt und ausgeplündert. Die Behörden waren unentschlossen, zauderten und fürchteten sich vor den möglichen Folgen energischer Maßregeln.

So verging auch dieser Tag und noch eine Nacht unter fortwährendem Tumult. Während der ganzen Zeit durften die Studenten das deutsche Vereinshaus nicht verlassen. Ein starker Militärkordon bewachte sie, aber heraus ließ man niemanden, der nicht einen unauffälligen Hut vorweisen konnte. Denn man wollte vermeiden, daß durch den Anblick der bunten Mützen die Menge von neuem gereizt und zu einem Angriff gegen die Truppen verleitet werde.

In diesen Tagen höchster Bedrängnis wurde wieder einmal eine deutsche Eintracht geboren. Mit pomphaften Worten und tausend Vorbehalten erklärten sich die radikalen Fraktionen bereit, ihre gegen Judentum und Liberalismus geschliffenen Streitäxte bis zur Wiederkehr besserer Zeiten zu vergraben. Mit weitschweifigen Debatten und großen Reden ging ein kleines Geschlecht daran, das neugeborene Zufallskind eines großen Augenblicks auf die Taufe zu heben.

Nun war da unter den Freisinnigen ein Hochschulprofessor, der in seiner stillen Gelehrtenstube ein fleißiges Arbeitsleben führte, in bescheidener Zurückgezogenheit seiner Wissenschaft lebte und von vielen übersehen oder wenig beachtet wurde, weil er jedem Hervortreten fast ängstlich auswich. Um so größeren Eindruck machte es, als er sich jetzt unter dem Zwang einer ehrlichen Entrüstung zur ganzen Höhe seiner hageren Gestalt erhob und die Erregung hinter einer trockenen Knappheit bergend, mit dürren Worten darlegte, was nach seiner Ansicht zur Abwehr weiterer Drangsal und zur Sühne der erlittenen Unbilden fürs erste zu geschehen habe. Über seine Anregung wurde an den Ministerpräsidenten ein Telegramm abgesendet, worin der kalte Stolz gekränkten Rechts sofortige Abhilfe forderte, wenn es nicht zur Selbsthilfe kommen sollte. Dann begab sich eine Abordnung zum Statthalter und verlangte Schutz und entschiedenes Eingreifen.

Jetzt endlich wurde der Belagerungszustand über die aufgestörte Stadt verhängt und binnen kurzer Frist eine halbwegs erträgliche Ordnung hergestellt.

Durch diese Ereignisse wurde Fritz gegen Wunsch und Absicht in den Wirbel der nationalen Bewegung mit hineingerissen. Seine zupackende Handgreiflichkeit gegen den Ziegelwerfer hatte ihn bekannt gemacht. Er wurde als Vertreter der Finkenschaft in die Abordnung gewählt, und da es den Kampf gegen eine Ungerechtigkeit galt, sagte er nicht nein. Die vollwertige Persönlichkeit jenes Universitätsprofessors aber nahm ihn rasch gefangen, war mit ihrer ehrlichen Begeisterung und Besonnenheit ganz darnach angetan, den unberatenen Jüngling in der Ansicht zu bestärken, daß hier um ein Menschengut gekämpft werde, das auch tüchtigen und reifen Männern kostbar sei. Darum legte er sich unbesinnlich mit voller Kraft ins Zeug und gab sein Bestes her, um den überkommenen Auftrag ehrenvoll zu bestehen und dem Volke, dem er angehörte, nützlich zu sein, soweit er das als halbfertiger und unerfahrener Schüler vermochte. Doch fand er trotz allem in dieser Tätigkeit keine volle Befriedigung, spürte vielmehr ein vages Unbehagen, ohne die Quelle zu kennen, aus der es floß.