2.

Es war in den letzten Tagen des Mai, als Hellwig aus der Strafanstalt in die Hauptstadt zurückkehrte. Dort hielt er sich jedoch nur gerade so lang auf, als er benötigte, um den Rucksack zu packen und sich einen einjährigen Urlaub zu erwirken. Innerhalb dieser Zeit hoffte er mit seinem Werke fertig zu werden. Über Plan, Aufbau und Einteilung war er sich klar, brauchte nun für die Ausführung ganz freie Bahn. Seine Ersparnisse ermöglichten ihm die Unterbrechung.

Als er dann noch die Wohnung gekündigt und seine Habseligkeiten nach Neuberg vorausgesendet hatte, machte er sich ungesäumt auf die Wanderung. Er wollte den Weg in die Heimat zu Fuß zurücklegen. Denn wie ein Rausch hatte es ihn angepackt, als er nach der langen Haft wieder Felder erblickte, grüne Fluren, Wälder, Berge, die runde hohe Himmelsglocke über der blumigen Erde.

Auf einsamen Steigen und Fußwegen ging er, ging über die Kämme und durch die engen Gebirgstäler Oberösterreichs zum Böhmerwald hinüber und durch die düsteren, waldreichen Gebirgsmassen nordwärts, ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen, den Wind um die Ohren blasen, vom Regen die Stirn kühlen und ging nur immerzu, atmete, schaute und drängte sich an die Brust der Erde wie ein hungriges Kind. Selten nur machte er in einem Wirtshaus Rast, übernachtete oft im Freien. Bei schlechtem Wetter bat er in Dörfern oder Einschichten um Unterkunft, mit den Bauern teilte er Roggenbrot und Milch.

Zehn Tage wanderte er so durch den werdenden Sommer. Seine Wangen wurden rot, sein Gesicht vom Wetter gebräunt. Der Stickluft des Kerkers entronnen, dehnten sich die Lungen, badete sich der Körper in dem herben Ozon, wurde leicht und frisch und aller Mühsal ledig, wie ein junger Krieger, der sich zu frohem Kampfe rüstet.

Und am elften Tag, da schritt er mit dem erwachenden Morgen seiner Vaterstadt zu. Die Sonnenpfeile hatten Wunden geöffnet im Leib der Nacht, und sie verblutete langsam. Langsam stieg die Sonne herauf, und über den Hügeln war ein Leuchten wie rotes Gold. Der Morgenwind hatte schon ausgeschlafen, weckte die Waldsänger und läutete mit allen Blütenglocken. Tautropfen hingen an den Blättern, die Lerchen flogen jubelnd der Sonne entgegen, und eine große Frische war überall. Und die Sonne stieg höher und höher.

Mit einem wilden Schrei breitete er beide Arme aus, weit, weit —

Vor ihm, tief unten im Tal, lag seine Vaterstadt. Der schlanke Kirchturm mit dem eisernen Kreuz, die roten Ziegeldächer, in grüne Gärten eingebettet, von runden Obstbäumen bewacht, umdrängt von gelben Ährenfeldern, die dem Herbst entgegenreiften an der treuen Mutterbrust. Zwischen Weiden und Erlen schlang der Fluß sein stahlglänzendes Band durch die Wiesen und unter Mühlenrädern fort. Und die Mühlenräder drehten sich und rollten, und von ihren Schaufeln fiel ein funkelnder Regen von Edelsteinen.

Unter dem breit schattenden Blätterdach der hohen Linde, die, ein Wahrzeichen seit Jahrhunderten, auf dem Hügel stand, ruhte der Heimgekehrte und blickte in das leuchtende Tal hinab, wo tausend Erinnerungen mit frohen Augen ihm entgegen schauten, mit weißen Kinderhänden winkten, die Arme verlangend nach ihm streckten. Und seine Jugend kam leise zu ihm her, legte das blonde Haupt in seinen Schoß und lächelte ihm zu. Und ruhiger schlug ihm das aufgeregte Herz, sachter wurde die Freude. Eine sanfte Wehmut klang hinein, unbestimmt, fernher, wie ein weicher Mollakkord. Und ein wunschlos träumendes Gefühl des Geborgenseins umfaßte ganz warm seine Seele, und sie ruhte darin und bebte wie ein aus dem Nest gefallener Vogel zwischen zwei helfenden Menschenhänden.

Lang saß er so mit gelösten Gliedern und schaute und konnte sich nicht satt sehen an der ruhevollen Schönheit seiner Heimat. Über dem blühenden Wipfel hing der Himmel hell und unbewegt wie ein seidenes Fahnentuch und leise summten die Bienen ihr süßes Lied.

Und nach den starken Fußmärschen der letzten Tage, dem kurzen Schlaf auf unbequemen Lagern, den Aufregungen der Stunde forderte der Körper sein Recht. Wohliges Ermatten wiegte ihn ein, die Lider wurden ihm schwer. Er streckte sich lang aus im leicht bewegten Gras, sah durch das helle Wipfelgrün in den blauen Himmel hinein und ließ sich willenlos hinübertragen in das uferlose Meer der Träume.

Ihm träumte:

Er ging mit Heinz durch einen großen Wald. Der war ausgetrocknet vom Sonnenbrand, und die Zittergräser auf seinem Grunde waren fahl und dürr. Aber die Vögel sangen in seinen Kronen, und unter den Zittergräsern blühten die Blumen. Eine große Schönheit war in diesem Walde, die sonnenheiße Schönheit des reifen Sommers.

Und Heinz sprach: „Wie groß muß erst deine Schönheit sein, du warmer Wald, wenn alle Flammen, die in deinen Stämmen und Gräsern schlummern, mit eins erwachen und emporschlagen in lohender Glut. Wohlan, du warmer Wald! Ich will deine Flammen wecken! Ich will dein Herold sein, dein Befreier und Erlöser!“

Und sie trugen Äste zusammen und dürre Reiser.

Die zündeten sie an.

Bläulich fahl leuchteten Flämmchen auf mit leisem Knistern, verschwanden wieder, tauchten abermals auf, größer, lauter knatternd.

Und weiter und weiter liefen die Flammen.

Und jetzt, wie ein goldrotes Eichhörnchen, sprang ein Flämmlein hinan am honigfarbenen Kiefernstamm.

Und da, und dort — lauter goldrote Eichhörnchen.

Die wuchsen und wuchsen, wurden zu gelben, fauchenden Katzen, samtroten grollenden Leoparden — und jetzt waren es riesige, goldhelle Löwen.

Und die riesigen Löwen begannen ein Ringen und Balgen, zerfleischten, verschlangen einander in rasender Wut. Und die Sieger wurden größer und größer.

Und ein Sausen kam von fern, dumpf und hohl, wie nahender Sturm.

Und ein Sturm brach herein und peitschte die Flammen mit heulender Wucht. Vor, hinter, neben ihnen lohten sie, stiegen sie, schlugen mit gierigen Pranken zum Himmel, verrankten und verwoben sich zu glühenden Wänden, wehten wie leuchtende Flaggentücher, vereinigten sich, himmelan steigend, hoch, hoch oben zu einer einzigen Kuppel von blendendem Glanz. Und eine kochende Hitze war überall.

Sie aber, die beiden schwachen Menschenkinder, standen in diesem weiten Feuerdom, standen darin und fürchteten sich. Fürchteten sich vor der entfesselten Schönheit des Waldes, die sie selbst geweckt hatten. Wollten fliehen und fanden keinen Ausweg.

Enger drängten die Flammenwände herzu, tiefer sank die gewaltige Kuppel.

Und jetzt schlug’s zusammen mit Heulen und Sausen.

Ein Prasseln, Krachen, Brüllen und Funkenstieben.

Und eine Stimme scholl durch das Getöse wie hohnlachender Donner:

„Lernt eure Leidenschaften zügeln und euer Wollen! Euer Wollen war groß — seht zu, ob ihr auch tragen könnt, was ihr gewollt habt!“

Und die Flammen brachen nieder und begruben sie unter ihrem heißen goldenen Mantel. — — —

Fritz erwachte verstört und erschreckt.

Die Sonne stand im Mittag, vor ihm lagen die roten Giebeldächer, und leise summten im blühenden Lindenwipfel die Bienen immerzu ihr süßes Lied.

Aber aus der Landschaft war aller Glanz genommen. Die Freude war tot, die Erinnerungen winkten und die Jugend lächelte nicht mehr.

Traurig und schwer wurde ihm ums Herz. Und doch war eigentlich nicht der Traum daran schuld, sondern der wieder aufgeweckte Gedanke, daß er nun bald der Mutter des toten Freundes werde gegenübertreten müssen. Er dachte an jenen Abend, da sie mit rauschenden Gewändern im Regen neben ihm hergegangen war und dem kranken Kinde einen starken Freund zu werben geglaubt hatte. Alles hatte sie von dieser Freundschaft erhofft — und war nun um alles gekommen.

Und das Haus dort unten stand unverändert da und deckte mit seinen steinernen Mauern gleichmütig das Leid wie einst die Fröhlichkeit zu.

Noch kein Gang war ihm so schwer geworden. Aber er mußte gegangen werden. Langsam stand er auf, schritt langsam über die Lehne ins Tal.

Jetzt stand er vor dem alten Haus, trat ein und wunderte sich, daß der Flur so geräumig und still, der Hof so öde war. Kein Pferdegewieher, kein Aufladerlärm. Nur ein paar Kisten lagen einsam, wie vergessen da.

Mit geschnürtem Atem stieg er die Treppe empor, fand die Tür zum Vorzimmer offen, ging hinein. Er nahm den Rucksack vom Rücken, hing Hut und Wanderstecken an den Kleiderständer, klopfte an die Tür der Wohnstube.

„Herein!“ sagte eine weiche Stimme. Eva stand vor ihm, schlank und blaß, in schwarzen Gewändern.

„Fritz!“ sprach sie leise, kam auf ihn zu und legte ihm die Arme um den Hals. „Wie gut, daß du kommst!“

Wie etwas Selbstverständliches tat sie das, — so, als setzte sie nur ein begonnenes Träumen fort.

Unsicher schaute er auf den blonden Scheitel und wagte kaum zu atmen.

„Ist das wahr?“ fragte er endlich schwer.

Da schrak sie auf, ward sich ihres Tuns erst bewußt. Heftig nahm sie die Arme von seinem Nacken.

Doch er hielt sie fest.

„Nein, Eva, du gehörst schon hierher!“ sagte er mit tiefem Ernst. Und das war wie ein Gelöbnis.

Sie wehrte ihm nicht.

„Ich hab’ dich ja schon lange so lieb!“ stammelte sie wie zur Entschuldigung und schmiegte sich erschauernd fest an ihn.

Da nahm er ihren Kopf zwischen seine beiden Hände, schaute ihr in die feuchten Augen.

„Dank! Dank! Nun wird sich’s leichter tragen.“

Dann war lange Schweigen.

Endlich richtete er sich mit einem Ruck straff auf. Sein Blick verdüsterte sich.

„Komm zur Mutter!“ sagte er.

Sie blickte ihn ängstlich an und fürchtete sich beinah vor seiner finsteren Stirn.

„Komm!“ Sie führte ihn die Treppe hinauf zum Dachzimmer.

„Willst du mich nicht anmelden?“

„Wozu? Mutter weiß, daß du kommen wirst, erwartet dich schon seit Tagen.“

Da legte er die Hand auf die Klinke und stieß die Tür auf.

Frau Hedwig saß beim Schreibtisch ihres toten Sohnes, mit dem Sichten von Briefen und Papieren beschäftigt. Auf ihren Haaren lag ein Schimmer wie von grauer Asche, und in das gütige Antlitz war ein müder Zug gekommen.

Eva schob sich an Fritz vorüber rasch ins Zimmer.

„Er ist da!“ sagte sie und schaute die Mutter mit bittenden Augen an. Die hatte sich schon erhoben, ging auf ihn zu: „Willkommen.“

Sie hielt ihm die Hand hin. Er aber nahm sie nicht.

„Ich komm’ allein!“ murmelte er mit aufeinanderliegenden Zähnen.

Da legte sie ihm mit einem warmen Blick die verschmähte Rechte auf den Arm: „Machen Sie es sich und uns doch nicht gar so schwer!“

„Nicht so gut sein ...“ Das klang rauh, wie ersticktes Schluchzen.

„Fritz!“ sprach nun die Frau herzlich und war ganz nahe bei ihm. „Das dürfen Sie nicht glauben, Fritz. Nein, das nicht ... Unser Heinz, der — hat wohl so sterben müssen. Hat sich für seinen Glauben geopfert und über den Tod mehr gefreut als je im Leben. Drum — es wird wohl das beste Gedenken für ihn sein, wenn wir ihn so verstehen und auf niemanden einen Stein werfen. Auch auf uns selbst nicht, Fritz! Keiner hat schuld an seinem Tod — nicht einmal er selbst. Er hat nur — das allerbeste Glück kennenlernen wollen — und gern ein Leben dafür weggeworfen, das sich anders nicht mehr hat erfüllen können ...“

Ihre Stimme zitterte, aber um den Mund lag etwas wie der Abglanz eines mutigen Lächelns. Und wieder hatte sie den rechten Weg zum Herzen des schwerblütigen Menschen gefunden.

„Es wird schon so sein, Frau Wart,“ sprach er klanglos vor sich hin und stand noch wie geistesabwesend da. Dann aber, im Überquellen einer starken Empfindung, haschte er nach ihren Händen. „Meine zweite Mutter!“ sagte er ganz leise, ganz innig.

Sie verstand ihn gleich.

„Ja, Fritz, Ihre zweite Mutter. Und Sie — mein anderer Heinz. So wird’s wohl recht sein.“

Und sie zog sein Gesicht zu sich nieder und küßte ihn auf die Wange. Dann wandte sie sich an ihre Tochter: „Nun, Ev? Was sagst du zu deinem neuen Bruder? Bist du’s zufrieden?“

Die aber schüttelte den Kopf.

„Nicht?“ fragte die Mutter. „Und doch glänzen dir die Augen so stark?“

Verwirrt kehrte sich die Schlanke ab, drehte angelegentlich den Fensterriegel hin und her. Sie merkte nicht, daß Fritz hinter sie trat. Erst da er den Arm um sie legte, zuckte sie zusammen, ließ ihn jedoch stumm gewähren.

Als sie sich umwandten, sahen sie, daß sie allein waren. Frau Wart hatte leise das Zimmer verlassen.

„Wo ist die Mutter?“ fragte Eva fast erschrocken.

Fritz sagte nichts darauf. Seine Augen leuchteten und in seinem Gesicht war etwas von der frommen Andacht gläubiger Beter.

Als ein Bettler hatte er das Haus betreten und war überreich geworden. Und die Erinnerung an den Freund hatte allen Schrecken verloren.

In heißer Ergriffenheit zog er seine schöne Braut an sich und küßte sie zum erstenmal auf den Mund.